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Poppy Jacksons «Site»-Performance in London.
bild: poppyjackson

Vielleicht krieg' ich jetzt einen Zusammenschiss, aber ich kann diese nackte, grenzauflösende Menstruations-Kunst einfach nicht mehr sehen 

Die Künstlerin Poppy Jackson menstruiert auf alte Teppiche und setzt sich vier Stunden lang mit gespreizten Beinen auf einen Dachgiebel. Aber ich werde ihr dafür nicht applaudieren.



Eine nackte Frau sitzt auf einem Dachgiebel. Es ist Poppy Jackson und sie sitzt schon seit drei Stunden da. Wahrscheinlich fühlt sich ihr Hintern mittlerweile hölzern an. Und der Krampf in den Beinen ist sicher auch nicht mehr fern. Aber sie hockt dort im Namen der Kunst. Als Teil des «Spill Festival of Performance» in London. Aber was will sie uns damit nur sagen? 

Spontan stellt man fest: Poppy ist nackt und das im Herbst. Womöglich holt sie sich da oben auf den kalten Ziegeln eine Blasenentzündung. Aber pragmatische Gedanken gehören nicht in eine ordentliche Kunst-Debatte.

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Poppy Jackson sass zwei Tage da oben für je vier Stunden.
bild: twitter/raquel rodrigues

Der Pressetext der Toynbee Studios, auf dessen Dach die Performance stattfand, «verrät», um was es hier geht. Nämlich um Grenzen: Die des Geschlechts, des weiblichen Körpers und die des Innen und Aussen. Lest es. Auch, wenn es euch ablöscht: 

«Das Stück untersucht Fragen in Bezug auf Zeitlichkeit, den platzierten Körper, Repräsentation und Geschlecht, indem es den Gebrauch des Körpers in performativ-aktivistischer Praxis betrachtet. Die Arbeit hinterfragt die Grenzen, Zugriffspunkte und Interaktion zwischen Innen- und Aussen-Kategorien. Die physische Aktion präsentiert den weiblichen Körper in einem Prozess der Platz-Forderung, während er selbst als deterritorialisierter Platz versucht zu existieren.»

Eine andere Nackt-Künstlerin: Milo Moiré an der Art Basel

So oder so ähnlich klingt das immer, wenn moderne – meist nackte –Frauenkunst gemacht wird. Poppy fordert einen Platz für den weiblichen Körper. Und um das zu fordern, setzt sie sich auf ein Dach. Das verletzt schon mal eine Konvention. Man setzt sich gemeinhin nicht nackt auf ein Dach. Poppy kriegt Applaus. Und Lyn Gardner vom Guardian schreibt: «Jacksons Werk ist definitiv Kunst. Es ist wunderschön, störend und zerstörend.» Das britische Style-Magazin Dazed & Confused meint: «Poppys Arbeit hat das Potenzial, konservative Vorstellungen vom weiblichen Körper und dessen Zwecke radikal zu verändern.» 

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Poppy Jacksons «Hay Barn»-Performance in New York. Das Haus wurde mit Menstruationsblut von verschiedenen Spenderinnen bestrichen. 
bild: poppyjackson

Poppy selbst sagt von sich, sie mache Aktionskunst, die den weiblichen Körper als autonome Zone erforsche. Nur wäre ihr Körper nicht autonom, wäre es wohl auch sehr schwierig, ihn derart performativ zu erforschen, wie sie das tut. 

Sie will die Menstruation entstigmatisieren und setzt sich dafür nackt auf ein Haus. Oder stellt sich in die Ecke eines alten Polizeigebäudes und blutet. 

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Poppy Jacksons «Television Lounge»-Performance in Ipswich.
bild: poppyjackson

«Meine Kunst lässt mich immer wieder merken, wie politisch der Körper ist.»

Poppy Jackson

Meine Periode hatte für mich persönlich selten etwas Politisches. Sie war einfach irgendwann da und sie wurde mir auch nicht von der Gesellschaft aufgehalst. Sie ist biologisch bedingt, natürlich. Aber vielleicht sollte sie das ja auch bleiben? Natürlicherweise klebt sie nicht an Häuserwänden. Und keine Frau lässt sie freiwillig an ihren Beinen herunterrinnen. Das ist einfach nichts Schönes. 

Meine Menstruation definiert mich nicht noch wurde ich je auf sie reduziert. Also warum soll ich sie ständig thematisieren? Warum soll ich jauchzen, wenn eine Frau im Namen der Frauen sieben Stunden lang auf einen abgewetzten Teppich menstruiert? Es gibt andere Belange, die für die Frau existentieller sind. Und die gehen vielleicht in dem vielen Menstruationsblut unter.  

Poppy Jackson fordert einen Raum für den weiblichen Körper. Sie fordert dessen Autonomie. Und Poppy fordert sie nackt auf einem Dachgiebel. Mit gespreizten Beinen. Die Aufmerksamkeit ist ihr damit sicher. Und der Platz auch: Es ist der, wo die Leute zu ihr hoch schauen und sich Sachen denken wie: Der Busen könnte schon ein bisschen straffer sein. Oder: Diese Poppy wär' sicher gut zu poppen. Es ist der Platz, den sie eigentlich zu bekämpfen versucht. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • isag 16.04.2016 08:02
    Highlight Highlight Man kann sich bei zeitgenössischer kunst immer den kopf kratzen und fragen "was söll das?" und jede zeit tat dies mit mehr oder weniger empörung.
    und sie ist auch immer ein spiegel eines zeitgeistes. es hat auch etwas befreiendes, dass man heutzutage - in unserem land - einfach mal so nackt auf dächer sitzen kann. anderso wird man nur shon als autofahrende frau 300 mal ausgepeitsht - was passiert dann wohl mit auf teppich blutende künstlerinnen?
    man sollte auch immer bedenken, dass für einen enormen teil der weiblichen weltbevölkerung die menstruation ein riesen stigma ist.
  • Mike Konia 08.11.2015 12:01
    Highlight Highlight Kunst ist etwas, was so klar ist, daß es niemand versteht. (Karl Kraus)
    • Franz Zorn 08.11.2015 20:14
      Highlight Highlight @Mike Dialektik pure!
    • Franz Zorn 08.11.2015 20:19
      Highlight Highlight @Christian Darum kosten Beuys' Werke Millionen und nach meinen Werken kräht kein Hahn.
  • Lalela 08.11.2015 09:28
    Highlight Highlight Kunst, und ich nehme mal an vorallem 'performativ-aktivistische Kunst' soll ja auch aufmerksam machen, und dies ist hier insofern gelungen dass da jetzt ein Artikel auf Watson ist und hier jetzt über Kunst aber auch über Menstruation diskutiert wird. MMn ein viel zu wenig offen angesprochenes und diskutiertes Thema, wohl auch aus Angst als Frau darauf reduziert zu werden und als 'Hormon-Opfer' abgetan zu werden, auch in Bezug auf Sport, Schmerz, Alltag usw.
  • LILA2000 08.11.2015 09:08
    Highlight Highlight Schnodder, Rotz und Bööge sind in der Gesellschaft auch tabuisiert. Warum macht sie darüber kein Kunstobjekt? Da kann sie auf einem öffentlichen Platz, aber bitte in Kleidern, ihre Nasen Ausscheidungen zur Schau stellen und genüsslich verspeisen oder eine Skulptur mit gesammelten Böögen bauen. Das gäbe auch einen Aufschrei. Aber trotzdem keine Kunst, weil man ihre Titten nicht sieht? So, meine Vorstellungskraft hat mir nun das Frühstück verdorben.
  • Luca Brasi 07.11.2015 20:07
    Highlight Highlight Hier bin ich absolut der gleichen Meinung wie Frau Rothenfluh. Ick kann zwar eine gewisse Bedeutung erkennen, aber irgendwie will der Funke nicht rüberspringen und ich empfinde es als einen normalen biologischen Prozess, auf den eine Frau sich nicht reduzieren lassen sollte. Die Provokation ist da, aber was sie bringt, ist eine andere Frage.
  • panaap 07.11.2015 16:12
    Highlight Highlight Offensichtlich war das ganze provokant genug, dass Sie sich zeitgenommen haben was zu schreiben. Wenn das nicht eine gelungene Kunstaktion ist... Oder haben Sie über die Bauermalerei Ausstellung in Oberhintertal berichtet? Just saying...
    • Anna Rothenfluh 07.11.2015 18:52
      Highlight Highlight Mist. Die hab ich verpasst. Ja, ein Dilemma ist das. Um etwas zu kritisieren, muss man sich wohl oder übel damit auseinandersetzen. Und dann kann man diskutieren. Das sollte Kunst auch mit uns machen, egal welche, da hast du vollkommen recht.
  • lofi 07.11.2015 16:11
    Highlight Highlight diese kunst verstehst du nicht und magst du nicht. ist ok. ich denk auch nicht, dass du dafür einen zusammenschiss kriegst. mich spricht die performance an. ich find sie interessanter als deinen kommentar dazu. sag ich nicht um dich zu dissen, ist einfach so. menstruation ist schon biologisch. der gesellschaftliche umgang damit aber nicht. und über den erfahr ich einiges in dieser performance
    • Anna Rothenfluh 07.11.2015 18:49
      Highlight Highlight Darf ich fragen, was du aus der Performance erfährst? Das soll jetzt nicht zynisch klingen, es nimmt mich wirklich Wunder. Und wie geht deiner Meinung nach die Gesellschaft mit der Menstruation um?
    • lofi 07.11.2015 20:18
      Highlight Highlight ich bin kein experte für den umgang der gesellschaft mit menstruation. aber es gibt logischerweise einen gesellschaftlichen umgang damit. und die frage ist interessant: wie geht unsere gesellschaft mit menstruation um? spontane ideen: menstruation nicht tabuisiert, aber soll möglichst unsichtbar und nicht wahrnehmbar sein, relativ wenig raum für menstruation.
      performance zeigt eine frau, gleichzeitig in starker, wie ausgelieferter position, raum einnehmend, trotzdem verletzlich, sexueller, fruchtbarer körper, aber nicht sex-objekt. mich regt das zum einfühlen und nachdenken an.
    • Anna Rothenfluh 07.11.2015 20:52
      Highlight Highlight Ist es denn überhaupt möglich, den Körper ausgerechnet mit einer Nackt-Performance zu entsexualisieren? Ich find das immer schwierig. Auch gerade im Zusammenhang mit der Menstruation, die ja sehr direkt mit Sexualität zusammenhängt, oder besser mit der Fortpflanzung.
    Weitere Antworten anzeigen
  • niklausb 07.11.2015 15:49
    Highlight Highlight hatte gestern eine klein Performance.....
    Ich hab mich ausgezogen und bin in die Dusche gestanden und als das Wasser floss habe ich noch Seife auf meinem Körper verteilt....
    Wer möchte darf mich gerne für eine Performance buchen.... Einfach mit meinem Managemant einen in Verbindung treten.
    • StealthPanda 07.11.2015 17:04
      Highlight Highlight Das ist doch keine Kunst. Erst wenn du noch ein bischen ejakulat verteilst ( die unter wasser bekanntlich noch besser klebt) überall verteilst und in der wanne ausrutscht dann ist es Kunst allo impressionistische darstellung der welt( ejakulat) wie sie den bach herab geht und das system (also du) stürzt.
    • niklausb 07.11.2015 19:18
      Highlight Highlight Das liesse dann ja nichts mehr der Phantasie des Betrachters überig.
      Aber Hey siehst du mit welch simpeln Mitteln ich schon deine Phantasie in den overdrive geschickt habe.... Ich sage nur: Kunst ist was du draus machst.
    • StealthPanda 08.11.2015 12:02
      Highlight Highlight Touché
  • saukaibli 07.11.2015 14:26
    Highlight Highlight Heutzutage zählt einfach alles als Kunst, wenn es als das bezeichnet wird. Man stelle sich vor, da hat mal jemand einen alten Kran, der eigentlich verschrottet hätte werde sollen, ans Ufer eines Flusses mitten in einer Stadt gestellt, ein paar Lampen drauf gerichtet und das war dann Kunst. Das passt etwa in die gleiche Kategorie, alles was völlig sinnfrei ist ist scheinbar Kunst.
    • StealthPanda 07.11.2015 17:05
      Highlight Highlight Das ist die Kunst des Geld verschwendens :P
  • StealthPanda 07.11.2015 13:52
    Highlight Highlight performativ-aktivistischer Praxis...Bahnhof! aber klingt gut wahrscheinlich ist hier der Thesaurus- Rex durchgegangen. Ich frage mich einfach...glauben diese " Künstler" den stuss den sie rauslassen? Und wenn ja, wissen sie dass wir es nicht vertehen? So und jetzt auf die Toilette Post- Momentanistische "kunst" erzeugen die die vergänglichkeit von Nahrung zeigt. Wer scheisse säät wird scheisse ernten.

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt 

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In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

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