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epa07937048 Syrian Kurds wave off ambulances carrying fighters of Syria democratic forces (SDF) and civilian who were wounded during the Turkish offensive, upon their arrival to receive the medical treatments at the local hospitals in Tal Tamr town, northeastern of Syria, 20 October 2019. Turkey has launched an offensive targeting Kurdish forces in north-eastern Syria on 09 October, days after the US withdrew troops from the area On 17 October Turkish President Erdogan and US Vice President Mike Pence have reached a ceasefire agreement.  EPA/AHMED MARDNLI

Ein Krankenwagen am 20. Oktober in Tal Tamr, Nordsyrien. Bild: EPA

Arzt in Nordsyrien: «Wir würden auch IS-Angehörige versorgen»

Pro Tag kommen 20 Verwundete ins kurdische Militärkrankenhaus in Hassaka. «Wir haben bald keine Medikamente mehr», sagt der Arzt Antor Sino.

Andrea Backhaus / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Antor Sino, 49 Jahre, arbeitet als Arzt im Militärkrankenhaus al-Schaeb, das im Stadtzentrum von Hassaka liegt und unter kurdischer Kontrolle steht. Hierher werden hauptsächlich verwundete Kämpfer der kurdischen Miliz, kurz YPG, gebracht. Die YPG führt die Syrischen Demokratischen Kräfte, SDF, an, die der wichtigste Verbündete der USA im Kampf gegen den sogenannten «Islamischen Staat» waren.

Nun kämpfen sie gegen den Vormarsch der türkischen Truppen an der syrisch-türkischen Grenze und in der Gegend um Tell Tamer, rund 20 Kilometer von Hassaka gelegen.

Wir treffen Antor Sino im Notfallraum des Krankenhauses. Immer wieder werden verwundete Männer auf Tragen hereingebracht. Einigen fehlt ein Arm oder Bein, andere haben starke Verbrennungen an Gesicht und Armen, ein Mann wurde am Kopf verletzt und blutet, auch Kinder sind unter den Verletzten.

Herr Sino, wie ist die Lage in Ihrem Krankenhaus?
Antor Sino: Es ist sehr schlimm. Am Anfang der türkischen Offensive wurden etwa zehn Verwundete pro Tag eingeliefert. Jetzt sind es um die 20 Menschen pro Tag, manchmal mehr. Auch als eigentlich Waffenruhe herrschte, wurden Verletzte gebracht, weil die Kämpfe weitergingen. Viele Patienten sind so schwer verwundet, dass wir sie nicht mehr retten können und sie im Krankenhaus sterben. Im Krankenhaus arbeiten 17 Ärzte und 30 Krankenschwestern, manchmal bekommen wir Hilfe von Ärzten aus der Gegend, die umsonst für uns arbeiten. Wir alle sind im Dauereinsatz. Ich arbeite den ganzen Tag, gehe kurz nach Hause, esse etwas, und komme wieder ins Krankenhaus.

Woher kommen die Verwundeten?
Die meisten Kämpfer kommen aus der Stadt Ras al-Ain und aus der Gegend um Tell Tamer. Sie wurden durch Bomben und Luftangriffe oder Minen verletzt. Einige haben Knochenbrüche oder Durchschüsse an Armen und Beinen, andere haben starke Verbrennungen. Der Kurdische Rote Halbmond ist in der Nähe der Front. Sie leisten erste Hilfe und bringen die Menschen dann zu uns.

Behandeln Sie nur Kämpfer der kurdischen Seite?
Zu uns werden Soldaten und Kämpfer, aber auch verletzte Zivilisten gebracht. Wir behandeln alle, egal welchen Hintergrund sie haben. Wir haben auch schon Soldaten des syrischen Regimes versorgt, die derzeit zusammen mit der YPG kämpfen. Einmal wurde ein Journalist eingeliefert, der für das Regime von Baschar al-Assad arbeitet. Bei uns geht es aber nicht um Politik. Wir würden auch IS-Angehörige versorgen. Ich habe vorher eine Weile im al-Hol Lager gearbeitet und dort mehr als 100 IS-Unterstützer behandelt. Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob sie zum IS gehören oder nicht. Ich bin Arzt und mache meine Arbeit.

Es gab Berichte, dass die türkische Armee weissen Phosphor eingesetzt hat. Wenn das stimmt, wäre das ein Verstoss gegen die Genfer Konvention. Können Sie den Einsatz bestätigen?
Bei uns wurden am 17. Oktober sechs Menschen eingeliefert. Sie kamen aus einem Ort aus der Umgebung der Stadt Ras al-Ain. Dort hatte es an dem Morgen einen Angriff gegeben. Als sie eingeliefert wurden, war ihre Haut ganz schwarz. Man konnte ihre Gesichter nicht mehr erkennen, es wirkte, als ob sie geschmolzen seien. Ich behandle vor allem Menschen mit Verbrennungen und Brandwunden. Ich kann erkennen, ob sich jemand mit heissem Wasser, mit Feuer oder ähnlichem verbrannt hat. Aber diese Art von Verbrennungen habe ich noch nie gesehen. Deswegen kann ich auch nicht sagen, was genau das war. Die Patienten sagten, dass sie nicht direkt angegriffen wurden und sich dadurch die Verbrennungen zugezogen haben. Sie sagten, dass sie weit weg von den Angriffen gewesen waren und einfach verbrannt sind. Sie konnten nicht erklären, woher die Verbrennungen kamen.

Die internationalen Hilfsorganisationen haben Nordsyrien mittlerweile verlassen. Das syrische Regime ist zurück in der Region. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Die kurdischen Behörden stellen uns einige Medikamente. Aber es ist schwierig, seit die grossen Organisationen weg sind. Wir haben im Moment noch einen Vorrat an Medizin, aber das wird nicht mehr lange reichen. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben uns zwar Dinge wie Decken und Zelte da gelassen, aber keine Medikamente und Sera, obwohl wir die dringend brauchen. Ich habe ihnen eine Liste geschickt mit den Medikamenten, die wir brauchen, aber es kam noch keine Antwort. Wir haben Angst, dass wir bald keine Medikamente mehr haben. Auch haben wir zu wenig Geräte. Wenn sie kaputt gehen, verlieren wir viel Zeit, um sie zu reparieren. Wenn wir mehrere Geräte hätten, könnten wir einfach weiter operieren. Wir bräuchten auch dringend einen weiteren Raum, in dem wir kleine Operationen durchführen können, um beispielsweise Wunden zu vernähen.

Werden Sie für die Arbeit bezahlt?
Das Militärkrankenhaus behandelt die Menschen umsonst. Die anderen Krankenhäuser in der Gegend sind privat. Das Gehalt ist sehr niedrig, ich verdiene weniger als 400 US-Dollar pro Monat. Die kurdischen Behörden brauchen das Geld für andere Dinge, etwa um die Stromversorgung zu gewährleisten.

Was erwarten Sie für die kommenden Tage und Wochen?
Da die türkische Armee immer weiter auf Tell Tamer vorrückt, wird die Zahl der Verwundeten weiter steigen. Es gibt noch Zivilisten, die in den Ortschaften um Tell Tamer und in der Stadt selbst sind. Viele wollen ihre Häuser nicht verlassen. Sie sagen, sie wollen lieber in ihren Häusern sterben als zu fliehen. Es ist kaum vorstellbar, was passiert, wenn die türkische Armee dort reingeht.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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