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Ein Mann verkauft Taliban-Fahnen in der Provinz Herat, westlich von Kabul.
Ein Mann verkauft Taliban-Fahnen in der Provinz Herat, westlich von Kabul.
Bild: keystone

Dann eben mit den Islamisten – was China, Indien und Co. in Afghanistan wollen

Mit dem Abzug der USA verschiebt sich die Macht in Afghanistan zugunsten der Taliban. Andere Staaten wollen da nun mitreden.
14.08.2021, 22:53
Hasnain Kazim, Maxim Kireev, Steffen Richter, Michael Thumann, Jan Ross / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Die USA und die ihnen angeschlossenen Truppen verlassen Afghanistan, gleichzeitig erobern die islamistischen Taliban-Milizen Stück für Stück des ohnehin gebeutelten Landes. Mehrere andere Staaten engagieren sich bereits dort und wollen zukünftig auch mit den Taliban zusammenarbeiten.

Welche geopolitischen Interessen gibt es für sie in Afghanistan, welche wirtschaftlichen? Unsere Autoren beschreiben, was Russland, Indien, die Türkei, Pakistan und China vorhaben.

Pakistan: Gefährlich und selbstzerstörerisch

Hasnain Kazim

Pakistans Aussenpolitik ist geprägt von Angst vor dem Erzfeind im Osten, vor Indien. Das ist wichtig zu wissen, um die bisweilen widersprüchliche, meist gefährliche und selbstzerstörerische Doppelrolle Pakistans in dem westlichen Nachbarland Afghanistan zu verstehen.

Pakistan hat nun seine Grenze für Flüchtende aus Afghanistan geöffnet.
Pakistan hat nun seine Grenze für Flüchtende aus Afghanistan geöffnet.
Bild: keystone

Denn einerseits unterstützt Pakistan die Taliban ideell, finanziell und logistisch und bietet ihnen auf pakistanischem Territorium entlang der Grenze Rückzugsraum, weil das Land in den Extremisten Söldner sieht, die in Afghanistan unterschiedliche Gruppen bekämpfen, die wiederum von Indien gefördert werden. Andererseits bekämpft es die Extremisten, weil diese sich gegen Pakistan gewendet haben und dort Terroranschläge verüben.

Für Pakistan ist Afghanistan vor allem ein Rückzugsgebiet der Armee: Sollte Indien im Osten einen Überraschungsangriff starten und Pakistan mit seiner militärischen Übermacht überrollen, könnten sich pakistanische Truppen im Westen nach Afghanistan zurückziehen und Widerstand leisten. Entsprechend setzte Pakistan jahrelang auf freundschaftliche Beziehungen zu den Taliban, einer Gruppe, die grösstenteils hervorgegangen war aus den Mudschaheddin, jenen Kriegern, die in den Achtzigerjahren in den Koranschulen der pakistanischen Stammesgebiete ausgebildet wurden. Die USA gaben Pakistans Diktator Zia ul-Haq Geld und Waffen, damit er diese Söldner ausbildete und bewaffnete, um sie dann in Afghanistan die dort einmarschierten Sowjets bekämpfen zu lassen.

Nach dem Rückzug Moskaus 1989 verloren die USA das Interesse an der Region – und Pakistan hoffte, dass die radikalen Krieger ihnen verbunden blieben. Aus ihnen gingen 1994 die Taliban hervor, die zwei Jahre später die Macht in ganz Afghanistan eroberten. Pakistan war eines von nur drei Ländern, die 2001 zum Zeitpunkt von 9/11 diplomatische Beziehungen zu den Taliban unterhielten.

In Pakistan selbst entstanden eigene Taliban-Gruppen, die sich plötzlich gegen ihren Förderer stellten. Sie forderten von der Regierung die Einrichtung von Regionen, in denen sie alleine das Sagen hätten und in der die Scharia das einzig gültige Rechtssystem sein sollte. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen und um Pakistan zu bestrafen, das ab 2001 unter Druck der USA die internationalen Truppen in Afghanistan unterstützte, überzogen sie das Land mit Terror – Zigtausende Menschen starben.

Taliban auf dem Vormarsch
Die Taliban setzten am Samstag ihren Vormarsch in Afghanistan fort: Nur etwa 35 Kilometer vor Kabul habe es am Morgen Gefechte um Maidan Schar gegeben, der Hauptstadt der Provinz Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur. Die Taliban beherrschten bereits einen Grossteil der Provinz.

Seit der Entscheidung über den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan Mitte April haben die Taliban grosse Teile des Landes erobert. Mittlerweile stehen 20 der 34 Provinzhauptstädte unter ihrer Kontrolle. Landesweit gingen die Kämpfe am Samstag in mindestens fünf Provinzen weiter. Die militanten Islamisten konnten zwei kleine Provinzhauptstädte übernehmen. (sda)

Während Pakistan Gruppen der eigenen Taliban mit aller Härte bekämpft, leben im Grenzgebiet viele afghanische Taliban relativ unbehelligt. Als die internationalen Truppen unter Führung der USA in Afghanistan kämpften, flüchteten viele von ihnen hierher. Pakistan liess sie gewähren – und erlaubte den USA gleichzeitig, ihren Drohnenkrieg gegen die Extremisten in dieser Region zu führen, wenn auch offiziell unter Protest. Bis heute leben Taliban-Kommandeure in Pakistan. Islamabad erklärt das damit, dass die etwa 2600 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan kaum zu kontrollieren sei. Tatsächlich führt sie mitten durch Dörfer in karger Berglandschaft, verschlungene Pfade führen von der einen Seite auf die andere. Für die Dorfbewohner gelten Sonderregelungen, sie dürfen sie frei überqueren, was die Taliban für sich nutzen.

Heute setzt Pakistan darauf, dass die Taliban in Afghanistan an die Regierung zurückkehren. Und man hofft, dass sie dabei helfen, die pakistanischen Taliban im Zaum zu halten und den indischen Einfluss in Afghanistan einzudämmen.

Russland: Häme für die Vereinigten Staaten

Maxim Kireev

Der Abzug der USA aus Afghanistan wurde in Russland bis in die höchsten Ebenen der Macht mit Häme und Spott quittiert. Dass die USA offenbar unverrichteter Dinge das Land verlassen und die instabile Zentralregierung des Landes im Krieg mit den Taliban alleinlassen, ist aus russischer Sicht nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die Dominanz der USA in der Welt sich dem Ende neigt.

Gefechte in Kandahar zwischen den Taliban und dem afghanischen Militär. Unterdessen haben die Taliban die Stadt übernommen.
Gefechte in Kandahar zwischen den Taliban und dem afghanischen Militär. Unterdessen haben die Taliban die Stadt übernommen.
Bild: keystone

Dabei hatte einst Russland den USA und der Nato noch beim Einsatz in Afghanistan geholfen, und stellte ab 2012 für mehrere Jahre einen Flugplatz im russischen Uljanowsk als Transitpunkt bereit. Putin, damals vorübergehend im Amt des Premierministers, erklärte, es sei im Interesse Russlands, wenn in Afghanistan Stabilität herrsche. Erst 2015 wurde dieser Transitpunkt wieder geschlossen, nachdem die Beziehungen Russlands und des Westens sich nach der Krim-Annexion deutlich verschlechtert hatten.

Ganz so eindeutig, wie vom Kreml nach Aussen inszeniert, dürfte die Freude im politischen Moskau jedoch nicht gewesen sein. Die grösste Angst des Kremls ist nicht der Sturz der vom Westen unterstützten Regierung in Kabul, sondern der Aufstieg extremistischer Gruppen, die Russland offiziell beispielsweise in Syrien bekämpft.

Die Taliban gehören vorerst noch nicht dazu. Als vor wenigen Wochen eine Delegation der Taliban in Moskau zu Gesprächen anreiste, wurde klar, dass diese aus russischer Sicht das kleinere Übel darstellen. In Moskau herrscht die Auffassung, dass die Taliban, anders als etwa der Isis, nicht auf Expansion in andere Länder setzen. Obwohl die Taliban in Russland offiziell als Terrorgruppe verboten sind, bezeichnete Aussenminister Lawrow diese als «vernünftige Kraft».

Ausserdem wird Russland diese Gelegenheit nutzen, um seine Präsenz in Zentralasien, in Tadschikistan und Kirgisien, zu stärken. Beide Länder liegen in unmittelbarer Nähe zu Afghanistan und gehören zu Russlands Militärallianz ODKB. In der Region sind bereits russische Truppen stationiert. Beide Länder erhalten nun kostenlos weitere russische Waffenlieferungen, zudem üben russische Truppen zusammen mit der tadschikischen Armee in der Nähe zu Afghanistan. Tadschikistan erhält zudem aus Moskau Gelder in Höhe von mehr als einer Million US-Dollar, um damit im Süden die mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan zu sichern. Die instabile Lage in Afghanistan wird Russland als Schutzmacht für die ehemaligen Sowjetrepubliken der Region wieder stärker ins Spiel bringen.

Vor allem für die USA bedeutet dies einen erheblichen Verlust von Macht und Einfluss in Zentralasien, einer Region, die Russland wieder zusehends als eigenen Hinterhof betrachtet. Doch hier hat Moskau inzwischen einen neuen, einflussreichen Konkurrenten: China.

China: Taliban sollen vor Extremisten schützen

Steffen Richter

Fotos von internationalen Verhandlern mit Taliban-Delegationen gibt es eher wenige. Oft finden Gespräche über Friedenslösungen für Afghanistan eher diskret statt, und es ist wahrscheinlich, dass es Vertretern aus den USA oder Vermittlerstaaten nicht angenehm ist, mit Islamisten auf einem Foto zu erscheinen.

Wang Yi, Chefbeamter in Chinas Aussenministerium, hat dahingehend keine Probleme. Ende Juli traf er in der chinesischen Millionenstadt Tianjin eine Abordnung der afghanischen Religionsmilizionäre unter Taliban-Führer Abdul Ghani Baradar – obwohl China im eigenen Land den Islam unterdrückt. Zum Gruppenfoto für die Presse rief Wang persönlich zusammen. Das zeigt: Für China ist der Abzug der westlichen Truppen und der Aufstieg der Taliban ein grosses Thema.

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Das hat vor allem zwei Gründe. Die Grenze zu China ist zwar gerade 76 Kilometer lang, ein schmaler Korridor im bergigen Distrikt Wakhan, der in die chinesische Region Xinjiang hineinführt. Doch Extremisten der in China unterdrückten muslimischen Minderheit der Uiguren kämpfen auf afghanischer Seite zusammen mit Taliban-Milizionären. Geht es nach Pekings Willen, sollen die Taliban verhindern, dass uigurische Extremisten nach China gelangen oder in Afghanistan chinesische Ziele attackieren, China will Instabilität und grenzüberschreitenden Terror verhindern. Geht es nach dem Kommuniqué des chinesischen Aussenamtes, hat Baradar genau das zugesichert. 2018 noch wurden Afghanistans Regierung in Kabul Finanzmittel für die Kontrolle des Wakhan-Korridors bereitgestellt, jetzt spricht man deswegen mit den Taliban.

Kontakte zu den Taliban pflegt die chinesische Regierung schon länger. Bereits 2016 war China Teil einer Gruppe, die mit den USA, Pakistan und Kabul versuchte, die Taliban in Friedensgespräche einzubeziehen, im selben Jahr kam eine Islamisten-Delegation diskret in Peking auf Besuch. Der grosse Empfang von Wang Yi in Tianjin verschafft den Taliban nun erhöhte Legitimität.

Ausserdem ist Afghanistan aus Sicht Pekings ein wichtiges Bindeglied zu den Staaten Zentralasiens und könnte Teil des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors CPEC werden, einem Vorzeigeprojekt der Infrastrukturinitiative Belt-and-Road (BRI). Bereits heute sind die Chinesen grösster Auslandsinvestor im Land, seit sie 2007 für 3.5 Milliarden US-Dollar den Betrieb einer grossen Kupfermine im Osten Afghanistans übernommen haben. Sie investieren in Öl- und Gasförderung. Afghanistan ist reich an Bodenschätzen.

Solche und zukünftige Investitionen wollen gesichert sein, und weil die Taliban einen zunehmend grossen Teil Afghanistans kontrollieren und immer mehr zum bestimmenden Faktor für die politische Zukunft des Landes werden, bekommen sie in China jetzt auch einen grossen Empfang. Recht sicher ist, dass Peking sich nicht in einen kostspieligen und gefährlichen Sumpf hineinziehen lassen wird wie zuvor die Sowjetunion oder die USA. Dennoch meinen BRI-Analysten wie der New Yorker Kevin Schwartz, dass Peking angesichts seiner zunehmend aggressiven Aussenpolitik auch in Ländern wie Afghanistan zu mutigeren Geheimdienstoperationen und Militäreinsätzen in der Lage sein wird.

Türkei: Wächter des Kabuler Flughafens

Michael Thumann

Die Türken und Afghanen sind einander näher, als der Blick auf die Landkarte vermuten lässt. Denn in der Türkei leben mehrere Hunderttausend Afghanen, Schätzungen reichen von 300'000 bis zu 800'000 Menschen. Fast alle von ihnen sind als Flüchtlinge ins Land gekommen. In den vergangenen Jahren sind die meisten afghanischen Geflüchteten auf dem Weg nach Europa über die Türkei gereist. Einige haben jahrelang im Iran oder in der Türkei gewohnt.

Jetzt kommen mehr Menschen aus den Kriegsgebieten in Afghanistan. An manchen Tagen gehen einige Hundert, an anderen Tagen über tausend Afghanen über die iranisch-türkische Grenze.

Diese afghanische Familie auf der Flucht hat im Osten der Türkei in einer verlassen Schäferhütte Unterschlupf gefunden. (Aufnahme vom 8. Juni 2021)
Diese afghanische Familie auf der Flucht hat im Osten der Türkei in einer verlassen Schäferhütte Unterschlupf gefunden. (Aufnahme vom 8. Juni 2021)
Bild: keystone

Doch mit der Willkommenskultur in der Türkei ist es vorbei. Die schwere Wirtschaftskrise und die galoppierende Geldentwertung haben viele Türken überzeugt, dass sie nichts mehr zu verteilen haben. Vielen Flüchtlingen schlägt Ablehnung entgegen, auch deshalb drängt es entwurzelte Afghanen, weiter nach Europa zu ziehen.

Afghanistan ist für Recep Tayyip Erdoğan gerade ein ganz wichtiges Thema. Der türkische Staatspräsident hat mit den Flüchtlingen ein neues Druckmittel gegenüber der EU, einerseits. Andererseits muss er dem Verdacht entgegentreten, er lade Afghanen für taktische Zwecke in die Türkei ein. Also warnt er vor weiteren Flüchtlingen und bietet türkische Hilfe in Afghanistan an.

Die Türkei war Teil der Nato-Mission, ihre besondere Aufgabe lag in der Bewachung des Flughafens von Kabul. Dieser Flughafen ist lebenswichtig für die Bevölkerung, aber auch für die Botschaften und internationalen Organisationen in Kabul. Würde er in die Hände der Taliban fallen, sässen talibankritische Afghanen, Diplomaten, Ausländer in der Falle.

Deshalb hat US-Präsident Joe Biden die Türkei gebeten, die Bewachung des Flughafens über den endgültigen Abzug der US-Truppen hinaus fortzusetzen. Erdoğan will das machen, aus zweierlei Gründen. Erstens könnte er so wieder Boden in Washington gut machen, wo man ihm ein zu enges Verhältnis zu Russlands Putin vorwirft. Und er könnte nach Libyen, Irak und Syrien in einem weiteren Krisenland Soldaten an strategischer Stelle stationieren. Der strategische Fussabdruck der Türkei in der Welt, das ist Erdoğans Kalkül, würde sich weiter vergrössern. Auch Washington könnte auf ihn nicht verzichten. Was Erdoğan den Raum für weitere Eigensinnigkeiten öffnen würde.

Afghanistan ist für Erdoğan ein Einsatz mit hohen Gewinnchancen, aber auch hohem Risiko. Die in Afghanistan vorrückenden Taliban heulten nämlich sofort auf, als sich die Kunde von einem möglichen Bleiben der türkischen Truppen in Kabul verbreitete. Niemals würden sie «ausländische Besatzer» in Afghanistan dulden.

Da half auch nicht, dass Erdoğan die Taliban durch die Erinnerung an die islamischen Gemeinsamkeiten zu beschwichtigen versuchte. Der türkische Präsident muss damit rechnen, dass – Islam hin oder her – auch die türkischen Truppen in Afghanistan von den Taliban angegriffen werden können. Ohne amerikanischen Schutz bliebe den Türken dann nur der blitzschnelle Abzug über die Startbahn des Flughafens Kabul.

Indien: Grosse Risiken, geringer Einfluss

Jan Ross

Indien hat vor wenigen Tagen sein letztes Konsulat in Afghanistan, in der nördlichen Stadt Masar-e Scharif, geschlossen. Diplomaten und andere Staatsbürger wurden mit einer Militärmaschine ausgeflogen. Als offizielle Vertretung bleibt nur die indische Botschaft in Kabul bestehen und erhält ihre Tätigkeit aufrecht.

Taliban fahren in Gasni Patrouille.
Taliban fahren in Gasni Patrouille.
Bild: keystone

Mit dem Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan geht für Indien eine Phase des hoffnungsvollen Engagements in diesem schwierigen regionalen Nachbarland zu Ende. Die Regierung in Neu-Delhi war nicht nur ein verlässlicher diplomatischer Verbündeter der Nato-gestützten Regierungen in Kabul, sie investierte auch in zahlreiche Entwicklungsprojekte. Eine Strategie, durch die man sich nicht zuletzt gegen den alten Feind und Rivalen Pakistan mit seiner notorischen Unterstützung für militante Gruppen abgrenzte: «Indien», erklärte der Sprecher des Aussenministeriums in Neu-Delhi im Juni, «hat Afghanistan Staudämme, Elektrizität, Gemeinschaftsprojekte gebracht; die Welt weiss, was Pakistan Afghanistan gebracht hat.»

Jetzt auf

Mit dem Siegeszug der Taliban nun steht Indien gleich vor mehreren ernsten Problemen. Laut Presseberichten soll die Kabuler Regierung von Präsident Ashraf Ghani indische Luftunterstützung im Kampf gegen die islamistischen Militanten erbeten haben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Indien solchen Wünschen nachkommt, und erst recht wird man keine Bodentruppen nach Afghanistan entsenden. Militärinterventionen in der Nachbarschaft sind für die indische Politik und Öffentlichkeit tabu, seit das Land sich Ende der Achtzigerjahre mit fatalen Folgen in den Bürgerkrieg auf Sri Lanka verwickeln liess.

Mit einem endgültigen Triumph der Taliban allerdings wären für Indien erhebliche Risiken verbunden. Anders als etwa die USA oder Russland hat Indien die militanten Islamisten in Afghanistan bis zuletzt nicht als Gesprächspartner akzeptiert; die Kontakte zu den Taliban sind daher schlecht, und es ist ungewiss, wie stark sie sich in kurzer Frist ausbauen lassen. Beträchtliche Sorgen gelten Kaschmir, der mehrheitlich muslimischen Unruheprovinz im Norden Indiens: Werden islamistische Kämpfer, wenn sie die bisherige Regierung in Kabul bezwungen haben, ihre Energien auf terroristische Vorstösse in Kaschmir richten?

Schliesslich stellt sich, wie eigentlich immer für Indien, die Frage nach dem benachbarten Feindstaat: Kann Pakistan ein von den Taliban beherrschtes Afghanistan zu seiner Einflusszone und zu einem Vehikel in der ewigen Auseinandersetzung mit Indien machen? Eine solche Entwicklung ist nicht gewiss; gut möglich, dass die Taliban auf aussenpolitische Selbstständigkeit im Verhältnis zu Pakistan Wert legen werden. Aber mehr denn je wird Afghanistan dieser Tage aus indischer Sicht zu einem beunruhigenden Land. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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