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Vermisste in Ukraine: «Ein toter Soldat trug einen Strick um den Hals»

«Ein toter Soldat trug einen Strick um den Hals»

Als Vermisstenbeauftragter der Ukraine sucht Oleh Kotenko nach Kriegsgefangenen und Massengräbern. Ein Gespräch über Leichensuchen per Drohne und die Lage in Isjum
20.09.2022, 13:4720.09.2022, 14:14
Christian Vooren / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online
EDS NOTE: GRAPHIC CONTENT - An expert examines a body during an exhumation in the recently retaken area of Izium, Ukraine, Friday, Sept. 16, 2022. Ukrainian authorities discovered a mass burial site n ...
Kotenko in Isjum.Bild: keystone

Oleh Kotenko hat seit einigen Tagen wieder besonders viel zu tun. Der Vermisstenbeauftragte der Ukraine hilft dabei, getötete oder verletzte Menschen aufzuspüren und zu identifizieren. Jetzt, da die Ukraine Dörfer und Regionen zurückerobert, hat er Zugang zu neuen Zeuginnen und zu Beweismitteln. Das Interview führt er aus dem Auto heraus per Videocall, er parkt irgendwo in der Ostukraine – wo genau, sagt der 52-Jährige nicht. 

Herr Kotenko, die ukrainische Armee erobert seit einigen Wochen Städte und Regionen von russischer Besatzung zurück. Finden Sie also jetzt, da Sie Zugang zu diesen Gebieten bekommen, besonders viele vermisste Personen?
Oleh Kotenko:
Wir befinden uns mitten in einer Gegenoffensive. Wenn wir in befreite Städte kommen, wissen wir schon ziemlich sicher, ob wir dort vermisste Soldaten finden werden. Im Moment sind das besonders viele. Wir wissen ja um die Stellungen, wo Gefechte stattgefunden haben. Bei Zivilisten ist es etwas schwieriger vorherzusehen.

Sie sind der Vermisstenbeauftragte der Ukraine. Wie kommt man zu dieser Aufgabe?
Ich mache eine ähnliche Arbeit bereits seit 2014. Ich wurde in Slowjansk in der Ostukraine geboren. Die Stadt wurde von russischen Terroristen überfallen. Ich habe den Bürgern dort geholfen, Menschen aus russischer Gefangenschaft zu befreien, dann bin ich dabeigeblieben. Anfangs haben wir im Donbass vermisste Soldaten gesucht, später war es auch mein Job, sie zu befreien oder ihre Freilassung zu verhandeln. Die Erfahrung und die Fähigkeiten habe ich also mitgebracht. Seit Mai habe ich meinen aktuellen Job, und nun muss ich Menschen finden, die entweder gestorben oder in Gefangenschaft sind.

Finden Sie mehr Tote oder mehr Lebende?
Das teilt sich etwa 50 zu 50 auf. Manchmal finden wir die Personen allerdings nicht direkt, sondern nur Augenzeugenberichte oder Videomaterial, das bestätigt, dass die Personen getötet oder verschleppt wurden.

Wie findet man eine vermisste Person?
Wir werden seit 2014 eigentlich durchgehend von Menschen aus den besetzten Gebieten unterstützt. Das gilt für die Krim genauso wie für den Donbass. Auch nachdem der Krieg losgegangen war, blieben viele proukrainische Menschen zurück, die uns von Gräbern oder Entführungen erzählen konnten. Wenn es um Soldaten geht, sprechen wir viel mit Kameraden, die näher dran waren als alle anderen und die Personen vielleicht zum letzten Mal gesehen haben. Wir fragen immer nach Zeit, Ort und Umständen. Zusätzlich nutzen wir Drohnen, die über Schlachtfelder fliegen und aufklären können. Liegen Leichen auf der Strasse, suchen wir später nach Gräbern. Liegen dort keine, wurde vermutlich jemand verhaftet und verschleppt. Wir haben natürlich noch mehr Mittel, aber ich kann nicht über alle Methoden sprechen.

In Isjum in der Region Charkiw wurden vergangene Woche mehr als 400 Leichen entdeckt, Sie waren selbst am Ort, um sich ein Bild zu machen. Was haben Sie gesehen?
Wir wussten bereits, dass wir dort Gräber finden würden, unter anderem weil wir russische Telegram-Kanäle überwachen. Aber wir konnten nicht genau sagen, wo diese Gräber sich befinden, wir hatten ja auch keinen Zugang. Als wir ankamen, war es nicht schwer zu finden. In einem Waldstück standen 441 Kreuze auf Gräbern, eines für jeden getöteten Zivilisten, der dort begraben lag. Daneben fanden wir einen abgetrennten Teil, darin waren 19 Soldaten vergraben. Das kann man als Massengrab bezeichnen.

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Hunderte Gräber bei Isjum entdeckt
quelle: keystone / evgeniy maloletka
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Sie sagten am Wochenende vor Journalisten, das sei nicht mit den Massengräbern von Butscha zu vergleichen. Wieso nicht?
Die Soldaten wurden offenbar in einer grossen Grube von russischen Soldaten verbuddelt. Aber zumindest die Zivilisten wurden einzeln beerdigt, damit hatten die Besatzer ein lokales Bestattungsunternehmen beauftragt. Das lief also etwas zivilisierter ab. Die Parallele zu Butscha allerdings ist: Dort wie in Isjum kamen viele der Menschen durch Artilleriebeschuss ums Leben oder durch Luftschläge. Und die waren direkt gegen Zivilisten gerichtet.

Es gibt Berichte von gefesselten und gefolterten Leichen, einige Journalisten verbreiteten Fotos, auf denen Soldaten mit verstümmelten Genitalien zu sehen sind.
Ich kann nur über das sprechen, was ich bereits persönlich beobachten konnte. Ein toter Soldat trug einen Strick um den Hals. Ich vermute, dass er auf diese Weise getötet wurde. Aber letztlich müssen wir abwarten, bis die Experten alle Leichen exhumiert und untersucht haben und wir definitiv etwas über die Umstände sagen können.

Wie viele Personen werden in der Ukraine aktuell vermisst?
Die Zahlen verändern sich sehr schnell. Manchmal verschwinden an einem Tag 18, an einem anderen tauchen 3'000 wieder auf. Die wahren Zahlen werden wir wohl erst herausgeben können, wenn der Krieg vorbei ist, bis dahin sagen wir dazu nichts.

Wer meldet denn diese Personen als vermisst?
Das sind alle möglichen Leute. Freunde, Familien, die Regierung, das Militär. Sie kommen auf uns zu und wir sammeln diese Informationen.

Wenn Spezialeinheiten Menschen aus Geiselnahmen oder Gefangenschaft befreien, geben sie ihnen oft als Erstes einen Schokoriegel aus der Heimat als Signal: Sie sind jetzt in Sicherheit. Was tun Sie, wenn Sie vermisste Personen finden?
Wir geben ihnen ein Telefon, damit sie ihre Familien anrufen können. Danach werden sie ins Krankenhaus gebracht, weil ihr Zustand in der Regel sehr schlecht ist. Dann werden sie psychologisch betreut.

Was erzählen Ihnen die Menschen, die Sie befreien?
Wir sprechen nicht viel mit ihnen, das können Psychologen viel besser. Wir zeigen ihnen nur Fotos von Vermissten und fragen, ob sie jemanden erkennen oder etwas wissen. Ich bin mittlerweile aber auch nicht mehr dafür zuständig, die Gefangenen selbst zu befreien. Wir versuchen nur, herauszufinden, wo sie festgehalten werden. Die Informationen geben wir dann an andere Spezialisten weiter.

Jetzt auf

Das klingt ein bisschen frustrierend. Sie spüren die Menschen auf, aber gedankt wird es anderen.
Das kann schon mal frustrierend sein, ja. Aber so ist der Job. Meine Aufgabe ist es, andere zu finden und in Erfahrung zu bringen, ob die Person noch lebt. Und wenn wir die Arbeit nicht aufteilen würden, hätte ich nicht genug Zeit, nach den anderen zu suchen. Es sind einfach zu viele Fälle.

Mitarbeit: Andrij Hetman

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Waffenlieferungen von Deutschland an die Ukraine
quelle: keystone / morris macmatzen / pool
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6 Kommentare
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Gandalf-der-Blaue
20.09.2022 14:55registriert Januar 2014
Ich staune immer von neuem wie selbstlos diese Leute ihre Pflicht erledigen. Egal worum es geht. Die Ukraine ist in diesem Krieg nicht primär deshalb so stark, weil sie vom Westen unterstützt wird, sondern weil da viele mutige Menschen leben, die ihr Land nach Kräften unterstützen.
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stormcloud
20.09.2022 14:17registriert Juni 2021
Eine schreckliche Arbeit, welche die Experten da verrichten.
Aber auch eine wichtige Arbeit, denn sie dokumentieren damit das widerliche und abartige Verhalten der russischen Armee gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen.
Alle diese Taten fallen letztlich auf Putin zurück, denn mit der Auszeichnung der Mörder in Butscha zeigt er, dass er im Bilde ist.
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