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Truppen der Syrischen Arabischen Armee (SAA) werden in Ain Issa begrüsst.
Truppen der Syrischen Arabischen Armee (SAA) werden in Ain Issa begrüsst.
Bild: AP

Warum Assad der wahre Gewinner der türkischen Offensive ist

Die Kurden in Syrien bitten Baschar al-Assad um Hilfe und geben dafür ihre Selbstverwaltung auf. Seine Armee rückt immer weiter vor – und sichert ihm den finalen Sieg.
14.10.2019, 19:26
Hasan Gökkaya / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Er sei der starke Mann, der seinen Worten Taten folgen lässt: So inszeniert sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei seinen Unterstützern, seit auf seinen Befehl hin die türkische Armee in Nordsyrien einmarschiert ist. Entlang eines fast 500 Kilometer weiten Korridors an der türkisch-syrischen Grenze bombardiert und beschiesst die Türkei mit Artillerie Stellungen der Kurdenmiliz YPG, die sie als Terrororganisation einstuft. Die Lage wird mit jedem Tag unübersichtlicher.

In den sozialen Medien kursieren Videos, die Tote und Verletzte zeigen. Es gibt Hinweise, dass syrische islamistische Rebellen, die an der Seite der Türkei kämpfen, Kriegsverbrechen begehen. Die Zahl der Toten lässt sich schwer sicher bestimmen; die Türkei spricht von mehr als 500 getöteten YPG-Kämpfern, die Kurdenmiliz hingegen von 56 Toten in ihren Reihen. Nach dem derzeit mehr als 130'000 Menschen verzweifelt in das Landesinnere flüchten, steht an Tag sechs der Offensive nur eins fest: In einem bisher relativ stabilen Teil der Region ist eine humanitäre Krise ausgebrochen.

Verletzte Zivilisten in einem Spital in Tal Tamr, Syrien.
Verletzte Zivilisten in einem Spital in Tal Tamr, Syrien.
Bild: EPA

Die Auswirkungen des Deals

In Nordsyrien ist auch zu sehen, wie schnell sich Machtverhältnisse in Krisenzeiten verschieben können. Die türkische Armee, die seit dem Einmarsch einen Erfolg nach dem anderen vermeldet, könnte möglicherweise auf einen neuen Gegner an der Front stossen. Am Sonntagabend vermeldeten die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), das von der Kurdenmiliz YPG angeführte Bündnis, eine Einigung mit Baschar al-Assad. Die syrische Armee rückt seither in den Norden vor, unter anderem nach Manbidsch und Kobane. Die Städte liegen in dem 35 Kilometer tiefen Sicherheitskorridor, den eigentlich die Türkei mit dem Einmarsch vollständig unter ihre Kontrolle bringen wollte.

Möglicherweise wird sich die Kurdenmiliz in Assads Armee eingliedern und so gemeinsam gegen die türkischen Streitkräfte kämpfen. Was der Diktator für die Hilfe bekommen wird, ist noch unklar. Wahrscheinlich werden die Kurdinnen und Kurden dafür ihre über Jahre erkämpfte Autonomie in Nordsyrien abgeben müssen. Das wäre ein schwerer Schlag gegen kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen.

Türkei startet Offensive gegen Kurden in Syrien

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Türkei startet Offensive gegen Kurden in Syrien
quelle: ap / lefteris pitarakis
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Die Rolle von Putin

Neben dem Gebiet in Nordsyrien, das Rojava genannt wird, haben die Kurden einzig in Nordirak eine weitgehende Autonomie. Dieser kostenreiche Deal entspringt der reinen Not der YPG, die zuletzt mit dem Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien ihren wichtigsten Verbündeten verloren hatte. Zustande kam er wohl unter Vermittlung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der wichtigste Unterstützer des syrischen Diktators Assad. Erdoğan hatte noch am Sonntag gesagt, dass jeder Schritt der türkischen Armee in Absprache mit Putin geschehe.

Tatsächlich hatte sich die Türkei in jüngster Zeit immer stärker an Russland angenähert, während die Nato-Staaten den Bündnispartner Türkei zunehmend international isolieren. Deswegen ist es eher unwahrscheinlich, dass sich Erdoğan auf einen Kampf mit Assads Armee einlassen wird. Und auch Assad wird sich mit Angriffen sehr wahrscheinlich zurückhalten; seine Armee ist durch den langen Krieg angeschlagen, seine Mittel sind begrenzt.

Der russische Putin besucht derweil Riad, wo er von König Salman empfangen wurde, 14. Oktober.
Der russische Putin besucht derweil Riad, wo er von König Salman empfangen wurde, 14. Oktober.
Bild: EPA

Assad, der Gewinner

Dass die Kurdenmiliz sich mit Assad verbünden könnte, war nie ausgeschlossen. Auch wenn die YPG mit Hilfe der USA den sogenannten Islamischen Staat (IS) erfolgreich zurückschlagen konnte, war kaum davon auszugehen, dass die Miliz in einem offenen Kampf mit der türkischen Armee eine Chance hätte.

Sollte die Türkei gegen das syrische Regime und Russlands Militär kämpfen müssen, würde das die ohnehin volatile Region noch weiter destabilisieren – und daran dürfte keiner der Akteure Interesse haben. Wie genau sie sich einigen werden, ist noch unklar. Vielleicht wird sich Erdoğan damit begnügen, einen kleineren Teil des Korridors als Pufferzone zu akzeptieren. Vielleicht wird er auch zufrieden sein, wenn die YPG in Kobane und Manbidsch zwar zusammen mit Assad regiert, ihre Streitkräfte aber aus der restlichen Region entlang der türkisch-syrischen Grenze abzieht.

Doch egal, wie genau die Einigung am Ende aussehen wird: Assad ist der grosse Gewinner der türkischen Militäroffensive. Der Diktator hat mit russischer Unterstützung bereits mehr als die Hälfte des Landes wieder unter seine Kontrolle gebracht. Mit dem Einzug in den Norden Syriens würde sich seine Herrschaft nochmals enorm ausweiten. Das ist bitter für viele Syrer, gingen sie doch 2011 auf die Strasse, um gegen das repressive Regime zu protestieren und Assad fortzujagen.

Ein riesiges Porträt von Assad in Aleppo.
Ein riesiges Porträt von Assad in Aleppo.
Bild: AP

Was macht die EU?

Die jüngste Entwicklung kommt zu einem Zeitpunkt, in der die Staatengemeinschaft, allen voran die EU und die Vereinten Nationen, die Türkei für ihre Offensive scharf verurteilt. Die EU-Aussenminister haben in ihrer Abschlusserklärung nach einem Treffen in Luxemburg gewürdigt, dass Deutschland und einige andere EU-Staaten ihre Waffenexporte an die Türkei einschränken. Aber auf ein verpflichtendes Waffenembargo gegen die Türkei haben sie sich nicht geeinigt. Ihr Image als «zahmer Tiger» wird die EU damit also nicht los, denn auch zu anderen schnellen Sanktionen können sie sich nicht durchringen – zu hoch sind die Risiken aus Sicht der europäischen Staatschefs.

Damit aber drängen sie die türkische Führung noch weiter in Richtung ihres neuen Partners Russland – und verlieren auch den ohnehin schon begrenzten Einfluss auf den Nato-Bündnispartner Türkei. Zudem hat die EU noch immer keinen Plan, wie sie mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen umgehen will. Der EU-Türkei-Deal hatte dafür gesorgt, dass deutlich weniger Flüchtlinge nach Griechenland übersetzen. Und das weiss Erdoğan: «Hey, EU, wach auf! Ich sage erneut: Wenn ihr unsere Operation als Invasion darzustellen versucht, ist unsere Aufgabe einfach: Wir werden die Türen öffnen und 3.6 Millionen Menschen werden zu euch kommen», drohte er vor wenigen Tagen in Ankara. Auch deshalb rang Nato-Chef Jens Stoltenberg wohl um die richtigen Worte. Er rief die Türkei auf, verhältnismässig zu agieren, betonte aber auch, dass die Türkei berechtigte Sicherheitsbedenken habe.

Es sind diese «berechtigten Sicherheitsinteressen», die die Krise an der nordsyrischen Grenze über Jahre angebahnt haben. Erdoğan hatte das türkische Volk seit Jahren auf einen möglichen Krieg gegen die YPG vorbereitet. Die Miliz hatte nach dem Kampf gegen den IS grosse Gebiete an der Grenze zu Syrien eingenommen, nachdem die US-Regierung unter Barack Obama die Miliz bewaffnete, um nicht selbst im grossen Stil Bodentruppen gegen den IS zu entsenden. Die YPG schaffte es durch ihren Kampf gegen die Dschihadisten zu Weltruhm – plötzlich interessierten sich vor allem linke politische Gruppierungen für sie und ihre Autonomiebestrebungen.

Jetzt auf

«Vaterlandsverräter»

Erdoğan begann daraufhin den Westen zu beschuldigen, Terroristen zu unterstützen. Tatsächlich ist die Lage paradox. Die YPG ist nach türkischer Interpretation die syrische Kopie der PKK. Beobachter und auch der deutsche Verfassungsschutz stufen die Miliz ebenfalls als «Schwesterorganisation» der PKK ein. Die wiederum ist nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft. Doch eine direkte Bedrohung war die YPG für Erdoğan im Gegensatz zur PKK nicht. Das harte Vorgehen gegen die Kurdenmiliz dürfte also vor allem ein Vorwand sein, um eigene territoriale Ansprüche in Syrien zu sichern.

Ein Militärtransporter mit einem türkischen Panzer in Akcakale (Türkei), nahe der syrischen Grenze.
Ein Militärtransporter mit einem türkischen Panzer in Akcakale (Türkei), nahe der syrischen Grenze.
Bild: EPA

Die Lage am Boden wird nun zunehmend verwirrender. Das liegt auch daran, dass es für unabhängige Berichterstatter vor Ort immer schwieriger wird. Journalisten, die bis Montag noch aus der Gegend um Kobane berichteten, verlassen die Gegend nun. Denn hatten sie unter der Kontrolle der YPG noch freies Geleit, ist unklar, wie Assads Schergen auf Reporter vor Ort reagieren werden.

Und Erdoğan? Der gab gerade noch bekannt, türkische Streitkräfte in Richtung Manbidsch zu entsenden. Noch ist offen, wie die Kriegsoffensive für ihn ausgeht. Womöglich würde ihm aber auch ein kleiner Erfolg in Nordsyrien reichen. Die Offensive hat ihm bereits jetzt dabei geholfen, schwindende Umfragewerte und eine erstarkte Opposition loszuwerden. Bis auf die prokurdische HDP traut sich kaum einer in der Türkei, den Vormarsch zu kritisieren. Sie müssen sonst fürchten, auf den Titelseiten regierungsnaher Medien zu landen. Die Überschrift: «Vaterlandsverräter».

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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