DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Critical Race Theory» in den USA – aka die Weissen schonen

Wie darf an US-Schulen über Rassismus gesprochen werden? Konservativ regierte Staaten wollen das über Gesetze eingrenzen – und instrumentalisieren damit eine alte Denkschule.
02.07.2021, 21:39
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Der Schwarze George Floyd wird von einem weissen Polizisten getötet. Zehntausende Menschen gehen in den USA auf die Strassen. Black Lives Matter – Schwarze Leben zählen. Donald Trump spricht als Präsident über das «China-Virus» und meint Corona. Wie erklären Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülerinnen und Schülern, was da in ihrem Land los ist, wie thematisieren sie den Rassismus in den USA?

In Oklahoma ab sofort nicht mehr so, dass Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Hautfarbe «Unbehagen, Schuldgefühle oder Kummer empfinden» könnten. Dafür soll in dem republikanisch regierten Bundesstaat seit dieser Woche ein neues Gesetz sorgen.

Gegnerinnen der «Critical Race Theory» (CRT) in Kalifornien.
Gegnerinnen der «Critical Race Theory» (CRT) in Kalifornien.
Bild: keystone

Gemeint sind vor allem weisse Schülerinnen und Schüler. Wenn es im Unterricht um Rassismus geht, sollen die Lehrerinnen und Lehrer nun sicherstellen, dass die Weissen sich nicht schuldig fühlen müssen als Teil einer rassistisch handelnden Gruppe. Konkret heisst es im Gesetzestext, dass «kein Lehrer ... die folgenden Konzepte zum Bestandteil eines Kurses machen darf:

  • a) dass eine race oder ein Geschlecht einer anderen race oder einem anderen Geschlecht von vornherein überlegen ist ...
  • b) dass ein Individuum aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts von Natur aus rassistisch, sexistisch oder repressiv ist, ob bewusst oder unbewusst».

Die Vermittlung der Geschichte der Versklavten im Land, der Bürgerrechtsbewegung und auch der aktuellen Fälle von rassistischer Polizeigewalt und strukturellem Rassismus wird unter diesen Voraussetzungen schwierig.

In Tulsa in Oklahoma jährte sich gerade zum hundertsten Mal das Tulsa Race Massacre, bei dem ein weisser Mob Häuser und Geschäfte von Schwarzen Bürgerinnen und Bürger angriff. Sie zerstörten ein ganzes Stadtviertel und verletzten mehr als 800 Menschen. Historikerinnen und Historiker schätzen, dass bis zu 300 Menschen starben.

Der 1. Juni 1921: Das «Tulsa Race Massaker» hinterliess zerstörte Schulen und Einkaufsläden.
Der 1. Juni 1921: Das «Tulsa Race Massaker» hinterliess zerstörte Schulen und Einkaufsläden.
Bild: keystone

Welche Worte sollen Lehrkräfte über die Geschichte des eigenen Bundesstaates finden, ohne von den Überlegenheitsgefühlen der Weissen und bewusstem, tödlichem Rassismus zu sprechen? Falls sie es falsch machen, falls sie gegen das neue Gesetz verstossen, drohen ihnen jedenfalls Strafen. Welche genau, das soll die Schulbehörde noch festlegen.

Um das Gesetz Wählerinnen und Wählern zu vermitteln, vor allem den Eltern unter ihnen, haben die Republikaner es mit einem Begriff verknüpft, der für viele weisse US-Amerikanerinnen und -Amerikaner bedrohlich klingt: Man wolle die «Critical Race Theory» an Schulen unterbinden.

«Wir befinden uns in einem Kampf um die Zukunft unserer Kinder und unserer Enkelkinder.»
Kevin West

So sagte es Kevin West, republikanischer Abgeordneter und einer der Initiatoren des Gesetzes, im Parlament von Oklahoma. «Geben Sie sich keinen Illusionen hin. Wir befinden uns in einem Kampf um die Zukunft unserer Kinder und unserer Enkelkinder. Die Theorien und Lehren der Critical Race Theory, dieser Lehrplan (...) das geht gegen alles, worauf diese Nation gegründet wurde und was wir aufrechterhalten wollen.»

Denkschule aus den Siebzigerjahren

«Critical Race Theory» ist für konservative Politiker und Aktivistinnen das geworden, was in den USA ein «catchall» Wort genannt wird: ein einziges Schlagwort, mit dem sich alle Emotionen und Ressentiments des eigenen Lagers aktivieren lassen. Ein Begriff, der akademisch genug klingt, um zu verschleiern, dass es eigentlich darum geht, es mit der Rassismusaufklärung nicht zu übertreiben.

Dabei geht es in der «Critical Race Theory» eigentlich um etwas ganz anderes.

Die Denkschule entstand in den Siebzigerjahren aus einer juristischen Debatte heraus. Damals kritisierte Derrick Bell, Professor an der Harvard Law School, dass die Gesetzesänderungen und Liberalisierungen, die aus der Bürgerrechtsbewegung entstanden waren, nicht ausreichend seien, um die rassistische Ungerechtigkeit im Land tatsächlich zu beheben.

Im Gegenteil, er und andere glaubten und glauben, dass die Gesetze und das ganze staatliche Handeln der USA den Rassismus im Land eher verfestigen und reproduzieren. Die Anhängerinnen der «Critical Race Theory» glauben, dass es echte Gleichberechtigung allein durch Gesetzesänderungen deshalb nicht geben könne. Ihre akademischen Kritiker wiederum werfen ihnen Einseitigkeit vor, weil auch andere Faktoren als die Hautfarbe die Ungleichheit in den USA und die Gesetze des Landes beeinflussten.

«‹Critical Race Theory› ist eine Theorie über das Verhältnis zwischen Gesetzen und rassistischer Ungleichheit», sagt Khiara Bridges, Juraprofessorin an der Universität Berkeley, die ein Buch dazu geschrieben hat. «Es ist ein progressives Denken über Rassismus und in einigen Kreisen ist man bereit, das radikal zu nennen», sagt Bridges.

Mit Schulunterricht haben diese akademischen Debatten nichts zu tun. Aber zu glauben, dass Lehrer so etwas an Schulen unterrichten würden, sei in etwa so, als würde man Kindergartenkindern Quantenphysik beibringen wollen, sagt Bridges. 

Doch das Label eignet sich hervorragend für eine weitere Kulturkampfrunde auf dem Weg zu den Zwischenwahlen im US-Kongress im kommenden Jahr. «‹Critical Race Theory› klingt beängstigend und wie etwas, wogegen man moralisch aufrecht in Opposition gehen kann», sagt Bridges. «Das ist ein Grund, warum dieser spezielle Begriff bei so vielen Menschen eine solche Glaubwürdigkeit hat.»

Der TV-Sender Fox News hat den Begriff laut Washington Post in diesem Jahr mehr als 1'800-mal erwähnt. 2020 kam er nur 132-mal vor. Der konservative Aktivist Christopher Rufo twitterte im März: «Das Ziel ist es, dass Menschen irgendetwas Verrücktes in der Zeitung lesen und sofort denken: ‹Critical Race Theory›. Wir haben den Begriff decodiert und werden ihn mit einer ganzen Reihe kultureller Konstrukte verbinden, die in Amerika unpopulär sind.»

Als Ex-Präsident Trump am vergangenen Wochenende vor Anhängerinnen in Ohio auftrat, sprach er mehrfach von Critical Race Theory und forderte ein Verbot in Schulen, in Militärakademien und in der Regierung. Die Menschen jubelten. Sehr wahrscheinlich ohne zu wissen, was der Begriff eigentlich meint. Für sie geht es darum, ihr weisses Weltbild einer grossartigen Nation aufrechtzuerhalten. Ein Weltbild, das sie meinen, gegen alle zu verteidigen müssen, die sie als Angreifer und Schlechtmacher empfinden.

Vier weitere Bundesstaaten haben bereits ähnliche Gesetze wie in Oklahoma verabschiedet, in mehr als einem Dutzend weiteren sind entsprechende Vorstösse ins Parlament eingebracht worden. In Tennessee sagte der republikanische Gouverneur Bill Lee, Schüler sollten etwas über «die Aussergewöhnlichkeit unserer Nation» lernen und nicht etwas über Dinge, die «von Natur aus die Menschen trennen».  Auch dort trat diese Woche ein entsprechendes Gesetz in Kraft.

«Warum haben wir jetzt eine Panikattacke?»

Was heisst all das für die Praxis an den Schulen? In Oklahoma hat es laut Schulbehörde bislang noch nie eine Beschwerde gegeben, dass «Critical Race Theory» unterrichtet worden sei. Die Oklahoma State School Boards Association, die die Interessen von öffentlichen Schulen vertritt, hat nun einen kurzen Ratgeber veröffentlicht, wie mit dem neuen Gesetz umzugehen sei, und betont darin, dass es weiterhin nicht verboten sei, über Rassismus zu sprechen. Doch über das Wie müssen Lehrkräfte nun neu nachdenken. Am Ende des Ratgebers verweist die Organisation zur Sicherheit noch auf ihre Rechtsberatung für Lehrerinnen und Lehrer.

In Utah, wo das Parlament ein ähnliches Gesetz diskutiert, ist Natalie Cline Mitglied des 15-köpfigen Utah State Board of Education, das sich um die Richtlinien an Bildungseinrichtungen kümmert. Auf Facebook postete sie im November: «Warnung: Black Lives Matter Indoktrination kommt an eine Schule in Ihrer Nähe! … Ich werde dafür kämpfen, um das aus Utahs Schulen herauszuhalten!» Immer wieder ruft sie dazu auf, die «marxistische ‹Critical Race Theory›» an Schulen zu stoppen. Demokratische Abgeordnete verliessen bei einer Debatte über die Gesetzeslage Ende Mai aus Protest das Parlament.

Jetzt auf

Auch auf Bundesebene, in Washington D.C., ist der Kulturkampf längst angekommen. Matt Gaetz, konservativer Abgeordneter und Trump-Loyalist, brachte die Warnung vor der Critical Race Theory in der Debatte darüber unter, ob und wie an der United States Military Academy mit dem Thema Rassismus umzugehen sei. Die renommierte Hochschule bildet einen grossen Teil des Offiziernachwuchses in den USA aus.

Doch Gaetz hatte nicht mit dem Widerspruch von General Mark Milley gerechnet: «Ich möchte die weisse Raserei verstehen, und ich bin weiss, und ich möchte sie verstehen», sagte der Vorsitzende der Stabschefs des Militärs, die den Präsidenten beraten. Gaetz meinte dabei die Gegenwart, nicht die Vergangenheit der USA. «Was ist es also, das Tausende dazu veranlasst hat, dieses Gebäude (das Kapitol) zu stürmen und zu versuchen, die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika zu stürzen? Das will ich herausfinden ... Es ist wichtig für unser Militär.»

Weisse Raserei? Lehrerinnen und Lehrer in Oklahoma, Tennessee, Texas und anderen Staaten müssen ihre Worte jetzt sehr viel vorsichtiger abwägen als General Milley. Das Oklahoma City Community College hat einen Sommerkurs zum Thema Rassismus vorsorglich vom Lehrplan gestrichen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA

1 / 17
Gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA
quelle: getty images north america / joe raedle
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Der tiefe Fall des Hipster-Nazis Richard Spencer

Der ehemalige Chefideologe der Alt-right-Bewegung ist pleite – und getraut sich nicht mehr auf die Strasse.

Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten versammelte Richard Spencer die Seinen in Washington und hielt eine feurige Rede. Sie endete mit dem Ausruf «Heil Trump». Verschiedene seiner Anhänger hoben dazu ihre Hände zum Hitler-Gruss.

Ein Video dieses Anlasses ging viral und machte Spencer kurzfristig zu einer nationalen Figur. Zuvor hatte er sich schon als Chefideologe der Alt-right-Bewegung profiliert. Diese Bewegung kann man auch als Hipster-Nazis bezeichnen. Sie treten nicht kahl geschoren …

Artikel lesen
Link zum Artikel