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Oleksandr Wilkul, Bürgermeister.
Oleksandr Wilkul, Bürgermeister.bild: Sasha Maslov

Die Abtrünnigen, die gegen Putin kämpfen

Sie galten als putinnah, doch nun kämpfen viele einst prorussische Politiker gegen Russland. Wie Oleksandr Wilkul, der Bürgermeister von Wolodymyr Selenskyjs Geburtsort.
11.06.2022, 20:3911.06.2022, 20:46
Olivia Kortas, Christian Bangel, Sasha Maslov / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Der neue Oleksandr Wilkul riecht nach Zigarettenqualm. Er hat einen Fünftagebart, auf dem Kopf trägt er ein tarnfarbenes Bandana. Und wie er so dasitzt, vor einer zerknitterten Landkarte seiner Region, wirkt er auf eine seltsame Weise selbstsicher und nervös gleichzeitig.

Es ist Sonntag in der südostukrainischen Grossstadt Krywyj Rih, Bürgermeister Wilkul sitzt in seinem provisorisch eingerichteten Krisenbüro. Etwa 50 Kilometer südlich von hier wird seit Wochen geschossen. Wilkul ist der zivile und militärisch Verantwortliche hier. Erst am Vortag war er an der Front. Es gebe Schwierigkeiten an der Kontaktlinie, sagt sein Berater und Stellvertreter Sergiy Milyutin. Was für Schwierigkeiten genau, will er nicht sagen. Der neue Wilkul muss Geheimnisse wahren, damit die Russen, mit denen der alte Wilkul sympathisierte, keinerlei militärisch relevante Informationen aus seinen Worten ziehen können.

Es gibt im Internet Bilder des alten Oleksandr Wilkul. Von denen des neuen unterscheiden sie sich so sehr, dass man schon wissen muss, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Dort ein streng gescheitelter Politiker mit rahmenloser Brille und Krawatte, hier der unrasierte Mann im engen Shirt, der wie direkt aus dem Panzer gestiegen aussieht, Rollenvorbild: Selenskyj. Zeitlich liegen zwischen den Bildern nur Jahre, politisch sind es Welten.

Der alte Oleksandr Wilkul, Mitglied der prorussischen Partei Oppositionsblock, war ein opportunistischer Politiker, der sich von Putins Freunden in der Ukraine hofieren liess und den Westen auf Abstand hielt. Er hatte unter dem prorussischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch Karriere gemacht, der ihn 2012 zum Vizepremier ernannte.

Bombenkrater in Kiew.
Bombenkrater in Kiew.Bild: keystone

Anders als die meisten seiner Kabinettskollegen blieb Wilkul in der Ukraine, nachdem Janukowitsch verjagt worden war, und hielt für ein paar Jahre still, bevor er erfolgloser Präsidentschaftskandidat wurde. Seine russlandfreundliche Linie blieb: Jahrelang sprach er sich für eine «Normalisierung» der Beziehungen zu Russland aus, auch nach dem Kriegsbeginn im Jahr 2014.

Immer wieder forderte er, die wirtschaftlichen Verflechtungen zu Russland nicht zu kappen. Und in seinem Wahlprogramm versprach er, den Krieg im Osten des Landes in nur 100 Tagen zu beenden und danach Wahlen in den besetzten Gebieten durchzuführen – auch ohne Abzug der russischen Truppen.

Der neue Wilkul

Doch spätestens im Jahr 2022 verschwand dieser prorussische Politiker, und es trat ein neuer Wilkul hervor: Ein Anführer im Kampf gegen Russland. Seine Heimatstadt Krywyj Rih, das Tor zum Donbass, war gleich zu Kriegsbeginn ein Ziel der russischen Angriffe. Die 650'000-Einwohner-Stadt hat neben der militärischen auch eine hohe symbolische Bedeutung. In einem Block im Zentrum von Krywyj Rih wuchs der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf.

Blick aus der S-Bahn von Krywyj Rih, 4. Juni 2022.
Blick aus der S-Bahn von Krywyj Rih, 4. Juni 2022.zeit online / sasha maslov

Seit Jahren schon haben in der Arbeiterstadt Krywyj Rih die Wilkuls das Sagen. Wilkuls Vater Jurij war von 2010 bis 2020 Bürgermeister der Stadt. Seit August 2021 ist Oleksandr Wilkul das gewählte Stadtoberhaupt, nachdem der Nachfolger seines Vaters nach kurzer Zeit im Amt unter ungeklärten Umständen verstarb.

Es war ausgerechnet an Wilkul, die Übergabe der Stadt an die Russen abzulehnen und ihre Verteidigung zu organisieren. Und das tat er. «Wir hatten keine Armee, sondern nur 600 Leute der Nationalgarde und zwei Mörser», erinnert sich Wilkul, «klar hatte ich Angst, dass die Stadt eingenommen wird».

Der Bürgermeister liess am ersten Tag des Krieges schwere Baumaschinen auf der Landebahn des Flughafens platzieren und die Zufahrtsstrassen in die Stadt blockieren. «Es war die richtige Entscheidung, denn schon am 25. Februar versuchten die Russen, mit einem Transportflieger und drei Kampfflugzeugen zu landen», sagt Wilkul. Präsident Selenskyj, bis dato politischer Konkurrent Wilkuls, ernannte ihn an Tag drei des Kriegs zum Leiter der Militärverwaltung in Krywyj Rih.

Abwerbungsversuche

Wilkul will in diesen Tagen mehreren russischen Anwerbungsversuchen widerstanden haben. In den ukrainischen Medien verbreitete er eine Anekdote, die auch die «New York Times» zitiert. Demzufolge erreichte ihn am Nachmittag des 25. Februar ein Anruf per WhatsApp von einer ukrainischen Nummer. Es war Witalij Sachartschenko, der in der Janukowitsch-Regierung Innenminister war, später für die tödlichen Polizeieinsätze auf dem Maidan verantwortlich gemacht wurde, und nach Russland floh.

Es gibt keine Zeugen für das Gespräch, doch Wilkul zufolge unterbreitete Sachartschenko seinem ehemaligen Kollegen ein Angebot. «Sieh dir die Karte an, die Situation ist vorgezeichnet», soll er gesagt haben. Wenn Wilkul einen Freundschaftsvertrag unterzeichne und mit Russland zusammenarbeite, dann werde er ein grosser Politiker in der neuen Ukraine werden.

Wilkul schmunzelt, wenn er nach dem Anruf gefragt wird. «Ich habe auf eine Art geantwortet, die zensiert werden müsste», sagt er. Mit ihm, das ist die Botschaft, ist für die Russen keine Kollaboration möglich.

Wilkul ist nicht der einzige ukrainische Politiker, der sich in jüngster Zeit radikal gewandelt hat. Jede Zeitenwende, und davon hatte die Ukraine einige in den letzten Jahrzehnten, hinterlässt Politiker, deren Ansichten plötzlich als inakzeptabel gelten. Schon die Orangene Revolution und knapp zehn Jahre später der Maidan stellten die Legitimität prorussischer Positionen in der Ukraine infrage. Aber noch nie hatten die vielen russlandfreundlichen Politiker, die in der Ukraine sogar schon Mehrheiten bei Präsidentschaftswahlen erreichten, so wenige Optionen wie nach dem 24. Februar. Ihnen blieb die unzweideutige Verurteilung der Invasion oder die Flucht nach Moskau. In den besetzten Gebieten bietet sich auch die Zusammenarbeit mit den Angreifern an, doch wer eine politische Zukunft in der Ukraine will, kann sich keinerlei Form der Sympathie gegenüber Russland mehr leisten.

Das wissen auch mächtige Politiker, die jahrzehntelang als Freunde des Kreml galten, etwa der prorussische Präsidentschaftskandidat Jurij Boiko, Chef der Partei Oppositionsplattform, der bei der letzten Wahl mit 11.54 Prozent Viertplatzierter wurde. Die Oppositionsplattform unterstützte bis vor Kurzem die Umsetzung des Minsker Abkommens nach russischer Lesart und bewarb eine russische Auslegung der Geschichte. Noch 2019 traf Boiko sich öffentlichkeitswirksam mit dem damaligen russischen Ministerpräsidenten Dmitiri Medwedew und Gazprom-Chef Alexej Miller. Der inzwischen festgenommene Oligarch und Putin-Freund Wiktor Medwedtschuk war sein Co-Vorsitzender.

Eine Werbetafel in Krywyj Rih. Der Text lautet übersetzt: «Russische Soldaten sind hier nicht willkommen. Statt Blumen warten Kugeln auf Euch. Haut ab! Kehrt zurück zu Euren Familien.»
Eine Werbetafel in Krywyj Rih. Der Text lautet übersetzt: «Russische Soldaten sind hier nicht willkommen. Statt Blumen warten Kugeln auf Euch. Haut ab! Kehrt zurück zu Euren Familien.»bild: Sasha Maslov

Heute sagt Boiko, eine Normalisierung des Verhältnisses mit Russland sei «nicht mehr möglich». Die Ukraine müsse «mithilfe des Westens» wiederaufgebaut werden. Nicht einmal, dass der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat seine Partei kurz nach Kriegsbeginn für die Dauer des Kriegsrechts verbot, will Boiko kritisieren. «Die brauchten einen Sündenbock», sagt er. «Aber jetzt gibt es keine prorussischen Parteien mehr.»

Auch andere bedeutende ehemals russlandfreundliche Politiker wie Hennadij Truchanow, der Bürgermeister von Odessa, und Ihor Terechow, sein Amtskollege aus Charkiw, stehen spätestens seit dem 24. Februar an der Seite von Präsident Selenskyj.

Kollaborateure

Nur selten erfüllte sich die russische Hoffnung auf Kollaboration von ukrainischen Politikern. In der Oblast Cherson etwa wurde am 26. April Wolodomyr Saldo, Ex-Bürgermeister der Stadt und früher Mitglied in Janukowitschs Partei der Regionen, zum Chef der russischen Besatzungsverwaltung ernannt. In der Region Saporischschja, die teils besetzt ist, gilt Jewgen Balitsky den Besatzern als neuer Chef der Region. Er sass zuvor im ukrainischen Parlament und war Mitglied der prorussischen Partei Oppositionsblock, der auch Wilkul angehörte.

Laut dem ukrainischen Innenminister Denys Monastyrskyj ermitteln die ukrainischen Behörden in 540 Fällen gegen mutmassliche Kollaborateure. Dazu zählen auch Bürgermeister kleinerer Orte, die unter der Besatzung nicht geflohen sind, oder Studierende, die sich für den Sieg der russischen Angreifer aussprachen. «Wir können sagen, dass dieses Problem mit Kollaborateuren für uns nicht fatal geworden ist», sagte Monastyrskyj vergangene Woche im Fernsehen.

Angesichts des immensen Drucks auf Politiker, die der Sympathien zu Russland verdächtigt werden, stellt sich die Frage, ob die nun aus Überzeugung oder aus Opportunismus Russland verdammen. Ob sie wirklich die Demokratie preisen oder das eher Zugeständnisse an die Lage sind, wird für die Nachkriegsordnung der Ukraine nicht ganz unwichtig, ganz besonders, wenn es ihnen gelingen sollte, prägende politische Figuren zu bleiben.

«Die wichtigste Veränderung in der politischen Zukunft der Ukraine wird sein, dass prorussische Kräfte verschwinden werden», schätzt der ukrainische Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko. «Nach 2014 war das prorussische Lager geschwächt, es hatte keine Möglichkeit mehr an die Macht zu kommen, aber es existierte. Das wird jetzt nicht mehr möglich sein.»

Fesenko unterscheidet zwischen Politikern der älteren Generation und jüngeren Politikern wie Oleksandr Wilkul: «Politiker mit langer prorussischer Geschichte wie Jurij Boiko werden versuchen, neutrale Positionen einzunehmen und sich als hospodarnyki darzustellen, als eher unpolitische Manager, die für die Bürger wirtschaften.» Ihre politische Zukunft hänge davon ab, ob die Ukrainerinnen und Ukrainer ihnen die langjährige Nähe zu Russland verzeihen können.

Für einen wie Oleksandr Wilkul dagegen sähe die politische Zukunft vielversprechender aus. Es wirke authentischer, wenn sich Politiker wie er prowestlich positionieren. «Wilkul war nie ideologisch prorussisch», sagt Fesenko. Der Machtpolitiker Wilkul habe eher auf Gesten und Symbole gesetzt: So feierte er das Ende des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai, wie in Russland, und nicht am 8. Mai, wie in der Ukraine. «Politiker wie Wilkul standen vor einer existenziellen Entscheidung», sagt Fesenko. Sie, die immer lavierten, aber im Zweifel in Richtung Kreml blickten, mussten jetzt ein für alle Mal zwischen dem Westen und Russland wählen. «Für sie war das eine echte Änderung ihrer Position.»

Wilkul selbst will heute nicht zugestehen, dass er einmal als prorussischer Politiker galt. Im Gespräch weicht er Fragen nach seinen Jahren in prorussischen Parteien aus. «Es gibt viele Schubladen», sagt er. «Viele glauben, man sei prorussisch, wenn man Russisch spricht.»

Wenn man ihn fragt, ob sich seit dem 24. Februar irgendeine seiner politischen Überzeugungen geändert hat, stützt er sein Kinn auf den verschränkten Händen ab, starrt sekundenlang auf die Landkarte und schweigt. «Davor dachte ich, für die Ukraine wäre der beste Platz ausserhalb der grossen Blöcke, so wie Finnland oder die Schweiz. Jetzt glaube ich, dass unser Platz nur in der Nato sein kann», antwortet er dann. Aber spricht man dann mit seinem engen Berater Milyutin über eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine, hört man noch einen Unterton: «Die EU hat keinen Platz für uns», sagt der bitter, «Versprechungen sind keine Taten».

Jetzt auf

Eine halbe Stunde hat Wilkul in seinem Büro Auskunft gegeben über sich und die Lage, nun schaut er zur Uhr. Ein Blickwechsel mit seinem Berater, die Botschaft ist klar: Wilkul hat jetzt keine Zeit mehr. Vor seinem Büro stehen zwei Dutzend Männer, in Zivilkleidung und in Uniform. Sie drängen in den Raum, sobald die Tür sich öffnet.

Während ich hinauskomplimentiert werde, sagt sein Berater das eigentlich abgemachte zweite Treffen ab. Schon am Vortag platzte die vereinbarte Fahrt durch die Stadt. Die angespannte militärische Lage lasse leider nichts anderes zu. «Alle Besprechungen sind streng geheim», erklärt Wilkul in seinem Büro stehend und fügt noch hinzu: «In ein paar Tagen werdet ihr verstehen, wieso.» Es klingt so vieldeutig, dass man auch glauben könnte, er rede über die ukrainische Zukunft und nicht über die Verteidigung seiner Stadt.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Russischer Ex-Offizier spricht über Ukraine und den Krieg

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rivka
11.06.2022 22:00registriert April 2021
Sie haben auch gemerkt, dass ein Leben in der russischen Föderation kein Zuckerschlecken ist. Mag sein, dass die Ukraine noch einen langen Weg hat bis sich das europäische System etabliert, aber das Volk kennt die Freiheit, das Internet ist grenzenlos oder sich im Social Media zu bewegen, ist kein Verbrechen. In Putins Reich ist das nicht möglich, ohne dass einem der brutale Überwachungsapparat über die Schulter schaut. Und ich frage mich, wer sich freiwillig einsperren möchte, während die ganze Welt miteinander verknüpft ist oder noch schlimmer, wer will im letzten Jahrhundert leben?
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Anmerkung am Rande
11.06.2022 21:01registriert Januar 2022
Die sind doch nicht abtrünnig.
Die sind einfach nur klüger.
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frank frei
11.06.2022 22:44registriert September 2018
Tja, es gibt Zeiten, da muss man seine Position überdenken und je nachdem, welche Schlussfolgerungen man zieht, über den Haufen werfen. Das ist gar nicht so einfach. Umso mehr beeindruckt mich Oleksandr Wilkul.

Die Ukrainer waren noch nie so geeint wie jetzt. Putin sei Dank. -;-)
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