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Bürgerkrieg in Libyen: «Manche müssen tagelang hungern»

Unter dem Kampf um Tripolis leiden vor allem die Migranten, die in Lagern festsitzen. Sie sollten dringend aus der Kampfzone befreit werden, sagt Nothelfer Craig Kenzie.

Andrea Backhaus / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Vor knapp vier Wochen hat Chalifa Haftar seine Offensive auf die libysche Hauptstadt gestartet. Bisher kontrollierte der ehemalige General den Osten von Libyen, nun will er mit seiner sogenannten Libyschen Nationalen Armee (LNA) die international anerkannte Regierung unter Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch in Tripolis stürzen.

Bei den Kämpfen zwischen der LNA und den Milizen in Tripolis wurden bisher mehr als 300 Menschen getötet und mehr als 1'600 verletzt. Craig Kenzie ist bei Ärzte ohne Grenzen Projektleiter der Hilfsprojekte in Tripolis. Von Tunis aus koordiniert er die medizinische Hilfe in den Internierungslagern rund um Tripolis sowie die Hilfe für vertriebene Libyer.

FILE - In this file photo taken Friday, Nov. 29, 2013, African migrants cover themselves with blankets, after being captured by the Libyan Coast Guard while on a boat heading to Italy, in a detention center for illegal migrants in Abu Salim district on the outskirts of Tripoli, Libya. The odyssey often begins in an Eritrean refugee camp in Sudan where smugglers offer a deal too good to refuse: Transport to Libya and the chance of a boat trip to Europe, sometimes with no money down. But once in the lawlessness of Libya, the desperate and the dreamers are essentially held hostage by their traffickers until payments are extorted from relatives or they come up with the cash themselves. (AP Photo/Manu Brabo, File)

Archivbild aus einem Libyschen Flüchtlingslager. Bild: AP/AP

Herr Kenzie, einige Ihrer Kollegen sind gerade in Libyen. Wie ist die Lage?
Craig Kenzie:
Die Situation in Tripolis ist sehr angespannt. Es gibt massive willkürliche Bombardierungen und heftige Kämpfe auch in sehr dicht besiedelten Gegenden in der Stadt. Wohngebiete werden mit Raketen und Mörsergranaten beschossen. Wir beobachten, dass die Luftangriffe immer näher an das Stadtzentrum herankommen.

Zur Person

Craig Kenzie ist der Koordinator für die Hilfsprojekte von Ärzte ohne Grenzen in Tripolis. Der Kanadier ist seit sieben Jahren für die Organisation tätig und hat im Bereich der Nothilfe in Afrika und im Nahen Osten gearbeitet.

Wie geht es den Zivilisten in Tripolis?
Tripolis ist eine recht grosse Stadt mit rund 1.6 Millionen Einwohnern. Die Front verläuft zwölf Kilometer südlich des Stadtzentrums. Dort, wo die Kämpfe anhalten, sind noch Zivilisten. Wie viele es genau sind, lässt sich schwer sagen, weil es aus den Kampfgebieten kaum unabhängige Berichte gibt. Viele Einwohner haben Angst, dass ihre Häuser zu Militärstützpunkten umfunktioniert werden. Um das zu verhindern und um ihre wenigen Besitztümer zu schützen, bleiben sie in ihren Häusern. Dort sind sie aber nicht sicher, denn das Kampfgebiet ist nicht statisch, sondern verändert sich die ganze Zeit.

Mehr als 40'000 Menschen sind vor den Kämpfen auf der Flucht. Wo sind sie untergekommen?
Die Kämpfe konzentrieren sich vor allem im Süden von Tripolis. Viele Zivilisten fliehen deshalb in den Norden der Stadt, in die Gegend rund um den Hafen. Einige können bei Bekannten oder Freunden unterkommen, andere suchen Schutz in den Lagern oder Schutzhäusern für Vertriebene, wo sie zumindest eine Grundversorgung bekommen. Andere versuchen, Tripolis zu verlassen und in Orte zu gelangen, wo die Lage stabiler ist. Besonders beunruhigend ist die Lage der Flüchtlinge und Migranten, die zwischen die Fronten geraten sind. Wir befürchten, dass sie sich eher versteckt halten und von der Notversorgung nicht viel abbekommen, weil sie entweder bei der Verteilung diskriminiert werden oder fürchten, verhaftet und in eines der Internierungslager gebracht zu werden.

In Libyen sind etwa 6'000 Flüchtlinge und Migranten in Gefangenenlagern eingesperrt, mehr als die Hälfte davon in Lagern rund um Tripolis. Die Zustände dort sollen menschenunwürdig sein.
Ja, schon vor dem Ausbruch der Kämpfe waren diese Internierungslager weit entfernt von internationalen Standards. Es gab nicht genug Wasser und Essen und kaum Zugang zu sanitären Anlagen. Viele der Menschen, die jetzt in diesen Lagern sind, sind nach Libyen gekommen, um den Kämpfen oder der politischen Verfolgung in ihren zumeist afrikanischen Heimatländern zu entkommen. Sie hatten gehofft, endlich in Sicherheit zu sein. In Libyen haben sie aber Schreckliches erlebt, sie wurden gefoltert, misshandelt und ausgeraubt, weshalb sie über das Mittelmeer weiter nach Europa fliehen wollten. Dort wurden sie dann von der libyschen Küstenwache aufgehalten, verhaftet und zurück an Land in diese Lager gebracht. Nun sind sie eingesperrt, ohne zu wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Mit jedem Tag verschlechtert sich ihre Lage.

Haben Sie noch Zugang zu den Internierungslagern?
Wir haben normalerweise Zugang zu fünf von sieben Lagern in Tripolis. Seit Kurzem kommen wir nicht mehr in das Lager Kasr Bin Gaschir, das nun offenbar leer ist, aber die vier anderen im Zentrum von Tripolis können wir im Moment noch betreten. Einige der Inhaftierten konnten wir schon in Orte an der Küste bringen. Auch versuchen wir, die Verletzten aus den Lagern zu holen, um sie behandeln zu lassen. Da die Front immer näher kommt, befürchten wir aber, dass wir bald keinen Zugang mehr zu den Lagern haben werden.

Die Internierungslager stehen unter der Kontrolle der Einheitsregierung in Tripolis, die von der internationalen Gemeinschaft unterstützt wird. Was berichten Ihre Kollegen aus den Lagern?
Sie sagen, dass viele der Gefangenen kaum noch Essen bekommen, manche Menschen müssen tagelang hungern. Die Menschen haben grosse Angst. Sie sind oft nur wenige hundert Meter von den Kämpfen entfernt. Nachts hören sie die Bombardierungen und Raketeneinschläge, die immer näher kommen. Sie sind abgeschnitten von der Aussenwelt, eingeschlossen in ihren Zellen und wissen nicht, was um sie herum passiert. Jeden Tag und jede Nacht wird geschossen und gibt es Luftangriffe. Diese Menschen sind ohnehin schon erschöpft, jetzt, in diesen Tagen, sind sie absolut verzweifelt.

Wird ihnen in den Lagern auch Gewalt angetan?
Ja. Gerade erst gab es einen Vorfall im Lager Kasr Bin Gaschir, das nahe der Front liegt. Laut mehreren Berichten aus dem Lager kamen plötzlich bewaffnete Kämpfer hinein und schossen auf zwölf Menschen, einige seien dabei getötet worden. In diesem Gefangenenlager sitzen unbewaffnete Zivilisten, darunter Kinder und schwangere Frauen. Es gibt absolut nichts, was so ein Vorgehen erklären oder rechtfertigen würde.

Offenbar werden einige der Gefangenen auch für Kriegsdienste eingezogen. Können Sie das bestätigen?
Wir haben von unterschiedlicher Seite Berichte darüber gehört. Wir können das derzeit zwar nicht unabhängig bestätigen, sind aber sehr in Sorge um die Gefangenen. Auch deshalb, weil diese Lager keine Schutzräume sind. Sie sind nicht dafür gemacht, Menschen vor Raketenbeschuss oder Gewehrkugeln zu schützen. Die Menschen müssten dringend befreit und an sichere Orte gebracht werden.

Wie könnte das erfolgen?
Die Lager müssen dringend evakuiert werden. Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, die Menschen entweder aus den Internierungslagern, die nahe der Kampfzone liegen, an Orte zu bringen, wo sie versorgt werden können, oder sie freizulassen.

Am Montag hat Italien 146 Flüchtlinge aus der libyschen Küstenstadt Misrata aufgenommen. Ist das nicht ein Anfang?
Das ist ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, Menschen direkt aus Libyen herauszubringen, anstatt sie etwa erst nach Niger zu schicken. Doch es ist noch viel zu wenig. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt gewährleisten, dass auch die anderen Gefangenen schnell aus der Gefechtszone geholt werden können.

Beobachten Ihre Kollegen, dass wegen der Kämpfe mehr Menschen versuchen, nach Europa zu fliehen?
Was wir jetzt erleben, ist bereits der dritte grosse Konflikt in den vergangenen sieben Monaten. Wir haben das schon in der Vergangenheit gesehen: Wenn die Menschen, egal ob sie Libyer sind oder Migranten und Flüchtlinge, keinen sicheren Ort in Libyen mehr finden, sehen sie die Flucht über das Mittelmeer als letzte Option an. Wir können derzeit nicht sicher sagen, wie viele Menschen das derzeit versuchen. Aber wir fürchten, dass es nicht genug Kapazitäten gibt, die Menschen im Meer zu retten, wenn sie Hilfe brauchen. Es ist absolut nicht nachzuvollziehen, dass die EU der libyschen Küstenwache die Kontrolle und Verantwortung für die libysche SAR-Zone, also die Search-and-Rescue-Zone, übergeben hat. Die Küstenwache hat nicht genug Kapazitäten, die Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Auch kann es keine Option sein, die Menschen nach Libyen zurückzuschicken, wo ihnen Gewalt und Elend drohen. Es ist sehr beunruhigend, dass die EU mit ihrer Politik dieses System von willkürlichen Verhaftungen in Libyen aufrechterhält und zudem die private Seenotrettung kriminalisiert. Wir müssen uns darauf einstellen, dass künftig noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken werden. Die Kämpfe verstärken das noch.

Was erwarten Sie für die nächsten Tage und Wochen?
Die Kämpfe halten seit knapp einem Monat an und es gibt keine Anzeichen, dass die Lage besser wird. Im Gegenteil, es wird sicher noch schlimmer. Die vergangenen Wochen haben gezeigt: Die bewaffneten Gruppen nehmen auf die Zivilisten keine Rücksicht. Wir haben grosse Sorge vor dem, was noch kommt.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 03.05.2019 01:49
    Highlight Highlight Für das libysche Volk war Gaddafi ein Segen.
  • Borki 02.05.2019 09:55
    Highlight Highlight Wir können und wollen nicht einfach alle als Flüchtlinge aufnehmen, das ist klar. Aber dass es das reiche, träge und feige Europa (inkl. CH!) nicht fertig bringt, in solchen Situationen direkt vor der Nase und mit eindeutiger Verantwortung für die Situation beherzt vor Ort zu helfen, beschämt mich.

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