klar
DE | FR
1
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
International
Zeit Online

Bildung ist für sie Widerstand – so wird in der Ukraine unterrichtet

epa10152277 The damaged local school number 39, which was captured by Russian saboteurs on 26 March 2022 and damaged during fighting, in Kharkiv, Ukraine, 01 September 2022. Authorities in Kharkiv imp ...
Eine von russischen Soldaten eingenommene und während Kämpfen schwer beschädigte Schule in Charkiw. Die ukrainischen Behörden haben während der russischen Invasion nur noch Online-Unterricht geführt.Bild: EPA

Bildung ist für sie Widerstand – so wird in der Ukraine unterrichtet

In der Ukraine hat mitten im Krieg die Schule begonnen. Online-Unterricht ist Standard, Explosionen sind es auch, sagt Lehrerin Hanna Prokosheva. Kaum eine Klasse ist mehr vollzählig.
24.09.2022, 07:17
Parvin Sadigh / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Hanna Prokosheva hat ihre Schülerinnen und Schüler der siebten und neunten Klasse noch nie in einem Klassenraum getroffen. Mitten im Krieg hat an den Schulen in der Ukraine am 1. September das neue Schuljahr begonnen, auch im Oblast Charkiw im Osten des Landes. Aber die junge Lehrerin für ukrainische Sprache und Literatur sieht die Jugendlichen nur online vor ihren Bildschirmen.

So geht es gerade der Mehrheit der ukrainischen Lehrerinnen und Schüler. In den ukrainisch kontrollierten Gebieten haben laut Bildungsministerium von etwa 13'000 Schulen nur 27 Prozent den Unterricht wieder regulär aufgenommen. Weitere knapp 42 Prozent der Schulen unterrichten ausschliesslich online, die übrigen in einer Mischform.

epa10152266 Local teacher Valentyna holds an online lesson for students at a school in Kharkiv, northeastern Ukraine, 01 September 2022. Authorities in Kharkiv implemented only online classes amid the ...
Die einheimische Lehrerin Valentyna hält eine Online-Stunde für Schüler in Charkiw.Bild: keystone

Bis Mitte August sollen laut ukrainischen Angaben 2300 Schulen und andere Bildungseinrichtungen beschädigt und 286 vollständig zerstört worden sein. Nahe der Front, wie in Charkiw oder in Donezk, Saporischschja oder Mykolajiw, wird aus Sicherheitsgründen online unterrichtet. Aber auch an anderen Orten hat das Bildungsministerium Präsenzunterricht nur erlaubt, wenn Luftschutzkeller vorhanden sind.

Präsenz-Unterricht ist zu gefährlich

Prokosheva sagt: «Wir fühlen uns hier ziemlich sicher.» Sicher? Wyssoke, das Dorf, in dem sie unterrichtet, liegt im Oblast Charkiw. «Ja, man hört immer wieder Explosionen», sagt sie. Gerade sei das bei einer Kollegin mitten in der Onlinekonferenz geschehen. Man versichere sich, dass alles ok ist – und dann mache man eben weiter.

«Die Leute gewöhnen sich einfach an den Krieg. Ich selbst auch. Leider», sagt sie. Wyssoke hat vor ein paar Monaten zwar auch einige Einschläge erlebt, im Dorf ist aber bislang niemand ausgebombt und niemand getötet worden. Die Schule steht auch noch. Präsenzunterricht wäre aber zu gefährlich, denn es gibt keinen Schutzraum. Also sitzt dort der Direktor allein in seinem Büro, die Reinigungskräfte halten die Räume in Schuss.

Prokosheva sagt, die meisten Jugendlichen wirkten froh, als die Schule wieder losging. Ganz anders als Vorkriegsgenerationen, die das Ende der Ferien immer heftig betrauert hätten. Auch online stelle sich das Gefühl ein, als Klasse zusammen zu sein, einen einigermassen normalen Alltag zu erleben. Prokosheva hat den Eindruck, ihre Schüler und Schülerinnen seien deutlich patriotischer geworden – und deutlich informierter. «Sie kennen sich plötzlich mit den Nachrichten aus. Das ist immerhin gut.»

Kaum eine Klasse ist mehr vollständig

«Es fühlt sich ansonsten eigentlich an wie während der Corona-Zeit», sagt die 29-Jährige, die beim Videogespräch einen dicken grauen Hoodie trägt. Nur dass der Distanzunterricht inzwischen eingespielter ist. 20 Minuten trifft sich die Klasse mit der Lehrerin via Zoom. Dann werden Aufgaben verteilt, die die Kinder selbstständig bearbeiten und im nächsten Call besprechen.

Die Schüler und Schülerinnen nutzen verschiedene Plattformen, die, wie Prokosheva findet, sehr gutes Material anbieten. Natürlich gibt es hin wieder Probleme mit den Verbindungen – so hat sie etwa Kolleginnen, die trotz Verbots in der Schule arbeiten, weil ihr Internet zu Hause zusammengebrochen ist. Manche Schüler kann sie nur hören, nicht sehen, weil deren Netz zu schwach ist.

Ukrainische Schulklassen sind inzwischen nur noch selten vollständig. Manche Familien sind an sicherere Orte im Westen der Ukraine geflohen, andere weit weg ins Ausland. Rund sieben Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind als Flüchtlinge irgendwo in Europa untergekommen. Deutschland hat bis Anfang September etwa 170'000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine aufgenommen.

In der Schule in Wyssoke sei die Fluktuation gross, erzählt Prokosheva. «Manche Familien ziehen weg, manche sind schon wieder zurückgekommen. Ausserdem sind Kinder hinzugekommen, die aus ihren Städten und Dörfern fliehen mussten.» Sie schätzt, vier oder fünf Kinder pro Klasse sind in ihrer Sekundarschule im Ausland. In der Grundschule des Ortes fehlten deutlich mehr.

Humor hilft – fast immer

Aber viele Schüler nehmen auch von ihren neuen Heimatorten am Onlineunterricht teil oder tauschen sich zumindest in Chats miteinander aus, erzählt Prokosheva. Die Lehrerinnen sind fast alle noch in der Nähe.

Prokosheva sagt, sie sei ein paar Wochen bei Freunden in Portugal untergekommen, um ihren Kopf frei zu bekommen, dann aber zurückgekehrt. Sie sagt, die Russen führten auch Krieg gegen die Bildung der Ukrainer, indem sie Schulen bombardierten. Sie wolle dem etwas entgegensetzen und auch den Schülern vermitteln, dass sie Widerstand leisten, indem sie weiterlernen.

Jetzt auf

Wie gut die Schüler in diesem Schuljahr lernen werden, wird sich zeigen. Wie sie all das psychisch verkraften, erst recht. Prokosheva sagt, noch könne sie es nicht einschätzen, das Schuljahr ist zu frisch. Aber ab und zu fragt sie nach, wie es ihnen geht, wenn die Stimmung gedrückt wirkt. Sie lasse dann auch mal das vorbereitete Programm liegen, um über aktuelle Nachrichten und Sorgen zu reden. Und Humor helfe fast immer.

Sie sagt, sie nehme mit den Schülern witzige Geschichten durch, die zum Krieg im Umlauf seien. Etwa die über die Frau, die mit einer Dose Tomaten eine russische Drohne abgeschossen haben soll. Oder von Leuten, die ihren noch ungeborenen Sohn Bayraktar nennen wollen – nach der türkischen Drohne, die am Anfang des Krieges zum Symbol für die Widerstandskraft der Ukrainer gegen die russische Armee wurde. Lachen entlastet – und die Jugendlichen könnten daran ganz gut üben, bestätigte Fakten von Anekdoten zu unterscheiden.

Prokosheva versuche aber auch über den literarischen Unterrichtsstoff positive Momente zu schaffen. Sie lese mit ihnen ukrainische Klassiker, wie gerade Zahar Berkut von Ivan Franko. Ein Drama über das ukrainische Leben im 13. Jahrhundert. Wie ist der Blick von heute darauf? Sie hat sich auch verschiedene andere Autoren vorgenommen, die für die Jugendlichen von Bedeutung sein könnten.

Die Hauptbotschaft in diesen Büchern sei Gemeinschaft, Zusammenhalt. Das sei gerade wichtig für die Seelen der Kinder: ein Gefühl dafür zu bekommen, dass nicht alle Menschen Feinde sind.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

17 Gründe, wieso Briefe von Kindern einfach grossartig sind

1 / 19
17 Gründe, wieso Briefe von Kindern einfach grossartig sind
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

9 Typen, denen du im Studium oder in der Schule begegnest

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

1 Kommentar
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1
Südafrikas Präsident schaltet wegen Vorwürfen Verfassungsgericht ein

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa will die schweren Korruptionsvorwürfe gegen sich durch das nationale Verfassungsgericht klären lassen. Dabei geht es um den Bericht einer parlamentarischen Untersuchungskommission, wonach der seit 2018 amtierende Staatschef gegen ein Anti-Korruptions-Gesetz sowie die Verfassung verstossen haben soll. Ramaphosas Sprecher Vincent Magwenya bezeichnete den Bericht am Montag als «eindeutig fehlerhaft». Auch unabhängige Rechtsexperten kritisierten, der Bericht stütze sich zu grossen Teilen auf ungeprüfte Angaben und Hörensagen.

Zur Story