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Starke Windböen sind im US-Bundesstaat Wyoming keine Seltenheit.
Starke Windböen sind im US-Bundesstaat Wyoming keine Seltenheit.Bild: keystone

Windenergie in Wyoming: Wo selbst Klimaleugner auf Wind hoffen

Vom Kohlerevier zum Ort der grössten Windparks in den USA: In Wyoming freunden sich Konservative notgedrungen mit dem Wind an – und Umweltschützende rebellieren.
21.11.2021, 21:54
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Der Weg nach Rawlins führt durchs Nichts. Der frühe Abend ist schon so dunkel, dass abseits des Highways nicht klar ist, ob Hügel, Berge oder flaches Land vorbeiziehen. Beleuchtet ist die Strasse nicht und nur selten kommt ein Lastwagen oder Pick-up auf der Gegenfahrbahn vorbeigerauscht. Die einzige Orientierung neben den Scheinwerfern des eigenen Autos sind die ab und zu in orangener Schrift aufleuchtenden Hinweisschilder über der Strasse.

Sie warnen vor allem die hohen Trucks vor den extremen Windböen und Seitenwinden, die hier wehen. Mehr als 60 Meilen pro Stunde sind nicht selten, etwa 100 Stundenkilometer, das ist Orkanböenstärke. Der andere stete Begleiter, wenn man sich der kleinen Stadt im US-Bundesstaat Wyoming nähert, sind die Lichter der Windturbinen. Rot. Dunkelheit. Rot. Dunkelheit. Rot. Dunkelheit.

Ein paar Kilometer vor Rawlins hört das Blinken auf, die Zivilisation beginnt wieder. Knapp 9'000 Menschen leben hier, weit ab von Ost- und Westküste. Die Grossstadt Denver ist mehr als dreieinhalb Stunden Fahrt entfernt. Wer hier lebt, der kommt aus Wyoming, oder ist wegen der Kohle gekommen. Die wurde massenhaft abgebaut und machte Rawlins in den 70er Jahren zu einer boomenden Stadt. Von diesem Boom ist schon lange nichts mehr zu spüren. Die Minen sind grösstenteils ausgebeutet und nicht mehr lukrativ, Erdgas und Erneuerbare sind die Zukunft.

Die Hauptstrasse in Rawlins ist auch an einem Wochentag wenig geschäftig. Es gibt ein kleines Café, die Rifleman Club Bar, eine paar Läden, keine Ketten, und etwas Frontier-Charme mit dem alten Gefängnis aus dem frühen 20. Jahrhundert, das mittlerweile ein Museum ist. Der Wind weht Knäuel von Gestrüpp durch die Strassen wie durch die Geisterstädte in Hollywood-Western.

«Ich will die Erde nicht retten»

Dass Rawlins zu einer solchen Geisterstadt wird, will Bürgermeister Terry Weickum verhindern. Das Amt ist ein Teilzeitjob, der 69-Jährige hat schon einige Berufe in seinem Leben gehabt. Die Kohle war es, die den gelernten Automechaniker Ende der 70er aus einer anderen Ecke Wyomings hierherbrachte. Zwei Jahre wollte er bleiben.

Mehr als 40 Jahre und 14 eigene Unternehmen später ist Weickum immer noch da. Trotz des schon im November eisigen Winds trägt er unter der Jacke nur ein blaues Kurzarmhemd mit bunten Papageien. Mit fast jedem, der ins Café kommt, plaudert er kurz. Das Bürgermeisteramt ist überparteilich. Aber Demokrat ist hier im Grunde kaum jemand. Weickum auch nicht. Als er in Carbon County noch Commissioner war, vergleichbar mit einem deutschen Landrat, trat er als Republikaner an. Mehr als 75 Prozent der etwa 15'000 Menschen, die in dem Bezirk leben, hat 2020 Donald Trump gewählt.

Weickum ist Trump-Fan und würde ihn auf jeden Fall wieder unterstützen, wenn er noch einmal antritt. Wenn es um Windenergie und erneuerbare Energien geht, sagt Weickum Trump-Sätze. Dass sich die Erdtemperatur in Zyklen bewege, es immer mal wärmer und dann wieder kälter würde. Dass er an den menschengemachten Klimawandel nicht wirklich glauben könne. «Ich will die Erde nicht retten», sagt Weickum und lacht dabei. Die hoch aufragenden Windturbinen vor der Stadt, die nachts den Weg weisen, findet er trotzdem gut. Nicht, weil die Erneuerbaren im Kampf gegen den Klimawandel helfen könnten. Sondern weil sie seiner Stadt Geld bringen und Arbeitsplätze. «Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber weiter in Kohle machen, aber diese Wahl haben wir nicht, also nehmen wir den Wind.»

Windkraftanlage nördlich von Glenrock, Wyoming. (Archivbild)
Windkraftanlage nördlich von Glenrock, Wyoming. (Archivbild)Bild: AP/The Casper Star-Tribune

Die Firmen, die auf Wind und andere nichtfossile Energieträger setzen, bauen ihre Anlagen schon länger in der Region. Doch seit mit Joe Biden wieder Klimaschutzanstrengungen ins Weisse Haus zurückgekehrt sind, zieht der Markt noch einmal an. Der Präsident hat gerade ein Infrastrukturgesetz unterzeichnet, das mehr als 500 Milliarden Dollar für Klimaprojekte vorsieht. Im Carbon County ist mit dem The Chokecherry and Sierra Madre Wind Energy Project  einer der grössten Windparks des Landes in der finalen Planungsphase. Bis zu 900 Windräder sollen bis zu 3'000 Megawatt an Strom erzeugen. Das entspricht auf dem Papier etwa der Leistung des drittgrössten deutschen Kohlekraftwerks in Jänschwalde. «Die Firmen kommen doch sowieso, dann haben wir lieber die Kontrolle darüber», begründet Bürgermeister Weickum, warum er für die nicht nur bei ihm unbeliebte Energiequelle eintritt.

Viele Bürgerinnen und Bürger sind gegen die Windräder, die Angst vor dem Unbekannten, sagt Weickum. «Für uns hier war das doch vor ein paar Jahren noch alles neu.» Aber auch die Ästhetik spielt eine Rolle. Wyoming, das sind endlose Weiten, Cowboyromantik. Die Windräder verschandeln aus Sicht vieler das, wofür ihre Heimat berühmt ist. Und dann stehen sie im Zweifel zu dicht an der nächsten Ranch. Mangelnder Platz jedoch ist eigentlich kein Kriterium in Wyoming. Der Bundesstaat ist ungefähr so gross wie Grossbritannien, doch lediglich 578'000 Menschen leben hier. Das sind in etwa so viele wie in Leipzig.  

114 dauerhafte Jobs könnte die neue Anlage um Rawlins bringen, weit weniger als die Kohleindustrie früher schuf. Aber die Steuern kann die Stadt gut gebrauchen. Dank der Einnahmen aus schon existierenden Windparks ist Carbon County einer der wenigen Landkreise in Wyoming, der schwarze Zahlen schreibt. Weickum ist stolz darauf, gute Geschäfte zu erkennen, deswegen ist er irgendwann in die Politik gegangen. Weil die meisten Politikerinnen und Politiker das einfach nicht verstehen würden.

Weickum hofft auch auf angrenzende Industrien, die sich in der Region ansiedeln könnten, Recylinganlagen für alte oder kaputte Turbinen etwa. Gerade hat Weickum einen Preis von der American Clean Power Association erhalten, für sein jahrelanges Engagement im Bereich der Windenergie. Er erwähnt den Preis gern. Obwohl es dem Pragmatiker nicht um die saubere Energie geht, sondern schlicht ums Geschäft.

Von Rawlins in den Süden geht es vorbei an Dorfkirchen, kleinsten Ortschaften und im Hellen nun auch weithin sichtbaren Windrädern. Auf einer Anlage grasen Rinder, eine kleine Herde Gabelhornantilopen sprintet durch die wie an einer Schnur aufgereihten Turbinen. 

Gabelhornantilopen und Maultierhirsche

Um die Gabelhornantilope und andere Wildtiere sorgt sich Anne Brande. Die Fotografin sitzt in ihrem Studio in Laramie im südöstlichsten Eck Wyomings. Auf die Frage, warum sie eine Naturschutzorganisation gegründet hat, die auch gegen ein neues Windparkprojekt kämpft, steht die 53-Jährige auf, geht auf die Strasse und zeigt auf den Horizont mit einer kleinen Bergkette. Sie sorgt sich um die Natur und Biodiversität ihrer Heimat. «Ich bin überhaupt nicht gegen erneuerbare Energien, aber zu viele Windanlagen sind schlecht für unser Habitat.» Laramie ist weniger konservativ als der Rest des Bundesstaates, die 30'000-Einwohner-Stadt hat eine Universität mit ökologischen Forschungsprojekten, die Dichte an Pick-ups ist etwas geringer als in Rawlins, die Restaurantauswahl grösser. Albany County, in dem Laramie liegt, war einer von zwei Bezirken überhaupt in Wyoming, in denen die Bürgerinnen und Bürger mehrheitlich Joe Biden wählten. Aber auch hier herrscht nicht nur Einigkeit darüber, dass Windenergie eine gute Sache ist. Bislang kommt 12 Prozent des Energieverbrauchs der USA aus erneuerbaren Energien, ein gutes Viertel davon erzeugen Windanlagen.

Brande lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern überwiegend in der Stadt, hat aber auch noch eine alte Familienranch ausserhalb. Dort verbringt die Familie den überwiegenden Teil ihrer Freizeit, hält zwei Fjordpferde, die sich in der weitgehend unberührten Natur auch schon mal gegen Pumas erwehren müssen. Maultierhirsche trauen sich in Sichtweite des Hauses durch das Gelände. Auf einem kleinen Hügel zeigt Brande wieder auf den Horizont. Dieses Mal auf Stromleitungen, die in der Ferne auf dem Nachbargrundstück zu erkennen sind. Dort könnte sie bald auch Windräder sehen. Es ist eine Teilstrecke eines weiteren Grossprojekts in Wyoming, dem Rail Tie Wind Project. Ein anderer Investor als in Carbon County, die gleiche Idee. Auf mehr als 10'500 Hektar Fläche sollen bis zu 120 Windräder stehen. Brande ist das Projekt zu gross.

Sie und andere Aktivisten stellen sich nicht nur Fragen, wie Bau und Betrieb der Windräder der Tierwelt schaden. Sondern ebenso, welche gesundheitlichen Schäden die Anlagen für Menschen haben können. 300 Anwohner, schätzt Brande, sind direkt von dem Projekt betroffen. Und dann werden die Windräder nicht in Wyoming gebaut, also mit Lkw durchs Land transportiert, es müssen Strassen zu und durch die Anlagen gebaut werden. «Was macht das alles mit dem ökologischen Gleichgewicht?», fragt Brande. Und nicht zuletzt würde Wyoming den touristischen Anreiz verlieren, das Image der last frontier kennt keine Windräder. Doch der Flächenstaat Wyoming hat von der Windenergie noch viele unberührte Ecken, trotz der um sich greifenden Grossprojekte.

Nur weil etwas das grüne Label grün habe, sei es trotzdem noch lange nicht die perfekte Antwort, sagt Naturschützerin Brande. Dass der Klimawandel eine Antwort erfordert, das weiss auch sie. Eine gesunde Art zu leben, das wünscht sie sich für ihre Kinder und die nachfolgenden Generationen. Viele einzelne Windräder, auch auf der eigenen Farm, kann sie sich vorstellen, Hunderte auf einer Fläche nicht. Den geplanten Windpark werden sie und die anderen Gegnerinnen und Gegner wohl dennoch nicht mehr stoppen können. Im Juli stimmten die Albany County Commissioner für das Projekt.

«Wir hätten schon vor langer Zeit handeln müssen»

Einer von ihnen ist Pete Gosar. Auch er kommt aus Wyoming, auch er denkt wie Anne Brande über die Generationen nach, die nach ihm kommen. Seine Antwort darauf war seine Stimme für das Rail Wind Tie Project. «Die Wissenschaft sagt uns, dass wir schnell handeln müssen, dass wir eigentlich schon vor langer Zeit hätten handeln müssen.» Der 53-Jährige würde auch in Kauf nehmen, wenn das seine Wiederwahl irgendwann gefährden würde. Hauptberuflich leitet er eine kostenlose Klinik für Menschen ohne Krankenversicherung. Dort sitzt er in einem engen, in die Jahre gekommenen Büro und hofft, dass sein Bezirk ein Klimaschutzvorbild werden kann in Wyoming. Ein Grossteil der Menschen, das ist seine Wahrnehmung, seien für das Projekt.

Jetzt auf

Kohle hat diese Region in Wyoming nie gehabt, viel Geld daher auch nicht. Die geschätzten 176 Millionen Dollar an Steuereinnahmen aus dem neuen Projekt für den Bezirk und den Staat könnten weit reichen und sind neben dem Klimaschutz gute Argumente für die Windräder. «Ich verstehe, dass die Menschen Angst vor dem Wertverlust ihrer Grundstücke haben, Angst davor, dass die Windräder die Landschaft und Natur zerstören, oder die Turbinen in Brand geraten», sagt Gosar. Er ist mit Skeptikern unterwegs gewesen, hat sich ihre Bedenken angehört, der Investor musste in seinen Planungen noch einmal nachjustieren. Die abschliessende Debatte in der Gemeinde hat Gosar als konstruktiv erlebt. Etwas, das im Land selten geworden ist. «Wir müssen die Windenergie annehmen und diese Gelegenheit nutzen», sagt Gosar. Er persönlich sieht in Solar noch mehr Potenzial als in Wind, die Klinik ist schon mit Zellen ausgestattet. Aber die Windenergie lassen, rückschrittlich sein, das ist für den Demokraten undenkbar. 

Wyoming und die Windenergie, eine grosse Liebe ist das für viele in Rawlins und Laramie noch lange nicht. Und auch nicht die Verheissung auf eine wirklich grünere Welt. Die Commissioner in Carbon County bereiten derzeit ein Moratorium für künftige nichtfossile Projekte vor, auch weil es Bedenken gibt, was die riesigen Anlagen für Auswirkungen auf die Natur haben. Bürgermeister Terry Weickum will dagegen vorgehen. Nicht als Klimaretter, aber als pragmatischer Rawlins-Retter. Und schliesslich verspricht Bidens Infrastrukturpaket über die ohnehin schon vorhandenen Förderungen für erneuerbare Energien künftig noch mehr Geld für klimafreundliche Projekte. «Man muss sie nicht lieben, aber abschaffen werden wir die Windräder auch nicht mehr können», sagt Weickum. Immer mehr Windräder werden sich in dieser abgelegenen Ecke Amerikas für Joe Bidens Klimaziele drehen und durch die Nacht blinken. Rot. Dunkelheit. Rot. Dunkelheit.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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