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Menschen protestieren im November in New York für mehr Spitäler. Bislang sind 636'000 Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben.
Menschen protestieren im November in New York für mehr Spitäler. Bislang sind 636'000 Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben.
Bild: keystone

Coronavirus in den USA: Und wieder sterben Tausende

Steigende Inzidenz, immer mehr Tote, zu langsamer Impffortschrittt, Maskenstreit an Schulen: Die USA erleben die nächste Covid-Welle. Und Joe Biden seine nächste Krise.
28.08.2021, 11:27
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Wer in Alabama an Corona erkrankt, der kann nur auf einen milden Verlauf hoffen. Denn dem Bundesstaat im Süden der Vereinigten Staaten gehen die Betten aus. 1'562 Menschen können in den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt werden. Doch derzeit bräuchten eigentlich 1'602 Patientinnen und Patienten eine Intensivbetreuung, um die beste Chance zu haben, das Virus zu überleben.

Im nördlichen Nachbarstaat Tennessee sind mittlerweile mehr als eine Million Menschen an Corona erkrankt, bei einer Bevölkerung von knapp sieben Millionen. Täglich gibt es dort mittlerweile wieder mehr als 6'000 neue Fälle, ein Anstieg von 67 Prozent im Zweiwochenvergleich.

In West Virginia, dreieinhalb Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Washington, D.C., entfernt, beträgt der Anstieg gar 127 Prozent. In 46 von 50 Bundesstaaten steigen die Infektionszahlen. In Kanawha County, einem der grössten Schulbezirke West Virginias, sind alle Schülerinnen und Schüler der Highschool für den Rest der Woche wieder zu Hause. Das Tragen von Masken war für die höheren Klassen mit Schulbeginn Anfang August freiwillig gewesen, 36 bestätigte Covid-Fälle gab es seitdem.

Seit einer Woche gilt nun wieder eine Maskenpflicht für alle. «Ich denke, die meisten Fälle davon sind vor unserem Maskenmandat aufgetreten», sagte ein Schulvertreter dem örtlichen Radiosender MetroNews. Ab Montag soll der Unterricht in den Klassen wieder stattfinden. Insgesamt gibt es an allen Schulen und Kitas des Bezirks schon mehr als 210 Fälle.

Der republikanische Gouverneur Jim Justice wirbt zwar auf allen Wegen für Impfungen, seine Englische Bulldogge Babydog steht gar Pate für eine Verlosung, bei der Menschen, die sich impfen lassen, Sportwagen, 150'000 Dollar für die Traumhochzeit oder zehn Jahre lang kostenlos Benzin gewinnen können. An seiner Haltung, die lokalen Behörden über eine Maskenpflicht entscheiden zu lassen, änderte Justice aber auch am Mittwoch nichts, trotz der angespannten Lage in seinem Bundesstaat. «Ich denke, dass die lokalen Behörden eine bessere Entscheidung treffen können und ein landesweites Mandat zu Aufruhr führen könnte», sagte der Republikaner am Freitag. 

Die Pandemie der Ungeimpften, von der Präsident Joe Biden bereits im Juli sprach, bringt der Regierung die nächste Krise.
Die Pandemie der Ungeimpften, von der Präsident Joe Biden bereits im Juli sprach, bringt der Regierung die nächste Krise.
Bild: keystone

Die Vereinigten Staaten erleben die nächste Welle einer Pandemie, von der es den Anschein hatte, als sei sie so gut wie besiegt. Mit dem frühen und schnellen Impffortschritt im Frühjahr öffnete sich das Land wieder, das Leben kehrte mit wenigen Einschränkungen zurück. Bilder von vollen Flughäfen, gut besuchten Restaurants und Familienspass im Freizeitpark sahen Regierung wie Wirtschaft gern. Im Mai verkündete das Center for Disease Control (CDC), die oberste Gesundheitsbehörde des Landes, das Ende der Maskenpflicht in Innenräumen.

Eine wohl vorschnelle Entscheidung, wie sich jetzt zeigt. Mehrere US-Städte haben die Pflicht unabhängig von der Behörde längst wieder eingeführt und CDC-Direktorin Rochelle Walensky muss bei den regelmässigen Covid-Pressekonferenzen beunruhigende Zahlen für das gesamte Land verkünden. Die Infektionen steigen an, trotz der inzwischen gut 60 Prozent vollständig Geimpften über zwölf Jahren. Mehr als 1'000 Todesopfer gibt es mittlerweile wieder jeden Tag. Anfang Juli waren es noch etwa 200 Opfer täglich.

Impfquote bei unter 40 Prozent

In den USA liegen erste Daten vor, wie viel gefährlicher die Delta-Variante, die über 98 Prozent der Fälle im Land ausmacht, für Ungeimpfte ist. Im Los Angeles County wurden die Zahlen zwischen Mai und Juli erfasst. «Menschen, die nicht geimpft waren, hatten ein fast fünfmal höheres Risiko, sich mit Covid zu infizieren, und ein 29-mal höheres Risiko, ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, als Geimpfte», sagte Walensky in dieser Woche. In den Bundesstaaten wie Alabama, Tennessee und West Virginia, wo die Lage besonders schlimm ist, liegt die Impfquote bei 37 bis 41 Prozent

Die Pandemie der Ungeimpften, von der Präsident Joe Biden bereits im Juli sprach, bringt der Regierung die nächste Krise. Die Corona-Bekämpfung war eins der obersten Ziele Bidens. Im Wahlkampf warb er vor allen Dingen damit, die Pandemie besser in den Griff zu bekommen als Donald Trump, der die Gefahr von Corona während seiner Zeit als Präsident stets heruntergespielt hatte, Masken verpönte und sich nach seiner überstandenen Corona-Erkrankung still und leise impfen liess, bevor er das Weisse Haus verliess, und erst spät öffentlich für Impfungen warb.

Bidens Fokus auf die Pandemie zeigte zunächst Wirkung. Der Impfstoff war nicht nur zügig verfügbar – was an einer strikten «America first»-Politik lag und auch an Strukturen, die bereits während der Trump-Regierung aufgebaut worden waren –, es wurden Geld und Logistik in die Verteilung gesteckt und auf Bundesebene wurden Regelungen erlassen wie eine Maskenpflicht an Flughäfen und in Gebäuden des Bundes.

Mit den steigenden Zahlen sinken nun Bidens Umfragewerte. Laut einer aktuellen NBC-Umfrage stimmen noch 53 Prozent der Befragten seiner Corona-Politik zu, im April waren es noch 69 Prozent. Ein Abwärtstrend, der sich auch in anderen Umfragen widerspiegelt und der immer noch streng entlang Parteilinien verläuft, wie die Webseite FiveThirtyEight zeigt. Während die Demokraten nach wie vor grosses Vertrauen in Bidens Krisenmanagement haben, sinkt dies bei Republikanern und unabhängigen Wählerinnen und Wählern.

Bidens Regierungserfolg und der Erfolg seiner Partei bei den Zwischenwahlen im nächsten November werden sehr stark auch davon abhängen, wie das Land die Pandemie übersteht. Die aktuellen Bilder aus Afghanistan lassen sich innenpolitisch mit dem endgültigen Abzug Ende August vermutlich leichter in den Hintergrund drängen als eine womöglich im Herbst wieder stockende Wirtschaft durch anhaltend hohe Infektionszahlen.

Allerdings kann Biden auf Bundesebene nur eingeschränkt Massnahmen verordnen, wie nicht nur Gouverneur Jim Justice in West Virginia mit seiner Politik der lokalen Verantwortlichkeit zeigt. In Florida überlässt der republikanische Gouverneur Ron DeSantis, einer der neuen Stars der Partei, den Eltern die Entscheidung, ob ihre Kinder in der Schule eine Maske tragen sollen oder nicht. Mehrere Schulen haben sich ob der steigenden Infektionszahlen in dem Bundesstaat darüber hinweggesetzt, ein Gericht gab am Freitag den Schulen vorerst recht. DeSantis hat aber bereits angekündigt, in Berufung gehen zu wollen.

Nachdem die US-Arzneimittelbehörde FDA Anfang der Woche dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer die endgültige Zulassung erteilt hat, machte das Verteidigungsministerium die Impfung für alle Angestellten verpflichtend. Schon Ende Juli hatte Biden strikte Regeln für alle Mitarbeiter von Regierungsbehörden verhängt. Wer nicht geimpft ist, muss sich ständigen Tests unterziehen. Ähnlich handhaben es Städte wie Chicago und Unternehmen wie Microsoft oder Disney. In New York müssen Bürger künftig einen Impfnachweis vorlegen, wenn sie ins Kino gehen oder in einem Restaurant essen wollen. Viele Universitäten im Land verlangen des mit dem beginnenden Herbstsemester ebenfalls.

Jetzt auf

«Wenn Sie ein Unternehmen oder eine gemeinnützige Organisation leiten, Führungskraft in einem Bundesstaat oder einer Kommune sind und auf eine vollständige FDA-Genehmigung gewartet haben, um Impfungen vorzuschreiben, fordere ich Sie jetzt auf, es zu tun, verlangen Sie es jetzt», sagte Biden. Mehr als diese Appelle bleiben dem Präsidenten nicht. Und Ron DeSantis und seine Anhänger werden sich davon nicht beeindrucken lassen. Texas' republikanischer Gouverneur Greg Abbott hat eine Impfpflicht für Behörden in seinem Bundesstaat verboten. Und selbst Donald Trump machte eine für ihn ungewohnte Erfahrung. Als er am vergangenen Wochenende in Alabama eine Rede hielt, wurde er von einigen Zuhörern ausgebuht, als er allen die Impfung empfahl. Laut einer regelmässigen Erhebung der Kaiser Family Foundation glauben 53 Prozent der noch ungeimpften Erwachsenen, dass die Impfung ein höheres Risiko ist als das Coronavirus selbst. Diese Gruppe glaubt in der Mehrheit auch, dass die Ernsthaftigkeit der Pandemie in den Nachrichten übertrieben dargestellt wird. 17 Prozent der Befragten wollen sich nach wie vor unter keinen Umständen oder nur bei einer Verpflichtung impfen lassen. Ein Wert, der sich seit Dezember nicht stark verändert hat. Trotz immer neuer schlechter Nachrichten.

In Florida, wo Gouverneur DeSantis von jeher gegen Einschränkungen argumentiert hat, ist die Pandemie seit dieser Woche schlimmer, als sie es jemals zuvor war, mit täglich mehr als 20'000 Neuinfektionen und dreimal so vielen Patienten in den Krankenhäusern. In Palm Beach traten Ärzte nun vor die Kameras, um noch einmal für die Impfungen zu werben und auch jene Menschen zu überzeugen, die noch immer zögern und so verhindern, dass die Krise überwunden wird. «Wir sind erschöpft», sagte Dr. Rupesh Dharia. «Unsere Geduld und unsere Ressourcen sind am Ende und wir brauchen Ihre Hilfe.»

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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