Interview
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Promi-Anwalt Hermann Messmer: «Jeder sollte wissen, was Ehe bedeutet – und wie man ihr entkommt»

Uschi Glas, Hans Clarin, Mehmet Scholl: Der Anwalt Hermann Messmer hat die Geschichte der Bundesrepublik vor Gericht erlebt – und Tausende Menschen geschieden, vor allem Promis. Eine Begegnung.

31.05.16, 22:44 02.06.16, 08:40

Peter Maxwill, München



Ein Artikel von

Seit einem halben Jahrhundert berät der Anwalt Hermann Messmer Stars, Schauspieler und jungen Geldadel – vor allem in Eheauseinandersetzungen. Lederjacke und Dreitagebart waren früher das Markenzeichen des freundlich grantelnden Freigeistes, an diesem sonnigen Tag kombiniert er den Dreitagebart mit Fleecepullover, Jeans, Turnschuhen. Messmer ist 81 und in der Zunft bundesweit bekannt, da braucht es keinen Anzug mehr.

Herr Messmer, mit welchen Prominenten hatten Sie als junger Jurist zuerst zu tun?
Hermann Messmer: Na ja, in den Fünfzigern habe ich mich erst mal von der sicheren Beamtenlaufbahn verführen lassen – und wurde Staatsanwalt. Die aufsehenerregenden Promi-Prozesse kamen erst, nachdem ich mich 1960 als Rechtsanwalt selbstständig gemacht hatte….

Rechtsanwalt Messmer in seiner Münchner Kanzlei. Die Ehe bezeichnet er als «Millionengrab mit drastischen Folgen: zerbrochene Illusionen, verlorenes Kinderlachen, unsinnige Geldvernichtung, berufliche Misserfolge, psychische Krankheiten». Twitter

Zum Beispiel der sogenannte Ohrabbeisser-Fall um Uschi Glas. Bei einer nächtlichen Eifersuchtsszene biss ein eifersüchtiger Verehrer dem Begleiter der Schauspielerin ein beachtliches Stück vom Ohr ab. Sie vertraten damals das Opfer.
Ja mei, dieser komisch-makabre Fall war natürlich ein gefundenes Fressen für die Boulevardzeitungen. Dem Übeltäter verging im Strafprozess dann allerdings der Appetit: Wir haben einiges an Schmerzensgeld erstritten.

Ab und zu schaut Messmer durchs Fenster auf den Alten Botanischen Garten und den dahinter thronenden Justizpalast. Seine Kanzlei in der Sophienstrasse liegt im Herzen Münchens, zum Stachus und den teuren Einkaufspassagen sind es nur ein paar Gehminuten. Messmers Büros, die er sich mit seinem Neffen Andreas Vitti teilt, sind hingegen frappierend schlicht: In seinem Zimmerchen, kaum 15 Quadratmeter gross, finden sich statt Marmorböden und Designertischen gemütliche Antikmöbel.

Sie haben seit dem Ohrabbeisser-Fall unzählige Berühmtheiten vor Gericht vertreten. Woher kennen Sie die eigentlich?
Ich war früher ziemlich umtriebig und nachts oft unterwegs. So habe ich bei Promi-Tennisturnieren oder Oldtimer-Autorallyes etliche Spitzensportler, Schauspieler und Models kennengelernt, vielen habe ich dann bei der Scheidung geholfen. Darauf habe ich mich schliesslich spezialisiert.

Warum?
Damals waren Scheidungen ja die totale Ausnahme und ein gesellschaftliches Todesurteil. Beamte wurden nicht mehr befördert, Frauen geächtet – und uneheliche Kinder waren Menschen zweiter Klasse. Ich hab gedacht: So kann's nicht weitergehen.

Immerhin gab es nicht so viele Scheidungen wie heute.
Die Leute sind ja nicht aus Liebe beieinander geblieben. Da hat die Angst die Lust besiegt! Die Ehe war ein Hausfrauengetto, in dem ein absoluter Patriarch regierte. Wir hatten endlich eine Demokratie, aber noch immer Ehediktaturen.

Messmer redet sich in Rage, er wedelt mit den Armem umher, wechselt pausenlos die Sitzposition. Dann atmet er kurz durch, holt eine Wasserflasche unter dem Massivholztisch hervor und setzt hektisch an, drei hastige Schlucke.

Über diese Missstände wollte ich aufklären, ich habe sogar zwei Bücher über Ehe und Scheidung geschrieben. Die Leute sollten wissen, wie sie sich aus dieser Zwangsjacke befreien konnten. Ein Mann hat mal in einem Prozess gesagt: «Bei Mord mit einer lebenslänglichen Haftstrafe komme ich nach 15 Jahren frei. Das Jawort foltert mich lebenslänglich.» Zum Glück ist das heute anders.

Ist das so?
Inzwischen wird jede zweite Ehe geschieden, unter Prominenten liegt die Quote sogar bei fast 80 Prozent – und die waren gewissermassen Vorreiter dieser Entwicklung.

Promis haben die Scheidung gesellschaftsfähig gemacht?
Ja, weil sie es sich leisten konnten, finanziell und moralisch. Erst haben sich Schauspieler und Künstler scheiden lassen – dann auch immer mehr Politiker und Bischöfe. Also evangelische natürlich. Und als der Bundestag 1977 die Scheidung deutlich erleichterte, wurde sie ziemlich schnell Alltag.

1977 schaffte die sozialliberale Koalition mit einer umstrittenen Ehereform das Einverdienermodell ab, das per Gesetz den Mann zum Ernährer der Hausfrau und der gemeinsamen Kinder machte. Ausserdem musste nach einer Scheidung fortan derjenige Unterhalt zahlen, der das grössere Einkommen hatte, und nicht der für die Trennung verantwortliche Partner. Messmer selbst klagte damals für zwei Mandanten gegen die Reform – denn die sei in Kategorien gedacht, «die vielleicht im Jahr 2000 eine soziologische Wirklichkeit darstellen, heute sich aber noch im Bereich des Wunschbildes bewegen», sagte er damals.

Und heute?
Die Auswirkungen dieser Ehereform betreffen beide Geschlechter: In den Sechzigern haben sich fast nur Männer scheiden lassen, heute ist dieses Verhältnis zwischen den Geschlechtern ausgewogen. Die moderne Ehefrau lässt sich nicht mehr von einem Möchtegernmacho terrorisieren – das war bei Prominenten schon viel früher so.

Sind Promis per se flatterhafter als Normalos?
Vor allem mutiger. Gelegenheit macht Liebe, und Prominente haben mehr Gelegenheiten: Wer oft alleine unterwegs ist, dann auch noch angesehen ist und einflussreich, der kann sich vor verführerischen Situationen kaum retten. Macht ist sexy, ganz einfach. Für Promis ist es statistisch gesehen schlichtweg schwieriger, treu zu bleiben.

Sehr nachsichtige Betrachtungsweise.
Ja mei, das Leben von Berühmtheiten hat ja nun wirklich Tücken: Die leben unterm Vergrösserungsglas, ständig beobachtet, da fällt jeder Fehltritt sofort auf. Wenn ein Promi fremdgeht, steht's in der Zeitung. Der Durchschnittsdeutsche muss es nur für sich behalten.

Gilt das für alle Prominenten gleichermassen?
Nein, da gibts schon Unterschiede. Manche Fussballstars zum Beispiel setzen einen öffentlich ausgetragenen Rosenkrieg als PR-Offensive ein, um mal wieder Schlagzeilen zu machen. Für manche gilt: Wenn gar nichts mehr geht, lassen wir uns scheiden. Viele Fussballer haben ganz bürgerlich geheiratet, als sie noch irgendwo in der Bezirksliga gespielt haben, und im Laufe der Karriere wachsen dann plötzlich die Ansprüche an die Frau. Solche Ehen scheitern regelmässig.

Fussballstars sind abgesehen von Mitgliedern der Münchner Schickeria eine Spezialität Messmers. Er hat unter anderem 1995 Rudi Völler und ein Jahr später Mehmet Scholl geschieden – der beschrieb seine Trennungszeit später als «privates Horrorjahr».

Mehmet Scholl.

Ist eine Scheidung für Prominente ein Stigma?
Im Gegenteil. Eine 40-Jährige hat mir mal gesagt: «Du, ich tu mich auf der Heiratspiste schwer, weil ich noch nie verheiratet war. Ohne Scheidung gilt man als übrig geblieben, als Sitzenbleiberin.» Und für viele Stars ist ein Rosenkrieg eine wunderbare Werbeplattform.

Der gute Promi muss geschieden sein?
Es gibt natürlich schillernde Ausnahmen, eine Reihe hochkarätiger Schauspieler haben ihr angeblich glückliches Familienleben zum PR-Markenzeichen gemacht. Aber oft haftet glücklichen Promipaaren ein seltsamer Ruf an: Da kann doch was nicht stimmen.

Scheidungen sind unter Prominenten also eine Art Standard, wie Hochzeiten oder Geburtstage?
Absolut, auch wenn viele Betroffene sie wie eine Amputation wahrnehmen. Vor allem für Frauen ist die sogenannte zweite Scheidung oft sehr hart.

Die zweite Scheidung?
Mit der Ehe verlieren die nicht populären Partner den gesamten Freundeskreis, vor allem einflussreiche Bekannte. Plötzlich ist die Ex-Frau im Golfklub, Tennisverein oder Nobelrestaurant nicht mehr geduldet und muss sich alles neu aufbauen.

Sie sind nicht gerade ein Verfechter der lebenslangen Ehe, oder?
Auf keinen Fall! Nach meiner Erfahrung ist der Mensch für die lebenslängliche Ehe eine Fehlkonstruktion. Sehen'S, die Scheidungsquote liegt irgendwo bei 50 Prozent. Aber da sind die Fassadenehen, Scheinehen und unglücklichen Ehen ja noch gar nicht eingerechnet – also etwa diejenigen, die wegen der Kinder, des Hauses oder des Geldes beieinanderbleiben.

Es soll auch sehr glückliche Ehepaare geben.
Die bekomme ich ja nicht zu Gesicht, und wir sollten der Wahrheit ins Auge sehen. In vielen Fällen ist die Ehe ein Millionengrab mit drastischen Folgen: zerbrochene Illusionen, verlorenes Kinderlachen, unsinnige Geldvernichtung, berufliche Misserfolge, psychische Krankheiten. Am Anfang macht die Liebe blind, und im Laufe der Ehe kommt die Sehkraft wieder.

Messmer klopft heftig auf den Tisch, während er das sagt. Über wen genau er spricht, will er nicht verraten – und nicht alle Rosenkriege, von denen er erzählt, waren seine eigenen Fälle. Aber die Liste der Paare, die unter seiner Mitwirkung geschieden wurden, ist lang: Mehr als 5000 Menschen sollen es insgesamt sein, zu den zahllosen prominenten Mandanten sollen etwa Hans Clarin und Tony Curtis gehören.

Tony Curtis mit Christine Kaufmann und ihrer Tochter Alexandra in Los Angeles am 15. Aug. 1964. Bild: AP

Lernen die Geschiedenen aus diesen Erfahrungen?
Naaa. Die Scheidungsquoten und die Dauer von Zweitehen weichen vom Durchschnitt nicht ab. Ich habe manchen Mandanten schon vier-, fünfmal geschieden.

Warum eskalieren diese Konflikte so oft zu einem Rosenkrieg?
Es geht fast immer um Rache, Geld – und die Kinder. Besonders schlimm sind die Fälle, in denen Frauen behaupten, ihre Ex-Männer hätten sich am Nachwuchs vergangen. Manche behaupten auch, in der Ehe vergewaltigt worden zu sein. So was bleibt immer haften, selbst im Falle eines Freispruchs.

Wie sieht die Rache denn aus, wenn es ums Geld geht?
Eine Frau hat mal beim Chef ihres Mannes angerufen und gepetzt, dass er sich bei angeblichen Geschäftsessen oder an Krankentagen mit seiner Geliebten getroffen hat. Der Mann hat dann seinen Job verloren, das war natürlich nicht so toll.

Für die betrogene Frau vielleicht schon.
Von wegen. Die hat mit dieser Aktion den Ast abgesägt, auf dem sie sass: Ihr zunächst arbeitsloser Ex-Mann konnte ihr nach der Scheidung jedenfalls keinen üppigen Unterhalt überweisen. Anderen Frauen ist es ähnlich ergangen, weil sie die schwarzen Konten ihres Gatten dem Finanzamt gemeldet hatten – und dann nach der Scheidung deutlich weniger von dessen Vermögen abbekamen.

Rächt sich denn niemand etwas gewiefter?
Doch, freilich. An ihrem geizigen Ehepartner hat sich eine Frau mal gerächt, indem sie für ihn häufig mit Hundefutter gekocht hat. Eine andere musste regelmässig an einen Lügendetektor, weil ihr Mann ihr so misstraute. Irgendwann reichte es ihr dann und sie log absichtlich, die Ehe ging in die Brüche. Ach, und eine Frau hat während des Urlaubs ihres Mannes seinen geliebten Hund einschläfern lassen.

Wie gemein.
Ja, Frauen sind meist geschickt, Männer wählen eher mal die Holzhammermethode – und sind bisweilen schon während der Beziehung diktatorisch: Einer hat seiner Frau mal Noten gegeben für Kochen, Putzen, Sex, das ging nicht lange gut. Manche sind aber auch hinterlistig: Einer hat mal den Hund seiner Partnerin heimlich zum Dickerchen gemästet. Damit torpedierte er die Pläne der Frau, das Tier zu Schönheitswettbewerben zu schicken.

Spielen Äusserlichkeiten so eine grosse Rolle?
Natürlich! Ein Ehemann hat mal für die – von ihm gewünschte – Brustvergrösserung bei seiner Frau einen Kredit aufgenommen. Ein Arzt in der Klinik verliebte sich dann allerdings in den Busen, die Ehe scheiterte an dieser Affäre. Und der betrogene Mann blieb auf den Kosten für die OP sitzen.

Wie stehen Sie als Scheidungsanwalt eigentlich zu Gemeinheiten im Rosenkrieg?
Man muss manchmal Härte zeigen, und im Rosenkrieg müssen sich gerade Prominente natürlich verteidigen: mit Haken und Ösen, aber im Rahmen des Gesetzes. Das ist auch wichtig, weil so eine heftige Auseinandersetzung oft lebenslange Narben hinterlässt.

Liesse sich das von Vornherein verhindern?
Tja, eine passende Impfung gibt es leider nicht. Ein Ehevertrag ist hilfreich, aber du kannst ja nicht mit dem Gesetzbuch in der Hand eine Beziehung führen: So hat vor Jahren mal ein Mann seiner Partnerin für jeden seiner Seitensprünge ein Schmuckstück vertraglich zugesichert. Zur Scheidung kam es trotzdem. Die Frau hat dann einen Schmuckladen eröffnet.

Was schlagen sie anstelle eines Ehevertrags vor?
Ich persönlich befürworte einen verpflichtenden Kursus vor der Hochzeit: Jede und jeder Deutsche sollte wissen, was die Ehe bedeutet – und wie man ihr wieder entkommen kann.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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