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Präsidentschaftswahl 2024: Die Macht der Latinos

Die Macht der Latinos bei den US-Wahlen 2024

Wer 2024 US-Präsident werden will, braucht die Stimmen der hispanischen Wähler. Und die wählen nicht mehr automatisch die Demokraten. Eine Chance für die Republikaner.
30.11.2022, 22:03
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Ein paar nostalgisch anmutende Karussellpferde stehen in der Christown Spectrum Shoppingmall im Norden von Phoenix und erinnern an ein einst gegebenes Versprechen vom edlen Einkaufsvergnügen. Heute sind die grossen Marken weitergezogen, Läden stehen leer, ein Walmart und ein Billigmöbelladen nehmen die grössten Flächen ein.

FILE - Republican Monica De La Cruz-Hernandez, running in the next general election for the 15th House congressional district, talks in her office in Alamo, Texas, July 8, 2021. The GOP scored a victo ...
Monica De La Cruz hat bei den Midterms für die Republikaner in Texas einen bislang demokratisch dominierten Wahlkreis gewonnenBild: keystone

Dazwischen finden sich kleine Geschäfte und Restaurants, die meisten familienbetrieben von Latinos, die mittlerweile den grössten Teil der Bevölkerung im US-Bundesstaat Arizona ausmachen. Menschen, die in den USA als Latinos bezeichnet werden, sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Mehr als 62 Millionen Bürgerinnen und Bürger mit hispanischen Wurzeln lebten 2020 in den USA, fast ein Viertel mehr als noch vor zehn Jahren. Wer 2024 die Präsidentschaftswahl gewinnen will, braucht ihre Stimmen.

Delia Vargos, das blond gefärbte Haar praktisch zum Pferdeschwanz gebunden, die Brille schlicht, kommt aus ihrer Küche und setzt sich an einen der Handvoll Tische ihres Restaurants. Es liegt in einer der hinteren Ecken des Shopping Centers, am Vormittag ist es noch leer, ihr einziger Mitarbeiter bereitet das Mittagsgeschäft vor. Eine Quesadilla kostet 11.99 US-Dollar. Das ganze Jahr hat Vargos, die das Restaurant seit fünf Jahren betreibt, die Preise nicht erhöht.

Doch jetzt denkt sie darüber nach. «Ich muss etwa 20 Prozent mehr für alles ausgeben», sagt sie. Um mehr als 50 Cent will sie die Quesadilla nicht teurer machen. Weder die Arbeiter, die mittags kommen, noch die Familien an den Wochenenden könnten es sich sonst noch leisten. Vargos kämpft um ihren Betrieb.

Die Wirtschaft ist für die 46-Jährige das wahlentscheidende Thema. Welche Partei es besser macht, bekommt künftig ihre Stimme. Auf die Demokraten sei sie nicht festgelegt, erzählt sie auf Englisch, in dem sie immer noch manchmal nach Worten sucht. Bei den diesjährigen Zwischenwahlen hat Vargos nicht gewählt. Sie ist umgezogen und hat es nicht rechtzeitig geschafft, die neue Adresse bei der Wahlbehörde zu hinterlegen.

Sie hätte in Arizona die Demokraten gewählt, «denn die Republikaner hier sind zu extrem». Bei der letzten Präsidentschaftswahl hat sie Joe Biden gewählt, glücklich ist sie mit ihm nicht besonders. Auch wenn sie weiss, dass er nicht allein verantwortlich ist für die derzeitige schwierige wirtschaftliche Lage.

Ron DeSantis macht es vor

Die Midterms haben gezeigt, dass sich etwas verändert, eine politische Gewissheit nicht länger garantiert ist: dass Latinos im Land demokratisch wählen. Darauf konnte sich die Partei von Präsident Biden bislang stets verlassen. Dass es komplizierter geworden ist, hat schon die Präsidentschaftswahl 2020 bewiesen. Donald Trump konnte seinen Anteil an Latino-Stimmen laut einer Analyse des Pew Research Center von 28 Prozent 2016 auf 38 Prozent 2020 erhöhen. In seiner Rede, in der er seine erneute Präsidentschaftskandidatur verkündete, sprach Trump explizit auch die People of Color an, die sich seiner Bewegung anschliessen sollten.

Die Zwischenwahlen Anfang November waren in vielen Bereichen anders als erwartet. Der grosse Sieg der Republikaner ist ausgeblieben. Die Demokraten haben die Kontrolle im Senat halten können. Die Mehrheit im Repräsentantenhaus ging verloren, doch die Verluste im Repräsentantenhaus sind historisch gering. Die extremsten der extremen Trump-Kandidaten konnten sich nicht durchsetzen.

Und noch hat auch eine Mehrheit der Latinos im Land demokratisch gewählt, anders als es die Konservativen gehofft hatten. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt, dass diese Mehrheit die Demokraten jedoch nicht beruhigen sollten. Ron DeSantis, neuer Star der Republikaner, gewann in Florida deutlich seine Wiederwahl zum Gouverneur. Auch, weil 57 Prozent der hispanischen Wählerinnen und Wähler für ihn stimmten.

Ein Vergleich der Zahlen der vergangenen Wahlen der Nachrichtenagentur AP ergibt, dass die Demokraten kontinuierlich an Unterstützung in dieser Wählergruppe verlieren, von 64 Prozent vor vier Jahren auf 56 Prozent jetzt. Gleichzeitig wählen mehr Latinos konservativ, ihr Anteil bei den Republikanern ist von 33 Prozent 2018 auf 40 Prozent gestiegen. Auch die Nachwahlbefragungen der grossen TV-Sender der letzten Wahlen bestätigen diesen Trend.

Der Stimmenanteil der Demokraten sank demnach von 69 Prozent im Jahr 2018 auf 65 Prozent im Jahr 2020 und auf 60 Prozent im Jahr 2022, während der Anteil der Republikaner von 29 Prozent im Jahr 2018 auf 39 Prozent vier Jahre später stieg.

Delia Vargos ist in Kalifornien geboren, doch zogen ihre Eltern kurz darauf zurück nach Mexiko, wo sie heute noch leben. Vargos kam mit 20 Jahren zurück, auf der Suche nach besseren Chancen, mehr Möglichkeiten. Die Chancen führten sie zu einem Job bei einer Fastfood-Kette in Kalifornien. In dem progressiven Bundesstaat hat sie republikanisch gewählt. Nach Phoenix kam Vargos, weil die Mieten günstiger waren und es mehr Jobs gab.

Das hat sich mittlerweile verändert, Phoenix boomt, alles ist teuer geworden. Das Restaurant gehörte Vargos Lebenspartner, seit er vor einem Jahr gestorben ist, führt sie es alleine. Sie hat drei Kinder, die älteren beiden helfen am Wochenende aus, die älteste Tochter macht gerade eine Ausbildung zur Köchin. Die Ausbildung ihrer Kinder und die Wirtschaft sind das, worum sich Vargos sorgt. Wenn bei der nächsten Präsidentschaftswahl ein republikanischer Kandidat eine bessere Idee hat als die Demokraten, wird Vargos konservativ wählen, sagt sie.

«Es gibt in beiden Parteien eine Heimat für Latinos»

«Ein Drittel der Latinos in Arizona fühlt sich keiner Partei zugehörig», sagt Carolina Rodriguez-Greer von der landesweiten Organisation Mi Familia Vota, die sich dafür einsetzt, die Teilhabe von Latinos an der Politik zu erhöhen. Die Freiwilligen haben in Arizona vor den Midterms an mehr als 200'000 Türen geklopft, um mit hispanischen Bürgerinnen und Bürgern über die Wahlen zu sprechen.

Rodriguez-Greers Fazit ist nüchtern: «Demokraten wie Republikaner müssen noch viel tun.» Wirtschaft, Bildung, Sicherheit, das seien die Themen dieser Wahlen gewesen, und Sachpolitik für viele Latinos entscheidend.

Doch beide Parteien seien zu faul, wenn es um die Bedürfnisse der hispanischen Wählerschaft gehe, sagt Rodriguez-Greer. Dabei werden allein in Arizona laut der Organisation jedes Jahr 38'000 junge Latinos wahlberechtigt. Wo sie politisch stehen, ist offen. «Es gibt in beiden Parteien eine Heimat für Latinos, wir sind als Gruppe kein Monolith», sagt Rodriguez-Greer, deren Familie aus Mexiko stammt.

Die Vielfalt der Community zeigt sich auch bei den hispanischen Kandidatinnen und Kandidaten, die bei den Midterms erfolgreich waren. Alexandria Ocasio-Cortez, Star der progressiven Linken, hat ihren Sitz im Repräsentantenhaus in New York locker verteidigt. In Florida, wo DeSantis das politische Gesamtbild nach rechts verschoben hat, sind sowohl die mexikanisch-amerikanische Anna Paulina Luna, eine republikanische Veteranin der U.S. Air Force, als auch der 25-jährige Afro-Latino Maxwell Frost für die Demokraten gewählt worden. In Texas, nahe der Grenze zu Mexiko, hat Monica De LaCruz als konservative Latina einen leicht neu zugeschnittenen Bezirk gewonnen, der bislang immer demokratisch dominiert war.

Orlando Sanchez möchte dafür sorgen, dass das Pendel künftig weiter in die konservative Richtung schwingt. Und dort bleibt. Der 65-jährige gebürtige Kubaner hat die Texas Latino Conservatives gegründet, eine politische Bewegung, die konservative Latinos unterstützt. Dass sich das hispanische Wahlverhalten verändert, schreibt er vor allem Fehlern der Demokraten zu. «Mit ihrer progressiven politischen Botschaft haben sie viele Latinos vertrieben», sagt Sanchez, der selbst lange als Regionalpolitiker in Houston aktiv war.

Zu viel Wohlfahrtsstaat, zu viele Identitätsthemen, zu viel Kritik an den Sicherheitsbehörden, all das habe den Demokraten geschadet. «Latinos wollen keine Almosen, wir wollen arbeiten, etwas aus uns machen», sagt der 65-Jährige. Die Demokraten hätten die Arbeiterklasse im Stich gelassen. Und auch die Familienwerte wären bei vielen Latinos deutlich konservativer als das, was das liberale Amerika vertritt. Bei all den Generalisierungen betont auch Sanchez immer wieder, dass die hispanische Wählerschaft divers sei, nicht eine Strategie für alle greifen würde. Was Vorhersagen über zukünftiges Wahlverhalten nicht einfacher macht. Aber es verschafft den Republikanern Möglichkeiten.

Doch zu lange hätte die Partei Latinos überhaupt nicht als potenzielle Wähler wahrgenommen, sagt Sanchez. Und dann zu sehr auf die extremen Botschaften von Donald Trump gesetzt. Einwanderung ist ein wichtiges Thema für viele Latinos, «aber nicht mit derart toxischen Botschaften», sagt Sanchez. Auch die Lüge von der gestohlenen Wahl sei nichts, was diese Wählerschaft reizen würde. Werte, darauf sollten sich die Republikaner wieder konzentrieren.

Jetzt auf

Der Erfolg von Ron DeSantis bei hispanischen Wählerinnen und Wählern spricht für diese These. DeSantis ist hart in der Sache, aber gefälliger im Auftritt. Er lebt mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern das perfekte heteronormative Familienbild vor, setzt in Florida extrem wertkonservative Politik um und verspricht mit seiner steten Wiederholung, er stehe für ein «freies Florida», allen die Chance darauf, etwas aus sich zu machen. «Das ist das Schöne an Amerika: Chancen», sagt auch Orlando Sanchez.

Wenn Delia Vargos in ihrem Restaurant in Phoenix über ihre Zukunft nachdenkt, träumt sie von einem eigenen Restaurant für ihre Tochter. Das würde sie gerne gemeinsam mit ihr aufbauen, neben ihrem eigenen kleinen Betrieb. Dass sie ihr Restaurant derzeit noch offen halten kann, liegt auch an einer Vereinbarung mit ihrem Vermieter.

Die Miete richtet sich nach ihrem Umsatz. Über Politik sprechen sie in der Familie immer mal wieder, sagt Vargos. Ihre Kinder vertreten eher liberale Werte, die 22-jährige Tochter hat die Demokraten gewählt. Delia Vargos wird ihre Wählerregistrierung auf den neuesten Stand bringen, damit sie nicht noch eine Wahl verpasst. Und dann können beide Parteien um ihre Stimme kämpfen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FrancoL
30.11.2022 22:32registriert November 2015
Eine Tendenz die mich nicht wundert und die aufzeigt, dass für viele nur der Moment zählt, weder betrachtet man was war und zum Moment führte, noch rechnet man mit der Zukunft.
Politik der Stunde, nicht das was ein Land weit bringt.
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