Iran
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Der entscheidende Moment: Samereh verpasst dem Mörder ihres Sohnes die Ohrfeige. Bild: AP/ISNA

Begnadigung mit Ohrfeige

Mutter holt Mörder ihres Sohnes vom Galgen: «Die Rache hat mein Herz verlassen.»

In letzter Sekunde hat eine iranische Mutter den Mörder ihres Sohnes begnadigt. Nun erzählt Samereh Alinedschad, wie es dazu gekommen ist.



Der Fall sorgte weltweit für Furore: Eine Iranerin hat den Mörder ihres Sohnes begnadigt, als dieser bereits den Strick um den Hals trug. Statt am Galgen zu baumeln, bekam er von ihr eine Ohrfeige. Der 25-jährige Täter mit Namen Bilal hatte vor sieben Jahren den damals 18-jährigen Abdollah Hosseinsadeh auf einer Strasse in Rojan in Nordiran erstochen.

This picture provided by ISNA, an semi-official news agency, taken on Tuesday, April 15, 2014 shows Iranian woman Kobra, bottom, whose son Bilal was convicted of murdering a man, waiting among people before his execution in public in the northern city of Nour, Iran. Bilal, who was convicted of killing Abdollah Hosseinzadeh, was pardoned by the victim's family moments before being executed. (AP Photo/ISNA, Arash Khamoushi)

Eine Menschenmenge wartet auf die Hinrichtung. Am Boden die Mutter des Täters. Bild: AP/ISNA

Nun hat Samereh Alinedschad, die Mutter des Opfers, in einem Interview mit dem «Guardian» erläutert, wie es zur spektakulären Begnadigung kam. Demnach war sie bis zuletzt entschlossen, Bilal hängen zu sehen. Sie habe bereits ihren jüngeren Sohn durch einen Motorradunfall verloren, als dieser elf Jahre alt war, und sei deshalb ausser sich vor Schmerz gewesen: «Bis zur letzten Minute wollte ich ihm nicht vergeben.»

«Zehn Tage vor der Hinrichtung bat er mich, keine Rache zu nehmen, doch das konnte mich nicht überzeugen.»

Samereh Alinedschad

Doch dann erschien ihr Abdollah im Traum: «Zehn Tage vor der Hinrichtung bat er mich, keine Rache zu nehmen, doch das konnte mich nicht überzeugen. Zwei Nächte vor dem Termin sah ich ihn erneut im Traum, doch er wollte nicht mit mir reden.» Sie habe sich darauf mit ihrem Ehemann Abdolghani Hosseinsadeh, einem pensionierten Arbeiter, besprochen: «Du hast das letzte Wort, sagte er zu mir. Du hast zu viel gelitten, wir werden tun, was du sagst.»

This picture provided by ISNA, a semi-official news agency, taken on Tuesday, April 15, 2014 shows Maryam Hosseinzadeh, right, and her husband Abdolghani, left, removing the noose from the neck of blindfolded Bilal who was convicted of murdering their son Abdollah in the northern city of Nour, Iran. Bilal who was convicted of killing Abdollah Hosseinzadeh, was pardoned by the victim's family moments before being executed. (AP Photo/ISNA, Arash Khamoushi)

Vater und Mutter des Opfers nehmen Bilal die Schlinge vom Hals. Bild: AP/ISNA

Laut der Scharia können Angehörige der Opfer die zum Tode verurteilten Mörder begnadigen, auch kurz vor der Hinrichtung. Zahlreiche iranische Künstler und Sportler hatten den Vater, der auch als Fussballtrainer tätig ist, aufgerufen, Bilal zu vergeben. Am 15. April sollte die öffentliche Exekution vor dem Gefängnis der Stadt Nuschahr stattfinden. Die Familie des Opfers hat dabei das Recht, sie zu vollziehen, indem sie den Stuhl wegstösst, auf dem der Verurteilte steht.

This picture provided by ISNA, a semi-official news agency, taken on Tuesday, April 15, 2014 shows Iranian officials and security escorting away the blindfolded man Bilal from the scene of his execution in public in the northern city of Nour, Iran. Bilal, who was convicted of killing Abdollah Hosseinzadeh, was pardoned by the victim's family moments before being executed. (AP Photo/ISNA, Arash Khamoushi)

Der begnadigte Mörder wird ins Gefängnis zurückgebracht. Bild: AP/ISNA

Als er bereits mit verbundenen Augen auf dem Stuhl stand, habe Bilal um Gnade gefleht, und sei es nur für seinen Vater und seine Mutter. Noch immer aber war Alinedschad nicht bereit, ihm zu verzeihen, obwohl auch aus der Menge Rufe kamen, Bilal zu verschonen. Dann geschah das Unerwartete: Samereh Alinedschad stieg auf einen Hocker, doch statt den Stuhl wegzustossen, gab sie Bilal die Ohrfeige.

This picture provided by ISNA, a semi-official news agency, taken on Tuesday, April 15, 2014 shows Kobra, left, whose son Bilal was convicted of murdering a man, embracing Samereh Alinejad, mother of the victim, after she pardoned the murderer before his execution in public in the northern city of Nour, Iran. Bilal who was convicted of killing Abdollah Hosseinzadeh, was pardoned by the victim's family moments before being executed. (AP Photo/ISNA, Arash Khamoushi)

Die Mutter des Täters (l.) und jene des Opfers umarmen sich. Bild: AP/ISNA

Wirklich erklären kann sie sich den plötzlichen Sinneswandel bis heute nicht: «Ich fühlte, wie der Zorn aus meinem Herzen verschwand und das Blut in meinen Adern wieder zu fliessen begann», sagte sie dem «Guardian». Sie brach in Tränen aus und bat ihren Mann, Bilal die Schlinge vom Hals zu nehmen. Damit war die Begnadigung vollzogen, worauf es zu einer tränenreichen Umarmung von Samereh und Kobra, der Mutter des Täters, kam. Bilal sitzt nun im Gefängnis, denn die Begnadigung ist nicht gleichbedeutend mit einer Freilassung.

Todesstrafe im Iran

Iran ist nach Angaben der Uno das Land mit den meisten Hinrichtungen der Welt nach China. 2013 wurden offiziellen Angaben zufolge 369 Menschen hingerichtet, Amnesty International geht jedoch davon aus, dass es mindestens 335 weitere Exekutionen gab. Nur sehr selten kommt es zu einer Begnadigung.

Samereh Alinedschad hat auch im Iran viel Zuspruch für ihren Grossmut erhalten, worüber sie sich freut. Sie habe den Frieden wiedergefunden, den sie seit dem Tod ihres Sohnes verloren habe: «Ein Kind zu verlieren ist, als ob man einen Teil seines Körpers verliert. In all den Jahren habe ich mich wie in einem toten Körper gefühlt. Aber jetzt fühle ich Ruhe und Frieden, die Rache hat mein Herz verlassen.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Rafaello 26.04.2014 19:21
    Highlight Highlight Schöne Bildgeschichte mit stechend scharfen Photos für uns Ungläubige im westlichen Sündenpfuhl. Der Böse mit dem Strick um den Hals (ich bewundere vor allem seine blendend weissen Zähne, aber ich finde nirgends eine versteckte Werbung für Colgate). Der liebe und gütige Imam mit dem sibergrauen, perfekt geschnittenen Vollbart, der den reuigen Sünder in die Arme nimmt. Die von der Rache zur Vergebung bekehrte Mutter des Täters mit islamischem Schleier und der ins Gesicht geschriebenen Güte der wahren und einzigen Religion auf Erden... Die Scharia ist ja eigentlich ganz gut, nicht wahr ??? Auch wenn es vorher kein korrektes Verfahren und selbstverständlich keine glaubwürdige Verteidigung des vermeintlichen Mörders gegeben hat ???
    Gehängt wird im Iran auf Kränen, die langsam hochgezogen werden, damit die Verurteilten länger leiden. In den letzten Wochen zirkulierten fürchterliche Photos von Hinrichtungenn im Iran, eines Schriftstellers zum Beispiel, der die Allmacht der Religionspolizei in Frage gestellt hatte. Da kann etwas Gegenpropaganda nicht schaden, mit rührigen Photos, Akteuren mit blendend weissen Zähnen, mit Tränen, Vergebung, Güte und Glück im islamischen Paradies.
    Danke Watson, Inch Allah !
  • Don Huber 26.04.2014 18:59
    Highlight Highlight Was für eine durchgeknallte Welt. Wir sind alles Knallköpfe und in ein paar Wochen ist das alles vergessen als wäre es Nichts gewesen. Blubs und durchgeknallt. Das Böse ist immer und überall.

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