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Pakistanische Panzer sichern die Grenze zu Afghanistan, in Chaman (Pakistan), 12. August 2021.
Pakistanische Panzer sichern die Grenze zu Afghanistan, in Chaman (Pakistan), 12. August 2021.
Bild: keystone

Die Taliban erobern Afghanistan – was das für die 5 Nachbarländer bedeutet

In Kabul herrschen jetzt die Taliban. Viele Afghaninnen und Afghanen wollen flüchten. Erstes Ziel sind die Anrainer. Ein Überblick zu den fünf Nachbarländern Afghanistans.
17.08.2021, 22:48
Steffen Richter / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Über Jahrzehnte war und ist das Leben in vielen Regionen Afghanistans geprägt von gewaltsamen Konflikten, von Bürgerkrieg, Armut und von Korruption. Die Folge: Viele Afghaninnen und Afghanen sind aus dem Land geflohen – laut dem UN-Flüchlingshilfswerk UNHCR leben 2.6 Millionen Geflüchtete in anderen Staaten. Angesichts der aktuellen Krise seien Zivilisten bislang nur in kleinerer Zahl in die Nachbarländer geflohen, doch die Situation entwickle sich schnell. Die UN-Organisation rief die Anrainer Afghanistans dazu auf, die Grenzen nicht zu schliessen und den völkerrechtlichen Grundsatz zu beherzigen, Menschen nicht in Gefährdungssituationen zurückzuschicken. Doch die Nachbarn fürchten vor allem Instabilität. Wie sind sie auf die neue Lage in Afghanistan vorbereitet?

Pakistan

Macht Grenzposten dicht

Pakistan hat nach Angaben des Innenministeriums den wichtigen Grenzübergang Torkham ins benachbarte Afghanistan geschlossen. Tausende afghanische Geflüchtete sollen dort jetzt festsitzen. Dennoch gehört Pakistan zu den wenigen Staaten, die jahrzehntelang die überragende Mehrheit afghanischer Flüchtlinge bereitwillig aufgenommen haben.

Von den 2.7 Millionen afghanischen Flüchtlingen, die vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR registriert wurden, befinden sich 1.4 Millionen in Pakistan. Bereits Anfang Juli mit den sich abzeichnenden militärischen Erfolgen der Taliban hiess es von pakistanischen Geheimdienstlern, dass es erste Vorbereitungen für die Reaktivierung von Flüchtlingslagern gebe.

Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan in Chaman.
Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan in Chaman.
Bild: keystone

Auf afghanischer Seite haben die Taliban den Grenzposten Torkham erobert. Sie kontrollieren damit alle grossen Grenzübergänge, die aus Afghanistan herausführen. Pakistan hat mit ungefähr 2'450 Kilometern eine extrem lange und umstrittene Grenze zum Nachbar Afghanistan, die im vorletzten Jahrhundert willkürlich von der britischen Kolonialmacht gezogen wurde. Sie führt durch Paschtunen-Gebiet, der dominierenden Volksgruppe Afghanistans.

Die Grenze ist schwer zu kontrollieren, auch weil auf beiden Seiten die gleiche Volksgruppe lebt. Nachdem die Taliban in Afghanistan 2001 von der Macht vertrieben wurden, fanden viele Islamisten Zuflucht in den autonomen Paschtunen-Gebieten beim Nachbarn. Gleichzeitig wurde der pakistanische Zweig der Taliban zu einem erheblichen Sicherheitsrisiko, nach 2001 verübten sie Anschläge in Pakistan mit Tausenden Toten. Pakistans Behörden geht es bei der Grenzkontrolle daher auch stark um Sicherheit.

Iran

Pufferzonen für afghanische Flüchtlinge

Nach Angaben des UNHCR befinden sich rund 780'000 registrierte Flüchtlinge aus Afghanistan im Iran. In beiden Staaten herrschen jetzt islamistische Gewaltherrscher, im Iran die Kleriker, in Afghanistan die Taliban. Das Verhältnis zwischen ihnen gilt als schlecht. Geflüchtete aus Afghanistan sind dem Iran dabei nicht neu: Bereits nach der sowjetischen Invasion 1979 hatte man über drei Millionen afghanische Flüchtlinge einreisen lassen. Wegen des Eroberungszugs der Taliban-Milizen wurden jetzt an der 910 Kilometer langen Grenze Pufferzonen für Geflüchtete aus dem Krisenstaat eingerichtet.

«Wir haben schon vor zwei Monaten mit einer neuen Flüchtlingswelle aus Afghanistan gerechnet und daher schon damals mit der Einrichtung von provisorischen Pufferzonen an den drei Grenzübergängen begonnen», sagte ein Sprecher vor ein paar Tagen der staatlichen Nachrichtenagentur Irna. Die drei Pufferzonen an den Grenzübergängen im Nord- sowie Südosten des Landes sollen afghanischen Flüchtlingen vorerst Schutz und Sicherheit bieten.

Die Türkei errichtet eine Mauer an der Grenze zum Iran, hier ein Abschnitt in Van, Ost-Türkei, 15. August 2021.
Die Türkei errichtet eine Mauer an der Grenze zum Iran, hier ein Abschnitt in Van, Ost-Türkei, 15. August 2021.
Bild: keystone

Jedoch sollen die Geflüchteten wieder zurückgeschickt werden: «Sobald sich die aktuelle Situation wieder entspannt hat, können die Flüchtlinge dann von dort aus wieder in ihre Heimat zurückkehren», sagte ein Regierungssprecher Teherans. Wegen der Corona-Pandemie und der schweren Wirtschaftskrise gilt es als eher unwahrscheinlich, dass die iranischen Behörden erneut viele Flüchtlinge ins Land lassen werden. Das umso mehr, als dass auf der anderen Seite des Landes die Türkei eine Grenzmauer zum Iran ausbauen will, damit keine afghanischen Migranten mehr über den Iran in die Türkei kommen. Bislang sollen rund 1'000 Migranten am Tag illegal die Grenze vom Iran in die Türkei überqueren, nach dem militärischen Erfolg der Taliban dürften es noch mehr werden.

«Bitte helft uns» – zwei Betroffene aus Kabul schildern uns ihre Ängste

Video: watson/leb, aya

Turkmenistan

China soll jetzt Stabilität geben

Turkmenistan ist einer der verschlossensten Staaten der Welt, kaum ein Ausländer darf hinein. Das gilt auch für die 740 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan. Auf beiden Seiten leben Turkmenen, dennoch werden im Vergleich zu Pakistan oder dem Iran wenig afghanische Flüchtlinge reingelassen. Zwar ist Turkmenistan eine ehemalige Sowjetrepublik, doch im Zuge des sich abzeichnenden Vormarsches der Taliban in Afghanistan suchte die Führung des Landes im Frühsommer den Kontakt mit China.

Präsident und Diktator Gurbanguly Berdimuhamedow traf sich im Juni mit Aussenminister Wang Yi, um eine potenzielle Bedrohung durch die Taliban-Islamisten zu besprechen und wie China Turkmenistan helfen könne. Dabei sollen auch private Militärfirmen aus China in Betracht gezogen worden sein, die bereits zum Schutz chinesischer Infrastrukturprojekte in Turkmenistan zum Einsatz kommen und auch die Grenze zu Afghanistan mit beschützen könnten.

Der chinesische Aussenminister Wang Yi traf sich auch mit den Taliban.
Der chinesische Aussenminister Wang Yi traf sich auch mit den Taliban.
Bild: keystone

Anfang Juli dann hatte Turkmenistan seine Armee an die afghanische Grenze verlegt, um eventuelle Flüchtlingsbewegungen aus dem Nachbarland zu blockieren. Allerdings ist die Armee klein und gilt als unzuverlässig. Um ein Flüchtlingsdrama an der Grenze zu verhindern, spricht die Führung des Landes auch mit den Taliban.

Zudem lebt Turkmenistan vom Energieexport wie Strom und Gas und ist bei den Einnahmen fast komplett abhängig von China. Auch deshalb trafen sich bereits im Februar Regierungsvertreter mit einer Delegation der Taliban, um den Bau einer Gaspipeline aus Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan bis nach Indien zu besprechen, genauso wie Hochspannungsleitungen über Afghanistan bis Pakistan. Die Islamisten aus Afghanistan versprachen, die Projekte zu unterstützen. Turkmenistan hält sich also alle Optionen offen.

Usbekistan

Ziel afghanischer Militärs

Die Ex-Sowjetrepublik Usbekistan hat im Süden eine eher kleine Grenze von 135 Kilometern mit Afghanistan. Sie ist aber ein beliebtes Ziel der afghanischen Militärs, die vor den Taliban fliehen. Vergangenes Wochenende sind nach Behördenangaben 22 Militärflugzeuge und 24 Hubschrauber mit zusammen 585 afghanischen Soldaten in Usbekistan angekommen.

84 afghanische Soldaten waren zudem auf dem Landweg in die Ex-Sowjetrepublik geflohen, 158 Zivilisten hätten illegal die Grenze überquert. Auch Aschraf Ghani, bis vor Kurzem Präsident in Kabul, ist einem Medienbericht zufolge in die usbekische Hauptstadt Taschkent geflüchtet.

Die Grenzregion zwischen Usbekistan und Afghanistan.
Die Grenzregion zwischen Usbekistan und Afghanistan.
Bild: keystone

Doch wie alle anderen Nachbarstaaten auch fürchtet die usbekische Führung den Einfluss der militanten Islamisten in Afghanistan. Im afghanischen Grenzgebiet zum Nachbarn leben Usbeken und es ist gut möglich, dass viele jetzt vor den Taliban in den Norden fliehen wollen. Die Usbeken haben deswegen ihre Sicherheitskräfte an der Grenze aufgestockt. Im Gegensatz zu den Turkmenen, die sich an China anlehnen, will die usbekische Führung aber die Sicherheitskooperation mit Russland ausbauen.    

Tadschikistan

In Zentralasien die ärmsten

Jetzt auf

Bereits Anfang Juli sind mehr als 1'000 afghanische Soldaten vor den islamistischen Talibankämpfern in die Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan geflohen. Es war die bisher grösste Zahl an Menschen innerhalb eines Tages, die sich in Sicherheit bringen wollte. Daraufhin liess die Regierung Tadschikistans 20'000 Reservisten für den Schutz der Grenze mobilisieren. Bereits in den Tagen zuvor waren Angehörige der afghanischen Regierungstruppen in der Grenzprovinz Badachschan vor den Taliban geflüchtet. Zuletzt am Montag durften mehrere Militärmaschinen mit mehr als 100 afghanischen Soldaten an Bord im Süden Tadschkistans landen.

Die ehemalige Sowjetrepublik hat eine 1'300 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan und ist eines der ärmsten Länder Asiens. Die Versorgung von Flüchtlingen – zwei provisorische Flüchtlingslager wurden gerade eingerichtet – ist für das Land eine grosse finanzielle Belastung. Wie alle anderen Anrainer fürchtet man bei wachsender Instabilität in Afghanistan das Einsickern von militanten Islamisten wie auch Kriminellen. Auch die Tadschiken suchen angesichts der Verschlechterung der Sicherheitslage im Süden deswegen Schutz bei Russland, das in Tadschikistan eine grosse Militärbasis unterhält. Um ein Zeichen der Zusammenarbeit zu setzen, haben die Russen vor einer Woche mit Usbekistan ein gemeinsames Militärmanöver in Tadschikistan abgehalten.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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Hat Joe Biden die Taliban unterschätzt? Offensichtlich ja.

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Kommentar

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