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Hungersnot: Wenn Krieg und Klimawandel aufeinandertreffen

Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg für die globale Hungersnot? Ein Blick in die fünf am stärksten betroffenen Länder zeigt: Der fehlende Weizen ist nicht das Problem.
19.08.2022, 22:0112.09.2022, 12:51
Andrea Böhm, Steffen Richter / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Es herrscht eine Hungerkrise: Weltweit sind laut dem letzten Jahresbericht der Welthungerhilfe rund 828 Millionen Menschen unterernährt. Nach Berechnungen des World Food Programme (WFP) stehen rund 50 Millionen Menschen in 45 Ländern am Rande einer Hungersnot. Allein in den fünf am härtesten getroffenen Staaten leben nach WFP-Angaben 882'000 Menschen in Hungersnot-ähnlichen Situationen, was zehnmal mehr Betroffene wären als noch vor fünf Jahren.

Besonders gefährdet sind die Menschen im von einer Dürre heimgesuchten Ostafrika. Vier Regenzeiten in Folge sind in den Ländern am Horn von Afrika ausgeblieben, die Ernten liegen in den betroffenen Gebieten 60 bis 70 Prozent unter dem Normalwert. In Äthiopien leben aktuell 401'000 Menschen in einer Hungersnot-ähnlichen Lage, in Somalia 213'000, 87'000 im Südsudan sowie 161'000 im Jemen und 20'000 Menschen im asiatischen Afghanistan.

Der Kampf gegen den globalen Hunger war jahrelang erfolgreich, doch seit 2014 kehrt sich der Trend um. 2022 ist Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine als Krisenbeschleuniger dazugekommen. Zumindest wird das so vermutet, denn die Ukraine (und auch Russland) ist ein wichtiger Getreideexporteur. Bis zum Angriff Russlands ist fast der gesamte Getreideexport aus der Ukraine über das Asowsche und das Schwarzes Meer gelaufen, durch den Krieg ist das nur noch schwer möglich. Lastwagen sind für die Massentransporte zu klein, die Fahrt mit Güterzügen in Richtung Westen wird durch den Bahnspurwechsel mühsam.

Rund 18 Millionen Tonnen Getreide sollen sich allein aus der vergangenen Saison noch in ukrainischen Silos befinden. Allerdings verdeckt der Eindruck, dass ein Ausbleiben ukrainischen Getreides den Hunger in Ostafrika oder Afghanistan verschärfen könnte, die eigentlichen Ursachen der Katastrophe: Die schlimmsten Hungertreiber sind die Klimakatastrophe und bewaffnete Konflikte. Das zeigt das Beispiel der fünf am härtesten getroffenen Länder:

Äthiopien

Die sehr hohe Zahl von rund 400'000 Betroffenen in Äthiopien, die wahrscheinlich noch deutlich zu niedrig angesetzt ist, hat vor allem mit der anhaltenden humanitären Blockade der Region Tigray durch die Regierung und ihre Verbündeten zu tun. Dort wurden zu Beginn des Bürgerkrieges zwischen der «Volksbefreiungsfront von Tigray» (TPLF) und der Regierung von Abiy Ahmed Erntevorräte, Brunnen, Saatgut, und landwirtschaftliche Geräte zerstört und geplündert.

Weizensäcke werden in einer Verteilungsstelle in der Region Tigray abgeladen.
Weizensäcke werden in einer Verteilungsstelle in der Region Tigray abgeladen. Bild: keystone

Seither hat es so gut wie keine humanitären Konvois nach Tigray mehr gegeben. Wie schlimm die Hungerkrise dort ist, lässt sich schwer sagen, weil fast keine Journalisten in das Land kommen. Immerhin konnte am Sonntag das erste von den Vereinten Nationen gecharterte Schiff mit 23'000 Tonnen Weizen von einem Hafen nahe dem ukrainischen Odessa Richtung Äthiopien ablegen. Äthiopien ist auch durch die Preisexplosion nach Beginn des Ukraine-Kriegs betroffen. Aber hier geht es vor allem darum, dass Hunger in einem internen Konflikt als Waffe eingesetzt wird.

Somalia

Somalia steckt in einem Dauerkonflikt zwischen der Regierung und mit ihr verbündeten Milizen auf der einen und der radikal-islamistischen Al-Shabaab auf der anderen Seite. Letztere kontrolliert Gebiete in Süd- und Zentralsomalia. Somalia ist besonders stark von der anhaltenden Dürre in Ostafrika betroffen – eine der schlimmsten und längsten seit Jahrzehnten, was auch auf die Klimakrise zurückzuführen ist. Es kommt immer wieder zu Hungersnöten, unter denen nach Angaben der Hilfsorganisation Care mehr Frauen als Männer zu leiden haben. Demnach haben 2021 weltweit insgesamt 150 Millionen mehr Frauen als Männer gehungert. Im Fall Somalias hätten etwa Männer angegeben, kleinere Mahlzeiten zu essen – Frauen hätten dagegen berichtet, dass sie Mahlzeiten auslassen müssen. Nach der IPC-Skala zur globalen Ernährung leiden in Somalia rund sieben Millionen Menschen an einer hohen akuten Nahrungsmittelunsicherheit.

Somalia ist besonders stark von der anhaltenden Dürre betroffen.
Somalia ist besonders stark von der anhaltenden Dürre betroffen. Bild: keystone

Aktuell ist Somalia zusätzlich betroffen, weil das WFP einen grossen Teil seiner Getreidevorräte für humanitäre Hilfe bis Februar 2022 in der Ukraine eingekauft hatte, also selbst unter dem Preisschock leidet. Die Getreidepreise auf dem Weltmarkt sind im Übrigen wieder deutlich gesunken, seit die ersten Schiffe mit Weizen und Mais aus ukrainischen Häfen unter türkischer Vermittlung ausgelaufen sind. Ein Fortschritt – der aber tatsächlich nichts an den strukturellen Ursachen ändert: Kriege, Klimakrise und Importabhängigkeit.

Südsudan

Der Südsudan befindet sich seit seiner Unabhängigkeit 2011 vom Sudan faktisch in einem anhaltenden Kriegszustand – mal unterschwellig, mal eskalierend – zwischen verschiedenen Ethnien, ehemaligen Kämpfern aus dem Bürgerkrieg gegen den Norden sowie politischen Fraktionen in der Hauptstadt Juba. Das Land war bei seiner Gründung eines der ärmsten der Welt – und ist es trotz Ölreichtums geblieben. 75 Prozent der Bevölkerung leiden heute an akutem Hunger.

Es kommt wegen der Erderwärmung häufiger zu Überschwemmungen.
Es kommt wegen der Erderwärmung häufiger zu Überschwemmungen.Bild: keystone

Durch den anhaltenden Kriegszustand gibt es im Land dauerhaft eine grössere Anzahl von Binnenvertriebenen, oft in schwer zu erreichenden Gebieten. Ausserdem wird der Südsudan – wie der ganze Kontinent – von den Folgen der Erderwärmung deutlich härter getroffen als Europa. Extreme Wetterlagen geschehen häufiger und sind dramatischer, vor allem Überschwemmungen. Die Menschen im Südsudan sind, salopp gesagt, ziemlich hart im Nehmen, jedoch ein Staat, der die lebenswichtigen Anpassungen an die Klimakrise vorantreiben könnte – beispielsweise durch die Errichtung von Dämmen, Drainagen oder von Frühwarnsystemen – existiert nicht.

Jemen

Der Bürgerkrieg zwischen den schiitischen Huthi-Aufständischen und sunnitischen Regierungstruppen im Jemen hat den vierten hart von Hunger bedrohten Staat in der Region seit 2014 ausgezehrt. Laut dem Analyseprojekt Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) sind über 156'000 Jemeniten und Jemenitinnen direkt an den Folgen von Kriegsgewalt gestorben, darunter mehr als 15'100 Zivilisten, die bei gezielten Angriffen getötet wurden. Erstmals seit 2016 ist im Jemen Anfang April eine Waffenruhe in Kraft getreten. Die Zahl der getöteten Zivilisten ging prompt zurück, allerdings sterben weiterhin Menschen etwa durch Landminen. ACLED zählte 300 Todesopfer und 1'700 Verstösse gegen die Waffenruhe seit deren Beginn.

Die Hungersnot betrifft besonders Kinder.
Die Hungersnot betrifft besonders Kinder.Bild: keystone

Es ist ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran auf der einen und Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der anderen Seite. Insgesamt wurden in den sieben Jahren des Konflikts nach UN-Angaben mindestens 377'000 Menschen getötet, die meisten starben an Kriegsfolgenerscheinungen wie Krankheit und Hunger: etwa 19 Millionen Menschen haben nicht genügend zu essen, 161'000 befinden sich laut WFP in einer Hungersnot-ähnlichen Lage, besonders häufig sind (wie meistens) Kinder betroffen. Der Krieg in der Ukraine hat die Lage im Jemen nach Angaben der Welthungerhilfe insofern noch verschärft, als dass die ohnehin seit 2021 weltweit teils um 28 Prozent gestiegenen Preise für Lebensmittel noch weiter gestiegen sind.

Afghanistan

Jetzt auf

Die seit einem Jahr in ganz Afghanistan regierenden Taliban hatten dem Volk versprochen, nach dem Abzug der internationalen Truppen für Frieden und Sicherheit zu sorgen. Doch das gelingt den Radikalislamisten nicht. Mit der Machtübernahme hat die internationale Staatengemeinschaft ihre Hilfen eingefroren. Seitdem versinkt das Land in einer humanitären und wirtschaftlichen Krise. Die Arbeitslosigkeit steigt rasant. Mit schwerwiegenden Folgen: Nach der IPC-Skala herrscht durch eine Kombination aus kollabierender Wirtschaft und Dürre im ganzen Land eine hohe akute Nahrungsmittelunsicherheit. Bald die Hälfte der Bevölkerung, fast 20 Millionen Afghaninnen und Afghanen, sind davon betroffen. 20'000 Menschen drohen laut WFP zu verhungern.

Seit der Machtübernahme der Talibans versinkt das Land in einer humanitären Krise.
Seit der Machtübernahme der Talibans versinkt das Land in einer humanitären Krise. Bild: keystone

Der Westen macht die Einhaltung der Menschenrechte – insbesondere wegen schwerer Repressionen der Taliban gegen Frauen – zur Bedingung für die Wiederaufnahme humanitärer Hilfe. Immerhin hat die US-Regierung unter Joe Biden im Februar beschlossen, etwa 3.5 Milliarden Dollar freizugeben, sofern das Geld der notleidenden afghanischen Bevölkerung zugutekommt. Auch die Gewalt ist im Land nicht vorbei: Ein Ableger der Terrormiliz IS bekämpft heute die Taliban.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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47 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Das mittlere Raider
19.08.2022 22:35registriert September 2021
Fazit: Es gibt nur kleine Probleme mit der Nahrungsproduktion und -verteilung, solange diese nicht aktiv gestört wird.
Das eigentliche Problem sind demnach machtgierige Herrscher und Religionsführer (womit wir wieder bei machtgierigen Herrschern sind).
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banda69
19.08.2022 22:41registriert Januar 2020
"Die schlimmsten Hungertreiber sind die Klimakatastrophe und bewaffnete Konflikte."

Das war vorauszusehen. Und es wird noch schlimmer. Wissenschaft und Klimademos haben darauf aufmerksam gemacht. Die SVPler haben sie aufs Übelste verunglimpft. Klimadiktatur! Manipulation! Und ja. Jetzt haben wir eine Klimadiktatur.

Und ja. Wer SVP wählt, wählt Geld und Gier und Klimakatastrophe.
Hungersnot: Wenn Krieg und Klimawandel aufeinandertreffen\n"Die schlimmsten Hungertreiber sind die Klimakatastrophe und bewaffnete Konflikte."

Das war vorauszusehen. Und es wird noch schlimmer. Wissenschaft und Klimademos haben darauf aufmerksam gemacht. Die SVPler haben sie aufs Übelste verunglimpft. Klimadiktatur! Manipulation! Und ja. Jetzt haben wir eine Klimadiktatur.

Und ja. Wer SVP wählt, wählt Geld und Gier und Klimakatastrophe.
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Murumuurumur
19.08.2022 23:35registriert Januar 2022
Kann man sich nicht ausdenken...
Hungersnot: Wenn Krieg und Klimawandel aufeinandertreffen\nKann man sich nicht ausdenken...
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