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Donald Trump während seiner Rede: In Ohio ist der frühere Präsident, um diejenigen anzugreifen, die ihm in den Rücken gefallen sind.
Donald Trump während seiner Rede: In Ohio ist der frühere Präsident, um diejenigen anzugreifen, die ihm in den Rücken gefallen sind.
Bild: keystone

Donald Trump: Der Rachefeldzug

Donald Trump ist zurück auf der Bühne, mit all seinen Lügen und Hass für seine Gegner. Es ist der Start einer Tour, die klären soll: Wer dominiert die US-Republikaner?
27.06.2021, 08:3127.06.2021, 16:31
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Die Playlist ist noch immer die gleiche. Elton John, Village People, ein paar patriotische Kracher – da kann sich jede und jeder gleich wieder wie zu Hause fühlen. Ganz so, als hätte sich nichts verändert. Das gilt auch für die Erzählung hier: Präsident, Ex-Präsident – für alle, die an diesem Abend nach Wellington im US-Bundesstaat Ohio gekommen sind, bleibt das eine skandalöse Ungerechtigkeit. Donald Trump ist noch immer ihr Präsident. Und wenn der 75-Jährige zu einer Rally lädt – zum ersten Mal seit seinem Auszug aus dem Weissen Haus – kommen seine Anhänger hin.

Mit geballter Faust betritt Trump die Bühne, an Angriffslust hat er seit dem vergangenen Jahr nicht verloren. Es mag heimelig wirken, wie er da vor der Menge steht mit Musik, Make-America-Great-Again-Basecaps und USA-USA-Rufen. Doch bei dieser Rally geht es um mehr. Es geht um nicht weniger als die Frage, wer die Republikanische Partei in den kommenden Monaten dominieren wird. Und die Antwort kann derzeit auch nicht der frühere Präsident mit Sicherheit beantworten. Seit Monaten hat Trump die Schlagzeilen nicht mehr dominiert. Er hat aus einem Büro in Florida agiert, fernab des politischen Zentrums Washington.

In Wellington lässt sich Trump das nicht anmerken. Der Ex-Präsident feiert sich und seine Erfolge, wiederholt seine Lüge vom Wahlbetrug, spricht über die aus seiner Sicht desaströse US-Regierung von Joe Biden, die schlimme Lage an der Grenze, über Drogenkartelle, steigende Kriminalität, hohe Benzinpreise, Cancel Culture und Fake News. Es klingt so vertraut wie die Musikauswahl.

In Ohio ist Trump, um diejenigen anzugreifen, die ihm in den Rücken gefallen sind. Dazu gehört etwa Anthony Gonzalez. Der republikanische Abgeordnete war einer von zehn konservativen Politikern im Repräsentantenhaus, die im Januar nach dem Sturm aufs Kapitol für ein Amtsenthebungsverfahren gestimmt hatten. Gonzalez sprach sich ausserdem für eine unabhängige Untersuchungskommission aus, um die Ereignisse des 6. Januar aufzuarbeiten. Der Vorstoss scheiterte im Senat. Trotzdem steht Gonzales nun auf der «Verräter»-Liste Trumps.

Deshalb unterstützt Trump jetzt Max Miller, der unter ihm einst Berater im Weissen Haus war und im nächsten Jahr bei der Kongress-Vorwahl der Republikaner als Rivale gegen Gonzales antritt. «Jeder einzelne Republikaner muss Gonzales abwählen», sagte Trump und machte kurz Platz auf seiner Bühne für Miller. Der verkündete sogleich, dass Trump 2024 «zum dritten Mal» zum Präsidenten gewählt würde.

Eine Wiese im Nirgendwo

Darum geht es an diesem Abend in Ohio: Illoyalität zu bestrafen und gleichzeitig zu testen, wie viel Einfluss an der Basis Trump noch hat. Der Bundesstaat im mittleren Westen ist kein schlechter Ort, um das herauszufinden. Trump hatte dort gegen Biden gewonnen, und damit wurde Biden der erste Demokrat, der ohne Sieg in Ohio ins Weisse Haus einzog.

Der Swing State ist vor allem im ländlichen Raum verlässlich konservativ. Die Wiese, auf der Trump seine Bühne aufgebaut hat, liegt wie üblich im Nirgendwo. Cleveland als nächst grössere Stadt ist mehr als 50 Kilometer entfernt. Das schafft ein gutes Umfeld für die Fernsehbilder, die Trump gern kreieren möchte, aber lediglich von One American Network und Newsmax live übertragen werden. Die New York Times hat keinen Vorabbericht gebracht, auf CNN dominiert der Hochhaus-Einsturz in Miami.

Auch die örtlichen Parteimitglieder haben sich nicht vollständig hinter Trump gestellt. So hatten der republikanische Gouverneur Mike DeWine, sein Stellvertreter Jon Husted sowie der republikanische Senator Rob Portman schon vorab angekündigt, sie würden nicht zur Kundgebung kommen. Nächstes Jahr wird Gouverneur DeWine ähnlich hart bei den Vorwahlen kämpfen müssen wie Anthony Gonzales. Dann wird auch er sich einem von Trump begünstigten Kandidaten stellen müssen, dem ehemaligen republikanischen Kongressabgeordneten Jim Renacci.

Ebenso Mike Pence, Trumps ehemaliger Vize-Präsident: Der machte in einer Rede vor zwei Tagen noch einmal deutlich, dass er sich damals Trumps Willen nicht gebeugt hatte, als dieser nach der grossen Wahlniederlage vergangenes Jahr von ihm verlangte, die formelle Bestätigung des Ergebnisses im Kongress zu behindern. «Es steht mehr auf dem Spiel als unsere Partei und unser politisches Schicksal in diesem Moment,» sagte Pence. «Wenn wir den Glauben an die Verfassung verlieren, werden wir nicht nur Wahlen verlieren – wir werden unser Land verlieren.»

Allerdings folgt die Republikanische Partei dieser Einschätzung nur bedingt. Die Konservativen haben sich von Trump alles andere als befreit. Noch im Mai gaben in einer Reuters/Ipsos-Umfrage mehr als 50 Prozent der befragten Republikaner an, Trump für den rechtmässigen Präsidenten zu halten. Die Zahl derjenigen, die glauben, Trump sei die Wahl «gestohlen» worden, ist noch höher.

Trump zu ignorieren, ist keine Lösung. Der Trumpismus endet nicht mit dem Ex-Präsidenten und seiner Entscheidung, ob er 2024 noch einmal antreten will oder nicht. Abgeordnete wie Matt Gaetz and Marjorie Taylor Greene – auch sie trat in Ohio auf – fahren bisher gut mit ihrer Trump-Treue. Die parteiinternen Vorwahlen werden nächstes Jahr zeigen, wie viele Trumpisten sich durchsetzen können.

Verfassungstreue oder Trump-Treue

Sie werden der Linie ihres ehemaligen Präsidenten folgen, an die Trump sie in Ohio noch einmal erinnerte. Einwanderung wird eins der Kernthemen werden. Alles, was im weitesten Sinne mit dem Label Identitätspolitik verbunden ist. Und natürlich Wahlbetrug. Immer wieder Wahlbetrug. «Es war der grösste Betrug des Jahrhunderts», sagte Trump auf der Bühne in Ohio ungerührt. Entsprechend buhte das Publikum, als es um Liz Cheney und Mitt Romney ging – prominente Konservative, die sich gegen den Präsidenten gestellt hatten.

Die These des Wahlbetrugs ist wohl die gefährlichste von Trumps vielen dokumentierten Lügen und irreführenden Aussagen. Denn sie zielt darauf ab, die demokratischen Prinzipen des Landes ausser Kraft zu setzen. Sie greift an, was Mike Pence am Donnerstag zu verteidigen suchte: die US-Verfassung.

Jetzt auf

Die Partei stellt sich nicht konsequent gegen diese Lüge. Sie unterstützt sie sogar mit einer unbegründeten Nachzählung des Wahlergebnisses in Arizona und dem Versuch, über Wahlrechtsreformen in mehreren Bundesstaaten Stimmen von Minderheiten gezielt zu unterdrücken. Im Staat Georgia waren die Republikaner mit diesem Vorgehen schon erfolgreich, das Justizministerium der Biden-Regierung prüft nun ein entsprechendes Gesetz. Trump bezeichnet das als «Hexenjagd».

Immerhin findet er in Ohio nach gut anderthalb Stunden wüster Rederei ein erstes Ende. Kommende Woche fährt Donald Trump an die Grenze zu Mexiko. Vor dem Nationalfeiertag am 4. Juli will er noch in Florida auftreten, Mitte Juli dann in Dallas bei einer äusserst rechten Republikaner-Konferenz. Die Playlist wird wieder spielen. Donald Trump ist wieder auf Tour.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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