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Teils bewaffnete Demonstranten fordern in den USA die Aufhebung strenger Schutzmassnahmen.
Teils bewaffnete Demonstranten fordern in den USA die Aufhebung strenger Schutzmassnahmen.
Bild: AP

Donald Trump hat seinen Krisenbonus schon verspielt

Die Kehrseite der Polarisierung: Trumps Basis bleibt ihm trotz desaströsen Krisenmanagements treu – aber anders als andere Regierungschefs gewinnt er nicht an Rückhalt.
18.04.2020, 19:5520.04.2020, 06:42
Carsten Luther / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Eigentlich ist Donald Trumps Bluff ja längst aufgeflogen. Als der US-Präsident am 27. Februar prognostizierte, das Coronavirus werde einfach so wieder verschwinden, «wie ein Wunder», kann er das selbst nicht geglaubt haben. Seit Wochen und viele Male war er über die Gefahren informiert worden. Erst vier Tage zuvor hatte sein Wirtschaftsberater Peter Navarro in einem Memo erneut vor der wachsenden Wahrscheinlichkeit einer schweren Epidemie gewarnt, in deren Verlauf bis zu zwei Millionen Amerikaner sterben könnten – inklusive der Empfehlung enormer Anstrengungen auf allen Gebieten: Diagnostik, Schutzausrüstung, Behandlungskapazitäten. Zwei Tage später bestätigten die Behörden den ersten Todesfall aufgrund einer Covid-19-Erkrankung in den USA. Inzwischen verzeichnet kein anderes Land so viele Tote durch das Virus und Trump hat (womöglich) verstanden: Das hier ist ernst. Die Verantwortung für das vorhersehbare Desaster, das der Präsident kleingeschwafelt, weggelogen und zu lange ignoriert hat, will er weiterhin nicht übernehmen.

Um noch einmal deutlich zu sagen, was offensichtlich ist: Die USA waren schlecht vorbereitet auf den Ausbruch des Virus, die Regierung hat spät, nachlässig und inkompetent darauf reagiert, die Verharmlosungen aus dem Weissen Haus dürften die Ausbreitung nur noch befördert haben, die Argumente der Wissenschaft verhallten derweil – und all das ist Trumps Verdienst. Nicht China, nicht die Weltgesundheitsorganisation oder wem auch immer der Präsident gerade die alleinige Schuld zuschieben will, haben das Land in diese Lage gebracht.

Und doch geniesst Trump immer noch das Wohlwollen knapp der Hälfte der Amerikaner, mal mehr mal weniger, einen bedeutenden Einbruch seiner Zustimmungsraten hat das schwache Krisenmanagement jedenfalls nicht ausgelöst. In den vergangenen Wochen gingen die Ausschläge gelegentlich sogar nach oben, wenn auch bislang nicht nachhaltig. Wie ist diese solide Popularität zu erklären? Müssten nicht längst auch den blindgläubigsten Trump-Anhänger Zweifel plagen, gerade in einem Wahljahr?

Zustimmung am Anschlag

Der glänzende Eindruck täuscht zunächst. Es könnte sehr viel besser aussehen für Trump in diesen Tagen der Krise. Politikwissenschaftler kennen den verlässlichen Effekt: Wenn die Nation ins Ungewisse gerät, eine Bedrohung für alle spürbar wird, der alltägliche Streit banal erscheint und der Patriotismus erwacht (der in den USA ohnehin kaum schläft), profitiert für gewöhnlich insbesondere der Präsident. George W. Bush etwa legte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 innerhalb kürzester Zeit um fast 40 Prozentpunkte zu. Franklin D. Roosevelt erlebte nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 einen Schub von zwölf Prozentpunkten. Der zwischenzeitliche Zuwachs an Zustimmung für Trump ist also grundsätzlich kaum überraschend. Die Frage ist eher, warum er nicht deutlicher ausfällt.

Zur Antwort gehört, dass krisenhafte Entwicklungen allein nicht ausreichen, damit sich die Bürger plötzlich in Scharen hinter ihrem Präsidenten versammeln. Im eigenen Lager war die Zustimmung schon vor dem Corona-Ausbruch am Anschlag, da ist nicht mehr viel zu holen – Trump und seine Apologeten in Partei und Medien können diese Basis aber erstaunlich gut halten: Zahlen und Fakten mögen für sich sprechen, beziehungsweise gegen den Präsidenten, doch dieses Ökosystem aus Selbstbestärkung, Ablenkung und Verharmlosung scheint zu funktionieren. An Zuspruch gewinnen kann Trump also nur, wenn auch Anhänger der Demokraten und Unabhängige zumindest temporär den Eindruck gewinnen: Der Präsident macht das eigentlich ganz gut. Und das ist nur möglich, wenn es dafür genügend Impulse gibt.

Manche Krisen lassen selbst den politischen Gegner unterstützende Worte für die Regierung finden oder zumindest zurückhaltender mit Kritik sein – vorübergehend kann so die erstarrte Polarisierung überwunden werden. Es sind solche «Wir müssen jetzt zusammenstehen»-Momente, die der Popularität des Amtsinhabers einen Turbo verschaffen können. Die eine Voraussetzung, die es dafür braucht, erfüllt Trump: Er hat sich mit seinen nahezu täglichen Pressekonferenzen als oberster Krisenmanager in Szene gesetzt, so wie auch andere Staats- und Regierungschefs die Virusbekämpfung zur Chefsache erklärt haben. Die zweite Voraussetzung ist Trumps grosses Defizit: Er müsste klar und mit Bedacht kommunizieren wie handeln. Es müsste keine Glanzleistung sein, Fehler haben auch andere gemacht und trotzdem profitiert. Selbst Boris Johnson in Grossbritannien ist beliebt wie nie; Macron, Merkel, Trudeau – viele haben ausserordentlich an Rückhalt gewonnen. Aber Lob nicht nur aus dem eigenen Lager bekommt eben nur, wer es auch verdient.

Wiederwahl trotz Rezession?

Jetzt auf

Damit sieht es für Donald Trump zunehmend düster aus, zumal der Krisenschub, den derzeit viele Politiker erfahren, üblicherweise nicht von Dauer ist. Bessert sich die Lage, rücken andere Probleme wieder in den Vordergrund, bessert sie sich nicht, wächst die Ungeduld mit dem Präsidenten – der ja auch deshalb versucht, die Verantwortung etwa den Gouverneuren der Bundesstaaten zuzuschieben. Bis zur Wahl im November ist es noch zu lang hin, als dass die aktuellen Umfragewerte für Trumps Wiederwahlchancen aussagekräftig wären. Aber stärker als der kurzfristige Effekt der Krisenerfahrung dürfte sich dann die allgemeine Wirtschaftsentwicklung auswirken: In einer Rezession werden US-Präsidenten in der Regel nicht wiedergewählt.

Proteste in den USA gegen die Ausgangsbeschränkungen.
Proteste in den USA gegen die Ausgangsbeschränkungen.
Bild: AP
Trump kommen die Demonstranten, die zum Teil bewaffnet auftreten, mehr als gelegen. «Das sind Menschen, die ihre Meinung ausdrücken», sagte er. «Sie scheinen mir sehr vernünftige Menschen zu sein.»
Trump kommen die Demonstranten, die zum Teil bewaffnet auftreten, mehr als gelegen. «Das sind Menschen, die ihre Meinung ausdrücken», sagte er. «Sie scheinen mir sehr vernünftige Menschen zu sein.»
Bild: AP

Das ist auch der Grund dafür, dass Trump so ungeduldig ist und die epidemiebedingten Einschränkungen lieber heute als morgen wieder aufheben will. Und dafür, dass auf die Schecks, die als Teil des Konjunkturpakets 70 Millionen Amerikanern ausgestellt werden, sein Name gedruckt werden musste. Je schneller er das lahmgelegte Land wieder hochfährt und je mehr er für die Abfederung der ökonomischen Folgen steht, desto besser seine Chancen. Der harte Kern seiner Anhänger im republikanisch-ländlichen Milieu ist ohnehin geneigt, die Ausbreitung des «chinesischen Virus» (Trump) nicht ihm anzulasten, sondern den verhassten Grossstädtern, die so offen für alles Fremde sind. Dem Präsidenten kann das nur recht sein, denn auf diese Spaltung baut seine Macht, er wird sie gern bedienen – die Proteste in einigen demokratisch regierten Staaten gegen die bestehenden Ausgangsbeschränkungen adelte er mit Unterstützungstweets am Freitag bereits zum Befreiungskampf. Ob das alles reicht bis zum November, ist fraglich, denn vieles ist unvorhersehbar und Trump kann noch viel falsch machen. Nur beliebter wird er wohl nicht mehr.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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