Interview
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«Nichts Passiert» Lewinsky, Annina Walt, Devid Striesow

Thomas (Devid Striesow) macht Ferien vom Alkoholentzug. Kommt überhaupt nicht gut. 
Bild: filmcoopi

Skiferien in der Schweiz? Horror! Devid Striesow ging für «Nichts Passiert» durch die Fondue-Hölle

Der deutsche Schauspieler mimt in «Nichts Passiert» von Micha Lewinsky einen Vollpsycho. Uns erzählt er, wie er als Waisenkind in einer Büchse aus Russland kam und andere (nicht) sehr ernst gemeinte Dinge.



Euer Film ist ein Winterfilm. Wie gerade auch «The Hateful Eight» und «The Revenant». Woher diese riesige Liebe vom Film zum Schnee?
Die Bilder sind doch wunderschön: Wie zum Beispiel ein rotes Auto durch die verschneiten Schweizer Berge fährt! Es ist doch traurig, dass der Winter wohl bald verschwinden wird, das macht mir zu schaffen. Ich hab den Winter sehr, sehr gern, das ist ja was, das Emotionen auslöst!

Bei Dir offenbar sehr intensive.  
Wir sind ja auch so sozialisiert worden: Der Winter ist gemütlich im besten Sinne, schon um fünf ist es dunkel, man zieht sich zurück, beschäftigt sich zu Hause mit Dingen, während es einen im Sommer raustreibt und man noch bis nachts um zehn im Wald spazieren gehen kann. Das sind ja auch die tollen Bilder in «Nichts Passiert»: Warme Hütte, das Feuer, man erzählt sich grauenhafte Sachen und isst Käsefondue.  

Ein Gerber-Fertig-Fondue?  
Ja, war’s.  

Schade.  
Gibt’s da Unterschiede?  

«Nichts Passiert», ein Skipisten-Psycho

Mit Leichtigkeit tischt Micha Lewinsky (Regie und Drehbuch) in «Nichts Passiert» gerade jeden anderen Schweizer Filmemacher ab: Was für ein krankes Vergnügen! Der enorm lustige Literaturkritiker und Lebenslügner Thomas (Devid Striesow) macht mit seiner Familie und der Tochter seines Chefs (Annina Walt) Skiferien in der Schweiz. Dort gehts gleich mit mehreren Leben bizarr bergab. Unfälle geschehen, Verbrechen werden begangen, Erinnerungen gelöscht. Thomas behält seine gute Laune. Das Publikum erst recht. Ein Topfavorit auf mehrere Schweizer Filmpreise im März.
Ab 11. Februar im Kino.​

Es gibt so viel bessere Fondues.
Haha! Ich muss da nochmals ran. Die Szene wurde ja so oft wiederholt, wir haben einen ganzen Tag lang Fondue gegessen, wir waren am Abend leicht genudelt vom Fondue. Es wird ja auch nicht besser, so mit der Zeit.

Auf Englisch hat der Film einen wunderschönen Titel: «A Decent Man», ein anständiger, ehrbarer Mann. Das klingt nach einem gediegenen Film mit Colin Firth.  
Colin Firth lass ich mir gefallen. Der ist beim Casting auch nur ganz knapp vorbeigeschrammt, ich hab’s dann gekriegt.

Trailer zu «Nichts Passiert»

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YouTube/filmcoopi

Annina Walt, die das «Opfer» spielt, hat mir erzählt, eure Dreharbeiten seien irrsinnig lustig gewesen. Für Dich auch?
Drehen an sich ist ja lustig.  

Ehrlich? Nicht langweilig? Man wartet und wartet...
In diesem Fall hatten wir das Glück, dass wir in der schönen Landschaft warten konnten. Nein, der Film ist ja eine schwarze Komödie, ich hoffe, das sehen die Leute auch so. Manche fragen ja: ‹Ooooohhh, Herr Lewinsky, wenn Sie ein so ernsthaftes Thema so ernsthaft bearbeiten, wie gehen Sie denn damit um, wenn im Kinosaal gelacht wird?› Und einer schrieb: ‹Alles Quatsch, ich hab’s erkannt, es ist eine Komödie!› Find ich sehr lustig. Es ist ja so offensichtlich eine Komödie, auch wenn’s um schlimme Dinge geht. Man kann sich ja bepissen vor Lachen.

Du wirst für Deine Filme seit Jahren mit Liebe, Lob und Preisen überschüttet ...
Ich dachte mit Geld. Nee, okay...  

«Nichts Passiert»

Irgendwie aggro: Annina Walt beim therapeutischen Holzhacken.
Bild: filmcoopi

Fürs Geld ist wohl eher Deine Rolle als Saarbrücker «Tatort»-Kommissar Stellbrink zuständig.  
Ist «Tatort» in der Schweiz auch so angesagt?  

Ja natürlich, was denkst Du denn!
Ich fass es nicht, wie kommt das? Ah ja, es ist immer so früh dunkel hier.

Aber gerade für Deinen Kommissar kriegst Du die meiste Kritik.
Das gucken ja auch 10 Millionen Menschen. Die ersten beiden Stellbrink-Fälle sind immer noch meine liebsten, die haben am meisten Schimpfe gekriegt, weil das neu war, weil sich die Leute erst einmal daran gewöhnen mussten. Ich hätte nie gedacht, dass Gummistiefel im deutschen Fernsehen so ne Welle machen. Ich hab immer ein Paar im Auto liegen, damit ich in die Pilze kann, wenn ich nebenbei mal Zeit habe. Oder mit dem Hund durch den Matsch.

Tatort «Totenstille», Devid Striesow als Kommissar Stellbrink

Fühlen ist seliger als Hören: Striesow Ende Januar im Gehörlosen-«Tatort».
Bild: ARD

Die Gummistiefel waren Deine Idee?
Die Gummistiefel, die Vespa, Yoga, wie der Typ so funktioniert... Man muss ja auch was anbieten, wenn so eine Figur längerfristig funktionieren soll. Insofern war ich auch erstaunt, dass mein Angebot, mein Geschenk ans Publikum, gar nicht so gewollt wurde.

Wie gut steckst Du das weg?
Die Zeit beantwortet alle Fragen. Das muss man im Moment halt aushalten. Gewöhnungbedürftig sind bloss all die anonymen Online-Kommentare, die unter die Gürtellinie schiessen.

Nun bist Du ja in Deutschland ein berühmter  Filmstar, in der Schweiz kennt man Deine Geschichte vielleicht noch nicht so ganz.
Meine Geschichte? Die vom Waisenkind?

Ja genau, vom Waisenkind aus Russland.
Aus Russland. In ner Büchse.  

Der multiple Striesow

Neben seiner Hauptrolle in «Nichts Passiert» ist Devid Striesow aktuell auch als Hape Kerkeling in der Bestseller-Verfilmung «Ich bin dann mal weg» in unseren Kinos. Im Fernsehen ist er regelmässig als Saarbrücker Kommissar Stellbrink zu sehen, 2015 spielte er neben Joel Basman in «Wir sind jung. Wir sind stark», dem Film über die Anschläge gegen Asylanten in Rostock Lichtenhagen, die Striesow 1992 als Jugendlicher miterlebte. Striesow ist 42 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern und spielte schon gegen 100 Rollen in Film und Fernsehen.

Nein, im Ernst: Du bist in der DDR aufgewachsen, in Rostock. Zuerst wolltest Du Goldschmied werden?
Ich hatte vor der Wende eine Lehrstelle, als die Wende kam, ging der Betrieb pleite. Es gab damals von Wismar bis rüber nach Polen nur eine einzige Goldschmiede-Lehrstelle. Die hatte ich. Ich fand das super.  

Und Schauspiel?
Ich hab mich für Schauspiel null interessiert, ich dachte, Schauspieler lernen einfach mal Texte auswendig, treffen sich abends im Theater und spielen miteinander ganz spontan. Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt sowas wie Regisseure und Inszenierungen gibt. Ich kam von der Musik her. Als die Lehrstelle flöten ging, machte ich die Aufnahmeprüfung fürs Musikstudium. Dann wollte man mir klassische Gitarre aufdrücken, weil der E-Gitarren-Lehrer zu teuer war, da sagte ich, nee, ich mach irgendwas Anderes mit Bühne.

Wir sind jung. Wir sind stark mit Joel Basman

Der Film zu Rostock-Lichtenhagen: «Wir sind jung. Wir sind stark» (mit Joel Basman, 2. v.r.).
Bild: zorro film

Wie hast Du Anfang der 90er Rostocks härteste Zeit so mitgekriegt?
Ich war damals so 18, 19, das war schon eine sehr, sehr angespannte Situation. Da gab es im Innenstadtbereich unglaubliche Übergriffe, nachts fuhren die mit Autos, die von Hamburg aus von der West-NPD gesponsert waren, durch die Strassen. Jemanden, der mit langen Haaren auf dem Fahrrad unterwegs war, haben sie einfach mit Baseballschlägern zerlegt. Und wenn am Samstagnachmittag der Fussballclub spielte, musste man die Innenstadt vernageln. Die sind auf den Autos rumgesprungen und haben Menschen zusammengeschlagen, es war furchtbar.

Und dann kamen im August 1992 die Anschläge gegen die Aufnahmestelle für Asylbewerber und gegen ein Asylantenwohnheim in Rostock-Lichtenhagen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen 24. August, mein bester Freund war damals sehr aktiv in der Antifa-Bewegung, der war die ganze Nacht unterwegs und hat Meldungen hin und her getragen. Für mich waren das damals alles Glatzen und Nazis. Aus der heutigen Zeit kann man sagen, das waren einfach mal aus den Angeln gehobene Biografien, die auch nicht wussten, wohin mit sich, und in einer bestimmten pubertären Zeit mal das Falsche getan haben.

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