Irak
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Rebel fighters demonstrate their skill with their weapons during a military display as part of a graduation ceremony at a camp in eastern al-Ghouta, near Damascus September 4, 2014. The newly graduated rebel fighters, who went through military training, will join the

Kämpfer der islamistischen Dschihad-Bewegung bereiten den Abschuss einer Kassam-Rakete vor.  Bild: BASSAM KHABIEH/REUTERS

Hilferuf aus Syrien

Britische Dschihadisten wollen wieder nach Hause

Eine Gruppe britischer Dschihadisten in Syrien hat einen Hilferuf in die Heimat gesendet. Die Männer sind desillusioniert und zermürbt von den Kämpfen. Laut «Times» wollen sie nur eins: zurück in die Heimat. 

Ein Artikel von

Spiegel Online

London – Die ersten europäischen Dschihadisten haben offenbar genug vom Kämpfen in Syrien und im Irak. Ein Brite hat über soziale Medien die Experten vom Internationalen Zentrum für Forschung zu Radikalisierung und Politischer Gewalt (ICSR) in London kontaktiert. Das berichtet die britische Zeitung «Times». Er wolle aussteigen aus dem Dschihad und mit ihm noch weitere 30 Briten, behauptete er. Seinen Namen möchte er nicht öffentlich genannt wissen. 

Die jungen Männer, fast alle Anfang 20, seien desillusioniert vom Dschihad und zunehmend verzweifelt, sagte er den Forschern. «Wir sind gekommen, um das syrische Regime zu bekämpfen», sagte er. Stattdessen seien sie hauptsächlich in zermürbende Kämpfe mit rivalisierenden Rebellengruppen verwickelt. «Dafür sind wir nicht nach Syrien gegangen.» 

«Zurzeit sind wir gezwungen, weiterzumachen. Welche Optionen haben wir denn?»

«Zurzeit sind wir gezwungen, weiterzumachen. Welche Optionen haben wir denn?», liess der britische Dschihadist die Forscher wissen. Tatsächlich befinden sie sich in einer schwierigen Lage. Er und seine Kameraden haben sich strafbar gemacht, indem sie einer Terrororganisation beigetreten sind. Alle kämpfen in einer Gruppe, die mit der radikalen Miliz Islamischer Staat verbündet ist. Ihnen drohen bei einer Rückkehr nach Grossbritannien lange Haftstrafen. 

Von den Radikalismus-Forschern erhoffte sich der britische Dschihadist nun Vermittlerhilfe. Er und seine 30 Mitstreiter würden in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie Amnestie erhalten würden, heisst es. Sie seien bereit, an Entradikalisierungsprogrammen teilzunehmen und sich überwachen zu lassen, wenn sie so Gefängnisstrafen entgehen könnten.  

Palestinian Islamic Jihad militants parade down a street in downtown Gaza City on August 29, 2014. Fighters at the march wore military fatigues and carried assault rifles and other light weaponry, with some holding aloft different types of rockets fired at Israel during the 50-day conflict that ended on August 26. Islamic Jihad and fighters from Hamas, the de facto rulers of Gaza, as well as other Palestinian militants fired a total of more than 4,500 rockets at the Jewish state during the conflict, which erupted on July 8.    AFP PHOTO/ROBERTO SCHMIDT

Parade der islamistischen Dschihad-Bewegung. Bild: AFP

Viele Heimkehrer sind desillusioniert 

Grossbritannien konnte in der Vergangenheit mit Entradikalisierungs-programmen schon Erfolge erzielen. So sind mehrere Londoner Radikalisierungsforscher selbst Ex-Dschihadis. Aussteigerprogramme können aber auch fehlschlagen: Saudi-Arabiens bekanntester vermeintlicher Ex-Dschihadist hat sich nun in Syrien wieder den Extremisten angeschlossen

«Die Syrien-Reisenden sind keine homogene Gruppe», schreiben die Radikalismus-Forscher vom ICSR. Ihre Motivationen seien sehr unterschiedlich. «Manche von ihnen werden eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen. Manche werden sich auch dem internationalen Terrorismus zuwenden.» Diese müsse man streng bestrafen. Aber die Mehrheit gehöre nicht zu diesen beiden Gruppen, und für diese müsse man auch andere Ansätze finden. 

Erfahrungen mit früheren britischen Dschihad-Heimkehrern zeigten, dass lediglich einer von neun weiter terroristische Absichten verfolgte. Der Rest sei nach dem Kämpfen im Ausland desillusioniert und hätte dem Radikalismus den Rücken gekehrt. 

Aus Grossbritannien sind mehr als 500 Menschen nach Syrien gegangen, um zu kämpfen. Knapp die Hälfte ist inzwischen zurückgekehrt. Rund 40 stehen vor Gericht. Insgesamt werden einige Tausend Europäer in Syrien und im Irak vermutet, die meisten von ihnen aus Frankreich, Belgien und Grossbritannien. Auch etwa 400 Deutsche sind nach Syrien gegangen, darunter rund 20 Ex-Bundeswehrsoldaten

Die Westler werden als Kanonenfutter eingesetzt

Syrien ist für europäische Radikale ein beliebtes Ziel. Auf sozialen Netzwerken bewarben es westliche Islamisten als einen «Fünf-Sterne-Dschihad» : Im Vergleich zu früheren Dschihad-Zielen wie Afghanistan oder Somalia ist Syrien leicht erreichbar, und die jungen Westler können dort verhältnismässig bequem leben. 

«Fünf-Sterne-Dschihad.»

Einmal vor Ort, entscheiden sich dann allerdings nur die wenigsten Zugereisten, tatsächlich zu kämpfen. Die Realität ist oft komplett anders, als sie es sich in ihren Dschihad-Abenteuerträumen ausgemalt haben. Wer eigentlich in Syrien gegen Baschar al-Assad in die Schlacht ziehen wollte, wird nicht selten als Selbstmordattentäter im Irak gegen andere Milizen vorgeschickt. 

Die Miliz «Islamischer Staat» hat wenig Interesse daran, schlecht ausgebildete Westler auszurüsten und kämpfen zu lassen. Stattdessen werden sie als «Kanonenfutter» eingesetzt. Vor Kurzem hatte sich auch ein deutscher Konvertit in die Luft gesprengt

Zudem treibe die europäischen Dschihadisten auch eine Glaubensfrage um, berichten die Radikalismus-Forscher: Könnten sie denn überhaupt als Märtyrer ins Paradies kommen, wenn sie im Kampf gegen andere Rebellengruppen oder Dschihadisten sterben statt im Kampf gegen Baschar al-Assad? 

Der Kontakt zwischen dem britischen Dschihadisten und den Radikalismusforschern in London könnte nun ein erstes Anzeichen sein, dass es offenbar inzwischen aussteigewillige Kämpfer gibt. (vek/ras)



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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 06.09.2014 09:09
    Highlight Highlight Der Geheimdienst sollte mit Ihnen dort in Kontakt treten und schauen, was für Informationen sie gegen IS beisteuern können. Als Spione im Lager des Gegners taugen sie, doch sehe ich für diese Leute keine Zukunft in ihrer einstigen Heimat. Politisch ist das nicht zu machen.
  • Der Tom 06.09.2014 00:18
    Highlight Highlight Gut, dass Sie desillusioniert sind und scheinbar leiden. Am besten die Namen veröffentlichen dann werden sie vielleicht ,Ausgemustert'
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 05.09.2014 19:01
    Highlight Highlight Trojanische Pferde!

    Haben die keine Ehre? Sie haben entschieden, jetzt sollen sie dabei bleiben. Wenn es ihnen dort nicht mehr passt, können sie sich ja als Kanonenfutter zur Verfügung stellen.
  • _mc 05.09.2014 18:01
    Highlight Highlight dumm gelaufen...
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  • Vladtepes 05.09.2014 15:42
    Highlight Highlight Diese "Hilferufe" sind garantiert ein mit dem Kalifat abgesprochener Trick, um so quasi als "reumütige Söhne" in ihrer Pass-Heimat wieder ohne grosses Verrenkungen aufgenommen zu werden. Wobei davon auszugehen ist, dsss die Meisten davon dies nur im Auftrage von IS tun, um dort Attentate und Sabotage zu betreiben. Auch um neue Jugendliche ihrer Sache zugetan zu machen. Am Besten und Hilfreichsten für Frankreich, England und Deutschland wäre, von den Parlamenten neue Gesetze verabschieden zu lassen, wonach ALLEN diesen "Gotteskriegern" die jeweilige Staatsbügerschaft aberkannt und eine Wiedereinreise als illlegal erklärt würde.
  • simonline 05.09.2014 14:43
    Highlight Highlight Haha. FAIL. Geschieht ihnen recht, diesen Idioten.

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