Interview
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Das Industrie- und Einkaufszentrum in Dietlikon, aufgenommen am Mittwoch, 23. Juni 2010. (KEYSTONE/Steffen Schmidt) (KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT)

Das ist Dietlikon. Hier sieht es aus wie irgendwo in Amerika. Bild: KEYSTONE

Interview

Mit Liebhabern gegen Depressionen: Eine Amerikanerin schreibt einen Roman über eine Amerikanerin in Zürich

Die Texanerin Jill Alexander Essbaum beschreibt im Roman «Hausfrau» Lieben und Leiden einer Banker-Gattin in Dietlikon. Wir unterhielten uns mit ihr über ihre Erfahrung und über ihr Buch, das sie «meinen Liebesbrief an die Schweiz» nennt.



Anna langweilt sich. Anna ist Amerikanerin. Und Hausfrau. Und traurig. Ohne Ehrgeiz und Ziel, und alles, was sie in ihrem Leben jemals wollte, war Hausfrau zu sein. Ihre Ausbildung bestand im Studium der Hauswirtschaft. Anna ist Ende dreissig, hat drei Kinder, einen Mann bei der Credit Suisse und eine Therapeutin. 

Annas Mann ist Schweizer und einer jener Banker, die sich über die Welt von einem Job zum andern verschieben lassen. Anna folgt ihm und verschiebt sich selbst von einem Liebhaber zum andern. Denn Sex kann sie. Und ein bisschen «Fifty Shades» gehört dazu. Anna ist eine Expat, gehört also zu jener privilegierten Schicht gebildeter, vornehmlich weisser Ausländer. In Zürich. Genauer in Dietlikon. In einem Vorort von Ikea also. Eins von Annas erotischen Jagdrevieren ist die Migros-Klubschule. 

Annas Nervengewand nervt. Und dass bei ihr alles immer bloss «eine Form von» ist. «Eine Form von Liebe», nur ja keine Bestimmtheit. Trotzdem legt man den Roman «Hausfrau» von Jill Alexander Essbaum nicht beiseite. Denn die Spirale, mit der sich Anna in die eigene Tragödie schraubt, die hat auch für uns Leserinnen (und Leser) einen Sog. Eine Frau sucht den Treibsand und treibt ab. Und wann liest man schon einen total detailversessenen Roman über Zürich, den eine Amerikanerin geschrieben hat und der bei Random House erscheint und vom «Guardian» gelobt wird?

Jill Alexander Essbaum (photo by Megan Sembera Peters)

Und das ist Jill Alexander Essbaum.

Es gibt in der englischsprachigen Literatur nicht gerade viele Romane über Zürich. In «Tender Is the Night» von F. Scott Fitzgerald kommt Zürich vor – als Ort, wo eine irre Frau in einer Klinik ist. Auch bei John Irving gibt es das Zürich der psychiatrischen Kliniken, und David Cronenbergs Film «A Dangerous Method» erzählt sowieso von nichts anderem als von C.G. Jung in Zürich. James Joyce nannte Zürich eine «langweilige Stadt». Patricia Highsmith sagte: «Zürich ist eine gewalttätige Stadt», und schrieb den Roman «Small g» über die Zürcher Homo-Szene. 

Und jetzt also die Texanerin Jill Alexander Essbaum (1971) mit ihrem Buch, das sich liest wie der Schlüsselroman zur Expat-Szene. Ein Buch, in dem ein bisschen «Madame Bovary» und etwas «Anna Karenina» steckt. Und «Fifty Shades». Essbaum ist normalerweise Lyrikerin und Lehrerin. Aber als sie sich hinsetzte, um über Zürich zu schreiben, da «wurden aus meinen Versen plötzlich Sätze», schreibt sie uns, «und die Sätze wurden zu Abschnitten. Ich merkte, dass in meinen Gefühlen für Zürich eine grosse Menge Energie steckt.»

Frau Essbaum, bitte erzählen Sie uns von Ihrer Beziehung zu Zürich. Und Dietlikon. Sie kennen offensichtlich jeden Pflasterstein, alles, was Sie beschreiben, existiert: die Schule von Annas Kindern, der Rosenweg, wo Anna wohnt.
Ich lebte da. Mein damaliger Mann und ich kamen aus Texas, damit er Psychoanalyse an der International School of Analytical Psychology studieren konnte. Es war ein kühner, grosser Schritt für uns und auf seine Art ein guter Schritt. Trotzdem war es für mich auch schwierig. Ich fühlte mich von Familie und Freunden in Texas entfremdet, mein Deutsch war nicht sehr gut. Ich schrieb, aber abgesehen davon hatte ich keinen Job. Ich war sehr einsam.

Bild

Das Cover von «Hausfrau». bild: random house

In Dietlikon?
Ein schöner Ort mit freundlichen, netten Leuten. Die Wälder nördlich des Ortskerns sind wundervoll. Ich habe noch nie so nahe an so vielen Bäumen gelebt. Ich wollte, dass der Roman an einem Ort spielt, der in sich selbst perfekt und friedlich ist, weil die Protagonistin keinen inneren Frieden kennt. So wird ihr Schmerz schärfer.

Waren Sie eine Hausfrau?
War ich eine Hausfrau? Ich denke, «Hausfrau» ist ein sehr seltsames Wort. Eine Frau ist nicht mit ihrem Haus verheiratet. Sie ist nicht die Gattin des Hauses. Aber das ist es, was das Wort suggeriert, nicht? Wir hatten keine Kinder und teilten uns die Verantwortung für den Haushalt. In dem Sinn war ich keine Hausfrau. Aber in einem sehr wörtlichen Sinn war ich tatsächlich mit dem Haus verheiratet: Ich war ihm treu und wich selten von seiner Seite.

Was genau haben Sie damals über die Schweiz gelernt?
In «Hausfrau» reduziert Anna ihre Erfahrung der Schweiz oft auf jene Stereotypen, die wir sicher alle kennen: Die Schweizer sind obsessiv ordentlich, die Schweizer sind pragmatisch, sie sind reserviert und halten Fremde auf Distanz. Ihre Züge sind immer pünktlich. Alles ist so sauber. Schweizerdeutsch kann man unmöglich lernen! Aber Anna ist sehr selbstbezogen. Ihre Beziehungen sind meist oberflächlich. Sie sieht nur die Oberfläche.

Bild

Die Schweiz: Pragmastisch und drastisch. Bild: Jill Alexander Essbaum

Das ist Anna. Aber reden wir über Sie!
Ich kam mit ähnlichen Vorurteilen in die Schweiz, manche davon haben sich bestätigt. Busse und Trams sind pünktlich. Niemand schmeisst Abfall auf den Boden. Und seien wir ehrlich – Schweizerdeutsch? UNMÖGLICH! Und die berühmte schweizerische Reserviertheit? Sie existiert. Schweizer sind viel weniger offen als Durchschnittsamerikaner. Wir laden Fremde schnell in unsere Privaträume – unsere Häuser, unsere Herzen. Seit ich in die USA zurückgekehrt bin, denke ich jedoch, dass in der Zurückhaltung auch eine Weisheit liegt. Sie kann ein Mittel zur Selbsterhaltung sein.

Das klingt versöhnlich.
Gerade jetzt schau ich mir Bilder aus der Schweiz an. Sie sind an meine Wand gepinnt. Ich vermisse die Schweiz. Ich denke täglich an sie. Das habe ich nicht erwartet. Mir war nicht bewusst, wie gern ich sie hatte, bis ich sie verliess. Ich verstand nicht, wie sehr mich dieses Land geformt hatte, bis ich nicht mehr dort lebte.

Sind all die Expats, denen wir in Zürich täglich begegnen, depressiv und sexsüchtig?
Das Buch ist Fiktion. Die Geschehnisse darin passierten nicht, und die Charaktere basieren auf niemandem. Aber natürlich ist es das, was in meinem Roman geschieht. Anna sublimiert ihre Unfähigkeit, sich zu assimilieren, mit rücksichtslosem Benehmen. Mit einem Benehmen, das sie noch mehr von den Menschen um sie herum entfernt. Aber das ist ein Roman. Überall haben Leute Affären, egal, ob sie Expats sind oder nicht.

Bild

Essbaums Lieblingsbank am Waldrand bei Dietlikon. Bild: Jill Alexander Essbaum

Es gibt den schönen Begriff «in limbo», der sich auf Deutsch nur annähernd mit «in der Schwebe» übersetzen lässt. Denn «limbo» ist auf Englisch weit dramatischer besetzt, es heisst auch «Vorhölle». Beschreibt das ungefähr Ihren Zustand in der Schweiz?
Das ist sehr angemessen. Es ist eine Sache, Amerika zu verlassen und, sagen wir, nach Indien oder Samoa auszuwandern, ferne Länder, deren Kulturen und Sitten sich total von allem unterscheiden, was uns vertraut ist. Aber wir gingen nicht nach Indien, wir gingen in die Schweiz. Wir wussten, dass wir neue Regeln und eine Sprache lernen mussten und dass einiges anders sein würde. Aber hey, die Schweiz ist immer noch ein westliches, historisch gesehen christliches, demokratisches Erstwelt-Land, right? Und es stimmt, vieles ist absolut wiedererkennbar. 

Und wann setzte das Gefühl der Fremdheit ein?
Ich erinnere mich an meine erste Polizeisirene und wie seltsam die klang. Oder als ich ein Glas Mayonnaise kaufen wollte, und es gab nur Tuben. Das sind zwei belanglose Beispiele. Aber sie gehören zu Dutzenden, die mir in jenen ersten Wochen Tag für Tag begegneten. Feine, sich verschiebende Details, die man im Einzelnen gar nicht bemerken würde. Aber wenn man sie zusammennimmt, ergeben sie eine Realität, die zwar nicht SO verschieden ist – wir sind ja nicht in Bombay –, aber trotzdem TOTAL verschieden. Gleich und nicht gleich. Es ist wie dieser Zustand, wenn man träumt, wach zu sein.

Bild

Regenbogen über Dietlikon. Bild: Jill Alexander Essbaum

Was möchten Sie Ihren Schweizer Leserinnen und Lesern unbedingt sagen?
Dieses Buch ist mein Liebesbrief an die Schweiz. Ich wollte ein Buch schreiben, dass niemand zuvor geschrieben hatte. Ein Buch über den Kanton Zürich und Jungianische Analyse und Wanderwege und S-Bahnen und deutsche Grammatik und Calvinismus und Verlust und Sex. Ich wollte ein Buch schreiben, in dem all die Namen vorkommen, die ich kannte – Dübendorf und Trittligasse und Greifensee. Ich wollte über den Coop, die Trams, das Wetter, die Alpen schreiben. Ich wollte über dieses Gefühl der Entfremdung hinaus schreiben, das ich spürte, als ich in der Schweiz lebte.

Und was möchten Sie den Menschen sagen, die jenes Bordell namens Migros-Klubschule betreiben?
Die Klubschule ist kein Bordell! Sie ist eine Wunderkammer der Bildung!

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