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Das Geld wird knapp, die Verstecke auch: Vier Ortskräfte in Afghanistan erzählen

Noch immer sind Tausende afghanische Ortskräfte im Land ohne Hoffnung auf Ausreise. Hier berichten vier von ihnen, wie sie ihren Alltag unter den Taliban erleben.
14.09.2021, 08:57
Christian Vooren, Katharina Meyer zu Eppendorf, Linda Tutmann, Simon Wörz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Die Evakuierungsflüge sind seit dem 31. August beendet, die USA und alle anderen internationalen Truppen haben sich aus Afghanistan zurückgezogen. Noch rauszukommen ist extrem schwierig, zivile Flüge gibt es derzeit nicht. Doch es sitzen noch Tausende sogenannter Ortskräfte, die für internationale Stellen gearbeitet haben, im Land fest. Die Taliban könnten sie als Verräter bestrafen.

Taliban-Kämpfer in den Strassen Kabuls (Archivaufnahme).
Taliban-Kämpfer in den Strassen Kabuls (Archivaufnahme).
Bild: imago-images

Vier Betroffene erzählen vom Leben in ständiger Angst. Einige haben bereits vor wenigen Wochen mit uns gesprochen, andere äussern sich nun zum ersten Mal. Die Identitäten aller Personen sind der Redaktion bekannt, ihre Geschichten dort, wo es möglich ist, mit Dokumenten belegt. Mit westlichen Medien zu sprechen, ist für diese Menschen gefährlich. Um sie nicht zu gefährden, sind ihre Namen geändert, die Chatverläufe und Anruflisten haben die Männer und Frauen im Anschluss an die Interviews gelöscht – für den Fall, dass die Taliban sie auf Hinweise durchsuchen.

«Ich habe mir einen Bart wachsen lassen»

Amir

Die Taliban waren schon zweimal bei mir zu Hause. Da bin ich aber seit Wochen nicht mehr, sondern wechsle weiter die Wohnorte in Kabul und verstecke mich bei Bekannten. Die Taliban haben in der Nachbarschaft nach meinem Bruder und meinem Vater gefragt, die auch für ausländisches Militär und Hilfsorganisationen gearbeitet haben. Sie haben unser Haus durchsucht, Dinge zerstört.

Ich weiss nicht, wie es weitergeht, denn ich habe es nicht mehr in einen der Evakuierungsflüge geschafft. Von den deutschen Behörden habe ich immer noch keine offizielle Bestätigung, dass ich nach Deutschland einreisen dürfte. Das würde mir gerade auch nichts bringen, der Flughafen ist tabu und die Grenzen sind dicht. Ich weiss ja nicht einmal, ob ich in einer deutschen Botschaft in den Nachbarländern angehört würde.

Die Lage hier ist sehr chaotisch. An den Banken gibt es kein Bargeld, und ohne kommt man in Afghanistan nicht weit. Ich habe mir bei Freunden etwas geliehen, das reicht vielleicht bis zum Monatsende. Danach weiss ich noch nicht, wie ich mir etwas zu Essen kaufen soll. Auf den Strassen gab es Demonstrationen, auch Frauen haben sich für ihre Rechte eingesetzt. Ich habe mir einen Bart wachsen lassen und verkleide mich als Traditioneller, wenn ich vor die Tür gehe, dann kann ich mich recht ungestört bewegen. Im Moment sieht man nur vereinzelt Taliban in den Strassen, die meisten sind gerade im Pandschir-Tal, wo es Kämpfe gibt. Aber wenn die vorbei sind, werden sie sicher wieder überall sein. Ich fürchte, dann werden sie Demonstrierende und Aktivisten einsperren oder sogar umbringen. So wie die Taliban es seit 20 Jahren machen – sie bringen ihre Kritiker für immer zum Schweigen.

«Ein Taliban hat mein Knie mit einem Knüppel erwischt»

Edris

Am Morgen habe ich zusammen mit anderen jungen Afghanen, Frauen und Männern, gegen die Machtübernahme der Taliban protestiert. Ein Taliban hat mein Knie mit einem Knüppel erwischt. Jetzt schmerzt es, aber ich lebe. Ich habe auch Schüsse gehört, aber ich weiss nicht, ob sie jemanden getroffen haben. Ich bin nur noch gerannt, so gut es ging.

Ich weiss, dass ich mich in grosse Gefahr begebe, wenn ich öffentlich protestiere, aber ich kann nicht anders. Wir alle, die durch die Strassen ziehen, haben Todesängste, aber was sollen wir tun? Zu Hause rumzusitzen, wäre wie tot sein. Natürlich habe ich Angst um meine Familie, um meine Eltern und meine Frau. Ich gefährde ja auch sie. Wir wohnen immer noch alle zusammen in einer Wohnung. Manchmal überlege ich, unterzutauchen, mich zu verstecken, aber meine Familie zurückzulassen fällt mir sehr schwer.

«Die Taliban sind in den vergangenen Jahren eher grausamer geworden, aber sie haben gelernt, mit Social Media umzugehen und ihr Gesicht weiss zu waschen.»

Ich habe für die ehemalige Regierung gearbeitet, bevor die Taliban kamen, schon allein deshalb bin ich eine Zielscheibe für sie. Auch finanziell ist es gerade nicht so leicht für uns. Mein Lohn der letzten sechs Monate ist weg und die Banken sind zu. Wir haben Glück, dass mein Vater für die ganze Familie sorgen kann – er besitzt Häuser in der Hauptstadt.

Es sind schon einige Freunde von mir verschwunden, aber die, die da sind, gehen oft mit mir auf die Strasse. Wir sind jung, gebildet, haben Universitäten besucht und sind im Netz unterwegs. Wir wollen nicht mehr das Afghanistan von vor 20 Jahren zurück. Wir fürchten, wenn die mediale Aufmerksamkeit der Welt erlischt, dann werden die Taliban ihr wahres Gesicht zeigen. Sie sind in den vergangenen Jahren eher grausamer geworden, aber sie haben gelernt, mit Social Media umzugehen und ihr Gesicht weiss zu waschen. Aber das ist nur PR für die westliche Welt. Ich glaube nicht, dass unsere Proteste etwas bringen werden – wenn die Welt still bleibt. Wir brauchen ihre Stimmen.

«Ich besitze solche langen Kleider gar nicht»

Zeba

Vor der Machtübernahme der Taliban bin ich jeden Tag zur Arbeit gegangen, hatte viele Pläne für den Feierabend. Ich war oft mit meiner Familie shoppen oder in Restaurants. Jetzt sitzen wir den ganzen Tag in unserer dunklen Wohnung im Erdgeschoss. Es gibt immer wieder Stromausfälle, wir haben nur sechs bis zehn Stunden am Tag Strom, meist nachts.

Ich bin 30 Jahre alt und beim Versuch, zum Flughafen zu gelangen, habe ich das erste Mal in meinem Leben Taliban gesehen. Wir haben vor Angst gezittert, wurden aber bei der Strassenkontrolle durchgewinkt. Am Flughafen bewachten die Taliban das Gate, sodass wir nicht zu den Evakuierungsflugzeugen kamen. Mein Bruder und meine Mutter haben für ausländisches Militär gearbeitet. Deswegen standen wir auf der Liste für einen Flug. Viermal haben wir versucht, zum Gate zu gelangen, als noch Soldaten da waren – erfolglos. Einmal wurde mein ganzes Gepäck gestohlen.

«Es ist, als ob eine Zeitmaschine irgendwelche Tiere aus vergangenen Jahrhunderten in unser Leben gebracht hätte.»

Erst seit einem halben Jahr lebe ich wieder bei meinen Eltern in Kabul. Ich bin Witwe, habe einen Sohn. Schon vor den Taliban war es gefährlich allein als junge Frau in Afghanistan. Vor wenigen Tagen habe ich das erste Mal seit der Machtübernahme allein das Haus verlassen, um eine Bekannte zu treffen. Sie sagte: «Die Taliban kämpfen alle im Pandschir-Tal, es ist sicher.» Also bin ich dorthin. Ich trug eine Jeans, als das die anderen Frauen an dem Ort sahen, warnten sie mich: Die Taliban würden Frauen schlagen, die Jeans tragen. 

Jetzt müssen meine Schwestern, meine Mutter und ich auf der Strasse unseren ganzen Körper verhüllen. Wir müssen Sonnenbrillen tragen, weil die Taliban wollen, dass nicht nur das Gesicht, sondern auch die Augen bedeckt sind. Sie verprügeln auch Frauen, deren Kleider ihrer Meinung nach zu kurz sind. Ich besitze solche langen Kleider gar nicht, die den Anforderungen der Taliban entsprechen würden, ich muss die meiner Mutter tragen. Meine Schwester hat zu mir gesagt: «Es ist, als ob eine Zeitmaschine irgendwelche Tiere aus vergangenen Jahrhunderten in unser Leben gebracht hätte.» Und diese Tiere machen jetzt Verhaltensregeln für uns? Es ist lächerlich.

Ich habe überlegt, zur pakistanischen Grenze zu fahren, denn ich habe auch ein pakistanisches Visum. Meine Familie wollte auf dem Schwarzmarkt weitere Visa für Pakistan und Tadschikistan kaufen, aber wir wurden betrogen. Eigentlich sollte ich in weniger als einem Monat in Deutschland ein Masterstudium in Umweltwissenschaften anfangen. Dafür habe ich auch ein Visum und lerne seit über einem Jahr Deutsch. Drei Jahre lang habe ich für eine ausländische NGO im Norden des Landes gearbeitet. Meine Familie und ich, wir hängen in der Luft. Für uns gibt es keine Arbeit, keine Hoffnung, keine Zukunft.

«Wir schlafen hier auf dem Boden»

Arian

Vor einem Monat war ich noch ein freier Mann, jetzt fühle ich mich wie in einem Gefängnis, umgeben von wilden Taliban. Ich verstecke mich gerade mit meiner Frau und zwei kleinen Kindern bei Verwandten in Kabul. Genaueres kann ich nicht sagen, um mein Leben nicht zu gefährden.

Ich habe viele Jahre als Fotograf für ein Mediencenter gearbeitet, das der deutschen Bundeswehr bei ihrer Mission geholfen hat. Wenn die Taliban meine Familie und mich finden, sind wir verloren. Diese Extremisten kennen keine Gnade, wenn es um Afghanen geht, die mit ausländischen Truppen zusammengearbeitet haben. Da bin ich mir sicher.

«Deine Arbeit war umsonst, Papa. Sie interessieren sich nicht für dich.»

Bis zuletzt haben meine Frau und ich deswegen versucht, am Kabuler Flughafen ein Gate zu passieren und nach Deutschland auszureisen. Eigentlich stehen wir auf den Evakuierungslisten. Doch die Soldaten liessen uns nicht herein, auch nicht als wir unsere Papiere vorzeigten. Mein Sohn, der das mitbekam, sagte da: «Deine Arbeit war umsonst, Papa. Sie interessieren sich nicht für dich.» Als die letzten Flugzeuge am 31. August das Land verliessen, machte ich ein Video und fühlte mich so verlassen wie noch nie in meinem Leben. Danach kehrten wir wieder in unser Versteck zurück.

Wie es seit zwei Wochen draussen aussieht, weiss ich von Verwandten. Sie berichten, dass die Taliban Checkpoints eingerichtet haben und Menschen überprüfen. Wenn jemand zu ordentlich angezogen ist, wollen sie zum Beispiel genau wissen, was diese Person arbeitet, wo sie hin will, und lassen sich Chats und Kontakte im Smartphone zeigen. Manche löschen deswegen ihre westlichen Kontakte. Andere zwingen die Taliban, für sie zu arbeiten. Ein Verwandter ist Automechaniker, er musste das Auto eines Talibs reparieren, ohne dafür bezahlt zu werden. Das Geschäft meiner Frau haben sie vor ein paar Wochen geschlossen. Keine Frau wird unter diesen Herrschern je wieder frei leben können.

So sieht das Leben unter den Taliban aus: Es ist auf sie ausgerichtet und auf niemanden sonst. Und wem das nicht passt, den schaffen sie aus dem Weg.  

Jetzt auf

Seit Wochen kann ich wegen all dem kaum noch schlafen. Abends werde ich müde von all den Gedanken, wie es weitergehen soll. Nachts wache ich auf, weil ich davon träume, wie die Taliban mich foltern und ich denke wieder nach, hier in einem kleinen Zimmer in Kabul, in einem Haus, das ich nicht verlassen kann. Wir schlafen hier auf dem Boden, das Essen, meist Reis oder Spaghetti, bekommen wir von meinen Verwandten gekocht.

An die frische Luft gehen wir nur, wenn wir oben aufs Dach steigen und dann über die Stadt schauen. Dann kann ich kurz vergessen, dass ich sonst fast minütlich auf mein Smartphone schaue, weil ich hoffe, endlich den Anruf der Deutschen zu erhalten. Oder darauf warte, dass sie endlich abnehmen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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