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Liebes jüngeres Ich, auf diese «schlechten» Freunde hättest du verzichten können

13.09.2017, 20:0813.09.2017, 20:29

Früher dachte ich, Freundschaften halten ewig. Früher, das war in den Anfangszügen meiner Pubertät. Als sich so viel änderte, als sich alles änderte und man als junger Mensch das erste Mal in den bitteren Genuss der Vergänglichkeit kommt. Damals als romantische Beziehungen, die, wenn sie mehr als anderthalb Monate andauerten, als prägendes Lebensereignis behandelt wurden. Und in diesem Geisteswandel, da war die Freundschaft die einzige Konstante, der ich Ewigkeit zuschrieb.   

Das war einmal. Mittlerweile weiss ich, dass auch Freundschaften ein Ende nehmen. Nehmen müssen, denn wer – wie ich – das Freundschaftsschlussmachen nicht so richtig drauf hat, erlebt eine unangenehme Seite der Zwischenmenschlichkeit, die nicht sein muss. Gift, das nur fliesst, weil der Mensch sich dieser verdammten Ewigkeit zu verschreiben versucht, ihr nachjagt, sie ums Verrecken spüren will.

Nachgejagt habe ich persönlich schon Lisa, Tom, Emanuel und Sandra. Das sind fiktive Menschen, die alle für eine Art von Freundschaft stehen, der man besser früher als später den Laufpass erteilen sollte.

Doch im Nachhinein ist man immer klüger. Deshalb kommt hier eine vierteilige Allegorie, die zu erklären versucht, wie sich Freundschaften mit Sandras, Emanuels, Toms und Lisas entwickeln – und wie man sich von ihnen distanziert.

Die Freundschaft mit Lisa

aka. Mentalitätstektonik

Die Freundschaft in Kürze:
Deine Freundschaft mit Lisa gibt es schon lange und wenn dich jemand fragen würde, wie ihr euch kennengelernt habt, müsstest du kurz überlegen. Wahrscheinlich hat sich eure Freundschaft einfach so ergeben. Weil ihr zusammen im Ferienlager, in der Berufsschule, im Kindergarten wart. Und weil die anderen nicht lieb waren oder sich in deinen Augen einfach blöd verhalten haben, seid ihr zwei Kollegen geworden. Und dann war die Freundschaft einfach so da und blieb.

Wie sich eure Freundschaft entwickelt hat:
Der Zweck eures Bündnis' musste mit der Zeit nicht mehr erfüllt werden. Es gab keine blöden Gspändli mehr, über deren Dummheit ihr euch gegenseitig belustigen konntet, keine fiesen Lehrerinnen mehr, über deren unfaire Testfragen ihr euch miteinander nerven konntet. Und dann habt ihr weiter gelebt und euch verändert. Deine Freundin Lisa ist in die «richtige» Stadt gezogen und du bist in der anderen, «langweiligen» Stadt – wie Lisa meint – geblieben. Aber ihr habt euch ab und zu getroffen. An euren Geburtstagen, zum Kaffee, an WG-Partys.

Wie es enden wird:
Lisa erzählt dir vom tollen Kaffee, den es in der Stadt in diesem abgefahrenen Laden gibt. Und dass sie die Brühe hier, in deiner Stadt, nicht mehr trinken kann. Und all die Leute hier seien ja so langweilig, sagt sie und beteuert Mantra-artig, dass sie es echt nicht rafft, wie du es hier immer noch aushalten kannst. Du seufzt, du seufzt bei jedem Treffen mit Lisa häufiger und lässt dich immer weniger auf eine kritische Diskussion ein. Du sagst ein Treffen ab, dann sagt sie zweimal ab (weil eingeschnappt) und so weiter. Bis du ihr irgendwann seufzend auf Instagram entfolgst, weil du ihre blauen Haare und die Cappuccino-Selfies nicht mehr aushältst.

Wie du es hättest verhindern können:
Gar nicht. Dass du und Lisa euch auseinanderlebt, war wohl nicht zu verhindern. Wenn sie nicht in die «Grossstadt» gezogen wäre, wäre sie vielleicht ein Metalhead geworden oder ein Taylor-Swift-Fan oder Anhängerin einer anderen Gruppierung, mit der du nichts anfangen kannst. Hättest du die Energie aufgebracht all die Hirngespinste mit ihr kritisch zu diskutieren, wäre vielleicht alles anders gekommen. Ihr hätte euch wieder gefunden, euch das Facebook-Profil eures alten Deutschlehrers angeschaut und euch grausam einen abgelacht.  

Aber das hast du nicht getan. Oder es hat schlicht nicht funktioniert. Klar hättest du ihr schreiben können, dass du es nicht aushältst, wie sie ständig deinen Lebensstil verurteilt. Aber hey! Du tust ja genau das gleiche. Ein inflationäres Desinteresse, ist in diesem Fall tatsächlich die eleganteste Lösung für einen Nicht-mehr-wirklich-befreundet-sein-Status. 

Lisa und ihre neue Freundin in einem «mega fancy» Kaffee.bild: Gonzalo Arnaiz

Die Freundschaft mit Tom

aka. Abhängigkeitsterror

Die Freundschaft in Kürze:
Du und dein bester Freund, Tom, ihr seid richtig dicke. Wenn's am Samstag Abend nicht allzu lang wird, seht ihr euch auch noch am Sonntag. Und dann am Montag wieder, weil ihr gemeinsam Sport treibt und/oder zusammen arbeitet.

Wie sich eure Freundschaft entwickelt hat:
Schuhe kaufen ohne deinen Buddy? Keine Chance! Du triffst dich mit deinem alten Kumpel aus der Schule? Da kann er doch auch mitkommen! Wer dich mag, mag ihn doch eh auch. Wenn ihr euch dann zu dritt trefft – also du, dein Buddy und irgendwer anders – rollt ein Insider nach dem anderen über den Tisch. Dein alter Freund ist Nebensache. Nach einiger Zeit trifft sich niemand anderes mehr mit dir ausser Tom. Aber das ist dir anfangs egal. Die Freundschaft zu Tom ist schliesslich komplett erfüllend.

Hast du einen Firmenanlass gehst du früher, weil es deinem BFF langweilig ist und er sich noch mit dir treffen will. Er will, dass du ihn vom Arzttermin abholst, dass du ihm noch eine Packung Kippen bringst, dass du keine Lackschuhe mehr trägst, dass du mit ihm nach Mallorca in den Urlaub fährst. Und du, du sagst immerzu «Klar, doch!». Er ist ja schliesslich dein Buddy.

Wie es enden wird:
Du merkst, dass du Mallorca echt Scheisse findest, gerne mal länger ein Bier mit deinen Arbeitskolleginnen trinken würdest und deine Lackschuhe hast du eigentlich gerne gemocht. Du traust dich aber nicht mit diesen Ansichten an deinen Freund heranzutreten. Komischerweise hast du das Gefühl, das sei eine Art von Verrat. Dass er dir vorwerfen würde, du seist nicht ehrlich zu ihm.

Fast jeder erlebt einmal im Leben eine toxische Freundschaft
Eine amerikanische Umfrage, bei der 22'000 Personen teilnahmen, hat ergeben, dass 75 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen schon einmal eine sogenannte «toxische Freundschaft» durchlebt hat. Solche Beziehungen sind nicht einfach zu erkennen. Zu Beginn erzeugen sie übermässig viele positive Gefühle. Bis sich das Verhältnis verengt und psychische Abhängigkeiten bilden, die einen energetisch aussaugen. In der Hälfte der Fälle wurde der toxische Freund – eine Zeit lang – als der beste Freund gesehen. 
quelle: nbc 

Also verkneifst du dir was zu sagen, und lässt den Hass in dir aufschäumen bis du platzt, ihr euch in der Hitze des Gefechts ganz unschöne Dinge an den Kopf schmeisst, Ungerechtigkeiten, die vor fünf Jahren passierten gegeneinander ausspielt und zum Schluss kommt, dass es nicht mehr gesund ist, Freunde zu bleiben.

Wie du es hättest verhindern können:
Einfach mal Nein zu sagen und sich dafür auch gar nicht zu rechtfertigen, ist sehr schwierig. Aber unglaublich wichtig für den eigenen Seelenfrieden. Nein-Sagen gibt Distanz. Ein Nein fordert das Gegenüber auf, sich zu entwickeln oder jemanden zu suchen, der «ja» sagt. Und das entlastet schlussendlich auch dich und eure Freundschaft. Richtig eng miteinander zu sein, mag wunderschön sein. Die Gefahr in eine Abhängigkeit zu rutschen, steigt jedoch massiv.

Die Freundschaft mit Emanuel

aka. die Bewunderungsfalle

Die Freundschaft in Kürze:
Emanuel bringt dich ständig zum Lachen. Er zeigt dir immer tolle, neue Songs und inspiriert dich mit seinem Kleiderstil, seinen pointierten Argumenten zu politischen Ereignissen und seinen unglaublichen Reiseanekdoten. Du hörst ihm gerne zu. Er bringt dich zum Nachdenken. Er nimmt dich mit zu tollen Underground-Events. Du bewunderst ihn, darum seid ihr Freunde geworden.

Wie sich eure Freundschaft entwickelt hat:
Einmal geht es dir schlecht und du triffst dann ebendiesen Emanuel. Eigentlich weisst du, dass er nicht die richtige Person zum Zuhören ist. Er hatte die anderen Male aber vielleicht wirklich einfach keine Zeit für dich. Auf jeden Fall versuchst du dann ringend um ein wenig Sprechanteil von deinem schikanierenden Chef, deinem Liebeskummer oder deiner Depression zu erzählen. Emanuel findet, du seist zu schwach. Dass er gar nie erst in eine solche Situation geraten würde und dass das alles nur an deiner schwachen Persönlichkeit liege. Du denkst dir: «Du bist doch auch einfach ein Arschloch». Aber glaubst ihm trotzdem. Nicht zuletzt weil es echt anstrengend ist, ihm zu widersprechen.

Wie es enden wird:
Trotz seiner flegelhaften Gepflogenheiten hältst du an eurer Freundschaft fest. Der überaus intelligente, spannende, schöne Emanuel hat dir schon so viel gegeben. Das willst du nicht verlieren. Entweder lässt du dir das weiter gefallen oder du sprichst dein Unwohlsein erneut und vermehrt an, worauf er dir irgendeinmal vorwerfen wird, dass er mit deiner «Negativität» nichts mehr anfangen kann. «Endlich», denkst du dir und schlägst von da an nur noch den Kopf in den Nacken, wenn ihr euch per Zufall auf der Strasse begegnet. 

Wie du es hättest verhindern können:
Lass dich nicht blenden. Deine richtige Freunde hören dir selbst dann zu, wenn du gerade die langweiligste Geschichte der Welt erzählst. Einfach, weil sie checken, dass du das jetzt erzählen willst. Und sie dich ausreden lassen müssen. Coole, schöne, intelligente Menschen haben da, sofern sie wirklich deine Freunde sein wollen, kein Sonderrecht. Du bist nicht einfach ein lebendiges Püppchen, dass den Narzissmus eines Schöngeists bewirtschaften soll, indem es blinzelt, lacht und staunt. Du bist kein Statist für irgendjemandes Instagram-Story. Interessante Menschen zur Inspiration gibt's auch auf Youtube. Verschwende keine Zeit und Energie.

Die Freundschaft mit Sandra

aka. das Eskapadengeschweige

Die Freundschaft in Kürze:
Du hast eine Freundin und die heisst Sandra. Oder so. Ihr seid vielleicht nicht die allerbesten Freunde, würdet ihr euch aber mehr sehen, könnte das definitiv der Fall sein. Vielleicht hört ihr dieselbe Musik, habt eine ähnliche Weltansicht, arbeitet in der selben Branche oder ihr steht beide total auf Sneakers und habt dazu noch gleich die selbe Schuhgrösse. Irgendeinen kleinen Konsens gibt's bestimmt.

Wie sich eure Freundschaft entwickelt hat:
Gar nicht. Sie ist immer Sandra mit den Sneakers, die Tierschützerin-Sandra oder die Sandra, die auch im Verlagswesen tätig ist, geblieben. Manchmal seht ihr euch vier Monate nicht mehr und dann wieder zwei Mal pro Woche.

Wie es enden wird:
Plötzlich meldet sich Sandra nicht mehr. Gar nicht. Du siehst zwei blaue Häckchen hinter deinen versendeten Nachrichten. Aber dann kommt schon die Tastatur. Keine Antwort. Tü tü tü. Anruf abgelehnt. Auf Facebook entfreundet, auf Instagram entfolgt – Funkstille.

Ghosting – wenn man sich einfach nicht mehr meldet
Ghosting bezeichnet ein zeitgenössisches Phänomen, bei dem bei einer Partner- oder Freundschaft ein vollständiger Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Vorwarnung vonstatten geht. Bei einer Online-Umfrage aus dem Jahr 2014 ergab sich, dass diese Art vom Beziehungsaus vor allem bei 18 bis 29-Jährigen bekannt ist. Experten vermuten darin ein Symptom für die mediale Überforderung der momentanen Jugend. Mögliche Gründe für Ghosting seien die Angst sich auf eine Person einzulassen, fehlende Streitkultur oder das Unvermögen eigenständige Bedürfnisse zu formulieren oder einzufordern.

Wie du es hättest verhindern können:
Schwierige. Du weisst ja nicht, was passiert ist. Hast du einen Artikel auf Facebook gepostet, dessen Argumentation ihr widerspricht? Hast du ihr neues Instagram-Foto nicht geliked? Ihr einmal zu lange nicht zurückgeschrieben? Oder hat sie einfach keinen Bock mehr auf dich? Du fragst dich, ob du langweilig bist? – Aber nein. Sandra sollte dir eigentlich Leid tun. Sie ist verkorkst, kann nicht kommunizieren und verhält sich richtig arschig. Sie gehört zu dieser Sorte von Menschen, die die Schnelllebigkeit der Gesellschaft als Rechtfertigung für ihren Mangel an Anstand missbrauchen. Und selber jener Schnelllebigkeit am meisten frönen; in dem sie verschwinden, verstummen, ignorieren.

Natürlich ist das nich dein Problem. Aber wenn du der verlorenen Sandra helfen willst (oder die verlorene Sandra bist), versuche das Konzept Freundschaft zu hinterfragen. Versuche dich nicht auf der gemeinsamen Sneaker-Manie oder der Musikvorliebe auszuruhen. Thematisiere deine eigenen Bedürfnisse, thematisiere deine Macken. Sag, was du an deinem Gegenüber magst, was dich stört. Immer und immer wieder. So wächst man und bleibt Freunde. Vielleicht so gar für immer (und ewig).  

P.S. Wenn du Lisa, Tom Emanuel oder Sandra heisst, nimm's nicht zu persönlich. Es kann nicht immer nur Kevin sein.

Am besten legst du dir eh einfach einen Hund zu: Siena und ihr riesiger Freund Buddha sind das beste Beispiel für eine schöne Freundschaft :-)

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3 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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sapperlot
14.09.2017 08:56registriert Juni 2016
Klar gibt es diese vier Typen. Aber es gibt auch die, bei denen alles passt. Die Zeit, die man zusammen verbringt, sich wie ein kleiner Urlaub anfühlt. Man so sein kann, wie man ist. Und ich spreche hier von der ganzen Palette, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Und die sollten wir festhalten und ich meine damit nicht, mit Liebe erdrücken, sondern die Zeit, die man zusammen hat, geniessen, die Person wertschätzen und dankbar dafür sein, dass es so jemanden gibt.
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Lami23
13.09.2017 21:43registriert November 2015
Ja, dass kennen wir alle in der einen oder anderen Form. Aber die eine oder andere bleibt einem ohne dass man sich überlegen muss, wie man sie am besten loswird. Gemischt mit den aktuellen, die man etwas sorgfältiger ausgewählt hat, ist das Endergebniss doch überwiegend erfreulich :-)
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