Leben
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Elena Ferrante «Meine geniale Freundin»

Elisa Del Genio (l.) als Lenù und Ludovica Nasti als Lila stehen beide zum ersten Mal vor der Kamera.  Bild: HBO

Hat HBO Elena Ferrantes «Meine geniale Freundin» etwa zur Serie des Jahres gemacht?

Über fünf Millionen Mal hat sich die neapolitanische Saga einer Freundschaft bereits verkauft. HBO hat sie jetzt höchst einfühlsam verfilmt.

lory roebuck / ch media



Man nennt es eine Schlafparalyse: den Zustand nach dem Einschlafen, wenn für kurze Zeit nur der Kopf aufwacht, wenn man bei vollem Bewusstsein ist, aber den eigenen Körper einfach nicht in Regung versetzen kann. In einem solchen Zustand sind auch Lenù und Lila gefangen, die beiden Protagonistinnen von «Meine geniale Freundin», dem Besteller der unter dem Pseudonym Elena Ferrante bekannten italienischen Schrifstellerin.

Bloss, dass diese Schlafparalyse bei Lenù und Lila deckungsgleich ist mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit: ein heruntergekommenes Quartier im Neapel der Nachkriegszeit, wo sich Armut und Gewalt wie giftige Schlingen um die Herzen der Bewohner geklammert haben und das geistige Aufblühen der beiden jungen Mädchen im Keim zu ersticken drohen.

Der Trailer

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Video: YouTube/HBO

«Meine geniale Freundin» ist der erste von vier Bänden in Ferrantes Neapolitanischer Saga, die weltweit über fünf Millionen Exemplare verkauft hat. Als sich der amerikanische TV-Sender HBO die Rechte am Stoff sicherte, waren die Vorbehalte unter zahlreichen Ferrante-Fans gross: Kann eine amerikanische TV-Serie tatsächlich ins Mark dieses detailliert ausgearbeiteten italienischen Sozialmilieus vordringen? Und kann ihr männlicher Regisseur, Saverio Costanzo, tatsächlich die komplexe Freundschaft der beiden Mädchen Lenù und Lila auf dem Fernsehbildschirm zum Leben erwecken?

Elena Ferrante «Meine geniale Freundin»

Gibt es einen Ausweg aus soviel grauer Tristesse? Bild: HBO

Die Antwort lautet: Ja, und wie! Diesen Eindruck hinterlassen zumindest die ersten beiden Folgen, die Anfang Woche im US-Fernsehen liefen (dort heisst die Serie «My Brilliant Friend»). Ferrante hat Regisseur Costanzo höchstpersönlich für das Projekt ausgewählt; dieser wollte bereits 2007 einen ihrer Romane verfilmen, sagte dann aber ab, weil ihn der Stoff überforderte. Diese Ehrlichkeit hat bei Ferrante – sie blieb mit Costanzo und seinem Autorenteam während der Produktion per Email in Kontakt – offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

9000 Mädchen kamen zum Casting

Unter ihrem wachsamen Auge und mit den schier unendlichen Ressourcen des US-Senders HBO («Game of Thrones», «The Sopranos») im Rücken, ist Costanzo eine sehr getreue Adaption gelungen. Die achtteilige Serie wurde in Italien und auf Italienisch (bzw. Neapolitanisch) gedreht, mit ausschliesslich italienischen Darstellern.

Elena Ferrante «Meine geniale Freundin»

Die Welt zweier Mädchen: Ausschnitt aus der sorgfältig gemachten HBO-Seite zur Serie. Bild: HBO

Nicht weniger als 9000 Mädchen sprachen für die beiden Hauptrollen vor – und dieser Aufwand hat sich gelohnt: Die 12-jährige Ludovica Nasti als wilde, rebellische Lila und die 11-jährige Elisa Del Genio als stille, aufmerksame Lenù sind herausragend.

Nicht zufällig steht der Name von ihrem «acting coach», Antonio Calone, im Abspann an oberster Stelle: Nasti und Del Genio hatten zuvor keinerlei Schauspielerfahrung. Umso beeindruckender, wie sie alleine mit ihren Augen oder mit kleinen Mundregungen immer wieder Lenù und Lilas komplexe Beziehungsdynamik spürbar machen.

Elena Ferrante «Meine geniale Freundin»

Gaia Girace und Margherita Mazzucco spielen Lila und Lenù als Teenager. Bild: HBO

Wir hören die Geschichte des Duos als Rückblende erzählt, von einer erwachsenen Lenù, die sich an die aufblühende Freundschaft erinnert, an die magnetische Ausstrahlung von Lila, einer Autodidaktin – und daran, wie sich die beiden Klassenbesten inmitten ihres tristen und brutalen Umfelds aneinander festklammerten.

Zwei leuchtende Seelen

Ihr Quartier, ganz in Braun- und Grautönen, ist eine hochspannende Kulisse: eine staubige Strasse, links und rechts eingezäunt von mehrstöckigen Wohnhäusern – von deren Terrassen aus die Mütter regelmässig ihre Konflikte austragen – hinten eine Dorfmauer, vorne höher gelegene Zugschienen. Es ist nur schon optisch eine hermetisch abgeriegelte Welt – in der sich immer wieder Schlimmes zuträgt: Mal wird während einer Beerdigung ein Mann aus der Kirche gezogen und fast zu Tode geprügelt, mal ein Kind aus dem Fenster geworfen.

Elena Ferrante «Meine geniale Freundin»

In den USA wird «My Brilliant Friend» frenetisch gefeiert. Bild: HBO

«My Brilliant Friend» zeigt solche Szenen mit einer unschonenden Beiläufigkeit, und immer aus der Perspektive der beiden Mädchen: Lila, die nie wegschaut, Lenù, die nicht weniger mutig sein will als ihre Freundin. Zwei leuchtende Seelen, die aus der Gewalt- und Armutspirale ausbrechen wollen, aber vielleicht zu ihrem grössten Opfer werden.

Die feinfühlige Serie, die ab dem 27. November auch hierzulande auf Rai zu sehen ist (und auf einschlägigen Internetportalen), reisst von der ersten Minute an mit. Weil sie Ferrantes Romanheldinnen voller Empathie als mehrdimensionale Figuren realisiert, und weil sie sich kompromisslos auf ihren Erlebnishorizont einlässt. In den USA wird «My Brilliant Friend» bereits als Serie des Jahres gefeiert. Der Plan von HBO, auch die drei Romanfortsetzungen umzusetzen, dürfte nur noch Formsache sein.

«My Brilliant Friend – L’amica geniale» (HBO/Rai) Regie: Saverio Costanzo. Ab 27.11. auf Rai.

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