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Wenn ich gross bin, will ich Spiesser werden 

Bild: public domain
Unsere Eltern rebellierten, nahmen Drogen und revolutionierten die Musik. Heute sind ein Abo im Fitnesscenter und eine Wanderung im Oberland die Höhepunkte nach dem Büroalltag. Willkommen im neuen Spiessertum. 
22.06.2017, 20:0223.06.2017, 11:44


Kein Zweifel:

Wir sind die neue Generation Bünzli; wir haben wieder stricken gelernt und kochen unsere eigene Holunder-Marmelade. Wir gehen an einem Wochentag höchstens noch mit einem Tee ins Wohnzimmer statt mit einem Drink in den Club. Das Wochenende gehört dem Wandern in der Region. 

«Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollen wir lieben; aber für das Neue sollen wir eigentlich leben.»
Theodor Fontane

Generation «Hype»

Fontane wusste das schon im 19. Jahrhundert. Es ist ja eigentlich nichts Verwerfliches daran, traditionellen Freuden zu frönen. Wir sind nicht uncool, nur weil wir Fondue lieben. Wir sind nicht langweilig, wenn wir die Sonntage mit Freunden beim Brunch verbringen. Doch relevant für die Einordnung dieser einfachen Freuden des Alltags ist der Kontext. Grüntee ist NICHT das neue It-Getränk. Es ist einfach nur Tee. Brunchen ist NICHT plötzlich Lifestyle. Es ist einfach nur ein ruhiges Wochenende. Mit Betonung auf ruhig. 

Und wenn wir es toll finden, unsere Samstagabende auf dem Balkon zu verbringen, Wanderrouten zu vergleichen und die Sofakissen nach Farben zu ordnen ... dann ist das auch völlig in Ordnung – wenn wir die 50 schon überschritten hätten!

Generation «Kenn-ich-schon»

In den 60ern fuhr man mit dem Bus quer durch Afrika oder Afghanistan. Man nahm Bewusstseinserweiternde Drogen und steckte die eigenen und realen Grenzen neu ab. Heute müssen wir nicht mehr selber in den Himalaya fahren; Google Earth und Instagram bringen uns an jeden Ort der Welt. In Sekunden. Vor dem Frühstück erfahren wir mit einem Blick aufs Handy von dreibeinigen indischen Vögeln und der Entdeckung seltener Kakteen in Patagonien. Wir kennen alle Imbissstände zwischen New York und St.Louis.

Heisst das jetzt, dass alle Lücken gefüllt wurden? Keine Terra Incognita mehr übrig, die es zu entdecken gälte?
Bild: public domain

Generation «Oberfläche»

Und wie sieht's denn mit den Innenwelten aus? Wir entdecken uns kaum noch, in dem wir uns an unserer Umwelt reiben. Nur wenige loten noch ihre Höhenängste aus, indem sie die höchsten Gipfel erklimmen. Die gelten dann als Extrem-Sportler. Weil extrem ist alles, was nicht mit dem Zonen-Abo erreichbar ist. Wir suchen Zustände der Zufriedenheit beim Yoga statt Augenblicke des Glücks. 

Unsere Neugier wird von Mashable und Unilad totgeballert. Die Prioritäten verwischen, wenn wir unser Abendessen nach Instagram-ästhetischen Gesichtspunkten zusammenstellen. Sowenig wie ein BigMac den Hunger stillt, kann ein Reise-Blog unser Bedürfnis nach der Welt befriedigen. 

Generation «Lauwarm»

Die Müdigkeit hat sich als Grundzustand in unsere Generation geschlichen. Wer müde ist, sucht nach einfachen Lösungen, nach Effizienz und emotionalen Mittelwerten. Bloss nicht aufregen, bloss nicht in Sackgassen fahren. Warum sollten wir einer mittelmässigen Fussballmannschaft folgen, wenn wir innert Minuten deren gesamte Spielstatistik der letzten Jahre, die Trefferquoten aller Spieler, deren Sozialverhalten, die ausführliche Vergangenheit der gesamten Trainerbox in Erfahrung bringen können? Dann doch lieber gleich Bayern München gucken. 

«Keiner will mehr ballern, treffen um zu reden;
Keiner macht mehr Malle, alle fahren nach Schweden;
Jeder liebt die Bayern, vor'm Essen beten;
Leben die kleinen Träume, verbrennen die grossen Pläne.»
Marteria, «Kids»

Treffen wir auf neue Menschen, besteht immer die Gefahr, uns selbst zu erkennen. Im persönlichen Gespräch ist der Energieaufwand erheblich höher, als in einer mit Pseudonym geschützten Kommentarsektion. Unser Bier wurde von zahllosen Reviews abgesegnet, die Kartoffeln kommen aus der Region, der Ketchup ist zuckerarm und auf dem Balkon steht natürlich ein Gas-Grill. Denn Kohle erlaubt ja kaum noch eine Hausordnung. Und wer dagegen verstösst, könnte in Kontakt kommen mit den Nachbarn.

Ein Albtraum. Tür zu, Handy auf

bild: public domain
«Alle mähen Rasen, putzen ihre Fenster;
Jeder ist jetzt Zahnarzt, keiner ist mehr Gangster;
Keiner fälscht mehr Stempel, alle gehen schwimmen;
Jeder steht jetzt auf der Liste, niemand geht mehr hin.»
Marteria, «Kids»

Generation «Müdigkeit»

Wir sind müde geworden. Geblendet von der Illusion totaler Information glauben wir alles zu wissen, alles schon mal gesehen zu haben. Wir glauben das Resultat bereits zu kennen und machen uns nicht mal mehr auf den Weg, um vom Gegenteil überrascht zu werden. Warum wir das nicht tun, wissen wir auch nicht, denn über uns selbst haben wir schon lange nicht mehr nachgedacht. Unsere Entscheidungen folgen keinem inneren Antrieb mehr, sondern der TripAdvisor-Bewertung. 

Sicherheit ist Trumpf. Der Abgrund steht für Kontrollverlust und der wiederum ist die Abwesenheit von Sicherheit. Also weg von den unbekannten Tiefen, den Höhen – hin zur Mitte. Wir leben in einer Welt, in der schon ein weiter Horizont erschreckend wirkt, da das Ende noch nicht absehbar ist. Gott sei dank, steht hier überall ein Berg bereit, die Sicht zu beschränken. So bleibt der Tag überblickbar. Wir wissen, was wir tun, wohin wir gehen und was passieren wird. Wir tun es zwar allein und zehren Emotionen aus Social-Media-Likes – aber hey, weh tun kann man sich so ganz bestimmt nicht. 

«Jeder glücklich Zweiter, keiner mehr Verlierer;
Keiner geht mehr klauen, freundlich zum Kassierer;
Alle ziehen aufs Land, in die grosse Stadt nie wieder;
Silbernes Besteck, goldener Retriever.»
Marteria, «Kids»

Marteria findet klare Worte:

Marteria, «Kids».

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