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Colin Powell hält im Jahr 2003 ein Fläschchen hoch, das seiner Meinung nach Anthrax enthalten könnte, als er dem UN-Sicherheitsrat Beweise für die angeblichen Waffenprogramme des Irak vorlegt.
Colin Powell hält im Jahr 2003 ein Fläschchen hoch, das seiner Meinung nach Anthrax enthalten könnte, als er dem UN-Sicherheitsrat Beweise für die angeblichen Waffenprogramme des Irak vorlegt.Bild: keystone

Colin Powell: Dieser eine Moment

Colin Powell war der erste schwarze Aussenminister der USA. Er verkaufte der Welt die Lüge über die Irak-Invasion. Dabei war der Ex-General mehr Pragmatiker denn Ideologe.
18.10.2021, 21:00
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Versteckt hat Colin Powell sich nie vor dem grössten Fehler seiner Karriere. Es hätte auch nicht gepasst zu dem Mann, der die Powell-Doktrin prägte. Er selbst hatte sich diesen Namen nicht ausgedacht, es waren die Medien. Es war eine Strategie, die Powell schon 1995 in seiner Biografie My American Journey beschrieb. Nach dem Ende seiner Militärzeit und vor seinem Amt als Aussenminister unter George W. Bush, die seine Karriere mehr prägen sollte als seine Errungenschaften als Soldat und General. 

«Krieg sollte das letzte Mittel der Politik sein. Und wenn wir in den Krieg ziehen, sollten wir ein Ziel haben, das unsere Bevölkerung versteht und unterstützt; wir sollten die Ressourcen des Landes mobilisieren, um diese Mission zu erfüllen, und dann in den Krieg ziehen, um zu gewinnen.»

Die Mission erfüllen. Das hat Powell stets mit einem Pragmatismus getan, den wohl viele Karrieresoldaten haben, wenn Hierarchien keine grobe Idee, sondern streng einzuhaltendes Konzept sind. Und die Mission nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 war für den damaligen Präsidenten George W. Bush in seinem Krieg gegen den Terror schnell nicht nur die Jagd auf Osama bin Laden und Al-Kaida, sondern auch der Einmarsch in den Irak. Und so wurde sein Aussenminister der Mann in der Regierung, der die Bevölkerung und die Welt von diesem Ziel überzeugen sollte. Am 5. Februar 2003 präsentierte Powell vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angebliche Beweise dafür, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besass, um so eine Invasion des Landes zu rechtfertigen. 

«Meine Kolleginnen und Kollegen, jede Aussage, die ich heute mache, ist durch Quellen untermauert, durch solide Quellen. Dies sind keine Behauptungen. Was wir Ihnen mitteilen, sind Fakten und Schlussfolgerungen, die auf soliden Erkenntnissen beruhen», sagte Powell in der mehr als einstündigen Präsentation, die mit diversen Luftaufnahmen gespickt war, die etwa Bulldozer zeigten und «frisch planierte Erde» auf einer Chemieanlage. 

Powell wurde das Gesicht eines Einmarsches, den eine «Koalition der Willigen» unterstützte und von der die USA sagen, sie sei durch die UN Resolution 1441 gedeckt gewesen, in der der Irak aufgefordert wird, seinen Abrüstungsverpflichtungen nachzukommen. Doch Belege für diese Massenvernichtungswaffen blieb die Regierung schuldig. Powells Aussagen vor der UN waren falsch.

Powell wurde das Gesicht einer Lüge, die Konsequenzen für die gesamte Region und für das Ansehen der USA in der Welt hatte. «Natürlich habe ich die öffentliche Meinung beeinflusst», sagte Powell in einem Interview mit Larry King beim Fernsehsender CNN im Jahr 2010. Er habe einen entscheidenden Unterschied gemacht. «Das war es, was der Präsident von mir wollte und das war meine Aufgabe.» Die Mission erfüllen. Doch es ist eine Mission, die Powell später bereute. Das sagte er nicht nur Larry King, sondern in unzähligen Interviews. Kein Verstecken. In einem ABC-Interview mit Barbara Walters sagte er, es sei ein «Schandfleck» seiner Karriere und «bis heute schmerzhaft».

Geboren 1937 als Sohn jamaikanischer Einwanderer besuchte Powell öffentliche Schulen in der Bronx und studierte Geologie an der City University in New York. Danach begann er seine lange Militärlaufbahn, seine Auszeichnungen sind vielfach, der 4-Sterne-General und Vietnam-Veteran ist Träger des Purple Heart und der Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Ehre in den USA. Powell bekam sie zweimal, von George Bush und Bill Clinton.  

Er war nicht nur der erste schwarze Aussenminister des Landes, er war auch der erste schwarze nationale Sicherheitsberater unter Ronald Reagan und George Bush machte ihn zum Generalstabschef. Ein Wegbereiter im besten Sinne, eine Biografie, wie sie Amerikaner nicht mehr lieben könnten, erzählt sie doch von Aufstieg und Erfolg.

Seinen grössten Misserfolg hat er nicht allein zu verantworten. In der Regierung von George W. Bush soll es viele Stimmen gegeben haben, die den Präsidenten beeinflussten, sein Vizepräsident Dick Cheney und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zählten zu den mächtigsten, vor allem auch in Bezug auf den Einmarsch in den Irak. Powell war nach 35 Jahren im US-Militär nicht der Ideologe in der Bush-Regierung, er galt eher als moderater Republikaner. Tatsächlich buhlten Anfang der 90er Jahre beide Parteien, Republikaner wie Demokraten, um einen möglichen Präsidentschaftskandidaten Powell. Doch er entschloss sich nie zu einem Wahlkampf und kehrte erst als Aussenminister von Bush in Weisse Haus zurück. Bis heute beschäftigten sich Recherchen mit der Frage, wie viel Powell wirklich über die Lügen wusste, von denen er auch im Interview mit Larry King sagt, er habe sich auf die Informationen der Geheimdienste verlassen.

Powell schied nach seiner ersten Amtszeit als Aussenminister im Kabinett Bush aus und beobachte die Folgen des Afghanistan- und Irakkriegs nur noch aus der Distanz. In der öffentlichen Wahrnehmung blieb Powell mit der Lüge vor den UN verknüpft, was seine Karriere nur unzureichend abbildet. 

Jetzt auf

Nach seinem Ausstieg aus der Politik war Powell als Berater in unterschiedlichen Bereichen tätig, hielt Vorträge und gründete eine Non-Profit-Organisation für benachteiligte Kinder. Sein Verhältnis zu der Partei, der er im Weissen Haus gedient hatte, veränderte sich. 2008 sprach er sich gegen den republikanischen Kandidaten John McCain und für Barack Obama als Präsidenten aus. Er nannte ihn eine Leitfigur mit intellektueller Kraft, der in der Lage sei, Grenzen zu überschreiten.

Mit dem Aufstieg von Donald Trump begann Powells Abschied von der konservativen Partei, er warb für Hillary Clinton als Präsidentin und wurde einer der prominenteren konservativen Trump-Kritiker. Nach dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar sagte er in einem Interview mit CNN, Trump solle zurücktreten. Mögliche Impeachment-Verfahren seien zu langfristig. «Er sollte sich schämen», sagte Colin Powell. Er selbst fühlte sich den Republikanern nicht mehr zugehörig. Es war nicht mehr seine Mission. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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