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Polly Penrose und ihr Selbstauslöser oder: «Oh, guck, eine nackte Frau!»

Bild: polly penrose
Polly Penrose stellt ihren nackten Körper in den Raum. Das ist so unerotisch wie aufregend. 
24.09.2017, 07:52

Nackte Haut ist alltäglich geworden. Doch verfolgt sie meist einen bestimmten Zweck. Nackte Haut ist erotisch und weckt Sehnsüchte. Diese Sehnsüchte lassen sich auf Objekte übertragen und unterstützen den Vermarktungsprozess.

Kurz: Sex sells. 

«Ich sah diesen Raum und hatte einfach den Drang nach dieser menschlichen Interaktion damit.»
Polly Penrose

Polly Penrose

Penrose, geboren in Sherborne, England, ist 40 Jahre alt und hat zwei Kinder. Mit 12 schaffte sie sich ihre erste Kamera an und fotografiert seither aus Notwendigkeit, so wie Atmen eine Bedingung zum Leben darstellt. Sie studierte Grafikdesign am Camberwell College of Arts in London und war im Anschluss im Modebusiness tätig. Ihre Stelle als Ewan McGregors persönliche Assistentin verliess sie, um mehr Raum für ihre Fotografie zu gewinnen. In Folge wurde Fotograf Tim Walker ihr Mentor. Als sie 2008 bei einen Fotowettbewerb in London den ersten Preis gewann, war das das erste Mal, das überhaupt jemand ihre Bilder sah. Seither setzt sie sich mit dem weiblichen Körper und Rollenverständnis auseinander.  

Werke:

Body of Work, 2014
10 Seconds, 2015
Pool Party, 2015
Paper Works, 2015
I am not good at yoga, 2015 

Polly Penrose klickt sich durch Immobilien-Websites bis sie einen Raum findet, der ihr spontan gefällt. Sie ruft den Makler an und bittet um Erlaubnis, in dem Haus fotografieren zu dürfen. 

Ganz am Anfang, als sie noch an ihrer Technik, am Bild arbeitete, war ihr eigener Körper schlicht das einfachste Motiv. Mit 10-Sekunden Selbstauslöser schmiss sie sich ohne Vorbereitung in jeden Raum, der irgendetwas in ihr auslöste. 

Das ist einem Immobilienmakler nicht immer ganz einfach zu kommunizieren. 

«Ich habe nie Zeit nur für mich selbst – das hier erlaubt es mir zu atmen und ich erreiche eine Trance und kann runterkommen ... »
Polly Penrose, zweifache Mutter und Fotografin

«Diese Selbstportraits sind die Reaktion meines Körpers auf den Raum und seinen Inhalt.»

In hoher Auflösung blicken wir auf einen nackten weiblichen Körper. Sie selbst sagt von sich: 

«Mein Körper ist nicht spektakulär: Ich bin nicht dick, ich bin nicht dünn. Ich bin einfach. Die Reaktion auf die Bilder ist fast immer: ‹Oh, guck, ein Körper in einem Raum›, nie: ‹Oh, guck dir diese nackte Frau an.›» 

Der Mensch bewegt sich jeden Tag durch die unterschiedlichsten Räume. Penroses Bilder lassen uns kurz innehalten, das Zimmer, das Mobiliar, die Tapete, den Teppich, das Licht erst richtig und bewusst wahrnehmen. Im Kontrast zum lebendigen, fleischigen Körper, verfremdet und seiner täglichen Wahrnehmung entzogen, entwickelt sich aus einem zweidimensionalen Bild ein erlebbarer Moment. 

«Was ich mache, ist eine satirische Betrachtung des Bildes von Weiblichkeit, das in den Medien transportiert wird.» 
Polly Penrose

Aus ihren ersten beiden Bilderreihen Body of Work und Body of Work II ging eine tiefere Auseinandersetzung mit der Erwartung an Weiblichkeit hervor. Denn die Bilder waren über den Zeitraum mehrerer Jahre entstanden. Sofort wurde von Kritikern eine Analyse der Vergänglichkeit des weiblichen Körpers hineingelesen. Ohne, dass das ihre Absicht gewesen wäre. 

In den folgenden Jahren inszeniert sie sich mit Lifestyle-Sportartikeln und Freizeitprodukten. Dabei bricht sie mit der Erwartungshaltung an moderne, Erotik und Emanzipation ausstrahlende Weiblichkeit, die von den Medien aufgebaut wird. 

Sie ist beim Fotografieren immer alleine. Drückt den Auslöser und läuft vor die Linse, wirft sich in Pose bevor die 10 Sekunden ablaufen. Erst nach der Kontrolle auf der Kamera kann sie entscheiden, ob sie zufrieden ist mit dem Bild. Das kann bis zu 50 oder 60 Anläufe benötigen. 

«Ich sage mir nie: ‹So soll mein Bild dieses Mal aussehen›, und das gibt mir den Raum zu kreieren und zuzulassen, was auch immer passieren mag.»
Polly Penrose

«In meinen Bildern fühle ich mich stark. »

Zahllose ihrer Werke wurden von Internet-Plattformen wieder gelöscht, weil ein Nippel zu sehen war oder etwas Schamhaar. Was lächerlich ist in Kontrast zum sexuellen Gehalt der heutigen Werbung

Penrose fotografiert sich noch immer selbst. Sie blickt auf sich selbst. Sieht sich mit ihren vierzig Jahren, den Narben von Brustreduktion und dem von der Geburt zweier Kinder gezeichneten Bauch. Sie würde nicht bauchfrei in einen Club gehen, meint sie, aber in diesem Kontext, in dieser Selbstbetrachtung erkennt sie sich selbst. 

Und im Gegensatz zu den von künstlichen Sehnsüchten aufgeladenen Projektionen der aktuellen Werbeindustrie ist dieses selbst echt.

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