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Neue Wege gegen Corona: Wie drei deutsche Städte andere Ansätze suchen

Während um die grossen Linien in der Coronapolitik gestritten wird, probieren die deutschen Städte Tübingen, Rostock und Altötting neue Wege im Kampf gegen die Krise aus. Wie funktioniert das?
26.03.2021, 16:50
Nicolas Heronymus, Manuel Bogner / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Tübingen: Der Test als Eintrittskarte

Was ist die Idee?

Auf der Terrasse eines Cafés sitzen, Schuhe einkaufen ohne Termin und danach noch ins Theater? Ist im schwäbischen Tübingen möglich für Menschen, die vorher an einer der neun Stationen in der Innenstadt negativ getestet werden. Das Testergebnis ist ihr Tagesticket für die Innenstadt und die Läden und Restaurants dort, die extra für sie und anders als im Rest des Landes geöffnet sind.

Mit dem Tagesticket ins Café: Tübingen
Mit dem Tagesticket ins Café: Tübingen
bild: imago

Mit dem Modellprojekt, das seit dem 15. März läuft, will die Stadt nach eigenen Angaben Kultur, Handel und Gastronomie auch bei steigenden Inzidenzwerten offen halten. Theoretisch gilt nämlich ab einer Inzidenz von 100 eine Notbremse, bei der etwa Einzelhändler wieder schliessen müssten. Aktuell schwankt der Wert nach Recherchen von ZEIT ONLINE dort zwischen 70 und 75.

Damit auch andere Städte von den Tübinger Erkenntnissen profitieren können, begleitet die Universität Tübingen das Projekt. Entwickelt wurde es von der Pandemiebeauftragten der Stadt, Lisa Federle, die gleichzeitig Präsidentin des Tübinger Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes ist.

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Funktioniert das?

Am vergangenen Wochenende seien viele Menschen in der Stadt unterwegs gewesen, sagt Jochen Alber, der die Geschäftsstelle des Gastgewerbeverbands Dehoga für Tübingen leitet. Er berichtet auch von langen Schlangen an einigen Teststationen mit Wartezeiten von über einer Stunde. Insgesamt zieht er aber ein erstes durchweg positives Fazit für das Projekt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Tübingen berichtet ebenfalls von sehr positiven Rückmeldungen. «Die Läden sind nicht brechend voll, aber gut besucht», sagt Andreas Topp von der IHK. Das Modell sei ein wichtiger Baustein, die Innenstadt wiederzubeleben. 

30'000 Tests habe man allein in der ersten Woche gemacht, sagt die Stadt, davon waren 75 positiv. Aber in einem Modellprojekt läuft nicht immer alles nach Plan. Am Dienstag dieser Woche wurde bekannt, dass fast 30 Menschen in Quarantäne geschickt wurden, obwohl sie möglicherweise nicht positiv waren. Die Tests an zwei Aussenständen waren bei zu niedriger Temperatur gemacht worden, wodurch die Tests weniger zuverlässig waren.

Es gibt aber auch Kritik an dem Modell. Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands im Südwesten, sagte der Südwest Presse: «Der normale Einzelhandel aber kann sogar mit gewöhnlichem Abholservice mehr verdienen als mit dieser Hürde.» Wer ein Paar Socken kaufen wolle, werde nicht vorher eine halbe Stunde vor dem Testzelt frieren.

Tübingen tüftelt weiter an seinem Modellprojekt. Von Mittwoch an wird auf ein digitales System umgestellt, das die bisherigen Zettel ersetzt. Dann erhalten Getestete ein Armband mit QR-Code. Die rund 15-minütige Wartezeit auf das Testergebnis entfällt so.

Wer macht es nach?

Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums sagte ZEIT ONLINE: «Bayern plant ein an das Tübinger Beispiel angelehntes Modellprojekt, dabei sollen drei Kommunen mit einem Inzidenzwert über 100 ausgewählt werden.» Die sächsischen Gemeinden Augustusburg sowie Oberwiesenthal starten voraussichtlich am 1. April ein Modellprojekt und öffnen Hotels und Gaststätten wieder – für Gäste, die sich vorher testen lassen. Geplant war das Projekt schon länger, lag aber eine Weile auf Eis, weil zu hohe Inzidenzwerte den Start verhindert haben. Nun hat das Gesundheitsministerium Sachsens die Corona-Schutzverordnung angepasst, um die Öffnungen zu ermöglichen.

Rostock: Fussballspiele mit Zuschauern

Was ist die Idee?

Wieder im Stadion jubeln, statt Fussball vor leeren Rängen im Fernsehen zu verfolgen – der deutsche Drittligist Hansa Rostock hat den Anfang gemacht. Der Verein durfte am vergangenen Wochenende beim Spiel gegen den Halleschen FC die Tore wieder für Zuschauer öffnen, weil er ein paar strenge Bedingungen erfüllte. So war es etwa nur Rostockern erlaubt, das Stadion zu besuchen – Fans aus angrenzenden Landkreisen durften nicht anreisen. Ausserdem musste jeder, der das Stadiongelände betreten wollte, einen Schnelltest machen. Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt lag bis Dienstag unter 25. Aktuell leicht darüber.

Fussball mit Fans: Letztes Wochenende in Rostock.
Fussball mit Fans: Letztes Wochenende in Rostock.
Bild: keystone

Wie funktioniert es?

Für 702 Fans hat es geklappt. Los ging es nach Vereinsangaben gleich Samstagmorgen, zuerst wurden die Mitarbeiter getestet, später die Zuschauer. Für die Tests hatte der Verein ungefähr 50 geschulte Personen engagiert. Diese machten insgesamt rund 1100 Abstriche. Laut des Vorstandsvorsitzenden Robert Marien waren alle negativ. Nach dem Spiel sagte er: «Wir hätten auch doppelt so viele Leute testen können.»

Die 702 Zuschauer verteilten sich auf zwei Tribünen – mit grossem Abstand zueinander. Ausgewählt hat sie der Verein unter Dauerkartenbesitzern und Sponsoren. Mit dem Projekt wollte er auch herausfinden, wie viele Zuschauer das Angebot tatsächlich annehmen, sagte Marien auf einer Pressekonferenz vor dem Spiel. Am Ende haben nur 75 darauf verzichtet, das Spiel im Stadion zu verfolgen. Schon beim nächsten Spiel gegen den 1. FC Magdeburg hätte Vorstandsvorsitzender Marien gern bis zu 3000 Menschen im Stadion. Das Spiel am Samstag übrigens hat Hansa Rostock auch noch mit 1:0 gewonnen.

Wer macht es nach?

Nach einem Jahr ohne Zuschauer wünschen sich viele Vereine, wieder vor Fans spielen zu können. So wird zum Beispiel diskutiert, ob der 1. FC Union Berlin am Ostersonntag zum Stadtderby gegen Hertha BSC vor Publikum antreten darf. Die Berliner Volleyballer BR Volleys sind schon weiter. Sie dürfen in der Max-Schmeling-Halle vor 800 Zuschauern spielen. Normalerweise finden dort bis zu 8000 Menschen Platz. Und auch ausserhalb der Sportwelt wird Ähnliches ausprobiert: Berlin testete am vergangenen Wochenende 1000 Besucher, um ein Konzert der Berliner Philharmoniker zu ermöglichen.

Altötting: Der digitale Impfpass als Vorbild?

Was ist die Idee?

Wie Landrat Erwin Schneider ZEIT ONLINE sagt, entstand die Idee eher durch Zufall. Er wollte einen Anreiz schaffen, dass die Bewohner seines Kreises sich impfen lassen. Wer sich im bayerischen Landkreis Altötting gegen Corona impfen lässt, erhält seit Januar neben einem Aufkleber im gelben Papierausweis auf Wunsch auch einen digitalen Impfpass.

Pittoresk: Altötting in Oberbayern
Pittoresk: Altötting in Oberbayern
Bild: imago

Auf der weissen Plastikkarte sind Name, Adresse, Foto und Geburtsdatum vermerkt. Auf der Rückseite ist ein QR-Code aufgedruckt. Scannt man ihn, wird die Impfung bestätigt. Die Informationen sind nicht einfach im Internet gespeichert, sondern in einer Blockchain gesichert – diese gilt als besonders sicher.

Landrat Schneider sagt: «Es gibt genügend Leute, die das nur machen, um den Nachbarn die Karte zu zeigen und zu fragen: Hast du auch schon eine?»

Jetzt auf

Funktioniert das?

Wie Schneider der ZEIT sagte, lassen sich mehr als 90 Prozent der Geimpften den digitalen Pass ausstellen – obwohl sie aktuell davon noch gar nicht profitieren. Der Pass bringt aktuell noch keine Privilegien. «Ich möchte mir den Schuh nicht anziehen, derjenige zu sein, der den Bürgern seine Rechte zurückgibt, wenn auch die Ethikkommission sich dazu noch zurückhält und nicht alle Bürger ein Impfangebot bekommen haben», sagt Schneider. Anders sehe es aus, wenn die bayerische Infektionsschutzverordnung geändert werde. «Der Tag wird kommen und dann spielt der digitale Impfpass auch eine Rolle.» Die Geimpften mit Pass in Landkreis Altötting seien dann besser vorbereitet als Bürger anderswo. 

Wer macht es nach?

Landrat Schneider hat zur richtigen Zeit den richtigen Leuten von seinem Vorhaben erzählt – und präsentierte eine Lösung, die zum Vorbild für den Rest des Landes werden soll. Er ist aus einem Wettbewerb des Bundesgesundheitsministeriums als Sieger hervorgegangen.

Das Ministerium möchte einen digitalen Impfnachweis entwickeln lassen, mit dem Geimpfte alle wesentlichen Informationen auf dem Smartphone speichern und bei Bedarf abrufen können. Dafür soll die Smartphone-App ein Barcode generieren, der zur Überprüfung des Impfstatus ausgelesen werden kann – ähnlich wie in Altötting, nur mit dem Smartphone. Einer der Dienstleister, der die bundesweite Lösung mitgestalten soll, war schon an der Entwicklung des Impfpasses in Altötting beteiligt. Der bundesweite digitale Impfpass soll nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums Ende Juni kommen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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