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«Cocktail aus Frust, Wut und Angst» – was hinter den Protesten in den Niederlanden steckt

Der Sicherheitsforscher Jelle van Buuren glaubt, dass die Proteste in den Niederlanden bald enden. Randale mache zwar manchen Spass, sei aber eben auch anstrengend.
28.01.2021, 10:1128.01.2021, 12:26
Manuel Bogner / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

In mehreren niederländischen Städten ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Jelle van Buuren forscht an der Universität Leiden zu den Themen Polizei, Sicherheit und Verschwörungsmythen. Im Interview erklärt er die Hintergründe der Proteste.

Wer sind die Leute, die in den vergangenen Tagen demonstriert haben?
Jelle van Buuren:
Es ist eine sehr heterogene Gruppe. Traditionell kategorisieren wir Proteste in links oder rechts, das funktioniert dieses Mal nicht. Da sind Impfgegner dabei, Hippies, rechtsradikale Gruppen, Fussball-Hooligans, wütende Bürger, Verschwörungsmystiker und Jugendliche. Das ist ein Cocktail aus Meinungen, Frust, Wut und Angst. Es gibt linke und rechte Tendenzen, angereichert mit Verschwörungsmythen.

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Was eint diese Menschen?
Gemeinsam ist ihnen allen die starke Ablehnung der Regierung, generell aller sozialen Institutionen, der Medien, der Forschung. Aber sie haben kein klares politisches Programm oder eine Liste mit Forderungen. Sie sind vereint in dem, was sie ablehnen. Das macht es auch für die Behörden schwer, eine angemessene Antwort auf die Proteste zu finden.

Proteste in Rotterdam am 25. Januar 2021.
Proteste in Rotterdam am 25. Januar 2021.
Bild: keystone

Unter den Randalierern waren auch rechte Gruppen und Hooligans.
Sie springen auf den Zug auf. Rechtsextremisten und Nazis zum Teil, weil sie natürlich Interesse daran haben, die Demokratie zu destabilisieren und weil sie Lust auf Kämpfe mit der Polizei haben. Und sie erhoffen sich, so Leute für sich rekrutieren zu können. Soweit sich das bislang beurteilen lässt, sind sie damit aber nicht erfolgreich. Und auch Fussball-Hooligans sind Teil der Proteste. Deren Motivation ist tatsächlich die Auseinandersetzung mit der Polizei. Bei ihnen herrscht auch eine Frustration, weil sie nicht mehr zu den Spielen ihrer Vereine können. Und natürlich sind sie wie viele andere genervt, weil sie sich nicht mehr draussen mit ihren Freunden treffen können. Das trifft vor allem für Jugendliche zu, die in engen Verhältnissen aufwachsen und sonst fast immer auf der Strasse sind und das jetzt nicht mehr dürfen.

Wie ist die Dynamik bei den Protesten?
Die Proteste werden teilweise verboten, weil sie gegen die Corona-Auflage verstossen. Die Polizei muss dann reagieren, wenn sich trotzdem Leute treffen und dann kommt es zu Zusammenstössen. Die Proteste haben sich auch gewandelt. Am Wochenende waren es noch Demonstrationen mit einer grossen, heterogenen Mischung von Leuten. Am Montag waren es vor allem Hooligans und Jugendliche, die sich mit der Polizei Kämpfe geliefert haben. Das hatte überhaupt nichts mehr mit Protesten gegen die aktuelle Corona-Politik zu tun.

Ein Menschenauflauf in Maastricht am 26. Januar.
Ein Menschenauflauf in Maastricht am 26. Januar.
Bild: keystone

Ist damit zu rechnen, dass das nun jeden Abend so weitergeht?
Die Proteste haben sich verselbstständigt. Viele der Organisatoren der ursprünglichen Proteste äussern sich jetzt kritisch über die Gewalt. Diese Leute sehen natürlich auch, dass ihnen die Gewalt schadet. Denn jetzt wird alles, was mit Corona-Protest zu tun hat, mit Gewalt assoziiert. Gleichzeitig führen die Bilder brennender Autos und geplünderter Läden zu vielen Nachahmern. Die Jugendlichen sehen die Bilder in den Medien und auf Social Media. Da sie ohnehin gelangweilt zu Hause rumhängen, gehen sie eben am Abend auch in die Innenstadt, um zu sehen, was los ist, und beteiligen sich dann. Randale ist eben auch Spass und Aufregung.

Sind die nächtlichen Ausgangssperren von Samstag der Grund für die Zuspitzungen?
Nein. Es gab schon im Sommer in Den Haag gewaltsame Proteste. Aus irgendeinem Grund ist es am vergangenen Wochenende eskaliert.

«Es ist aufregend, zu randalieren, aber eben auch anstrengend.»

Ist die Corona-Politik in den Niederlanden so strikt, dass sie zu diesem Frust geführt hat?
Die Massnahmen sind vergleichbar mit denen in anderen Ländern. Klar, es gab hier noch nie Ausgangsbeschränkungen und ich kann die Sorgen der Leute verstehen in diesen verrückten Zeiten, die Angst vor der Zukunft haben. Aber ich halte die Massnahmen für angemessen.

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Video: watson/leb

Wie reagieren Polizei und Regierung auf die Proteste?
Sie handeln meiner Meinung nach relativ angemessen. Eine Herausforderung ist, dass die Proteste an so vielen Orten gleichzeitig stattfinden. Das macht es für die Sicherheitskräfte schwer, überall in angemessener Personalstärke vor Ort zu sein. Bürgermeister haben dazu aufgerufen, mit der Randale und Verwüstung der eigenen Städte aufzuhören. Es gab nur einen Bürgermeister, der sehr emotional war und gesagt hat, dass wir einen Bürgerkrieg haben werden, wenn es so weitergeht.

Wird das reichen, um die Proteste zu beenden?
Die Erfahrung zeigt, dass auch die Randalierenden irgendwann aufhören. Es ist aufregend, zu randalieren, aber eben auch anstrengend. Dazu kommen die vielen Festnahmen und es wird auch weitere geben, wenn alle Videoaufnahmen ausgewertet sind. Die Polizei wird sich auch anpassen und unterbinden, dass sich Gruppen junger Leute zusammenfinden, auch wenn das ein Katz-und-Maus-Spiel ist. Ab einem bestimmten Punkt ist die Party einfach vorbei.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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