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Bild: Shutterstock / watson Montage

Aufwachsen mit 18 Geschwistern: «Mein Vater hatte 5 Frauen gleichzeitig»

Agatha Kremplewski / watson.de



Malickas Stimme am Telefon klingt ruhig – zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Dass sie, deren echter Name in diesem Beitrag nicht genannt werden soll, sich als Kind schon vor allem Ruhe gewünscht hat, glaubt man ihr schnell. Vor allem, wenn man weiss, in was für einer grossen Familie sie aufgewachsen ist: Denn Malicka hat 18 Geschwister.

Die Kinder sind nicht alle von derselben Frau, aber vom selben Mann. Und sie wohnten zwar nicht alle in derselben Wohnung, aber im selben Haus. Was Malicka neben ihrem Vater und einem Innenhof mit ihren leiblichen und Halbgeschwistern geteilt hat, war die Erfahrung, in einem polygamen Haushalt gross zu werden. Das heisst, Malickas Vater hatte insgesamt fünf Frauen, die er legal geheiratet hat – eine davon war Malickas Mutter.

Aufgewachsen ist Malicka in Afrika, wo Vielehe zwar keine häufige, aber übliche Beziehungsform ist. Erst zu ihrem Studium kam sie nach Deutschland und lebt auch heute noch hier. Im Interview mit watson spricht sie darüber, wie sie ihre Kindheit mit polygamen Eltern erlebt hat, wie stark sie sich mit ihren Geschwistern verbunden fühlt und wie die Beziehung zu ihren Eltern das Verhältnis mit ihrer eigenen Tochter prägt.

Polygame Eltern: So hat Malicka ihre Kindheit empfunden

Malicka, erzähl uns von deiner Familie – wie lief das bei euch zu Hause ab?
Malicka
: Ich bin aufgewachsen mit 18 Geschwistern. Mein Vater hatte insgesamt fünf Frauen, die er offiziell geheiratet hat. Von zweien davon hat er sich scheiden lassen, eine von ihnen war meine Mutter. Ich war das letzte Kind, das mein Vater mit meiner Mutter gezeugt hat.

Mein Vater hat in der Landwirtschaft gearbeitet, aber er hatte viel Geld. Deswegen konnte er jeder seiner Frauen eine eigene Wohnung für sich und ihre Kinder finanzieren. Die Wohnungen waren alle in einem Haus, aber wir hatten einen gemeinsamen Hof – wir haben gelebt wie in einem Schloss.

Mit deinem Vater hast du nicht in einer Wohnung gewohnt, auch musstest du ihn mit anderen Müttern und deren Kindern «teilen». Konntest du trotzdem eine enge Bindung zu ihm aufbauen?
Vor allem als ich ein kleines Kind war, hatten wir eigentlich kaum Kontakt. Meist haben meine Geschwister und ich ihn nur zwei Mal täglich kurz gesehen: Morgens beim Frühstück, bevor er zur Arbeit ging, und abends, wenn er von der Arbeit zurückkam. Dann rannten wir Kinder auf den Hof, seinem heranfahrenden Auto entgegen, um ihn zu begrüssen. Mit uns gespielt oder sich länger mit uns unterhalten hat er allerdings nie. Dafür hatte er keine Zeit – und wir waren einfach zu viele.

Erst später, als ich schon im Gymnasium war, hatte ich mehr Kontakt mit meinem Vater.

Glaubst du, dass es auch Vorteile hatte, in so einer grossen Familie aufzuwachsen?
Ich weiss nicht – die Aufmerksamkeit von meinen Eltern hat mir schon immer sehr gefehlt. Wir Kinder waren eigentlich eher auf uns allein gestellt. Ich kannte es quasi gar nicht, eine richtige Familie zu haben, mich dazugehörig zu fühlen.

Mit elf Jahren bist du von Zuhause ausgezogen – warum?
Ich musste unsere Familienwohnung verlassen, um aufs Gymnasium gehen zu können, das weiter weg war. Ich bin dann bei einem Freund meines Vaters untergekommen, der Lehrer war und mich während meiner Schulzeit gut unterstützen konnte.

Lebte der Freund deines Vater, bei dem du eingezogen bist, auch polygam?
Nein, in meinem neuen Zuhause gab es nur einen Vater, eine Mutter und zu jenem Zeitpunkt drei Kinder, die alle jünger waren als ich.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich eine Familie zu haben, mit einer Mama und einem Papa, zu denen ich eine Beziehung aufbauen konnte. Das habe ich als grosses Glück empfunden. Bis heute habe ich zu meinen zweiten Eltern ein gutes Verhältnis.

Du hast deinen Bachelor in Elektrotechnik hier in Deutschland gemacht, lebst und arbeitest hier mittlerweile auch und hast einen Mann und eine Tochter. Auch wenn das in Deutschland rechtlich nicht geht: Könntest du dir im Prinzip vorstellen, polygam zu leben?
Nein, überhaupt nicht. Ich weiss zwar, dass es das in meinem Heimatland noch gibt, dass Männer mehrere Frauen heiraten – aber bei uns in der Familie macht das niemand mehr, zumindest nicht in meiner Generation. Meine Geschwister sind alle in monogamen Beziehungen.

Generell fällt es mir bis heute schwer, über die damalige Zeit in der polygamen Familie zu sprechen. Als ich zu meiner zweiten Familie gekommen bin, habe ich mich noch öfter mit meiner zweiten Mutter über meine Erlebnisse unterhalten. Später habe ich eher versucht, mich von meinen ersten Kindheitsjahren zu distanzieren und nicht mehr viel darüber nachzudenken.

Trotzdem hat mich die Erfahrung, meine ersten Lebensjahre in einer polygamen Familie zu verbringen, natürlich geprägt – vor allem in Hinblick auf meine Tochter. Wir haben eine ganz andere Beziehung zueinander als meine leibliche Mutter und ich damals.

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Inwiefern?
Weil meine Eltern und ich so ein distanziertes Verhältnis hatten, musste ich erst lernen, mit meiner Tochter umzugehen. Ich kann meine Mutter nicht einfach fragen, was sie in bestimmten Situationen tun würde, wie man mit kleinen Kindern umgeht – und ich kann natürlich nicht auf meine eigenen Erinnerungen zurückgreifen. Ich kenne meine leibliche Mutter, wie gesagt, praktisch nicht, dementsprechend kann sie mir kein Vorbild sein.

Ich möchte, dass das für meine Tochter anders wird – ich möchte ihr die Fürsorge bieten, die ich zu Hause nicht hatte. Deswegen lese ich viel zu dem Thema, bin in Foren unterwegs, um mir Rat zu holen, mich zu informieren – ich versuche einfach, mein Bestes zu tun, um eine gute Mama für meine Tochter zu sein.

Ist es dir schwer gefallen, in deine Rolle als Mutter hineinzuwachsen? Wie fühlst du dich heute in dieser Position?
Anfangs ja – aber mittlerweile fällt es mir leichter.

Je älter meine Tochter allerdings wird, umso selbstsicherer werde auch ich – und mittlerweile fühle ich mich ganz wohl in meiner Rolle als Mutter.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 29.09.2019 10:18
    Highlight Highlight Ich habe mal eine Frau aus dem Kongo kennengelernt, die auch in einer solchen Vielehe aufwuchs.
    Eine sehr herzliche und kommunikative Frau, die hier in der dem Kongo so fernen Schweiz ihren Weg gegangen ist und weiter geht, was mir enorm imponiert und mich sofort begeistert hat!
    Wenn ich mir Überlegungen zu MEINEM Vater mache, dann war auch er ein Lebemann und Schürzenjäger, der als Arzt zusätzlich leichtes Spiel hatte bei den Frauen.
    So habe auch ich einige Halbgeschwister, einen Halbbruder ganz sicher und weitere vom Hören sagen.
    Aber richtige BEZIEHUNGEN waren und sind das keine...
  • Isabelle Richter 29.09.2019 08:30
    Highlight Highlight Malicka hatte, basierend auf den familiären Gegebenheiten Glück, dass sie 1. aufs Gymnasium und dann studieren konnte, und 2. tolle zweite Eltern haben durfte. Da hätte einiges schief gehen können. Es freut mich, dass sie es so gut "gebreicht" hat. Es muss komisch sein, die Halbgeschwister nicht gut zu kennen.
  • Mügäli 29.09.2019 08:21
    Highlight Highlight Diese Geschichte zeigt eindrücklich wie unterschiedlich Gesellschaftsformen sein können. Traurig finde ich allerdings, dass diese Tochter nie Liebe oder Zuneigung als Kind erfahren durfte und sie immer noch darunter zu Leiden hat. Es zeigt eben, wie wichtig es ist, dass wenn man ein Kind in die Welt setzt sich auch dessen Verantwortung bewusst ist. Fürsorge und Liebe geben ist unabdingbar. Aber trotzdem eine schöne Geschichte mit Happy- End.
  • Swen Goldpreis 28.09.2019 21:19
    Highlight Highlight Eine Freundin von mir aus Äthiopien hat 21 Halbgeschwister. Dort war es aber tatsächlich so, dass ihr Vater drei von einander unabhängige Familien hatte und als Geschäftsmann zwischen den drei Städten, in den die lebten, hin und herpendelte. Ausgekommen ist dann alles bei der Beerdigung als sehr viel mehr Leute kamen als unsprünglich angekommen wurde.
    • FR90 29.09.2019 09:04
      Highlight Highlight 🤣
  • Maya Eldorado 28.09.2019 16:51
    Highlight Highlight Auch meine beiden Grossmütter kamen aus kinderreichen Familien. Bei der einen waren es 14 Kinder, bei der anderen deren 10. Auch hier hatten die Mütter nicht viel Zeit für die Kinder. Das Loch füllten dann meist die älteren Geschwister, vor allem die Mädchen.

    Ich hatte lange eine Nachbarin aus dem Kosovo. Sie waren 15, sie das älteste Mädchen. Nach 4 Jahren Schule war schluss. Sie musste der Mutter bei ihren jüngeren Geshwistern vollamtlich helfen. 7 der 15 Kinder starben bei der Geburt, im Säuglingsalter oder als Kleinkinder, meist weil einfach kein Geld da war für einen Arztbesuch.
    • Panna cotta 28.09.2019 18:32
      Highlight Highlight @Maya: Dein Kommentar ist "schönes" Beispiel dafür, wie unsäglich sinnlos der Blitz-Knopf ist. Du beschreibst deine unwiderlegbare Erfahrung, und trotzdem fühlt sich der eine oder andere Dödel - frei jeglicher Empathie und einschlägiger Erfahrung - gemüssigt, seinen Lieblingsknopf zu drücken.

      @Watson: Überlegt bitte ernsthaft, die Blitze abzuschaffen. Die Blitzfinger können gerne ihre eigenen Kommentare schreiben.
    • rodolofo 29.09.2019 10:22
      Highlight Highlight @ Panna cotta
      Und was machen die Blitzer dann ohne ihren geliebten Blitz-Knopf?
      Lass denen doch das einzige Vergnügen, das sie noch haben! Sonst müssen sie noch raus gehen auf die Strasse und jemanden erschiessen...
    • Peter Li 29.09.2019 17:32
      Highlight Highlight Blitze sind auch ein Gradmesser von Intelligenz, wenn zum Beispiel Fakten präsentiert werden inklusive Quellen, diese aber nicht dem meist linken Gusto entsprechen kann man eine schöne Blitzsammlung erhalten.
  • Maya Eldorado 28.09.2019 16:47
    Highlight Highlight 1)
    Bei uns gibt und gab es ja die Vielehe nicht. Aber früher gab es auch Familien mit vielen Kindern. Es kam auch immer wieder vor, dass eine Frau am Kindbettfieber oder sonst irgendwie starb. Oft heirateten dann die Väter wieder. So kam es auch, dass es Kinder von mehr als einer Mutter in einer Familie gab.
  • koks 28.09.2019 16:41
    Highlight Highlight Einerseits beklagen unsere Medien gerne den fehlenden Kontakt zwischen Kinder und Vater. Aber wenn, wie diese Woche in Deutschland passiert, die Bundesregierung sich gegen das Wechselmodell als Regelfall auspricht (also die Betreuungsform zwischen getrennten Elternteilen, wo Vater und Mutter gleichermassen und gleichberechtigt die Kinder grossziehen können), dann applaudieren die Medien und verteidigen dies als das beste fürs Kindswohl.
  • DemonCore 28.09.2019 16:04
    Highlight Highlight Danke, sehr interessanter Artikel!
  • Burdleferin 28.09.2019 15:25
    Highlight Highlight Spannend!
    Danke Malicka und watson 😘😘

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