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Women dressed as traditional Mexican

«Sie schützen mich nicht, sie vergewaltigen mich»: Das ist der Slogan, unter dem die Frauen in Mexiko protestieren. Bild: AP/AP

«Frauen wachsen in dem Bewusstsein auf, ständig in Gefahr zu sein»

In Mexiko sind Frauen nirgendwo mehr sicher, sagt die Anwältin Julia Escalante De Haro. Selbst Polizisten können Täter sein. Erst jetzt schauen die Behörden hin.

Alexandra Endres / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Gewalt ist für die Frauen Mexikos Alltag. Mehrere Tausend gingen dagegen vor einer Woche auf die Strasse. Auslöser waren zwei Vergewaltigungsfälle in Mexiko-Stadt; die angeblichen Täter: Polizisten. Jetzt scheinen sich die Behörden um mehr Sicherheit für die Frauen zu bemühen: An diesem Freitag soll es Gespräche zwischen feministischen Organisationen und der Regierung von Mexiko-Stadt geben. Die Anwältin Julia Escalante De Haro, Regionalkoordinatorin des Frauenrechtsnetzwerks CLADEM für Lateinamerika und die Karibik, spricht über die Hintergründe.

ZEIT ONLINE: Frau Escalante De Haro, warum protestieren die Frauen in Mexiko?
Julia Escalante De Haro: Der Auslöser war, dass eine 17-Jährige Anfang August vier Polizisten wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Tagelang wurde darüber berichtet. Doch dann verfolgte die junge Frau ihre Anzeige nicht weiter, sondern weigerte sich, die Verdächtigen zu identifizieren, die bereits in Haft sassen. Ihre persönlichen Daten waren geleakt worden, sie und ihre Familie fühlten sich bedroht. Die Polizisten kamen also wieder frei und gingen weiter auf Streife. Noch dazu wurde bekannt, dass die wenigen Beweismittel verschwunden waren, die es in dem Fall überhaupt gab. Man hatte das Opfer erst sehr spät untersucht, sodass kaum Spuren gesichert werden konnten, und selbst die waren nun weg.

Das war der Moment, in dem feministische Gruppen zu Protesten aufriefen. Sie hatten es einfach vollkommen satt.

Es gibt noch einen zweiten Fall.
Ja, ein Polizist soll eine junge Frau in einer Museumstoilette vergewaltigt haben. In diesem Fall scheinen die Ermittlungen sachgerecht zu laufen. Aber er kam noch obendrauf.

Bild

Julia Escalante De Haro, Anwältin.

Was haben die mexikanischen Frauen satt?
Sie sind in Mexiko nirgendwo sicher. Jeden Tag werden Frauen ermordet oder verschwinden spurlos. Ich bin 42 – als ich noch Studentin war, kannten wir alle die Nachrichten der Frauenmorde aus Ciudad Juárez, doch sie schienen weit weg. Ich bin noch allein gereist, ich konnte zumindest einigermassen sagen, welche Orte für mich sicher sein würden. Heute wäre das nicht mehr möglich.

Nur ein paar Daten: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Morde an Frauen mehr als verdoppelt, heute zählt man jeden Monat 270 Femizide. Die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Mädchen unter fünf Jahren haben sich mehr als verdreifacht – und das sind nur die Anzeigen. Jedes Jahr werden mehr als 11'000 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren schwanger, nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben. Das sind Daten aus offiziellen Quellen. Wir erleben alle jeden Tag, was sie bedeuten.

«Viele Frauen werden das erste Mal im Alter zwischen fünf und sieben Jahren belästigt, und zwar durch jemanden, der ihnen nahesteht.»

Wie verändert sich der Alltag dadurch?
Jedes Mal, wenn wir aus dem Haus gehen, fragen wir uns, was wir anziehen sollen. Wir prüfen, welche Verkehrsmittel verfügbar sind: Taxen, Uber, die Metro? Wenn wir sehr früh aus dem Haus müssen oder sehr spät zurückkommen, nach Einbruch der Dunkelheit, sind wir besonders verletzlich. In öffentlichen Verkehrsmitteln sowieso. Das Mindeste, was einem passieren kann, sind obszöne Bemerkungen. Man wird von Männern betatscht, sie pressen sich an dich, weil es sie erregt, sie masturbieren vor deinen Augen. Das ist eine Konstante. Und wenn du mit den Kindern unterwegs bist, dann bist du doppelt auf der Hut, denn sie machen dich noch verwundbarer. Erst vor Kurzem hat ein Taxifahrer versucht, die Kinder einer Mutter, die nicht schnell genug in ihr Auto einstieg, zu entführen. Zum Glück wurde das vereitelt.

Vor ein paar Jahren gab es ein Hashtag, #MiPrimerAcoso, meine erste Belästigung, dessen Auswertung ergab: Viele Frauen werden das erste Mal im Alter zwischen fünf und sieben Jahren belästigt, und zwar durch jemanden, der ihnen nahesteht. Sie wachsen also schon in dem Bewusstsein auf, ständig in Gefahr zu sein.

Die exzessive Gewalt trifft in Mexiko aber nicht nur Frauen. Seit der damalige Präsident Felipe Calderón 2006 den Krieg gegen die Drogen ausrief, sind auch die Morde an Männern exorbitant angestiegen. Hängt beides zusammen?
Die Daten zeigen: Wo sich die Kartelle besonders brutal bekämpfen, werden auch besonders viele Frauen ermordet. Frauen sind die Beute in diesem Krieg. Man tötet oder vergewaltigt sie, einfach weil man es kann oder um den Gegnern eine Botschaft zu schicken. Niemand tut etwas dagegen. Diese Verbrechen werden so gut wie nie bestraft.

Welche Rolle spielt der Staat?
Die Sicherheitskräfte sehen bestenfalls weg, sie sind Komplizen oder sogar ein Teil des Problems. Hinzu kommt, dass die organisierte Kriminalität in Mexiko viel, viel mächtiger ist als der Staat. Es gibt ein grosses Machtvakuum. An vielen Orten fehlen Sicherheitskräfte, Strafverfolgungsbehörden, soziale Dienste, Gesundheitseinrichtungen, Schulen. Dort füllt die Mafia die Lücke. Dadurch entsteht ein Klima verschärfter Gewalt und Unsicherheit. Im Krieg gegen die Drogen gab es zwar Versuche, den Kartellen Terrain zu entreissen, aber seine Gesamtbilanz ist katastrophal. Unter der neuen Regierung setzt sich die Militarisierung des Landes fort, und dadurch steigt die Gefahr für die Frauen noch weiter.

«Seit den Protesten vom vergangenen Freitag sind in Mexiko 17 weitere Frauen getötet worden»

Dennoch gab es viel Kritik an den Demonstrationen. Warum?
Zuerst blieben die Proteste weitgehend friedlich. Aber am vergangenen Freitag kam es während der Demonstrationen auch zu physischen Aggressionen, und ein wichtiges Monument der Stadt wurde mit Graffiti bedeckt und beschädigt. Vandalismus und Gewalt dominierten zunächst die Berichterstattung – der Grund der Proteste trat in den Hintergrund.

A masked protester spray paints a bus station during a women's protest march sparked by a string of alleged sexual attacks by police officers, in Mexico City, Friday, Aug. 16, 2019.  On Friday, hundreds of women demonstrated largely peacefully in downtown Mexico City. But some protesters trashed a nearby bus station. This week, an auxiliary policeman was held for trial on charges he raped a young female employee at a city museum. (AP Photo/Marco Ugarte)

Bild: AP

Ich denke aber: Scheiben, Autos und Denkmäler kann man reparieren oder ersetzen. Die Leben der ermordeten und verschwundenen Frauen nicht. Seit den Protesten vom vergangenen Freitag sind in Mexiko 17 weitere Frauen getötet worden, berichten Medien.

Wie geht es jetzt weiter?
Im ersten Fall wird die Anzeige nicht weiterverfolgt. Es heisst, sechs Polizisten seien vom Dienst suspendiert, aber man weiss nicht, ob es sich dabei tatsächlich um die Verdächtigen handelt. Im zweiten Fall scheinen die Ermittlungen ordnungsgemäss zu laufen.

Die Stadtregierung sucht jetzt den Dialog – nachdem ihr die Situation schon fast entglitten war. An diesem Freitag treffen sich Vertreter der städtischen Behörden und der NGOs, um über konkrete, von der Zivilgesellschaft zu überwachende Massnahmen gegen die Straflosigkeit zu beraten. Und um die Aufmerksamkeit für das Problem zu schärfen.   

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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