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Coronavirus im Iran: «Wer über die tatsächliche Zahl der Fälle schreibt, ist in Gefahr»

In Iran sind viele mit dem Coronavirus infiziert, doch die Führung vertuscht das Ausmass. Das hat fatale Folgen, sagt der iranische Gesundheitsexperte Kamiar Alaei.

Andrea Backhaus / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Iran ist eines der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder. Von dort soll das Virus auch auf die Nachbarländer übertragen worden sein. Wie gross die Zahl der Infizierten und Toten genau ist, weiss niemand, denn das Regime in Teheran versucht mit drastischen Mitteln, das Ausmass der Epidemie zu vertuschen. Die Iraner fürchten sich nicht nur vor einer Ansteckung, sie misstrauen auch ihrer Führung, sagt der iranische Gesundheitsexperte Kamiar Alaei.

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Herr Alaei, im Iran sind besonders viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Wie ist die Lage?
Kamiar Alaei:
Es ist sehr dramatisch. Jeden Tag gibt es neue Infizierte. Das grosse Problem ist, dass es keine Transparenz gibt. Die Regierung hat lange verschwiegen, dass es das Coronavirus im Iran gibt. Auch die Verschleppung von Informationen hat dazu geführt, dass die Zahlen plötzlich explodieren.

epa08272099 Iranian girls wearing face masks and protective gloves flash the victory sign on a street of Tehran, Iran, 05 March 2020. The death toll from coronavirus in Iran rose to over one hundred, according to the latest reports by the Iranian Ministry of Health.  EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Frohen Mutes: Frauen mit Schutzmasken in Teheran. Bild: EPA

Sie leben mittlerweile in den USA, sind aber mit Menschen im Iran in Kontakt. Was berichten sie?
Ich spreche mit Ärzten. Sie sagen, selbst wenn infizierte Ärzte in den Kliniken sterben, dürften sie nicht darüber sprechen. In Krankenhäusern liegen infizierte Menschen, aber die Ärzte können keine Berichte darüber schreiben. Viele Ärzte wussten eine Zeit lang gar nicht, was sie machen sollten, sie vertrauen den Behörden nicht. Das Misstrauen ist auch in der normalen Bevölkerung gross, die Menschen suchen nach verlässlichen Informationen. Ich gebe den iranischen Medien Interviews, um die Bevölkerung über die richtige Vorbeugung aufzuklären. Das kann ich nur, weil ich ausserhalb des Landes bin, sonst wäre es zu gefährlich.

Wie schätzen Sie das reale Ausmass ein?
Wir können lediglich schätzen. Laut der iranischen Regierung gibt es derzeit 92 Tote und 2'922 Infizierte. Aber laut inoffiziellen Quellen sind mehr als 400 Menschen gestorben. Wenn die Sterblichkeitsrate bei zwei Prozent liegt, sind etwa 20'000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Die Regierung spricht also nur von einem Zehntel der Betroffenen.

Warum konnte sich das Virus im Iran so rasch verbreiten?
Iran und China sind Verbündete. Als aus China die ersten Fälle bekannt wurden, hat die iranische Führung beschlossen, den Flugverkehr mit China nicht auszusetzen, wie die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Im Gegenteil, die Zahl der ankommenden und ausgehenden Flüge aus und nach China wurde teils noch erhöht. Viele Chinesen, die in der Region festsassen, haben den Iran als Zwischenstopp für ihre Weiterreise genutzt. Auch gibt es viele Chinesen, die im Iran arbeiten und studieren. In der Pilgerstadt Ghom etwa, von wo aus das Virus verbreitet wurde, studieren mehr als 700 chinesische Studenten und junge Geistliche Religionswissenschaften.

epa08271452 Iranian Municipal Firefighter disinfects a street in an effort to halt the wild spread of coronavirus in Tehran, Iran, 05 March 2020.  The death toll from coronavirus in Iran rose to 19, according to the latest reports by the Iranian Ministry of Health.  EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Wieso dieser Feuerwehrmann in Teheran ein Strassenschild desinifiziert, wie die Bildagentur in ihrer Bildlegende schreibt, ist uns nicht ganz klar. Bild: EPA

Die ersten Todesfälle wurden Mitte Februar bekannt. Warum hat die iranische Führung die Infektionen über Wochen verschwiegen?
Im Februar war der Jahrestag der iranischen Revolution, danach gab es Parlamentswahlen. Die Regierung wollte nicht zugeben, dass es einen Ausbruch des Virus gab, weil sie fürchtete, dass sie dann weder für die Feierlichkeiten des Jahrestages noch für die Wahl Massen hätte mobilisieren können. In den vergangenen Monaten haben viele Iranerinnen und Iraner gegen die Führung protestiert, es gab schon vor dem Ausbruch von Corona viel Frust. Die iranischen Führer sind sehr brutal gegen die Demonstranten vorgegangen, viele Menschen wurden verhaftet oder sogar getötet. Dann hat die Revolutionsgarde eine ukrainische Passagiermaschine abgeschossen. Das hat die Menschen noch mehr gegen ihre Führung aufgebracht. Die will nun zeigen, dass sie noch immer beliebt bei den Menschen ist. Die Verantwortlichen haben zugunsten politischer Interessen das tatsächliche Ausmass der Epidemie ignoriert. Mit fatalen Konsequenzen: Viele Ärztinnen und Ärzte sind nur mit Infizierten in Kontakt gekommen, weil sie nicht von dem Virus wussten.

«Die Sterberate scheint so hoch, weil sehr viele Fälle von Infizierten nicht gemeldet wurden.»

Auffallend viele Regierungsmitarbeiter haben sich mit dem Virus angesteckt. Woran liegt das?
Sie haben keine Vorsichtsmassnahmen getroffen. Mittlerweile wird aus vielen Ländern in der Region berichtet, dass sich Corona-Patienten während eines Aufenthalts im Iran mit dem Virus infiziert haben. Es war interessant zu sehen, wie der stellvertretende Gesundheitsminister Iradsch Harirschi bei einer Pressekonferenz verkündete, das sei keine ernste Sache; sollte es mehr Todesfälle geben, als er offiziell verkündet habe, werde er zurücktreten. Am nächsten Tag gab er bekannt, dass er sich selbst mit dem Virus angesteckt hat. Die Führung hält leider an dem Glauben fest, dass sie schlecht aussehen würde, wenn sie zugeben würde, wie ernst die Lage ist. Wenn sie von Anfang an ehrlich damit umgegangen wäre, hätte sie Schlimmeres verhindern können.

Iran verfügt über eine gute Infrastruktur und ein gutes Gesundheitssystem. Warum sterben gerade im Iran so viele Menschen?
Zunächst: Die Sterberate scheint so hoch, weil sehr viele Fälle von Infizierten nicht gemeldet wurden. Es ist unwahrscheinlich, dass die tatsächliche Sterberate im Iran so viel höher ist als in China oder anderen Ländern. Anfangs hiess es, die Sterberate liege bei zehn Prozent, nun wurde die Zahl auf unter fünf Prozent korrigiert. Sie wird weiter sinken, je mehr Fälle bekannt werden.

Es stimmt, dass das Gesundheitssystem im Iran deutlich besser ist als in den anderen Ländern im Mittleren Osten. Aber wegen der politischen Fehlentscheidungen funktioniert es nicht gut genug, um das Virus einzudämmen. Wenn man die Ärzte und Gesundheitsexperten ihre Arbeit nicht machen lässt, ihnen nicht erlaubt, ihre Ressourcen zu nutzen – wie sollen sie sich dann auf eine Epidemie einstellen?

Es ist eine Schande: Die iranische Führung verfolgt allein politische Interessen und bringt damit Menschen in Gefahr.

epa08271352 Members of Iranian fire fighters and municipality workers disinfect the streets of the capital city on Tehran, Iran, 05 March 2020. According the last report by the Ministry of Health, 2922 people diagnosed with the Covid-19 coronavirus and 92 people have died in Iran.  EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Ein weiterer Desinfektionstrupp in den Strassen Teherans. Bild: EPA

Von aussen scheint es, als würde die Regierung von Hassan Ruhani jetzt reagieren: Schulen und Universitäten wurden geschlossen, grosse öffentliche Veranstaltungen verschoben. Sind diese Massnahmen ausreichend?
Es gab in den vergangenen Tagen eine Kursänderung. Noch vergangene Woche sagte Ruhani, das Leben solle normal weitergehen. Am nächsten Tag widersprach sein Gesundheitsminister und sagte, man müsse auf die Lage reagieren. Es gibt also auch Diskrepanzen zwischen den Entscheidungsträgern. Nun scheint es aber, als würde der Gesundheitsminister die Leitung übernehmen. Es gibt mittlerweile mehr Tests auf das Virus. Doch ich habe Zweifel, dass wirklich alle getestet werden, die Symptome haben und nicht im Krankenhaus behandelt werden – und nicht nur die politische Elite.

«Noch problematischer ist, dass die religiösen Führer nicht zugeben wollen, dass der Ausbruch in Ghom begann. Sie fürchten, dass es dem Image des heiligen Ortes schaden könnte. »

Offenbar begann der Ausbruch in der schiitischen Pilgerstadt Ghom, die rund zwei Stunden von der Hauptstadt Teheran entfernt liegt. Dort steht der Schrein der Fatima Masuma, der auch internationale Besucher anzieht. Ghom wurde noch immer nicht unter Quarantäne gestellt.
Der Gesundheitsminister wollte Ghom unter Quarantäne stellen, aber die Milizen und vor allem der Chef ihres Geheimdienstes waren dagegen. Im Iran gibt es keinen zentralen Entscheidungsmechanismus; die Milizen der Revolutionsgarde treffen ihre eigenen Entscheidungen, unabhängig von der Regierung, ebenso die Gerichtsbarkeit. Auch gibt es interne Konflikte zwischen den Behörden. Das verschlimmert die Lage.

Offenbar fordert der Aufseher des Schreins die Gläubigen weiterhin auf, die heilige Stätte zu besuchen. Es gibt Videos in den sozialen Medien, die zeigen, wie Gläubige aus Trotz den Schrein ablecken.
Es gibt ein paar Leute, die mit so etwas angeben wollen. Noch problematischer ist, dass die religiösen Führer nicht zugeben wollen, dass der Ausbruch in Ghom begann. Sie fürchten, dass es dem Image des heiligen Ortes schaden könnte. Aber das führt nur dazu, dass sich immer mehr Menschen infizieren und sterben.

Im Juni 2008 wurden Sie von der iranischen Polizei verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, Kontakt mit «feindlichen Regierungen» zu haben und das System Irans stürzen zu wollen. Menschenrechtler kritisierten, die Verhaftung sei politisch motiviert gewesen. Hatte das mit Ihrer Arbeit zu Aids-Erkrankungen zu tun?
Ja, das war eine politische Kampagne unter dem damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und seiner konservativen Führungsriege. Ihnen gefiel es nicht, dass wir die Wahrheit sagten. Sie behaupteten, es gäbe im Iran keine Schwulen und deshalb auch kein HIV. Und weil wir trotzdem an unseren Präventions- und Behandlungsmethoden arbeiteten, haben sie uns verhaftet. Wir hatten ein grosses Netzwerk von internationalen Ärzten und Gesundheitszentren aufgebaut, auch das gefiel ihnen nicht. Ich war zweieinhalb Jahre in Haft, mein Bruder Arash drei Jahre.

«Jeder, der über die tatsächliche Zahl der Corona-Fälle schreibt, bringt sich in Gefahr.»

Jetzt werden offenbar auch Blogger verhaftet, die über Krankheitsfälle berichten. Kann man sagen: So wie das Regime damals das HI-Virus verleugnet hat, verleugnet es heute das Coronavirus?
Das ist so. Leider hat sich die Geisteshaltung nicht verändert. Irans geistliches Oberhaupt, Ajatollah Chamenei, sagt, die Berichte zum Coronavirus seien Propaganda aus dem feindlichen Ausland. Früher sagten sie, nur im Westen gebe es Schwule und Aids, nicht im Iran. Heute sagen sie, das Coronavirus sei eine Erfindung des Westens. Jeder, der über die tatsächliche Zahl der Corona-Fälle schreibt, bringt sich in Gefahr.

Das iranische Regime instrumentalisiert das Coronavirus auch im Konflikt mit den USA. Chamenei wirft der US-Regierung vor, sie dramatisiere die Lage in Iran, um dem Land zu schaden. US-Aussenminister Mike Pompeo wiederum wirft dem Iran vor, Details in Bezug auf Corona zu verheimlichen.
Diese politische Instrumentalisierung beider Seiten ist ein grosses Problem. Einige iranische Politiker nutzen die Kampagne seitens der USA, um die USA noch stärker als Feind zu markieren. Und auf der anderen Seite haben die USA ein Reiseverbot für Iraner und harte Wirtschaftssanktionen verhängt. Darunter leiden die Menschen. Sie sind zwischen beiden Polen gefangen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Trinitrotoluol 06.03.2020 23:18
    Highlight Highlight Covid Glacé
    Benutzer Bild
  • mäci 06.03.2020 23:15
    Highlight Highlight Wenn das BAG empfiehlt, es solle nur noch zum Arzt gehen, wer schwer erkrankt ist und bei milden Symptomen soll man zu Hause bleiben, dann wird es auch in der Schweiz eine deutlich höhere Dunkelziffer geben.

    Der Iran mit 81.16 Millionen Einwohner hat aktuell 4747 gemeldete Erkrankungen. 124 sind von denen bis jetzt gestorben und 913 sind wieder gesund = 4.57 aktuell Erkrankte pro 100'000 Einwohner

    Italien mit 60.48 Millionen Einwohner hat aktuell 4636 gemeldete Erkrankungen. 197 sind von denen bis jetzt gestorben und 523 sind wieder gesund = 6.47 aktuell Erkrankte pro 100'000 Einwohner
  • AfterEightZuHauseUmViertelVorAchtEsser____________ 06.03.2020 16:47
    Highlight Highlight Das einzig Positive am Corona:
    Die radikalen Mullahs und Revolutionsgarden werden wegsterben.

    Das Negative:
    Die Moderaten und Reformer werden leider auch sterben.
  • Raphael Stein 06.03.2020 12:28
    Highlight Highlight Das iranische Regime weiss sich, wie üblich bei grösseren Ereignissen, nicht zu helfen.

    Die sind zu stark mit Geld scheffeln beschäftigt. Wer aufmuckt, wird im Namen Gottes verhaftet.
    Im Moment haben die geistlichen Führer wieder eine Hackerkampagne gestartet mit Ziel die social media accounts von Exiljournalisten still zu legen und deren Informanten im Iran ausfindig zu machen.

    So läuft das dort.
  • Donspliff 06.03.2020 10:55
    Highlight Highlight gesicht wahren.... heiligen ort schützen... wie dumm muss man bitte sein?
  • Coffeetime ☕ 06.03.2020 09:49
    Highlight Highlight Hoffentlich werden diese Revolutionsgarden auch mal geschwächt, so dass das Volk wirklich eine gute Regierung bekommt... aber es noch ein langer und wohl schmerzlicher Weg bis dahin.

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