Leben
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Reisst die Raufaser raus! Eine Abrechnung mit den hässlichsten Wänden dieser Welt

bild: shutterstock

Nur um das vorab festzuhalten: Raufaser ist nicht (!) Avantgarde. Raufaser ist einfach nur lästig. 



Erst kürzlich hat ein Modeblogger eine iMessage-Unterhaltung auf Twitter gepostet, die mich in der U-Bahn schmunzeln liess:

«Raufaser aushalten ist, sich mit seinen deutschen Wurzeln zu versöhnen. Raufaser ist iwie auch Avantgarde somehow.»

Ich verstehe den Hint, Raufaser ist ja auch irgendwie Bauhauszeit – aber Avantgarde? Seriously?  

Äh... Nein.

bild: shutterstock

Wer Raufaser für Avantgarde hält, muss sich in erster Linie selbst belügen, um nicht jeden Morgen beim Ausblick auf die tabakvergilbte Wand in der heruntergekommenen Butze schreiend im Kreis zu laufen.

Eine schlecht gepflegte Raufasertapete, sie ist die im Erwachsenenalter diagnostizierte Hautkrankheit unter den Verschlimmerungsmöglichkeiten der eigenen vier Wände. Wieso Raufaser, wenn man stattdessen blank ziehen könnte? 

Weniger war noch nie so viel mehr!

Seit knapp hundert Jahren wirkt ihre Ästhetik genauso unauffällig wie hässlich und fällt beim Betreten der neuen potenziellen Altbaumietwohnung neben all den anderen «Kleinigkeiten», die eigentlich noch gemacht gehören (kaputte Elektro, Löcher vom Nachbarn, abgeranzter PVC-Boden), höchstens hartgesottenen Interior-Nazis auf.

Also, bis sie einem dann wirklich auffällt.

bild: shuttertsock

Einst als nüchterne Schwester der Mustertapete verkannt, galt die Raufasertapete spätestens seit den neunziger Jahren als Inbegriff des Vorstadtspiessertums.

Zurecht!

Wer an der Aussage zweifelt, kann sich gerne beim Besuch der Eltern oder Freundeseltern am Stadtrand überzeugen.

Selbst wenn es dir bis heute nicht aufgefallen sein sollte: Sobald du einmal checkst, dass das ganze Haus frei nach dem Motto «unmöglich und unmöglicher gesellt sich gerne» tapeziert und danach nie wieder vom Kleister befreit wurde, gibt es kein zurück mehr. 

Die Raufasertapete, sie ist wie eine vormals unbemerkte Spinne an der Decke plötzlich omnipräsent und macht dir aus den falschen Gründen Gänsehaut.

Wer sich nach zwanzig Jahren nicht von seinem flächendeckenden Fehlgriff trennen will, hat entweder kein Geld für die Scheidung, oder schlicht und einfach: keinen Geschmack.

Es mag ja sein, dass die Raufasertapete an die «gute, alte Zeit» erinnert: an Vinyl-Plattenspieler, an analoge Fotos aus Kindertagen, vielleicht sogar noch an die eine oder andere Cocktailparty, von der Onkel Herbie beim Besuch deiner Familie zuhause immer noch erzählt, wenn er zu viel getrunken hat. An heftige Akneschübe bemitleidenswerter 16-Jähriger in Zürcher Vororten, manchmal auch an Zellproben unter dem Bioskop. Aber sie ist und bleibt verdammt nochmal ein festgekleistertes Luxusproblem – und nebenbei auch ein präziser Indikator von Vernachlässigung. Denn der Zustand der Raufasertapete zeigt auf das Jahrzehnt genau an, wie lange an einer Wohnung nichts mehr gemacht wurde. Grossartig! Nicht. 

bild: shutterstock

Auch 2017 sehen Raufasertapeten in der Regel aus wie sich verhornte Füsse im Winter ohne Socken anfühlen: ekelhaft – und auch wenn sie für überprivilegierte Hipster eine Essenz von Charme verspüren mögen, liegen ihre besten Jahre gemeinsam mit der Hochphase von Kate Moss zumindest ein Jahrzehnt zurück.  

Es ist die Tapete des Grauens, die nicht nur Nachmieter, sondern auch Eigentümer verzweifeln lässt: Schliesslich ist die Entfernung eines solchen Belags mit nicht unwesentlichem Aufwand verbunden. Glaubt mir, ich habe es selbst ausprobiert. Im März habe ich in der WG eines Freundes dabei geholfen, die Wand von mehreren Schichten rotgestrichener Raufaser (nein, er wohnt nicht in einem ehemaligen Bordell) zu befreien und opferte dafür sowohl meinen ganzen Samstag, als auch den Rest meiner ohnehin spärlichen Fingernägel.

Doppelt und dreifach überstrichen hält die grosszügig aus gleich drei Papierschichten bestehende Raufasertapete mit strukturbildenden Holzfasern (besonders wichtig!) seit Anbeginn aller Umzüge wechselnden Partnern stand und ärgert die Bewohner spätestens seit dem Tag, an dem sie das flächendeckende Schandmahl zum ersten Mal in seiner rauen Hässlichkeit wahrnehmen.

Und jetzt, nachdem du den Grat deiner eigenen Betroffenheit erkannt hast? Ruhig bleiben. Ich empfehle die Entfernung der Raufasertapete vor allem als Antiaggressionstraining zu betrachten. Die Metapher eines «Tapetenwechsels» bekommt stracks eine ganz neue Bedeutung.

Später kannst du nicht nur auf eine freigelegte Betonwand blicken, während du durch die neueste Ausgabe eines hippen Designmagazins mit Betontöpfen für mehre hundert Franken blätterst, sondern auch in Ruhe einschlafen, ohne von Aknetapeten zu träumen. 

Viel Spass dabei! Auf das nächste Neunziger-Revival verzichte ich in diesem Fall herzlich gerne.

Apropos 90er ... wer erinnert sich schon gerne an so etwas?

Wow, schöne Tapete ... WÄÄÄH DAS SIND JA VIECHER!!!

Zu Besuch bei der 86-jährigen Sprayerin aus Bern

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Wehrli
11.09.2017 17:24registriert September 2016
Mädel, du hassja Sorgen. Raufsertapete? Ach ja, Rohbetonwände sind ja so geil. Nicht.
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olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder
11.09.2017 17:52registriert June 2017
Irgendwie habe ich trotz intensiver Lektüre des Artikels nicht vor, Raufasertapete in meinen Sorgenkatalog aufzunehmen. Ich Spiesser.
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El Vals del Obrero
11.09.2017 17:04registriert May 2016
Die das-und-das-ist-spiessig-Nazis sind aber auch nicht viel besser als die Interior-Nazis. Ist krampfhaft nicht spiessig sein zu wollen, nicht das spiessigste, dass es überhaupt gibt?
Wer heutzutage gegen den Strom schwimmen will, hat eine Blümchentapete und einen Fliesentisch. Die Birkenstock-Sandalen, die bis vor noch bis vor nicht all zu langer Zeit in die selbe Kategorie fielen, sind ja schon rehabilitiert.
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