DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Warum eine Heissleim-Pistole eine Waffe ist, ein Samurai-Schwert dagegen nicht

Das berühmte Bild von Martin Luther King, das symbolisch für die Polizeigewalt gegen Schwarze steht – «Hands up, don't shoot!» Bild: tumblr

Eine US-Universität wird evakuiert. Der Grund: Ein schwarzer Student hat mit einer Heissleimpistole an einem Kunstprojekt gearbeitet. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?



Kennt ihr diese Leute, die zwischen guten und schlechten Ausländern unterscheiden? Das sind Leute, die zu Ausländern Dinge sagen wie: «Du hast einen anständigen Job und verhältst dich zuvorkommend. Du bist nicht wie die anderen. Gegen dich hab ich nichts.»

Die Colgate University in Hamilton, New York, verhält sich ein bisschen wie diese Leute. Sie belegt nämlich landesweit den dritten Platz hinsichtlich erfolgreicher Integration von afroamerikanischen Studierenden. Sie setzten sich also dafür ein, dass Schwarze keine grösseren Hürden bewältigen müssen, um an ihrer Schule aufgenommen zu werden, als Weisse.

Aber Rassismus auf solch einer institutionellen Ebene zu bekämpfen, reicht eben nicht, um Rassismus ganz vom Campus zu verweisen, wie die jüngsten Ereignisse an der Colgate zeigen.

Aus der Mücke einen Elefanten machen – oder aus Heissleim ein Attentat

Was genau passiert ist

Ein Student der Colgate University werkelt an einem Kunstprojekt herum. Er benötigt dazu Leim – Heissleim, um genau zu sein. Das Gerät, das man dabei verwendet, sieht aus wie eine Pistole.

 

Bild

Wer's nicht kennt: Das ist eine Heissleimpistole. bild: shutterstock

Also greift der nichts ahnende Student zu jenem Gerät, welches im Werkraum der Hochschule zur Verfügung steht. Kurze Zeit später geht eine Mail an alle Studierenden, Professoren und Angestellten:

Colgate Alert:

«Eine bewaffnete Person befindet sich auf dem Gelände. Jeder ist angewiesen, das Gebäude sofort zu verlassen oder sich in einen abschliessbaren Raum zu begeben.»

Auszug aus den insgesamt sechs Warn-Mails der Verwaltung der Colgate University. 

Was folgt, ist eine mehrstündige Abriegelung der gesamten Hochschulanlage. Mehrere hundert Menschen sind eingesperrt.

In unterschiedlichen Gruppen-Chats kursieren Informationen: Amoklauf! Komplizen seien im Spiel, behaupten die einen. Mehrere Schützen seien auf die verschiedenen Gebäude verteilt, bezeugen andere. Schüsse seien im Trakt der Naturwissenschaften gefallen. Einer der Amokläufer habe Suizid begangen. 

Auch auf Twitter wird die Situation ernst genommen.

Nach vier Stunden die Entwarnung

Nichts von alledem ist wirklich geschehen. Vier Stunden nach der ersten elektronischen Warnmeldung trudelt ein Statement des Dekans Mark Thompson in die Posteingänge der erschrockenen Universitätsleute ein.

[...] Die Strafverfolgungsbehörden haben herausgefunden, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Studenten handelt, der mit einer Heissleimpistole an einem Kunstprojekt gearbeitet hat. [...]

Aus der Mail des Dekans.

Dumm gelaufen, könnte man sagen. Ein witziges Missverständnis, wobei die Schulleitung doch recht professionell und vorsichtig gehandelt hat.

Ein mutmasslicher Zufall wird politisch

Was der Geschichte jedoch einen bitteren Nachgeschmack verleiht: Der bastelnde Student ist Afroamerikaner. Okay, noch ein Zufall, könnte man wiederum behaupten.

«So sehen weisse Privilegien aus.»

Jenny Lundt

Doch ein Facebookpost der Studentin Jenny Lundt entlarvt den offensichtlichen Rassismus in dieser Situation.

In ihrem Post schreibt Lundt zu einem Foto:

«So bin ich vor einem Jahr auf demselben Campus herumgerannt. Ich hatte ein krass scharfes Metallschwert in meiner Hand. Die Leute fanden es lustig und haben gelacht: Schaut, das quirlige weisse Mädchen mit seinem riesigen Schwert. So sehen weisse Privilegien aus.»

Lundts Post wurde inzwischen fast 16'000-fach geteilt und generierte über 1500 Kommentare.

Aufgrund ihres Social-Media-Statements wird nun eine Diskussion geführt, die sich mit der Frage der Verteilung von Privilegien befasst.

Lundt selber updatet den Status laufend mit den neusten Reaktionen und Kommentaren. Aus einem Post entwickelte sich so ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit.

Einige Erkenntnisse daraus:

Racial Profiling

Racial Profiling bedeutet, dass man vom Aussehen einer Person auf deren Ethnie schliesst und aufgrund dessen sein Verhalten gegenüber dieser Person anpasst.

In beiden Fällen war die «Waffe», mit der hantiert wurde, egal. Niemand konnte sich vorstellen, dass Jenny Lundt mit ihrem Schwert jemanden verletzen wollte. Auch wenn dies durchaus möglich gewesen wäre. Alle haben Jenny als harmloses weisses Mädchen gesehen, von dem man nichts Böses zu erwarten hat.

Beim schwarzen Studenten hingegen ist die Situation genau umgekehrt. Hätte die Person, die Alarm schlug, einen zweiten Blick auf das Gerät in seiner Hand geworfen, wäre die Situation niemals derart eskaliert. Doch der Anblick eines schwarzen Mannes wurde offenbar als Bedrohung wahrgenommen.

Weisse Privilegien

Dass Lundt diesen Post machen kann, hängt stark mit ihren Privilegien als weisse Person zusammen. In einem Update zu ihrem Post schreibt die Studentin:

«Dieser Post kriegt mehr Aufmerksamkeit, als ich erwartet habe. Ich will klarstellen, dass es dabei nicht um mich und meine Gefühle geht, sondern um die Personen, die tagtäglich mit dieser Form von Diskriminierungen umzugehen haben. Das ist nicht mein Kampf; es ist der Kampf von Nicht-Weissen. Denn sie wurden während dieses «Zwischenfalls» terrorisiert. Nicht ich. Sie wurden daran erinnert, dass, wenn sie einer ganz normalen Sache nachgehen, wie dem Basteln an einem Kunstprojekt, sie darüber nachdenken müssen, wie sie von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden und inwieweit ihre Hautfarbe das Einschätzen einer Situation krass (negativ) beeinflussen kann. Das sollte uns von diesem Vorfall in Erinnerung bleiben. Nicht ich und mein blödes Schwert.»

Weisse Privilegien

Der Term «Weisse Privilegien» bezieht sich auf die Vorteile, welche weisse Personen in westlichen Ländern gegenüber nicht-weissen Personen geniessen. Man spricht vor allem dann von «weissen» Privilegien, wenn das Umfeld, in dem sich Diskriminierungen abspielen, von weissen Menschen dominiert wird, und wenn es von sich behauptet, dass eine rassische Gleichberechtigung sichergestellt ist.

In den Kommentaren wird der Frage nachgegangen, was man denn mit seinen Privilegien anfangen kann und ob man sich dafür schämen muss. Mann könne ja nichts dafür, dass man weiss sei.

Privilegien bedeuten Verantwortung

Der Tenor in der Kommentarspalte ist der folgende: 

Ins Beispiel von Lundt übersetzt, heisst das: Obwohl auch andere, nicht-weisse Studenten der Colgate University sich über das Racial Profiling im «Heissleim-Attentat» ausgelassen haben, blieb Lundts Post der folgenreichste.  

Sie selber sagt, dass dies daran liege, dass sie nicht als Verliererin dastehe, sondern auf ungerechte und perverse Weise von Situationen wie dieser profitiere. Dieses Engagement komme in einer egoistischen Welt unerwartet, weil sie davon selbst keinen Eigennutzen trage – ausser das Gefühl, zu einer besseren Welt beizutragen.

Wie man Privilegien nicht einsetzten sollte:

abspielen

Video: YouTube/Newsbroke

Mehr mint gibt's hier:

15 Styles, die Ende 90er und Anfang 2000er der Shit waren

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Nach «Avengers: Endgame» – diese 7 kommenden Filme könnten auch die Milliarde knacken

Link zum Artikel

Ich + Ich + Tattoo-Dirk à Paris

Link zum Artikel

«Game of Thrones»: Das war sie also, die grösste Schlacht der TV-Geschichte?!?!

Link zum Artikel

Dieses Model trägt als Erste einen Burkini auf der Titelseite der «Sports Illustrated»

Link zum Artikel

«Avengers: Endgame» pulverisiert Kinorekord – und sorgt für Schlägerei

Link zum Artikel

«Meine Ehefrau hat mich jahrelang mit ihrer Jugendliebe betrogen»

Link zum Artikel

Die vegane Armee

Link zum Artikel

14 Comics, die das Leben als Mann perfekt auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

Die Jackson-Doku «Leaving Neverland» erhitzt die Gemüter – 6 Gründe, warum das so ist

Link zum Artikel

Auf den Spuren meiner Urgrossmutter

Link zum Artikel

Regie-Legende Francis Ford Coppola: Neues Alter, neuer Film, neues «Apocalypse Now»

Link zum Artikel

Schwangerschafts-Abbruch wegen Trisomie: «Die Entscheidung war furchtbar, aber klar»

Link zum Artikel

«Mimimi» – Wie schnell bist du empört?

Link zum Artikel

Sterben am Schluss alle? Das verraten uns die 3 neuen Teaser zu «Game of Thrones»

Link zum Artikel

So heiss, stolz und glücklich feierten die «Game of Thrones»-Stars Premiere

Link zum Artikel

10 lustige Antworten auf die dumme Frage: «Wann hast du entschieden, homosexuell zu sein?»

Link zum Artikel

Böööses Büsi! Stephen Kings «Pet Sematary» ist wieder da

Link zum Artikel

RTS zeigt GoT zeitgleich am TV. Und wir fragen: Wann wollt ihr dazu was von uns lesen?

Link zum Artikel

Ja, in der Schweiz gibt es Obdachlose – und so leben sie

Link zum Artikel

«Krebs macht einsam» – wie Ronja mit 27 Brustkrebs überlebte

Link zum Artikel

Coca Cola Life und 17 weitere Getränke, die (beinahe) aus der Schweiz verschwunden sind

Link zum Artikel

US-Komiker Noah spricht über seine (Schweizer-)Deutsch-Erfahrungen – und es ist grossartig

Link zum Artikel

Die Boeing 737 ist derzeit nicht sehr beliebt – wie dieser Litauer jetzt auch weiss

Link zum Artikel

«Leaving Neverland»: Brisante Jackson-Doku kommt am Samstag im SRF

Link zum Artikel

Sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt: 7 Dokus zum 🐝-Sterben

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Der neue Schweizer Streaming-Dienst «Filmingo» will das Anti-Netflix sein

Link zum Artikel

Tantra-Tina, ihre Latexhandschuhe und mein Orgasmus

Link zum Artikel

Ich machte bei GNTM mit – und so war's (empörend!)

Link zum Artikel

Mick Jagger braucht eine neue Herzklappe – und will bald wieder auf der Bühne stehen

Link zum Artikel

Nacktbild von Sohn löst Shitstorm aus – Sängerin Pink rastet aus

Link zum Artikel

«Ich liebe meine Freundin, aber ich liebe auch schöne Frauen…»

Link zum Artikel

Ihre Produkte haben die Welt erobert – trotzdem wurden diese 5 Erfinder nicht reich

Link zum Artikel

Disney wird immer mächtiger – warum darunter vor allem Kinos und Zuschauer leiden

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

9 absolut clevere Wege, wie Rechtsradikalen und Neonazis schon die Stirn geboten wurde

Radikalismus darf nirgends auf der Welt Platz haben. Schon gar nicht Rechtsradikalismus. Ein Blick zurück zeigt, wie dieses Geschwür ganz gewaltlos unschädlich gemacht wird.

Leider, leider halten rechtsradikale Tonalitäten in den letzten Jahren wieder Einzug in die politische Landschaft – auch hierzulande. Ob ganz offensichtlich oder unter dem Deckmantel rhetorischer Verbiegungen. Klar ist: Der «Vibe» ist ein wenig ungemütlich.

Neben der Politik schlägt sich die rechtsradikale Ideologie auch in der «Kultur» nieder. Insbesondere in Deutschland, wo immer wieder sogenannte Rechtsrockkonzerte veranstaltet werden. Verbote sind juristisch allgemein schwierig …

Artikel lesen
Link zum Artikel