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Oscars 2018 – gut gemeint, aber laaangweilig

Bild: EPA/AMPAS

Vor lauter klugen und mitreissenden Statements haben die Oscars 2018 vergessen, Begeisterung für Filme zu verbreiten. Preise nach dem Giesskannenprinzip sorgen für eine Identitätskrise jenseits von #MeToo.

05.03.18, 10:40 05.03.18, 11:51

Andreas Borcholte und Hannah Pilarczyk



Ein Artikel von

Er behält seine Hände, wo man sie sehen kann, er sagt nie ein böses Wort und, am wichtigsten, er hat überhaupt keinen Penis. «He is literally a statue of limitations», sagte Oscarmoderator Jimmy Kimmel in seiner Eröffnungsrede über die neben ihm auf der Bühne aufragende Oscarstatue. Ein Wortspiel: «Statute of limitations», das meint im Juristen-Englisch eine Verjährungsklausel.

Als Kimmel also danach sagte, von diesen androgynen, penislosen, «geliebten und respektierten» Männern brauche man mehr, dann verbannte er quasi all das, wofür Hollywood die letzten Jahrzehnte stand, mitsamt übergriffigen Machern und Machos wie Harvey Weinstein, in die Vergangenheit.

Das sind die Oscar-Gewinner 2018

Ein schöner Moment, aber auch ein schizophrener. Denn Kimmel musste an diesem Sonntagabend eine schier unmögliche Aufgabe bewältigen: 90 Jahre Oscars bedeutet eben auch 90 Jahre Exzess, Über-die-Stränge-schlagen, Unberechenbarkeit und Unflat, Ungerechtigkeit der Geschlechter, Hautfarben und Herkünfte unter dem Regime eines lüsternen Patriarchats. Oder kurz: 90 Jahre Hollywood.

Die opulente Kristall- und Art-Deco-Optik des Bühnendesigns verwies mit Glitzer, Gold und Farbrausch in die «roaring twenties», nach 1928, dem Premierenjahr der Academy Awards. Die ausschweifende Dekadenz von «The Great Gatsby» liess grüssen, während es auf der Bühne umso progressiver, aber auch behutsamer und bescheidener zuging. Denn in einem Jahr, das der Entertainment-Industrie mit den #MeToo- und #TimesUp-Movements die wohl grösste Umwälzung ihrer Geschichte ankündigte, war beim wichtigsten Event der Branche vor allem eins gefragt: Umsicht. Oder «Awareness», wie es heute heisst.

Wie «woke» sind die Oscars wirklich?

Die Oscars, die im vergangenen Jahr mit der Auszeichnung von «Moonlight» als bestem Film einen wichtigen Schritt in Richtung grössere Vielfalt und Offenheit gemacht hatten, mussten dieses Jahr beweisen, wie «woke» (aufgeweckt) sie wirklich sind. Wie gross und nachhaltig das inkludierende Bewusstsein für «mehr Frauen», «mehr Schwarze», «mehr Latinos», «mehr Schwule» also wirklich ist.

Kleider, Kleider, Kleider!

Nach fast vier Stunden Oscar-Show war klar: Die Academy hat verstanden und die Verleihung, die sich stets dagegen wehrte, allzu politisch zu werden, in ein Festival der Empowerment- und Solidaritäts-Adressen verwandelt. Nahezu in jeder Preis-Ansage, jeder Dankesrede, in einem extra produzierten #Times-up-Einspieler und in einem flammenden Auftritt der drei Weinstein-Anklägerinnen Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek – überall wurden Statements gemacht, wie es die Oscars in 90 Jahren noch nicht erlebt haben.

Ausgerechnet die Preisvergabe aber, der Kern der Gala, erwies sich als lähmend uninspiriert. Womöglich war die Auszeichnung für die Netflix-Doku «Icarus» noch die grösste Überraschung des Abends – hier hätte sich die 89-jährige Agnès Varda mit ihrem Film «Faces Places» als besondere Preisträgerin angeboten. Ansonsten reihte sich ein Favoritensieg an den nächsten, und eine Dankesrede geriet unüberraschender als die letzte.

Als müssten sich die Oscars in ihrem Inneren beruhigen, wurde so gut wie jeder Film, der in dieser «Awards Season» eine Rolle gespielt hatte, mit einer Statue bedacht – einer für «Call Me By Your Name», zwei für «Three Billboards», drei für «Dunkirk», zwei für «Darkest Hour».

Allein Greta Gerwigs «Lady Bird» ging komplett leer aus. Dafür wurde sie mit den freundlichsten Worten von der Bühne aus bedacht: «Four men and Greta Gerwig» – so fasste Sandra Bullock die Nominierten in der Kategorie «Beste Regie» zusammen. Schwer vorstellbar, dass Gerwig nicht bald wieder nominiert werden wird, und dass es bis dahin nicht weitere Regisseurinnen schaffen, in diesen überaus exklusiven Kreis vorzustossen.

Für Reformen braucht man Euphorie

Doch die durchweg vorhersehbaren Gewinner haben nicht nur für einen seltsam durchwachsenen Show-Abend gesorgt. Sie lassen auch Zweifel daran aufkommen, wie gut die Academy in dieser Übergangs- und Selbstfindungsphase für den Eigensinn und die Unabhängigkeit von Filmen werben kann. 2017 hatte «Moonlight» die Vorstellungen davon, was ein «Oscar-Film» ist, auf den Kopf gestellt. Auf einen so kunstvoll gebauten, erzählten und gefilmten Film hätte zuvor niemand gewettet – und plötzlich standen da diese schwarzen Männer auf der Bühne und hielten Gold in der Hand.

2018 fehlte diese Unwucht, dieses Moment, in dem Hollywood sich selbst überraschte und sein Gewicht hinter den kleinen, aufregenden Film warf. Dabei stand mit «Get Out» ein Werk bereit, das weitaus mehr Mainstream-Appeal hat als «Moonlight».

Überfordert konnte die Academy mit Jordan Peeles Horrorsatire kaum sein. Ein einziger Preis für «Get Out» – für das beste Originaldrehbuch – das drückt eine eher lauwarme Begeisterung für diesen Ausnahmeerfolg aus.

Das lässt die Academy in unvorteilhaftem Licht erscheinen: Wenn sie von den eigenen Erzeugnissen nur so mässig angetan ist, wie kann von ihr dann eine Stärkung, Öffnung und Verjüngung des Kinos ausgehen? Für Reformen braucht man Euphorie und Durchhaltewillen. Zumindest ersteres vermisste man an diesem Abend schmerzlich.

Dazu passte dann auch das Ende der Show: Nach Frances McDormands mitreissender Dankesrede für ihren Preis als beste Hauptdarstellerin zeigte sich auch Jimmy Kimmel begeistert: McDormand solle einen Emmy für ihre Oscar-Rede bekommen. Und fügte beiläufig hinzu: «I really wish I was a woman.» So viel Selbstverleugnung muss gar nicht sein: Der 90-jährige Goldmann hat an diesem Oscar-Abend viel Liebe und Respekt gezeigt. Jetzt muss er nur noch lernen, dabei auch neue Funken zu schlagen.

Video: watson

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Nikolai G. 06.03.2018 09:50
    Highlight Ich finde man muss aufpassen beim Zeichen setzen. Nur weil momentan alle wünschen oder sogar erwarten, dass sich Künstlerische Einrichtungen Politisch verhalten sollen, darf die Kunst nicht leiden. Es dürfen nicht Preise verteilt werden nur weil der Film von einem Schwarzen-Latino schwulen Trasnsgendergemacht wurde aber der Film schlecht ist (vielleicht ein wenig übertrieben). Ich meine nur es gibt schon ein solches Phänomen den positiven Rassismus und deshalb muss man auch in der Kunst aufpassen.
    3 0 Melden
  • Stichelei 05.03.2018 17:00
    Highlight Bis in zwei, drei Jahren wird jeder Film bereits vor einer Nomination anhand eines dreissigseitigen Katalogs darauf getestet, nicht irgendeine Minderheit zu diskriminieren. Die dann ausgezeichneten Filme sind dann wahrscheinlich so fesselnd wie das Lesen eines Telefonbuches. Wenn sich Kunst strikte an die Realität halten muss und nicht mehr kontrovers sein darf, wird sie nur noch öde.
    10 2 Melden
  • LeChef 05.03.2018 12:56
    Highlight Man könnte ja nächstes Jahr statt den Oscars einfach einen Ehren-Meetoo vergeben, an den- oder diejenige mit den meisten Herzchen auf Twitter?

    Wobei, vergesst das mit den Herzchen. Kennt jemand eine schwarze, lesbische Latina, die schon unter anzüglichen Bemerkungen hat leiden müssen und von miefigen Produzenten in miefige Hotelzimmer eingeladen wurde? Die wäre perfekt. Sie muss ja nicht unbedingt Schauspielerin sein..
    17 10 Melden
  • Hardy18 05.03.2018 12:21
    Highlight Ich hab mich schon immer gefragt wie man bei Oskars gewinnen kann.
    Viele sehen manch bestimmte Filme als Gewinner an, und huch... es ist irgend ein Quarkstreifen. Mir kommt der ganze Rummel gekauft vor. Den unabhängig ist die Show bei Weitem nicht.
    Amerikanisch halt, Hauptsache man kann seine Wurst zur "Primtime" in der Werbung senden.
    14 6 Melden
  • Herr Je 05.03.2018 12:00
    Highlight Wer hat eigentlich den Jetski gewonnen?
    19 1 Melden
  • Paganapana 05.03.2018 11:06
    Highlight Die Oscars sollten eben die besten Filme auszeichnen und nicht diese, die am ehesten zu einer momentanen Bewegung passen.
    77 3 Melden

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