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Die kurdisch-stämmige Basler Grossrätin Sibel Arslan ist von der türkischen Politik enttäuscht.  zvg

Sibel Arslan, Grossrätin und Kurdin

«Die Türkei lässt die IS-Kämpfer nachts über die Grenze» 

Exil-Kurden in aller Welt sind ob der Lage in Kobane verzweifelt. Die Basler Grossrätin Sibel Arslan über Schlupflöcher an der Grenze, Hilflosigkeit in der Diaspora und ein ausgelagertes Massaker.



Frau Arslan, die Situation der Kurden von Kobane ist verzweifelt. Dringen noch Informationen aus der Stadt zu Exilkurden?
Sibel Arslan: Nur spärlich. Wie ich gehört habe, befinden sich in der Stadt selber nicht mehr viele Zivilisten und diejenigen, die noch dort sind, haben andere Probleme, als zu telefonieren. Die Informationen fliessen über Kurden, die auf der türkischen Seite wohnen und mündlich Informationen über Personen einholen können, die sich noch in Kobane befinden. 

Wie sieht es an der Grenze aus? 
  Die Situation für die Flüchtenden ist schwierig. Vor dem Angriff der IS haben die kurdischen Volksverteidigungseinheiten der YPG die Dörfer rund um Kobane geräumt und als gefallen erklärt, um sich auf die Verteidigung der Stadt zu konzentrieren. Die Bewohner dieser Dörfer sind durch Kobane an die türkische Grenze geflohen. Aber dort kommen nicht alle weiter, die Grenze wird nur sehr selektiv geöffnet. 

«Die YPG haben die Dörfer rund um Kobane geräumt und als gefallen erklärt, um sich auf die Verteidigung der Stadt zu konzentrieren.»

Sibel Arslan

Die 34-jährige Alevitin kurdischer Abstammung wurde 2005 für das Grüne Bündnis in den Basler Grossen Rat gewählt. Die Juristin ist Mitglied der Begnadigungs- und der Justizkommission. 

Wer wird durchgelassen und wer nicht?
  Es gibt wenig gesicherte Informationen. Hilfsgüter und Waffen an die Zivilisten und Kämpfer werden nicht durchgelassen. Die PKK verfügt wohl über Mittel und Wege, sowas zu bewerkstelligen, aber sicher nicht im grossen Stil. Verwundete konnten aber in Spitäler im Grenzgebiet der Türkei gebracht werden. Dort werden sowohl Kurden als auch IS-Kämpfer behandelt.  

Wie kommen die IS-Kämpfer in die Türkei?
  Das ist nicht ganz klar. Gemäss Augenzeugenberichten aus dem etwa 60 Kilometer von der türkischen Grenze entfernten Urfa, werden manchmal nachts die Lichter gelöscht und die türkischen Grenzwächter ziehen sich zurück. Danach fahren Kleinbusse die Verletzten von der Grenze her kommend zum Spital. Gerüchten zu Folge sollen bereits 80 IS-Kämpfer im türkischen Urfa behandelt werden. Auch einige wenige kurdische Kämpfer werden dort behandelt. 

«Gerüchten zu Folge sollen bereits 80 IS-Kämpfer im türkischen Urfa behandelt werden.»

Angesichts der sich zuspitzenden Lage mobilisieren die Kurden auf der ganzen Welt und demonstrieren. Wie haben Sie die Stimmung am Basler Sit-In erlebt?
  Es ist eine Mischung aus Wut, Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Angesichts der Untätigkeit der türkischen Armee und der offenbar unzureichenden militärischen Unterstützung der Amerikaner versuchen die Demonstrierenden auf die Lage der Kurden in Kobane aufmerksam zu machen. Die Solidarität der Exilkurden ist gross. Wenige Stunden nach den ersten Meldungen, wonach IS-Kämpfer nach Kobane eingedrungen seien, fanden sich auf dem Basler Marktplatz 500 Demonstrierende ein. 

Was erhoffen sich die Kurden von diesen Kundgebungen?
  Es gibt verschiedenste Gruppierungen in der Türkei, die von der türkischen Regierung ein Eingreifen gegen den Terror des IS verlangen. Es geht auch darum, diese Kreise zu unterstützten. Die Kurden sind ein seit Jahrzehnten verfolgtes Volk. Sie versuchen auch in der Diaspora auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen und appellieren an die Solidarität der Menschen in ihrer neuen Heimat. 

«‹Kobane fällt nicht, die Türkei ist schon gefallen›.»

Was ist die Mindestforderung?
Eine Forderung ist, dass die Türkei als Nato-Mitglied wenigstens Unterstützung durch Waffenlieferungen über ihre Grenze zulässt und diese für flüchtende Zivilisten öffnet.

Auf wen ist die Wut grösser: Auf den IS, der die Stadt erobern will, oder auf die Türkei, die die Grenze schliesst und nichts unternimmt?
 «Kobane fällt nicht, die Türkei ist schon gefallen», ist ein Slogan, der derzeit sehr verbreitet ist. Durch das Nichthandeln macht sich die türkische Regierung aus Sicht vieler Kurden und auch aus Sicht vieler Menschen in und aus der Türkei für den bevorstehenden Tod von Tausenden mitverantwortlich. 70 Prozent der Kurden im Exil sind politische Flüchtlinge, die die Massaker von Maras 1978 und - die Älteren - auch diejenigen von Dersim 1938 überlebt haben (siehe Infobox, Anm. d. Red.). Jetzt droht ein weiteres Massaker. 

Die Massaker von Maras und Dersim

1937 und 1938 ermordete die türkische Armee in einer Strafexpedition 70'000 Einwohner Dersims, im Osten der Türkei gelegen. Die überlebenden Kurden wurden zwangsumgesiedelt und die Region in Tunceli umbenannt, was soviel heisst, wie «Eiserne Faust». 

1978 fielen im südostanatolischen Maras hunderte von Kurden der alevitischen Glaubensrichtung während mehrere Tage Opfer von Todesschwadronen. Die Behörden unternahmen nichts gegen die Mörderbanden. Die Verantwortlichen wurden nie ermittelt oder zur Rechenschaft gezogen. (thi)

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