Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Image

David Cronenberg am 12. Juli in Neuchâtel. bild: smeund Kult

Monstermeister und Kultregisseur David Cronenberg könnten wir stundenlang zuhören

Der Kanadier, der mit seinen Filmen krasse Kinogeschichte geschrieben hat, war am NIFFF in Neuchâtel. Dem Pflichttermin für Freaks und Geeks. 



David Cronenberg ist ein Mann, den es bedingungslos zu verehren gilt. Wenn man ein Kino mag, das Horror, Perversionen und zugleich deren scharfe Analyse liefert. Was ungefähr alle tun, die gerade in Neuchâtel am NIFFF sind, dem sogenannten «Swiss Event for Fantastic Film, Asian Cinema & Digital Creation».

Das NIFF ist der Hort von Monstern, Nerds und neuer Technik. Fantasien werden hier hemmungsloser an den Tag gelegt als anderswo, man sieht unauffällige junge Männer in T-Shirts mit Slogans wie «seduce & destroy» – das Motto des Maskulinisten Frank T.J. Mackey (Tom Cruise) aus «Magnolia». Die gezeigten Filme heissen «Pizzamonster», «Cutterhead» oder irgendwas mit «kill» oder «die» im Titel. Und natürlich läuft auch «Hereditary», die neue Horror-Preziose nach «Get Out».

Zwischen alledem: der Meister. David Cronenberg, 75, Regisseur von «The Fly», «The Dead Zone», «Dead Ringers», «Crash», «eXistenz», «A History of Violence», «Eastern Promises», «A Dangerous Method» und ein unverschämt gut aussehender Mann. Zudem Jury-Vorsitzender in Neuchâtel und Interview-Muffel, jedenfalls hat er alle Anfragen abgelehnt und gibt statt dessen einen Talk. Was okay ist. Hören wir ihm also zu.

Plakat zu «Crash», David Cronenberg, 1996

Verstümmelungs-Erotik für Unfall-Fetischisten. Bild: rpc

Cronenberg will jetzt am liebsten nur noch Romane schreiben. Für seinen bisher ersten und einzigen – «Consumed» («Verzehrt»), die Liebesgeschichte eines natürlich pervers veranlagten Paares – brauchte er acht Jahre, «weil ich gleichzeitig noch vier Filme drehte». Und dann entdeckte er auch noch diesen verdammten Zeitfresser namens Netflix. Schaute sich die Philip-K.-Dick-Serie «Man in the High Castle» an, die Dicks Töchter produziert hatten. Fand sie toll, sagt: «Das Äquivalent zum Roman ist eine Serie, die über mehrere Jahre dauert.»

Gut, da ist er nicht der erste, das haben schon mindestens hunderttausend vor ihm genau so gesagt. Egal. Man kann nicht jeden Gedanken aus sich selbst heraus erfinden. Und David Cronenberg hat das schon oft genug getan. «Ich hatte weder als Regisseur noch als Drehbuchautor einen Mentor oder ein Vorbild, ich musste mich selbst erfinden», sagt er selbstbewusst. Hat er gut gemacht.

In einer Szene des Films 'A History of Violence' bedient Coffeshop-Wirt Tom Stall, dargestellt von Viggo Mortensen, rechts, seinen geheimnisvollen Gast Carl Fogarty, dargestellt von Ed Harris, auf einem undatierten, vom Verleih Warner herausgegebenes Foto. Der Film von Regisseur David Cronenberg laeuft ab Donnerstag, 13. Okt. 2005, in den deutschen Kinos. (AP Photo/Warner, HO) ** NUR ZUR REDAKTIONELLEN VERWENDUNG IM ZUSAMMENHANG MIT DEM FILMSTART UND NENNUNG WARNER  **

Ed Harris (links) sucht in «History of Violence» Viggo Mortensen heim. Bild: AP WARNER

Aber zurück zu Netflix. «Das Kino», sagt er, «ist nicht mehr die grosse Kathedrale, wie wir sie gekannt haben, die grosse Leinwand ist in Millionen von kleinen Leinwänden zersplittert. Für mich kein Grund zu trauern. Vielleicht werde ich statt einen Roman zu schreiben eine Serie für Netflix drehen.» Sehr gern! Doch zuvor verfilmt sein Sohn «Consumed». «Ich hab zu ihm gesagt: ‹Ich hab keine Lust das selbst zu tun, ich habe keine Lust mehr zu leiden.› Er sagte: ‹Ich schon.› Ich sagte: ‹Gut. Denn du wirst leiden müssen. Ich spiel jetzt Margaret Atwood und du machst aus meinem Buch sowas Erfolgreiches wie Handmaid's Tale.› Vielleicht werde ich Executive Producer, aber nur, um etwas Geld zu machen.»

Cronenberg kam 1943 in Toronto zur Welt, wo er noch heute lebt. Das Kino infizierte ihn schon als Kind. «Kino war wie Atmen. Jeden Samstagnachmittag sah man lange Schlangen von Kindern, die sich auf das Kino zubewegten. Damals hatte man noch keine Angst, Kinder auf die Strasse zu lassen.» Er schaute sich dort Cowboys und Cartoons an. Auf der andern Strassenseite war ein kleines Kino. Es zeigte italienische Filme für die italienische Community von Toronto. Eines Nachmittags sah David, wie alle Erwachsenen, die aus dem Kino kamen, weinten. Sie hatten «La Strada» von Federico Fellini gesehen. «Da habe ich begriffen, was für eine Wirkung Film haben kann.»

Giulietta Masina (1920-1994) in

«La Strada» (1955) von Federico Fellini: Da begriff der 12-jährige David die Kraft von Kino. Bild: KEYSTONE

Als Teenager schrieb er Kurzgeschichten, die er hoffnungsvoll an Science-Fiction-Magazine sandte, die Antwort lautete immer gleich: Dass da zweifellos ein Talent vorhanden sei, das aber noch ein paar Jahre reifen müsse. Ihm fehlte dazu die Geduld. So, wie sie ihm auch fehlte, als er kurz überlegte, ob er nicht Wissenschaftler werden wolle. Insekten interessierten ihn zum Beispiel sehr. Wir wissen alle, was aus diesem Interesse geworden ist: Der arme Jeff Goldblum musste sich in «The Fly» in eine monströse Fliege verwandeln.

Image

Jeff wird zum Insekt. «The Fly». Erinnert natürlich an Kafkas «Verwandlung». bild: via imdb

«Meine Liebe zum Gewaltkino ist berechtigt, sie ist vererbt», sagt er, sein Vater habe nämlich nicht nur als Journalist die Spezialgebiete Briefmarken und Wirtschaft beackert, sondern auch für ein Magazin namens «True Canadian Crime Stories» wahre Kriminalfälle aufgezeichnet. Oft habe er das ganze Magazin unter diversen Pseudonymen allein gefüllt.

Einer der Nerds von Neuchâtel will wissen, was ihn, den «Auteur», den Autorenfilmer, der überwiegend seine eigenen Drehbücher schreibt, denn dazu bewogen habe, 1983 «The Dead Zone» nach Stephen King zu verfilmen. «Verzweiflung und Armut», sagt Cronenberg. Als er sich an die Arbeit machte, lagen bereits fünf Drehbuchfassungen des Stoffes vor, «die schlechteste war von Stephen King». Cronenberg entschied sich für die abseitigste Fassung. Und fand überraschend grossen Gefallen daran, eine Symbiose mit einem andern Autoren-Ego einzugehen.

Image

Christopher Walken schläft in «The Dead Zone» ganz schön schlecht. bild: via imdb

Er selbst scheiterte brutal an einer Philip-K.-Dick-Adaption, er verlor ein ganzes Jahr im Versuch, die Kurzgeschichte «We Can Remember it for You Wholesale» («Erinnerungen en gros») zu bearbeiten, am Ende hatte er zwölf Fassungen, die alle nichts taugten. Die Hauptrolle hätte er gerne William Hurt gegeben. Ein anderer war schliesslich erfolgreicher als er – Paul Verhoeven machte aus der Erzählung «Total Recall». Mit Schwarzenegger in der Hauptrolle.

«Ich wollte nicht nur ein Romanautor sein, sondern ein obskurer Romanautor, einer, der irgendwann zufälligerweise entdeckt wird. Wie Djuna Barnes zum Beispiel. Eine Autorin, die kaum jemand kennt, aber wenn man sie mal gelesen hat, ist sie grossartig.» Das stimmt. Lest «Nightwood» von Djuna Barnes, Leute! Eine tragische lesbische Liebesgeschichte aus dem Bohème-Paris der 30er-Jahre. Für William S. Burroughs «eins der grossen Bücher des 20. Jahrhunderts». Und was hat jetzt Burroughs schon wieder mit Cronenberg zu tun? Ach ja, aus C.'s Verehrung für B. wurde «Naked Lunch». Natürlich.

Image

«Naked Lunch», Ladies and Gentlemen. bild: via imdb

Alles hängt mit allem zusammen. Oder wie Cronenberg sagt: «Ich denke nie daran, die Leute im Kino zu erschrecken. Ich will sie auf eine philosophische Reise schicken, ihnen zeigen, wer wir sind und wer wir nicht sind.» Seine Filme sind «Maps to the Stars», sind Karten zu den Sternen, mal sind die Wege schaurig, mal blutig, dann wieder einfach nur intensiv analytisch wie im Psychoanalytiker-Drama «A Dangerous Method». Aber immer sind sie gesäumt vom Menschen und seinen Monstern. Deren Schöpfer man nur bedingungslos verehren kann.

Hier ein ganz anderer Horror (mit unserer Kanadierin)

Play Icon

Video: watson/Emily Engkent

Dies sind die 22 kommerziell erfolgreichsten Stephen-King-Verfilmungen

Das könnte dich auch interessieren:

7 Duschmomente, die uns (vermutlich) allen bekannt vorkommen 

Link to Article

Die Weihnachtswünsche dieser alten Leute sind so bescheiden, dass es dir das Herz bricht

Link to Article

Über Zürich fliegen jetzt Viren-Drohnen

Link to Article

Netflix killt die nächste Superhelden-Serie

Link to Article

Wutbürger nehmen Grossrätin wegen Baby ins Visier– und so reagiert der Grossvater 

Link to Article

Netflix' zweite deutsche Original-Serie ist da – und ein riesiger Fail

Link to Article

Brennende Leichen und blühender Aberglaube – ein Besuch in Indiens heiligster Stadt

Link to Article

Tumblrs neuer Pornofilter ist ein riesiger Fail – wie diese 19 Tweets beweisen

Link to Article

Doch noch geeinigt! 30 Minuten vor Ablauf der Deadline rief Nylander in Toronto an

Link to Article

Selbst Trump spricht nun von einem Impeachment

Link to Article

Miet-Weihnachtsbäume sind in Hipster-Hochburgen in – doch die Sache hat einen Haken

Link to Article

7 ausgefallene Punsch-Rezepte, die du diesen Winter unbedingt ausprobieren solltest!

präsentiert vonBrand Logo
Link to Article

Nach SBI-Niederlage: Jetzt beginnt der nächste Streit in der Aussenpolitik

Link to Article

«Es war alles ein verdammter Fake»: Schweizer Adoptiveltern packen aus

Link to Article

Warum die Chinesen die Amerikaner im KI-Wettrennen schlagen werden

Link to Article

Du regst dich über die Migros-Suppe auf? Dann kennst du diese Gender-Produkte noch nicht!

Link to Article

Das Sexismus-Dinner des FC Basel sorgt weltweit für Schlagzeilen

Link to Article

Queen Ariana Grande singt sich mit neuem Song auf den YouTube-Thron 👀

Link to Article

«14 Uhr: Claras Haut ist rot»: Kitas informieren Eltern neu per Liveticker über ihre Kids

Link to Article

Führerscheinentzug nach 49 Minuten – so witzelt die Polizei über den «Tagesschnellsten»

Link to Article

Danach suchen Schweizer und Schweizerinnen auf Pornhub am meisten

Link to Article

Viva la nonna! – weshalb ich mega Fan vom neuen Jamie-Oliver-Buch bin (dazu 5 Rezepte)

Link to Article

«Meine 20 Jahre ältere Affäre erniedrigt mich»

Link to Article

In diesem Land wohnt nur ein einziger Schweizer. Wir haben mit ihm gesprochen

Link to Article

«Hi-Tech-Roboter» in russischer Fernsehshow entpuppt sich als verkleideter Mensch

Link to Article

Herzschmerz pur! 15 Leute erzählen, wie sie vom Seitensprung ihres Partners erfuhren

Link to Article

Diese 13 Bilder zeigen, wieso «Doppeladler» völlig zu Recht das Wort des Jahres ist

Link to Article

So läuft das Weihnachtsessen mit den Arbeitskollegen ab. Immer. Jedes Jahr. Die Timeline

präsentiert vonBrand Logo
Link to Article

Ade Pelz: Schweizer zeigen Canada Goose die kalte Schulter

Link to Article

11 Dinge, die du schon immer von einem orthodoxen Juden wissen wolltest

Link to Article

Jetzt ist es da! Das geilste Polizeiauto der Schweiz

Link to Article

Der Super-Beau, der in weniger als 15 Minuten alles verkackt!

Link to Article

Welche dieser absolut dämlichen Studien gibt es tatsächlich?

Link to Article
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

«Der König der Löwen» kommt als Realfilm – einen ersten Eindruck gibt's im neuen Teaser

25 Jahre nach dem legendären Trickfilm «Der König der Löwen» wird Disney die Geschichte als Realfilm erneut in die Kinos bringen. Nun hat der Mauskonzern den ersten Teaser zum 2019 erscheinenden Megablockbuster veröffentlicht. Darin dürfen wir nicht nur einen ersten Blick auf Rafiki und Simba werfen, sondern auch auf die beeindruckende, computergenerierte Tierwelt Afrikas.

Interessant ist, dass Disney sich beim Teaser des Realfilms fast eins zu eins am Teaser des Trickfilms von 1994 orientiert …

Artikel lesen
Link to Article