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Donauhafen in der Ukraine: Plötzlich letzte Hoffnung

Der Donauhafen von Reni war bedeutungslos geworden. Doch als Russland das Schwarze Meer blockierte, wurde der Ort strategisch wichtig.
12.08.2022, 21:2312.09.2022, 12:49
Christian Vooren, Jędrzej Nowicki / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Der Sand, der am Nachmittag in Reni noch von schweren Reifen aufgewirbelt worden war, hat sich am Abend vom Regen zu Boden ringen lassen und klebt jetzt als Matsch unter den Gummischlappen der Trucker. Den Männern scheint das egal zu sein, der Schauer hat immerhin die Luft etwas abgekühlt. Die Lastwagenfahrer sitzen jetzt nacktbäuchig und gelangweilt mit Gewürzgurken und Wodka vor ihren Kühlergrills. «Wir retten hier die Wirtschaft unseres Landes», sagt einer von ihnen.

Weizentransport in der Ukraine während des Kriegs.
Weizentransport in der Ukraine während des Kriegs.Bild: keystone

Rund um den Hafen der kleinen Stadt Reni im äussersten Süden der Ukraine stehen an diesem Tag 7'400 Lkw, die darauf warten, ihre Getreideladungen an Schiffe loszuwerden. So berichtet es der Mann, der hier so etwas wie der Parkplatzwächter ist. Reni hat einen Flusshafen an der Donau und schon Kilometer vor dem Ort stehen die Trucks in der brennenden Hitze, die Sonnenblumen auf den Feldern lassen durstig die Köpfe hängen. Die Fahrer kommen aus Tschernihiw im Norden der Ukraine, aus Poltawa in der Zentralukraine, aus Winnyzja im Westen und manche sogar aus dem Donbass im Osten.

Sie alle wollen ihr Getreide abliefern, das die Ukraine wegen des Krieges kaum ausser Landes bekommt, das Getreide, das die Welt so dringend braucht. Und weil Russland die ukrainischen Häfen im Schwarzen Meer weitgehend blockiert, braucht die Welt plötzlich dringend den Flusshafen von Reni.

Das erste mit Weizen beladene Schiff seit Kriegsausbruch verlässt den ukrainischen Hafen.
Das erste mit Weizen beladene Schiff seit Kriegsausbruch verlässt den ukrainischen Hafen. Bild: keystone

Odessa, der wichtigste Hafen der Ukraine am Schwarzen Meer, kann wegen der russischen Blockade seit Monaten kaum genutzt werden, deshalb sucht das Land verzweifelt nach alternativen Exportwegen für sein Getreide. Per Lastwagen durch ganz Europa – das rechnet sich kaum und kann auch nur einen Bruchteil der eigentlichen Exportmenge auffangen: Um ein einziges grosses Frachtschiff zu ersetzen, bräuchte es 2'000 Lastwagen.

Per Schiene – auch das ist umständlich, denn die ukrainischen Züge haben eine andere Spurbreite als die Züge der meisten anderen europäischen Länder, weshalb an den Grenzen, etwa zu Polen, die Waggons umgeladen werden müssen. Und der Luftraum wurde von der Ukraine selbst gesperrt, um sich vor russischen Luftangriffen zu schützen.

Zuletzt gab es für die Getreideverschiffung zwar ein wenig Hoffnung: Nachdem die Ukraine und Russland jeweils Abkommen mit den Vereinten Nationen und der Türkei geschlossen hatten, die den Transport aus der Ukraine über das Schwarze Meer ermöglichen sollten, lief das erste Schiff seit Kriegsbeginn von Odessa aus am heutigen Montag aus.

Doch ob dies das Exportproblem lösen kann, ist fraglich. Denn kaum waren die Abkommen unterzeichnet, beschoss Russland zunächst den Hafen von Odessa – angeblich war ein militärischer Stützpunkt das Ziel. Zwei Tage später wurde der Ferienort Satoka südlich von Odessa beschossen, der nahe einer Eisenbahnbrücke liegt, die von Odessa nach Reni führt. Und am vergangenen Sonntag wurde der Schwarzmeerhafen von Mykolajiw bombardiert und dabei der wichtigste Getreideunternehmer des Landes getötet. Die Schwarzmeerhäfen sind also alles andere als sicher.

Und weil die Häfen strategisch so wichtig – und damit gleichzeitig so bedroht – sind, werden sie vom ukrainischen Militär streng abgeriegelt. Das gilt jetzt auch für den Flusshafen in Reni: Der Hafenchef will kein Interview geben, sein Vorgesetzter, der Chef aller Häfen in der Region Odessa, ist nicht verfügbar und verbietet den Zutritt zu allen Häfen. Der stellvertretende Bürgermeister Odessas, Oleg Bryndak, behauptet, darüber nicht entscheiden zu können, und die Armee lehnt alle Anfragen ab. Selbst der Parkplatzwächter in Reni wird nervös, wenn er angesprochen wird.

Der Flusshafen Reni wurde erst Anfang Juni wichtig, als die Ukrainer die Schlangeninsel im Schwarzen Meer von den Russen zurückeroberten und sie weit genug von der Küste wegtrieben, dass das Donaudelta am Schwarzen Meer sicherer wurde. Seither können von Reni aus Schiffe die Donau aufwärts nach Europa fahren – oder flussabwärts ins Schwarze Meer. Der Hafen von Reni gilt als vergleichsweise sicher, weil er unmittelbar an den Grenzen zu Rumänien und der Republik Moldau liegt. Sollte Russland bei einem Raketenangriff auf Reni das Ziel auch nur um ein paar Meter verfehlen, wäre also Nato-Gebiet getroffen.

Deshalb wartet Lastwagenfahrer Dima jetzt mit Tausenden anderen regelmässig tagelang auf dem matschigen oder staubigen Parkplatz vor dem Hafen darauf, sein Getreide im Hafen von Reni abzuladen. Das läuft so, erzählt er: Man fährt einfach hin, stellt sich in die kilometerlange Schlange oder sucht sich irgendwo einen freien Platz. Man registriert sich am Hafen. Und dann wartet man. Bis einer anruft. Manchmal dauere das zwei, drei Tage, einmal habe Dima ganze 18 Tage hier verbracht, sagt er. «Da habe ich zum Glück ein bisschen weiter draussen geparkt, an einem kleinen Seitenfluss», sagt der 33-Jährige. «Dort konnten wir wenigstens angeln und Fisch essen.» Viel zu tun gibt sonst nicht.

Sich im Ort Reni umzuschauen, ist nicht verboten, aber es geht schnell. 18'000 Menschen leben hier, im Zentrum gibt es einen kleinen, gepflegten Park, ein Café, in dem niemand sitzt, und ein, zwei Geschäfte. Es sei ein friedlicher Ort, sagt Walentyna Jepitrop, die für eine der Firmen arbeitet, die im Hafen ansässig sind. Sie möchte nichts Konkretes über den Hafen erzählen, beteuert aber, Militär sei dort nicht aktiv, Soldaten bewachten nur den Zugang. 

Reni war zuletzt zu Sowjetzeiten wichtig für die Schifffahrt gewesen, verlor in den Neunzigerjahren aber an Bedeutung, weil die Seehäfen am Schwarzen Meer lukrativer waren. Die Verkehrswege durchs Meer sind kürzer als über den Fluss und die Schiffe in Reni können nur einen Teil dessen fassen, was die grossen Frachter im Meer laden können.

Damals, in den Neunzigerjahren, seien viele Hafenarbeiter entlassen worden, erzählt Jepitrop, vor dem Krieg seien es nur noch etwa 350 Angestellte gewesen. Denn 95 Prozent aller Getreideexporte hatten vor dem Krieg das Land über das Asowsche und das Schwarzes Meer verlassen. Doch dann kam die Invasion und mit ihr die russischen Kriegsschiffe, die die Häfen von Berdjansk und Mariupol im Asowschen Meer einnahmen sowie die Stadt Cherson an der Schwarzmeerküste. Die Ukraine verminte die eigene Küste, um die russischen Schiffe fernzuhalten. Der Frachtschiffverkehr im Schwarzen und im Asowschen Meer kam zum Erliegen.  

Für die Ukraine ist das ein Desaster, 18 Millionen Tonnen Getreide aus der vergangenen Saison liegen noch in den ukrainischen Silos. Viele Länder der Welt sind auf dieses Nahrungsmittel angewiesen und sonst von Hunger bedroht. Die Ukraine braucht das Geld, das die Exporte einbringen sollen, und von der aktuellen Ernte konnten bisher nur die ersten zehn Millionen Tonnen eingefahren werden, weil die Lagerkapazitäten fehlen.

Seit ein Teil des Getreides die Ukraine über Reni verlässt, gebe es wieder mehr zu tun, sagt Jepitrop. Der Hafen habe seine Schulden bezahlen können und sogar in neue Maschinen investiert. Sie glaubt, dass dieser Boom auch nach dem Krieg anhalten werde: «Wir haben sogar irgendwie davon profitieren können», sagt die 50-Jährige.

Weniger als die Hälfte des Vorkriegsniveaus

Auch Alla Stoyanowa will gern Erfolge verkünden. Sie ist Direktorin der Agrarabteilung in der Verwaltung der Region Odessa, zu der auch Reni zählt. Zum Interview bittet sie auf eine Bank im Gang des Verwaltungsgebäudes, weil gerade Luftalarm ist, darf sie nicht in ihr Büro in den oberen Stockwerken. «So haben wir wenigstens ein bisschen mehr Zeit für das Gespräch», sagt sie entschuldigend. Auf einem ihrer Fingernägel hat sie den Umriss der Ukraine lackiert, darüber eine Weizenähre.

Details und Zahlen sind ihr Ding: Über die Donau und auf dem Landweg habe man noch im März nicht mehr als 200'000 Tonnen Getreide exportiert, sagt sie. Im Juni seien es, auch dank Reni, dann schon 2.2 Millionen Tonnen gewesen. Allerdings ist das weit weniger als die Hälfte des Vorkriegsniveaus. «Vor dem Krieg haben wir im Monat zwischen fünf und sechs Millionen Tonnen Getreide exportiert», sagt sie – und meint damit über alle Häfen der Region.

Jetzt auf

Auch wenn der Hafen verbotenes Gebiet ist, ein Stück die Donau hinauf kann man westlich von Reni zumindest bis ans Flussufer laufen, ohne Ärger zu bekommen. Jedenfalls weniger als eine Gruppe Jugendlicher um die 13 Jahre, die sich hier zum Angeln und heimlichen Rauchen versteckt hat. Flussauf und flussab sieht man Schiffe, Schiffe, Schiffe, die auf die Einfahrt in den Hafen warten, vor allem um beladen zu werden. Vergangene Woche lagen laut der Website Vesselfinder 40 Schiffe in Reni, die meisten davon Frachter.

Wenn es für den Lastwagenfahrer Dima gut läuft, wird er bald auf einem davon seine Ladung loswerden. Dann fährt er wieder zurück, um irgendwo in der Ukraine weiteres Getreide einzusammeln.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lolita
12.08.2022 22:27registriert März 2020
Putin, der Russe der lügt und lügt. Kein Wort kann man dem glauben. Gar keins.
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Dave1974
12.08.2022 22:08registriert April 2020
Ist das jetzt der 18. Artikel darüber was schon lange überholt ist?

Die Mikrowelten hungern nicht wegen diesem Scheiss dort oben. Die hungern auch sonst, weil man nicht fähig ist alle irgendwie gleichzustellen.
Geht nur um Geld. Food gibt es schon lange im Überfluss und wir opfern dafür unsere Welt. Auch die Zugänge sind meistens da und nicht mehr wie in den 70ern und 80ern nicht erschlossen.

2014 genug Essen für 4 Mal Erdbevölkerung. Geht nur noch um Kohle.
Mit 300 Stutz rund 20 Familien für ein viertel Jahr versorgen spricht da Bände. Irgendwie eklig.
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