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Der entscheidende Moment: Samereh verpasst dem Mörder ihres Sohnes die Ohrfeige.Bild: AP/ISNA
Begnadigung mit Ohrfeige

Mutter holt Mörder ihres Sohnes vom Galgen: «Die Rache hat mein Herz verlassen.»

In letzter Sekunde hat eine iranische Mutter den Mörder ihres Sohnes begnadigt. Nun erzählt Samereh Alinedschad, wie es dazu gekommen ist.
26.04.2014, 12:2326.04.2014, 13:03

Der Fall sorgte weltweit für Furore: Eine Iranerin hat den Mörder ihres Sohnes begnadigt, als dieser bereits den Strick um den Hals trug. Statt am Galgen zu baumeln, bekam er von ihr eine Ohrfeige. Der 25-jährige Täter mit Namen Bilal hatte vor sieben Jahren den damals 18-jährigen Abdollah Hosseinsadeh auf einer Strasse in Rojan in Nordiran erstochen.

Eine Menschenmenge wartet auf die Hinrichtung. Am Boden die Mutter des Täters.
Eine Menschenmenge wartet auf die Hinrichtung. Am Boden die Mutter des Täters.Bild: AP/ISNA

Nun hat Samereh Alinedschad, die Mutter des Opfers, in einem Interview mit dem «Guardian» erläutert, wie es zur spektakulären Begnadigung kam. Demnach war sie bis zuletzt entschlossen, Bilal hängen zu sehen. Sie habe bereits ihren jüngeren Sohn durch einen Motorradunfall verloren, als dieser elf Jahre alt war, und sei deshalb ausser sich vor Schmerz gewesen: «Bis zur letzten Minute wollte ich ihm nicht vergeben.»

«Zehn Tage vor der Hinrichtung bat er mich, keine Rache zu nehmen, doch das konnte mich nicht überzeugen.»
Samereh Alinedschad

Doch dann erschien ihr Abdollah im Traum: «Zehn Tage vor der Hinrichtung bat er mich, keine Rache zu nehmen, doch das konnte mich nicht überzeugen. Zwei Nächte vor dem Termin sah ich ihn erneut im Traum, doch er wollte nicht mit mir reden.» Sie habe sich darauf mit ihrem Ehemann Abdolghani Hosseinsadeh, einem pensionierten Arbeiter, besprochen: «Du hast das letzte Wort, sagte er zu mir. Du hast zu viel gelitten, wir werden tun, was du sagst.»

Vater und Mutter des Opfers nehmen Bilal die Schlinge vom Hals.
Vater und Mutter des Opfers nehmen Bilal die Schlinge vom Hals.Bild: AP/ISNA

Laut der Scharia können Angehörige der Opfer die zum Tode verurteilten Mörder begnadigen, auch kurz vor der Hinrichtung. Zahlreiche iranische Künstler und Sportler hatten den Vater, der auch als Fussballtrainer tätig ist, aufgerufen, Bilal zu vergeben. Am 15. April sollte die öffentliche Exekution vor dem Gefängnis der Stadt Nuschahr stattfinden. Die Familie des Opfers hat dabei das Recht, sie zu vollziehen, indem sie den Stuhl wegstösst, auf dem der Verurteilte steht.

Der begnadigte Mörder wird ins Gefängnis zurückgebracht.
Der begnadigte Mörder wird ins Gefängnis zurückgebracht.Bild: AP/ISNA

Als er bereits mit verbundenen Augen auf dem Stuhl stand, habe Bilal um Gnade gefleht, und sei es nur für seinen Vater und seine Mutter. Noch immer aber war Alinedschad nicht bereit, ihm zu verzeihen, obwohl auch aus der Menge Rufe kamen, Bilal zu verschonen. Dann geschah das Unerwartete: Samereh Alinedschad stieg auf einen Hocker, doch statt den Stuhl wegzustossen, gab sie Bilal die Ohrfeige.

Die Mutter des Täters (l.) und jene des Opfers umarmen sich.
Die Mutter des Täters (l.) und jene des Opfers umarmen sich.Bild: AP/ISNA

Wirklich erklären kann sie sich den plötzlichen Sinneswandel bis heute nicht: «Ich fühlte, wie der Zorn aus meinem Herzen verschwand und das Blut in meinen Adern wieder zu fliessen begann», sagte sie dem «Guardian». Sie brach in Tränen aus und bat ihren Mann, Bilal die Schlinge vom Hals zu nehmen. Damit war die Begnadigung vollzogen, worauf es zu einer tränenreichen Umarmung von Samereh und Kobra, der Mutter des Täters, kam. Bilal sitzt nun im Gefängnis, denn die Begnadigung ist nicht gleichbedeutend mit einer Freilassung.

Todesstrafe im Iran
Iran ist nach Angaben der Uno das Land mit den meisten Hinrichtungen der Welt nach China. 2013 wurden offiziellen Angaben zufolge 369 Menschen hingerichtet, Amnesty International geht jedoch davon aus, dass es mindestens 335 weitere Exekutionen gab. Nur sehr selten kommt es zu einer Begnadigung.

Samereh Alinedschad hat auch im Iran viel Zuspruch für ihren Grossmut erhalten, worüber sie sich freut. Sie habe den Frieden wiedergefunden, den sie seit dem Tod ihres Sohnes verloren habe: «Ein Kind zu verlieren ist, als ob man einen Teil seines Körpers verliert. In all den Jahren habe ich mich wie in einem toten Körper gefühlt. Aber jetzt fühle ich Ruhe und Frieden, die Rache hat mein Herz verlassen.»

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