Interview
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Interview

Die 91-jährige Sexologin Dr. Ruth im Interview: «Sexroboter? Schrecklich!»

Die legendäre Sexologin Dr. Ruth redete ihr halbes Leben lang über Sex und kannte keine Tabus. Heute hat die 91-Jährige mit der Vorstellung Mühe, dass man sein Geschlecht umwandeln kann. Und sie findet es heikel, mit Freunden über Sex zu reden.

Sabine Kuster / ch media



Ruth Westheimer arrives at the 61st annual Grammy Awards at the Staples Center on Sunday, Feb. 10, 2019, in Los Angeles. (Photo by Jordan Strauss/Invision/AP)

Ruth Westheimer ist mittlerweile 91 Jahre alt. Bild: Jordan Strauss/Invision/AP/Invision

Da sitzt sie, die kleine Frau, die das Sexleben der Amerikaner (und wohl auch einiger Europäer) entkrampft hat. Über Sexfragen plaudert Ruth Westheimer als «Dr. Ruth» seit den 80er-Jahren auf allen Kanälen. Zuerst beantwortete sie die damals oberpeinlichen Fragen um Mitternacht im New Yorker Lokalradio – später stundenlang beim Sender NBC. Bei ihren Auftritten in Talkshows trieb sie den Moderatoren die Schamesröte ins Gesicht, wenn sie forderte: «Sprechen Sie es aus: Vagina!»

Heute ist es ihre Enkelin, die sie auffordert: «Sag es: Ich bin eine Feministin!» Die Szene ist im Dokfilm über Dr. Ruth zu sehen, der im Oktober in die Kinos kommt und eine Frau zeigt, die sehr progressiv war. Aber Feministin wollte sie nicht sein, die kleine Frau mit der grossen Ausstrahlung. Während des Interviews fragt sie mehrmals fürsorglich, ob man schon gegessen habe. Das Gegenüber interessiert vor allem: Wie progressiv denkt die 91-Jährige heute?

Frau Westheimer, mein Mann und ich haben gestern, nachdem die Kinder eingeschlafen sind, den Film über Sie geschaut…
Schön! Wie viele Kinder?

Zwei.
Schön. Wer passt jetzt auf?

Mein Mann. Wegen Ihres Films hatten wir wieder keinen Sex…
Ach, das ist schlimm! Also jetzt machen wir schnell das Interview und Sie versprechen mir, dass es heute Abend klappt, wenn nicht, müssen Sie mich anrufen. Nein, dann müsst ihr beide zu mir kommen. (lacht)

Hatten Sie genug Sex, als Ihre Kinder klein waren?
Ja. – Das wurde ich noch nie gefragt und normalerweise sage ich auch: «Keine persönlichen Fragen.»

Dann darf ich nicht fragen, wie Sie das geschafft haben?
Es ist nicht leicht, wie Sie wissen. Aber ich hatte Glück mit Freundinnen. Wir haben die Kinder gegenseitig gehütet. Als dann zwei Kinder da waren, war’s schwieriger. Aber man muss sich als Paar die Zeit nehmen. Ich sage manchmal zu den jungen Paaren: Geht für ein paar Stunden in ein Motel. Da, wo keine Kinder an die Tür klopfen können. Verschiebt den Sex nicht immer auf die Abende, weil man dann müde ist.

Stattdessen starrt man dann noch eine Weile aufs Smartphone. Sie haben gesagt, wir verlernen dadurch, miteinander zu reden.
Das stimmt! «Sex für Dummies» habe ich extra für die Millennials geschrieben, die nicht genug Sex haben, weil sie immer am Telefon sitzen. Und auch weil sie die Kunst, eine Unterhaltung zu führen verlernen. Das wäre schlimm für das Sexleben.

Warum wäre das schlimm?
Beim Sex muss man sich aufeinander konzentrieren und das hat mit Konversation zu tun. Und wenn die Gespräche und die Beziehung nicht gut sind, ist der Sex auch nicht gut.

Kennen Sie Tinder, wo man schnell jemanden treffen kann?
Schlimm! Da kennt man sich nicht! Und wir sehen schon, dass die Geschlechtskrankheiten zunehmen. Ich sag nicht, dass ein Quickie nicht erfreulich sein kann. Aber auf lange Frist ist das nicht gut.

Zu viele wechselnde Sexualpartner, meinen Sie?
Ja. Man muss eine Beziehung pflegen. Und sich freuen, dass man jemanden hat, der auf einen wartet, wenn man von der Arbeit heimkommt.

Heute sind Orgasmus, Analsex, Viagra und Sadomaso in der Öffentlichkeit ein Thema. Aber unter Freunden erzählt man sich nicht einmal, wie man sich befriedigt. Warum nicht?
Das ist immer noch ein Tabu, und ich bin mit dem Tabu einverstanden. Wenn Sie zum Beispiel erzählen: Gestern konnte ich keinen Orgasmus haben und mein Mann hatte einen frühzeitigen Erguss – dann wird der Freund künftig immer an dieses Negative denken, wenn Sie sich treffen. Wenn es so ist, dass es einem auf die Seele schlägt, dann muss man zum Therapeuten gehen. Aber in der zwischenmenschlichen Beziehung muss eine gewisse Grenze sein.

Aber warum soll man keine Tipps zur Masturbation weitergeben?
Man kann dazu Bücher lesen. Aber eine Freundin ist keine Therapeutin. Freundinnen sieht man immer wieder, Therapeuten nicht.

Aber es wäre bloss ein Tipp – wie ein Schminktipp.
Man kann sagen: «Probier mal mit dem Vibrator und vergiss nicht, was Dr. Ruth sagt, dass man sich nicht daran gewöhnen soll, denn kein Penis kann die Vibrationen des Vibrators nachmachen. Aber um schneller erregt zu werden, ist das o.k.

Aber nicht genauer, an welchen Stellen?
Nein, ich würde ein bisschen Diskretion halten. Es gibt eine Linie, die man nicht überschreiten soll.

Wurden Sie je sexuell belästigt?
Nein. Ich habe Glück gehabt. Aber wenn ich belästigt worden wäre, würde ich bestimmt nicht darüber reden. Ich würde zu einem Therapeuten gehen und das besprechen, damit es nicht das ganze Leben beeinträchtigt und ich es auf die Seite legen kann.

Im Film sagen Sie, Sie selbst würden nicht alles erzählen, weil manches, was Sie erlebt hätten, niemand anders verstehen könne.
Das habe ich über mein Leben gesagt. Weil ich mit zehn Jahren allein in die Schweiz ins Exil kam und sechs Jahre da lebte währen des Weltkriegs. Wenn ich nicht hier gewesen wäre, würde ich heute nicht mehr leben. Ich spreche manchmal mit Journalisten darüber, damit es nicht vergessen geht, aber ich tu es nicht gerne, denn es tut weh.

Über Politik sprechen Sie auch nicht.
Bis jetzt. Aber nun habe ich meine Meinung geändert. Es regt mich so auf, was in Amerika an der mexikanischen Grenze passiert! Dass da die Kinder von ihren Eltern getrennt werden! Und auch, dass Abtreibung vielleicht wieder illegal werden könnte. Und es ist kein staatliches Geld da für Familienplanung. Nun sage ich im Alter von 91 Jahren, dass das schlimm ist!

Sie haben sich stark für Familienplanung eingesetzt. Warum gibt es heute noch so viele Teenager-Schwangerschaften in Amerika, England…
…überall! Weil die jungen Menschen denken, mir kann nichts passieren. Und manchmal sind sie zu betrunken! Das ist ein grosses Problem. Deshalb muss Abtreibung möglich sein, sonst ist das Leben zweier junger Menschen verdorben, wenn die Schwangerschaft ungewollt ist.

Sie waren Pionierin als Alleinerziehende, als arbeitende Mutter, als Befürworterin für ein Recht auf Abtreibung, als eine, die in Homosexualität nichts Abnormales fand. Wer oder was war Ihr Kompass?
Ich war psychologisch gut trainiert. Woher das kommt, weiss ich nicht. Religiöse Juden akzeptieren Homosexuelle nicht. Sie sagten, sie wissen nicht, wozu das gut ist. Aber wir wissen heute noch manches nicht. Respekt haben sollen wir aber trotzdem! Jeder Mensch verdient Respekt. Das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Über welche gesellschaftliche Haltung werden wir in 30 Jahren den Kopf schütteln?
Weiss ich nicht. Ich denke, man wird auch dann noch nicht verstehen, warum Jungs Mädchen sein wollen und umgekehrt. Diese ganzen Genderprobleme. Ich verstehe es nicht, und ich glaube, das wird die Menschheit auch in 30 Jahren nicht verstehen. Dass Tausende operativ und hormonell ihr Geschlecht ändern wie jetzt, das hätte ich nie für möglich gehalten.

Aber Sie respektieren es?
Mit Schwierigkeiten. Vielleicht ist es nur eine Mode.

Besonders in Asien halten sich immer mehr Männer einen Sexroboter und ziehen diesen einer echten Frau vor.
Das kenne ich gar nicht – schrecklich! Mit der unechten Frau kann man aber keine Konversation halten!

Doch man kann – bis zu einem gewissen Grad. Manchmal verlieben sich die Männer in sie.
Das ist sehr traurig. Ich möchte, dass Männer und Frauen jemanden finden, mit dem sie ein Leben aufbauen und Kinder haben können.

Sie haben gesagt: Wir wissen nicht, was normal ist.
Das sage ich immer noch – aber nicht über solche Puppen.

Als 10-Jährige mussten Sie Ihre Eltern verlassen. Ein unvorstellbarer Schmerz.
Ja, schlimm. Und er bleibt ein Leben lang.

Aber es hat Sie nicht hart gemacht. Warum nicht?
Nein, es hat mir die Kraft gegeben zu sagen: Ich habe überlebt. Was für ein Glück! Das gab mir einen Stups, dass ich etwas aus meinem Leben machen muss. Ich wollte Medizin studieren, aber ich hatte kein Geld und keine Matur. Deswegen wurde ich Kindergärtnerin in Israel. Doch als ich mit meinem ersten Mann nach Paris zog, konnte ich dort doch noch studieren: Psychologie.

Sie waren nicht nur Sexologin, sondern auch Schauspielerin, hatten eine eigene Sitcom, lancierten einen Wein… Sie sind ein Workaholic.
Ja, aber nicht so sehr, dass ich nicht Ferien gemacht hätte und jedes Jahr mit der Familie in Wengen zum Wandern und Skifahren gefahren wäre. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein Workaholic bin, aber wie meine Tochter im Film sagt: Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, keinen Beruf zu haben.

Sie lieben es, berühmt zu sein.
Stimmt. Ich bin sehr zufrieden, wenn die Leute mich kennen. Meistens sind sie sehr respektvoll. – Darf ich jetzt noch ein Foto Ihrer Kinder sehen?

«Ask Dr. Ruth» Dokfilm. 2.–4. Oktober am Zürich Filmfestival und ab dem 17. Oktober im Kino. Trailer (aargauerzeitung.ch)

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