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Bild: Netflix/montage

«Tote Mädchen lügen nicht» kommt wieder – wie gefährlich ist die Serie wirklich?

Helena Düll / watson.de



«Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn du diese Kassetten hörst, dann bist du einer der Gründe dafür.»

So beginnt die Serie «Tote Mädchen lügen nicht». Auf 13 Kassetten erzählt Hannah allen Menschen die ihrer Meinung nach etwas zu ihrem Suizid beitrugen, was sie falsch gemacht haben. Es geht um Liebe, Schmerz, Freundschaften, Einsamkeit, Mobbing und schliesslich um den Tod.

Mit Hannahs Worten begann auch die Diskussion um die Netflix-Produktion. 

Darf es eine Serie geben, die sich an ein junges Publikum richtet, in der es so explizit um Suizid geht?

In den USA stellte sich beispielsweise die öffentliche Organisation Parents Television Council dagegen und forderte Netflix auf, die Serie einzustellen (PTC). Für sie sei die Serie eine Anleitung zum Unglücklichsein. Durch die Inszenierung – zu viele Details, eine Heroisierung der Protagonistin und die Dramatisierung ihrer Situation – fürchten sie Nachahmer. Ein Mechanismus, der auch als Werther-Effekt bekannt ist.

Auch in Deutschland gab es Kritik, die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), die Caritas und das Präventionsprojekt U25 rügten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Serie. «Tote Mädchen lügen nicht» romantisiere Suizid, trivialisiere ihn «als eine Art ‹Spiel› mit Aufgaben und Regeln für die Hinterbliebenen» und verpasse es, Wege aus Problemen und Krisen aufzuzeigen. 

Lass dir helfen

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch

Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch

Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Netflix hat auf den massiven Druck hin jede neue Folge mit einem Videohinweis versehen.

«Die Serie behandelt Probleme aus dem wahren Leben. Wenn du selbst von diesen Problemen betroffen bist, dann könnte die Serie nicht gut für dich sein; oder du schaust sie lieber mit einem Erwachsenen, dem du vertraust.»

Wie problematisch ist die Serie? Die Expertenmeinung:

Florian Arendt vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat sich bereits in diversen Studien und Aufsätzen mit dem Thema Suizid, Sprache und Rolle der Medien auseinandergesetzt. Er hat auch die Wirkung der ersten Staffel von «Tote Mädchen lügen nicht» wissenschaftlich untersucht. 

Ist die Serie wirklich gefährlich? Was bringen Warnhinweise? Darüber haben wir mit ihm gesprochen.  

watson.de: Ärzteverbände fordern, die Serie zu verbieten. Sie sprechen sich gegen ein Verbot aus. Warum?
Florian Arendt: Serien, die Themen wie Depression, Mobbing oder Suizid behandeln, sollten nicht verboten werden. Ein Verbot könnte zu einer Tabuisierung des Themas beitragen.

Trotzdem halten auch Sie die erste Staffel von «Tote Mädchen lügen nicht» für teilweise problematisch. 
Wir als Gesellschaft sollten über das Thema Suizid sprechen. Es betrifft uns. Die Frage dabei ist immer das «Wie». Die Macher der Serie sind während der ersten Staffel genau mit diesem Argument an die Öffentlichkeit gegangen. Wenn ich aber den Suizid minutenlang und grafisch extrem genau darstelle, ist mir nicht klar, wie das mit einer Enttabuisierung und Bewusstseinsbildung zusammenhängen soll. Emotionalisierung zu Gunsten hoher Zuschauerzahlen ist da sicher der vordergründige Beweggrund gewesen.

«Netflix geht es darum, eine hohe Anzahl an Abos zu erzielen.»

Hinzu kommt, dass die Darstellung nicht nur auf Netflix war, sondern auch auf YouTube verbreitet wurde. Das Video wurde zwar entfernt, aber viele Menschen haben es dort gesehen und zwar komplett ohne Kontext.

Warum ist das gefährlich?
Suizidberichterstattung ist, sowohl in klassischen Nachrichtenmedien als auch auf fiktionaler Ebene immer dann besonders problematisch, wenn emotionalisierend und stark sensationsträchtig über Suizid berichtet wird. Das trifft auch zu, wenn etwa die Methode ausführlich dargestellt wird oder der Ort des Suizids genau beschrieben wird. Diese Elemente begünstigen den sogenannten Werther-Effekt, der wissenschaftlich für Nachrichten und fiktionale Inhalte gleichermassen nachgewiesen ist. Konkret: Aus der Forschung wissen wir, dass es so zu Nachahmungen kommen kann.

Gab es schon einmal eine deutsche Serie, bei der der «Werther-Effekt» messbar war?
In den 80er Jahren gab es zu der Serie «Tod eines Schülers» Untersuchungen. Darin wurde der Suizid und die Suizid-Methode explizit dargestellt. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass im Anschluss an die Ausstrahlung Suizide mit derselben Methode angestiegen sind.

Wie könnte man Suizid zum Thema machen, so dass es Betroffenen hilft? 
Indem man eine erfolgreiche Krisenbewältigung darstellt, können Suizide möglicherweise verhindert werden. Daher ist es auch problematisch, dass der Schulpsychologe Hannah ohne Hilfestellung wegschickt.

«Das Signal sollte sein: Wenn jemand professionelle Hilfe sucht, dann bekommt er sie.»

Von der zweiten Staffel würde ich mir eine solche Geschichte wünschen.

Wie kann so eine Geschichte aussehen?
Der Protagonist befindet sich in einer Krise. Es wird dargestellt, dass die Situation schwierig ist und womöglich alles düster erscheint. Aber diese Person bewältigt diese Krise am Ende erfolgreich. Der Weg dahin ist nicht einfach, aber die Bewältigung gelingt unter anderem möglicherweise mit professioneller Hilfe.

Das wissen wir über die zweite Staffel: 

«Ihr seht eine sehr andere Hannah in der 2. Staffel. Ich würde Fans aus vielfältigen Gründen darauf vorbereiten, nicht die Hannah zu erwarten, die sie aus der ersten Staffel kennen.»

Katherine Langford

Der deutsche Trailer zu «Tote Mädchen lügen nicht»

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Film, Serien, Netflix und Co.

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