Leben
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Ich arbeite, also poste ich: Warum der digitale Schwanzvergleich nicht glücklich macht

shutterstock



Soziales Netzwerk oder Absolvententreff? Wirft man einen Blick in die eigene Facebook-Timeline, bekommt man schnell den Eindruck mit einem Haufen Harvard-Absolventen befreundet zu sein – ohne selbst studiert zu haben. Lisa hat gerade ihr erstes Start-Up gegründet («Wir wachsen stetig»), Robert designed futuristische Anzüge («ecofriendy & unisex»), Diego lebt jetzt als Digitaler Nomade halbjährlich in Myanmar – und arbeitet ganz nebenbei als Consultant («Wo ich will, wie ich will»).

«Habe heute mit Yoga endlich wieder den Kopf freigekriegt. So inspirierend!»

lisa auf facebook

via pixabay

Es war noch nie so einfach, digitalen Beiklatsch zu ergattern und andere live am eigenen Erfolg teilhaben zu lassen. Das «Ich», es ist längst zum Projekt verkommen, das man beschützen, vermarkten und promoten muss. Dabei die Arbeit in den Vordergrund zu stellen, macht durchaus Sinn. Sie ist weniger privat als Liebesangelegenheiten und steht in unserer leistungsgetriebenen Gesellschaften für ein erfolgreiches Leben. Dafür, etwas im wahrsten Sinne des Wortes, geschaffen zu haben.

Dass es hinter den Kulissen eines Selfies nicht immer pastellrosafarben aussieht, weiss jeder, der Freunde hat. Oft passt das, was man online beobachtet so gar nicht mit dem zusammen, was eine Person beim Feierabendbier erzählt. Prägende Negativsituationen, die einen auch mal am eigenen Verstand haben zweifeln lassen, sind spannend – und werden online bewusst ausgespart. Man liest nicht, wie Lisa Anträge ausfüllt, Robert an der dritten Massanfertigung scheitert und Diego trotz Palmen seine Heimat vermisst. Das Image muss gewahrt werden, um «likeable» zu wirken.

«Oh man bin ich aufgeregt, meine neue Crowdfunding Kampagne ist soeben online gegangen mit Vorstellungsvideo und allem drum und dran!!»

robert auf facebook

via pixabay

Wo zieht man die Grenze zwischen Angeberei, Selbsttäuschung und intrinsischer Motivation, wenn im Eifer des Postens keine Zeit für die Reflexion bleibt? Wo hört Freiheit auf, wenn man akribisch dabei ist, diese zu dokumentieren? Wenn man nicht mehr wirklich arbeitet – aber dank permanenter Onlinepräsenz auch nie mehr gar nicht arbeitet?

Einerseits gibt es laut dem Politologen Sebastian Herkommer eine Reihe verschiedenster Individualisierungsmöglichkeiten, andererseits findet infolge einer erhöhten Austauschbarkeit von Personen eine sogenannte Entindividualisierung statt. Dadurch, dass sich viele um dieselben hippen Jobs streiten, entsteht eine neue Ökonomie des Selbst. Sie begreift den Menschen als Profit Center, als Ich-AG. Eine Wortschöpfung, die durch die deutsche Hartz-Kommission geprägt wurde und die Selbstausbeutung als Mittel der Krisenbewältigung auf dem Arbeitsmarkt erfasst. Frei nach dem Motto: Wer laut genug schreit, wird es schon irgendwie schaffen.

«13k Follower-Grenze geknackt! DANKE EUCH ALLEN! #immerweiter»

lisa auf instagram

via pixabay

Wo Follower und Shares als Währung gelten, sehen sich Kreative und Entrepreneurs verpflichtet, ihre beruflichen Erfolge in sozial teilbaren Häppchen unter die Anhänger zu bringen. Auch vermeintliche Aussteiger wie Digitale Nomaden nehmen das Konzept der Selbstvermarktung in Anspruch, um wirtschaften zu können. Sie arbeiten zwar von «überall aus» – müssen dort angekommen aber genauso Präsenz zeigen und Aufträge lukrieren.

Die neoliberale Sichtweise ist deshalb so erfolgreich, weil sie die Verschleierung der Wirklichkeit mithilfe einer kapitalistischen Totalität («Wer brav arbeitet, wird erfolgreich!») als Entwicklung zu mehr Freiheit darstellt. Wer selbst zum Produkt wird, fühlt sich selbstständig, ist aber genauso von den Spielregeln des Marktes abhängig.

«Die Vorbereitungen für die nächste Business Konferenz ;) im Sommer 2017 wurden bereits in Gang gesetzt! Ich freu mich auf euch!»

diego auf instagram

via pixabay

«Bild a brand» – zeige Gesicht, äussere dich zu Themen, die zu deinem Fachbereich passen und solange man den lustigen Firmenausflug auf Snapchat inszeniert, war es ja nur halb so schlimm.

Bereits ab dem 19. Jahrhundert, so schreiben die Wissenschaftler Nina Degele und Christian Dries in ihrem Buch «Modernisierungstheorien», wurden Stimmen lauter, die vor zu viel Ich-Kult warnten und eine Isolierung des Individuums befürchteten. Dennoch hat sich bis heute eine optimistische theoretische Strömung erhalten, die auf die Vorteile verweist und die Risiken weitgehend unberücksichtigt lässt: Digitales Burn-Out. Angst, nicht an gelungene Projekte anknüpfen zu können oder weniger Likes zu generieren als die Konkurrenz. Der digitale Schwanzvergleich verblendet die Opfer, die man gebracht hat und stellt sie mittels analogem Filter in ein funkelndes Licht.

«Leute, Leute...es ist alles sehr gut über die Bühne gegangen gestern bei vollem Haus und ich hoffe, dass ihr alle eine super Zeit hattet!»

robert auf facebook

via pixabay

Von klugen Köpfen wie Lisa, Robert und Diego hätte man mehr erwartet. Zum Beispiel, dass sie sich nicht von Shares und Likes und Followern und Retweets verrückt machen lassen. Dass sie ihre Kunst auch mal einfach so ausüben – ohne alles gleich online stellen zu müssen.

Posten und andere an Projekten teilhaben zu lassen ist zu einem Automatismus geworden, der nicht mehr so einfach abgeschalten werden kann. Wer ist man denn noch, dann? Wenn man das Leben, das man führt, für sich behält? Nicht in der Minute der Anstellung seinen Arbeitgeber auf Facebook einstellt?

Manch Hardcore-Onliner vergisst, dass sich «Vorwärtskommen» nicht in beruflichen Positionen, bereisten Ländern oder abgehakten To-Do-Listen messen lässt. Vielleicht ist das der Haken.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Mok2nd 27.03.2017 07:54
    Highlight Highlight Hab vor ca. 10 Jahren mein FB Account gelöscht. Jetzt durch eigene Firma wieder in Betrieb genommen.
    Blick immer noch nicht durch. Ist das ein Vor- oder Nachteil? Instagram gefällt mir wegen den suicidegirls und LinkedIn hab ich wegen den Business-Kontakten.
    Ich bräuchte zu viel Zeit um FB richtig zu nutzen, oder hab nicht begriffen, wie das effizient geht.
  • KeineSchlafmützeBeimFahren 27.03.2017 00:04
    Highlight Highlight Ich habe nun seit bald einem Jahr kein Facebook mehr, vermisse es eigentlich nicht. Nur ab und zu denke ich, wie «praktisch» es wäre, wenn ich es doch hätte, aber innert einer Sekunde ändere ich meine Meinung wieder, da ich überzeugter Anti-FB-ist bin. Ich habe jedoch Instagram und auch dort stelle ich fest, dass ich like-süchtig bin, obwohl ich die Fotografie schon mag. Snapchat hatte ich bis vor kurzem auch und bald ist jetzt wohl Instagram dran. Mal gucken, wie sich das Ganze entwickelt, aber ich stelle immer wie mehr fest, dass ich keine sozialen Medien brauche.
  • Spooky 26.03.2017 22:16
    Highlight Highlight Die Fotos sind super, finde ich.
  • Lichtblau 26.03.2017 22:04
    Highlight Highlight Richtig guter Text. Ganz ohne Fremdschäm-Potenzial. Geradezu erwachsen.
    • Bianca_Jankovska 27.03.2017 13:05
      Highlight Highlight "Ganz ohne Fremdschäm-Potenzial. Geradezu erwachsen." Ich weiß jetzt nicht ganz, ob ich das als Kompliment sehen soll haha.
  • Luca Brasi 26.03.2017 21:24
    Highlight Highlight Darum lieber bei einem kleinen Familienbusiness arbeiten, dass seine Erfolge nicht an die grosse Glocke hängt, schon gar nicht online. Diejenigen, die im Business sind, wissen ja, was sie von uns erwarten können. ;)
    Aber die Jungen und ihr facebook. O tempora, o mores!
  • Ghombrich 26.03.2017 20:34
    Highlight Highlight "Intrinsische Motivation.." warst du an der PH?
    Ich kann den Begriff (als Student der PH) nicht mehr hören.... :)
  • Steampunk 26.03.2017 18:45
    Highlight Highlight Oft nehme ich mir die Zeit und versuche die Menschen in meinem Umfeld zu studieren und hinter die Fassaden zu blicken..so ganz für mich alleine, ohne irgendwelche pseudepsychologische Ratschläge zu erteilen..einfach nur aus Interesse am Menschen. Und ich musste das einzig logische feststellen.. Es gibt keine "problemfreie" Menschen, jeder trägt sein eigener Rucksack mit sich mit und hat Probleme..aber die sozialen Medien erlauben es einem, die perfekt glänzende Fassade zu kreieren. Schliesslich fragt auch keiner nach..keiner überprüft und am Ende des Tages..ist alles verblasst und verflogen🤡
  • N. Y. P. D. 26.03.2017 18:36
    Highlight Highlight Menschen im Gespräch kennenlernen ist ungleich spannender, als die ermüdenden Inszenierungen auf Facebook zu bestaunen. Aber hey, jeder ist frei zu tun was er will...

    «Die Vorbereitungen für die nächste Business Konferenz im Sommer 2017 wurden bereits in Gang gesetzt! Ich freu mich auf euch!»
    diego auf instagram
    Ja, eine ganz tolle Sache, diego ;-)
  • Madison Pierce 26.03.2017 18:34
    Highlight Highlight Bei allzu "erfolgreichen" Unternehmern, denen scheinbar alles gelingt, hilft oft ein Blick ins Handelsregister. Jedes Jahr eine Kapitalerhöhung, dazu noch mit "ungeraden" Beträgen wie 17'000 Fr., da weiss man, woran man ist.
    • fabsli 26.03.2017 22:04
      Highlight Highlight Den Erfolgreichen ihren Erfolg gönnen wäre aber auch okay. Diese absoluten Aussagen sind ermüdend.
    • Madison Pierce 27.03.2017 14:42
      Highlight Highlight Absolut! Von den Erfolgreichen kann man viel lernen, man kann sie als Vorbild nehmen und um Rat fragen. Das ist unschätzbar wichtig. Man sollte auch nicht grundsätzlich misstrauisch durchs Leben gehen, das schlägt aufs Gemüt. Aber wenn man Tag und Nacht arbeitet, aber einem Bekannten scheinbar alles mit Leichtigkeit gelingt, soll man sich genauer informieren, bevor man sich grämt.

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