Interview
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Nadja Pieren, Nationalraetin SVP-BE, spricht waehrend einem Interview, am Sonntag, 24. November 2013 im Hotel Schweizerhof in Bern.  Heute wird - neben zwei anderen Eidgenoessischen Vorlagen - ueber die SVP-Familieninitiative abgestimmt.  (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

«Eltern können nicht erwarten, dass die nächste Kita gleich vis-a-vis von ihrer Wohnung auf der anderen Strassenseite liegt», sagt Nadja Pieren hier 2013 im Hotel Schweizerhof in Bern. Bild: KEYSTONE

Interview mit Nadja Pieren

Interview

«Ich bin gegen eine staatliche Betreuungsindustrie, die jedem eine Krippe vor die Nase setzt»

SVP-Nationalrätin Nadja Pieren kämpft gegen weitere Subventionszahlungen für Krippen und Tagesstätten. Die Inhaberin einer Kindertagesstätte sieht Angebot und Nachfrage gedeckt und warnt vor einer staatlichen Betreuungsindustrie und verwöhnten Eltern. 



Frau Pieren, Sie mussten heute im Nationalrat eine Niederlage einstecken. Eine Mehrheit will die Anschubfinanzierung für Betreuungsplätze verlängern. Was passiert, wenn der Bund weitere 120 Millionen in Krippen und Tagesstätten steckt?
Nadja Pieren: Ich befürchte, dass ein Überangebot an Betreuungsplätzen entsteht. Meiner Erfahrung nach decken sich schon heute Angebot und Nachfrage. Bei einem Überangebot gäbe es leere Plätze und gerade private Krippen müssten dann schliessen. 

Sie besitzen selber eine private Kindertagesstätte. Haben Sie nicht einfach Angst, Ihr Geschäft zu verlieren? 
Meine Kindertagesstätte befindet sich in einem Vorort von Bern. Da mache ich mir keine Sorgen. Die Kitas in den Städten sind gefährdet. Dort gibt es viele Angebote. Meine Sorge ist eher, dass ich keine geeigneten Räume finde, um meine Institution zu vergrössern. 

«Ich weiss aber aus Erfahrung und von Fachleuten, dass die Wartelisten für Krippen nicht so lang sind, wie sie scheinen.»

Nationalraetin Nadja Pieren (SVP/BE) anlaesslich der Delegiertenversammlung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) am Samstag, 23. November 2013, in Reiden im Kanton Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Nationalrätin Nadja Pieren 2013 anlässlich der Delegiertenversammlung der Schweizerischen Volkspartei.  Bild: KEYSTONE

Zur Person

Nadja Pieren ist seit 2011 SVP-Nationalrätin für den Kanton Bern. Die 34-Jährige führt die Kindertagesstätte «Wombat» in Bremgarten bei Bern und ist Vizepräsidentin der SVP Schweiz. 

Wie kommen Sie darauf, dass sich Angebot und Nachfrage heute schon decken? Haben Sie Zahlen dazu?
Es wurden immerhin 43'000 neue Plätze geschaffen in den letzten Jahren. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Die hat auch der Bundesrat nicht. Ich weiss aber aus Erfahrung und von Fachleuten, dass die Wartelisten für Krippen nicht so lang sind, wie sie scheinen. Familien setzen sich auf die Warteliste von vielleicht 20 Institutionen und rufen dann nicht bei den anderen 19 an, wenn sie einen Platz gefunden haben. 

«Ein Weg von fünf bis zehn Minuten ist absolut verträglich. So findet heute in einer Stadt jeder innerhalb nützlicher Frist einen Platz.»

Aber irgendwann sollte es doch gar keine Wartelisten mehr geben. 
Ja, aber Eltern können nicht erwarten, dass die nächste Kita gleich vis-a-vis von ihrer Wohnung auf der anderen Strassenseite liegt. Und dass der Staat sie einrichtet, kann man schon gar nicht erwarten. Ein Weg von fünf bis zehn Minuten ist absolut verträglich. So findet heute in einer Stadt jeder innerhalb nützlicher Frist einen Platz. 

Vielleicht können Sie nicht nachvollziehen, wie zermürbend es sein kann, eine Familie zu managen, weil Sie keine Kinder haben. 
Durch meine Arbeit kenne ich diese Herausforderungen sehr gut. Dennoch bin ich gegen eine staatliche Betreuungsindustrie, die jedem in einem Radius von 100 Metern eine Betreuungsinstitution vor die Nase setzt. 

Es gibt Ihrer Ansicht nach also gar kein Problem mehr?
In den Städten nicht. Höchstens punktuell in gewissen Dörfern und Regionen. Vor zehn Jahren, als das Impulsprogramm vom Bund begann, gab es tatsächlich ein massives Unterangebot. Das ist heute nicht mehr der Fall. Schliesslich hat der Bund bis heute bereits über 400 Millionen Franken in die Förderung der externen Kinderbetreuung investiert.

«Das negative Klischee, das der Fremdbetreuung lange anhaftete, ist ebenfalls aus der Gesellschaft verschwunden.»

Ist es nicht ein wenig zu früh, jetzt die Förderung der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie schon wieder aufzugeben, kurz nachdem man ernsthaft damit begonnen hat? 
Mütter die arbeiten wollen, können das heute. Es gibt genug Angebote. Das negative Klischee, das der Fremdbetreuung lange anhaftete, ist ebenfalls aus der Gesellschaft verschwunden. Der Generationenwechsel ist vollzogen. Ich glaube nicht, dass die Zahl der Frauen, die Kita-Plätze in Anspruch nehmen wollen, noch steigen wird. Deshalb reichen die Plätze. 

«Wir haben in der Schweiz keinen Fachkräftemangel.»

Bundesrat Berset argumentierte aber damit, dass es beim aktuellen Fachkräftemangel besonders wichtig ist, dass Frauen sich vermehrt in die Berufswelt eingliedern können. 
Der Fachkräftemangel hat mit dem vorliegenden Problem überhaupt nichts zu tun. Das führten die Regierung und Mitte-Links-Parteien bloss an, um wieder einmal die SVP-Masseneinwanderungs-Initiative und der angeblich dadurch ausgelöste Fachkräftemangel aufs Tapet zu bringen. Wir haben in der Schweiz keinen Fachkräftemangel. Abgesehen davon können sich Fachkräfte einen privaten Kitaplatz leisten oder eine Nanny, da braucht es den Staat nicht.

Das Geschäft

Am Mittwoch beschloss der Nationalrat, die Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder für weitere vier Jahre finanziell zu unterstützen. Stimmt auch der Ständerat zu, stellt der Bund ab 2015 weitere 120 Millionen Franken zur Verfügung. 
Das Programm läuft seit 2003, acht Jahre später wurde es ein erstes Mal verlängert und ist nun auf Ende Januar 2015 befristet. Bisher konnten mit gut 300 Millionen Franken rund 43'000 neue Plätze für die Kinderbetreuung geschaffen werden. Das Impulsprogramm des Bundes ist erwiesenermassen nachhaltig: Fast alle Angebote existieren nach Einstellung der Subventionszahlungen weiter. (sda)

Das Geschäft geht jetzt zurück in den Ständerat. Was glauben Sie, wird er beschliessen? 
Ich gehe davon aus, dass auch der Mitte-Links-dominierte Ständerat die Augen vor der Realität schliessen und sich für die erneuten 120 Millionen Franken aussprechen wird.

Umfrage

Gibt es genug Krippenplätze in der Schweiz?

  • Abstimmen

97

  • Nein, es ist schwierig einen Platz zu finden. 60%
  • Ja, die Regierung soll die 120 Millionen mal lieber anderswo investieren. 23%
  • Keine Ahnung, ich hab keine Kinder. 15%

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bonifatius 12.09.2014 11:55
    Highlight Highlight Auf dem Land hats zuwenige? Na dann wird eben dort das Angebot noch ausgebaut, bis die Wartelisten schrumpfen. Pieren selbst sollte ruhig bleiben, zu offensichtlich sind ihre eigenen Interessen, zu häuchlerisch wirkt sie mit ihrer bereits wahrgenommenen Finanzierung. Man stelle sich vor man müsste die Kinder (zwecks Unterangebot) in IHRE Kita schicken, wo sie wahrscheinlich mit Christoph-Blocher-Konterfei-Bauklötzen spielen müssen. Hei das ist doch grad noch ein Grund mehr für die weitere Finanzierung.
  • Reba 11.09.2014 11:23
    Highlight Highlight Alles schön und gut - das Kinderkrippenangebot mag ausreichend sein, denn ich kann mein Kleinkind durchaus irgendwo zwischen Wohn- und Arbeitsort betreuen lassen. Es kommt jedoch der Tag, an dem das Kind in den Kindergarten kommt... Und von diesem Tag an bin ich darauf angewiesen, eine Kinderbetreuung im Wohnort vorzufinden. Dann brauche ich keine Gross-Kinderkrippe mit 10 Kindergruppen in der Stadt oder der Peripherie, dann ich brauche ein kleines, feines Angebot in meiner Wohngemeinde - und das fehlt vielerorts noch!
  • Kastigator 11.09.2014 08:19
    Highlight Highlight Die Frau Pieren hat 2010 selber 36'700 Franken Anschubfinanzierung erhalten. Wie verlogen darf man denn sein? Rickli setzt ihr NR-Mandat dafür ein, im Auftrag ihres Arbeitgebers gegen SRF zu kämpfen; Baggerproduzentin Jasmin Hutter wehrte sich im NR gegen die Partikelfilterpflicht für Baumaschinen; und Pieren kassierte selber Geld von Staat und wehrt sich nun dagegen, dass ihre Konkurrenz mit gleich langen Spiessen starten kann. Und die Liste liesse sich beliebig verlängern: Blocher und die Pharma-Parallelimporte, Walter Frey und sein Autoimportmonopol ... Eigennütziger gehts nicht!
  • ck1968 11.09.2014 07:52
    Highlight Highlight der Begriff Industrie passt kaum in die Realität der Kindertagesstätten. Im Umkreis von 100m kann nicht gemeint sein. Phrasen im 5-Stern-Hotel; wer wohl solche Politikerinnen wählt?
  • Zeit_Genosse 11.09.2014 06:47
    Highlight Highlight Man kann in der Tat 120 Mio. blöder ausgeben. Doch sollte nach dem Anschieben der KITA-Finanzierung sich ein selbsttragendes System etablieren können, welches anpassungsfähig ist. Impulse ja, aber danach muss man das seriös und transparent managen. Private KITAS sollten aber nicht mit Staatsgeldern konkurrenziert werden. Das wäre kontraproduktiv und nicht nachhaltig.
    • Matthias Studer 15.09.2014 12:24
      Highlight Highlight Durch die mehr Steuereinnahmen wären die Kitas selbsttragend.
  • papparazzi 11.09.2014 00:03
    Highlight Highlight Sehr gut Frau Pieren. Da stimme ich voll und ganz Ihnen zu. ut (dp)
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 11.09.2014 17:54
      Highlight Highlight Was heisst eigentlich das "ut. (dp)"?
  • Hephaistos 10.09.2014 23:23
    Highlight Highlight Vielleicht wären die Mittel für die Weiterbildung von Frau Pieren besser investiert?
  • nimmersatt 10.09.2014 22:30
    Highlight Highlight Schweizer Volkspartei der Partikularinteressen - das Volk wird mittels Minderheitenhass aufgeheizt, um schliesslich die Partikularinteressen einiger (Steuersenkung, Kinderkrippen, private Medien etc.) durchzubringen

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