Leben
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Tatort - Alte Männer sterben  nicht (AT)
Lancierungsbild: v.l.n.r. Delia Mayer, Regisseur Dani Levy und Stefan Gubser
2017

Copyright: SRF/Daniel Winkler
NO SALES
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Die Veröffentlichung im Zusammenhang mit Hinweisen auf die Programme von Schweizer Radio und Fernsehen ist honorarfrei  und muss mit dem Quellenhinweis erfolgen. Jede weitere Verwendung ist honorarpflichtig, insbesondere auch der Wiederverkauf. Das Copyright bleibt bei Media Relations SRF. Wir bitten um Belegexemplare. Bei missbräuchlicher Verwendung behält sich das Schweizer Radio und Fernsehen zivil- und strafrechtliche Schritte vor.

Kleider machen Leute. Oder eben nicht. Delia Meyer, Dani Levy und Stefan Gubser bei der Arbeit. Bild: srf/daniel winkler

Gedreht in einem Take – Regisseur Levy über den Schweizer «Tatort» ohne Schönheits-OP

Am 5. August geht die «Tatort»-Saison wieder los. Ausgerechnet mit Luzern. So spektakulär hätten wir Flückiger und Ritschard gern immer gesehen, nicht erst in einem ihrer letzten Fälle.



Es gibt alte Verbrechen und junge Tote. Glitzer, Liebeswirren, schöne Frauen, klassische Musik und Gift, viel Gift. Und alles in Echtzeit, innerhalb von 90 Minuten, an genau einem Ort, von genau einer Kamera gefilmt. Die erste «Tatort»-Folge der neuen Saison heisst «Die Musik stirbt zuletzt». Gedreht wurde sie im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Ein irres Experiment, ein Adrenalin-Akt für die Schauspielerinnen, Schauspieler und 1200 Statisten, ein Triumph für Kamera und Regie, ein krasser Trip für uns alle vor dem Fernseher. Näher dran waren wir noch nie. 

Das Testpublikum der«Tatort»-Nerds im Fanforum tatort-fans.de ist begeistert. Die «Bild»-Zeitung nicht: Regisseur Dani Levy habe den «SchleTaZ», den schlechtesten «Tatort» aller Zeiten, geliefert. Natürlich liegt die «Bild» falsch. 

Dani Levy, Sie sind gerade in Italien in den Sommerferien, seit dem Dreh in Luzern ist es jetzt ein Jahr her. Haben Sie überhaupt noch eine Erinnerung daran?
Ja natürlich! Das war die spannendste, inspirierendste, aufregendste Drehzeit, die ich je erlebt habe. Ich habe Film für mich quasi nochmals neu erfunden, erfühlt, erlernt. Das war eine völlig andersartige Erfahrung als konventionelles Drehen.

Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?
Das war wie der Sprung von einer pedantischen Schulmedizin zu einer ganzheitlichen Körperansicht. Normalerweise sind Filmdrehs minutiös, zäh, langsam, man wartet viel, es ist aufwendig in tausend Details. Manchmal hat es fast schon etwas Wahnhaftes. Für diesen«Tatort» haben wir vier, fünf Wochen lang ganz exakt geprobt, ähnlich wie im Theater. Und dann haben wie vier Mal 90 Minuten durchgedreht. Ohne Unterbrechung. Und dabei gemerkt: Das muss ja alles gar nicht so kompliziert sein! Das kann ja einen totalen Swing haben! Film hat sich da plötzlich als eine wahnsinnig organische Arbeitsform entschlüsselt. Es muss gar nicht dieses Staccato interruptus sein, wie wir das sonst so kennen.

Tatort - Die Musik stirbt zuletzt
SRF Schweizer Film
2018

Regie: Dani Levy
Kamera: Filip Zumbrunn
Produktion: Hugofilm, Christof Neracher

Motiv 3
Tragische Liebe: Elena Princip (Uygar Tamer) und Franky Loving (Andri Schenardi).

Copyright: SRF/Hugofilm
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Zwischen Elena Princip (Uygar Tamer) und Franky Loving (Andri Schenardi) handelt es sich um Love. Irgendwie. Bild: SRF/Hugofilm

Man sieht das auch an den Schauspielerinnen und Schauspielern: Sie wirken äusserst konzentriert, präsent, viel lebendiger als sonst.
Für sie war es genial, dass sie ihre Rollen in einem organischen Verlauf spielen und spüren konnten. Meistens dreht man ja aus dem emotionalen Kontext gerissen irgendeine Szene von weit hinten im Film und danach eine von ganz vorne am gleichen Tag. Was ich zudem mochte, ist, dass sich die Hierarchie zwischen grossen und kleinen Rollen relativiert hat: Die Verantwortung, das Mitdenken für das Funktionieren des ganzen Abends hing an allen gleich stark. Alle waren Teil einer riesigen Maschine und wenn das kleinste Teilchen nicht funktioniert hätte, wäre die Arbeit genau so unterbrochen worden, wie wenn das grösste einen Fehler gemacht hätte.

Dani Levy

Der 60-jährige Regisseur und Schauspieler wuchs im solothurnischen Dornach auf. Er lebt seit gut 40 Jahren in Berlin. 1984 eroberte er das Schweizer TV-Publikum als Küchengehilfe Peperoni in der Serie «Motel». Sein grösster Erfolg war 2004 die Komödie «Alles auf Zucker». 2007 drehte er die Hitler-Komödie «Mein Führer» mit Helge Schneider in der Hauptrolle. Als Nächstes verfilmt er den deutschen Bestseller «Die Känguru-Chroniken».

Auch die beiden Kommissare wirkten frisch, gelöst, enorm direkt.
Ja? Das finde ich auch. So ein One-Take ist ja auch eine One-Chance, die muss man nutzen. Film ist genau genommen ein «Best of» der schauspielerischen Momente: Du schneidest und baust dir von jedem Schauspieler eine Performance zusammen, die er so nie gespielt hat. Was man in unserem «Tatort» sieht, das ist real, das hat genau so stattgefunden. Insofern können Schauspieler vielleicht sogar besser sein, wenn man sie nicht schneidet.

Tatort - Die Musik stirbt zuletzt
SRF Schweizer Film
2018

Regie: Dani Levy
Kamera: Filip Zumbrunn
Produktion: Hugofilm, Christof Neracher

Motiv 10
Ein Rennen gegen die Zeit: Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) ermitteln während eines laufenden Konzertes.

Copyright: SRF/Hugofilm
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Zwischen Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubse) geht es auch hier nicht um Liebe, dafür um Leben und Tod. Bild: SRF/Hugofilm

Also ein «Tatort» ohne Schönheits-OP?
Es ist völlig egal, ob man als Zuschauer diesen One-Take immer realisiert oder mitdenkt – für mich als Regisseur war es toll, einmal einen Film zu machen, bei dem nicht beschissen wird. Das ist kein zusammengestückelter Film, kein Betrug, es wird nicht mit Schnitten über dramaturgische Mängel hinweggetäuscht, es wird nichts übersprungen oder weggeschnitten. Es ist total real.  

Was mich am meisten verblüfft hat, war ...
... ich versteh Sie sehr schlecht, Sie klingen so weit weg!

Ich bin auch weit weg. Entschuldigung! Ist es jetzt besser?
Ja.

Was mich am meisten verblüfft hat, war, dass innerhalb des One-Takes sogar eine Szene in der Vergangenheit möglich ist: Da wird eine Tür geöffnet und dahinter befindet sich die Kindheit einer Figur. Auch das wirkt völlig plausibel und organisch.
Es ist überhaupt nicht zwingend, dass ein One-Take auf einer Zeitebene spielt. Filmemacher sind ja seit es Film gibt von der Kunstform One-Take fasziniert, davon, dass sich filmische Fiktion an reales Erleben annähern kann: Das gab’s schon in den 30er-Jahren, bei Hitchcock, bei Sokurov, bis hin zu Inarritu, der mit «Birdman» einen Oscar gewonnen hat. Und gerade bei «Birdman» war die Arbeit mit den Zeitsprüngen sehr schön zu sehen, innerhalb eines Schwenks war es da im gleichen Raum plötzlich eine Woche später. Man könnte damit noch viel freier umgehen, im Zeitkosmos surfen und den Zuschauer mitsurfen lassen.

Wie muss man sich die Proben vorstellen? Etwa wie im Theater?
Das KKL war für uns erstaunlich zugänglich, es liess uns um seinen laufenden Betrieb herum proben, auch wenn uns gewisse Räumlichkeiten nur während der Mittagspause zur Verfügung standen. Die Proben glichen tatsächlich Theaterproben, mit dem Unterschied, dass immer die Kamera und oft auch der Ton mit dabei waren. Die kannten den ganzen Text bis aufs letzte Komma, gerade der Kameramann Filip Zumbrunn musste in jeder Sekunde wissen, wo im Drehbuch wir uns gerade befanden und sich zu helfen wissen, wenn jemand einen Satz vergass. Ein paar Szenen mussten bis ins letzte sitzen, bei einem Luftröhrenschnitt etwa gibt es keinen Raum für Improvisation. Bei den Live-Auftritten des Orchesters auch nicht.

Tatort - Die Musik stirbt zuletzt
SRF Schweizer Film
2018

Regie: Dani Levy
Kamera: Filip Zumbrunn
Produktion: Hugofilm, Christof Neracher

Motiv 2
Will Gutes tun: Walter Loving (Hans Hollmann) begrüsst die VIP-Gäste zum Benefizkonzert. Im Bildhintergrund: Die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder), der Dirigent Gidon Winternitz (Gottfried Breitfuss) und die Konzertorganisatorin Silvia Bosshardt (Heidi Maria Glössner).

Copyright: SRF/Hugofilm
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Der Mann in Weiss (Hans Hollmann) ist sehr, sehr reich. Wie er zu seinem Geld kam? Schaut selbst. Bild: SRF/Hugofilm

Ihr habt den «Tatort» viermal gedreht. Zweimal auf Schweizerdeutsch und zweimal auf Hochdeutsch. Das heisst, die schweizerdeutsche Fassung läuft auf SRF und die hochdeutsche auf ARD und ORF?
Genau. Der Schweizer «Tatort» leidet ja immer etwas unter dem Problem der Synchronfassung, damit hat er auch in Deutschland unfairerweise einen schweren Stand. Ich hab das 2013 bei meiner Arbeit am «Tatort» «Schmutziger Donnerstag» schon erfahren. In diesem Fall, wo der ganze Film in 90 Minuten abgedreht wurde, haben wir uns entschieden, wir nutzen die einmalige Chance und drehen ihn gleich in zwei Sprachfassungen.

Also, gleichzeitig laufen zwei verschiedene «Tatort»-Fassungen?
Ja. Ein deutscher und einen schweizerdeutscher Originalfilm.  

Und man sieht kleine Unterschiede?
Genau.

Tatort - Die Musik stirbt zuletzt
SRF Schweizer Film
Heidi Maria Glössner als Konzertveranstalterin Silvia Bosshardt
2018

Copyright: SRF/Pascal Mora
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Heidi Maria Glössner ist auch dabei und wie immer eine Augenweide.  Bild: srf/Pascal Mora

Krass.
Die Unterschiede liegen natürlich im Mikroskopischen, nicht im Makroskopischen. Aber im Detail kann man viel sehen, wir sind ja keine Maschinen. Was allerdings an ein Wahnsinnswunder grenzte, war, dass jeder der vier Takes ziemlich genau die vorgeschriebene «Tatort»-Länge von 88 Minuten und 30 Sekunden erreichte. Völlig absurd! Inwendig unterscheiden sie sich alle, aber die Länge stimmt.

War euer Kameramann eigentlich nie am Rand des Wahnsinns?  
Es braucht sehr, sehr, sehr, sehr viel, bis Filip Zumbrunn am Rand des Wahnsinns ist, er hat das sehr genossen. Das ist ein total cooler, sportlicher, «gächer» Typ. Er hat sich eine möglichst leichte Kamera zusammengebaut, dazu eine Vorrichtung umgeschnallt, auf der er die Kamera abstützen und seinen Arm zwischendurch entspannen konnte, er hat auch eine gute Balance und kann sehr gut rückwärts gehen, das ist alles sehr wichtig. Er war sowas wie der Atem des Ganzen, er musste das ganze Timing im Kopf haben und gleichzeitig sehr intuitiv arbeiten. Eine Meisterleistung, wie ich finde.

Geht’s am Sonntag zum Public Viewing?
Ich fahr nach Luzern und schau’s mir dort im KKL an. Klar.

«Die Musik stirbt zuletzt läuft am So, 5. August, auf SRF, ARD und ORF.

Schweizerdeutsche Märchen von einem «Tatort»-Kommissar

abspielen

Video: srf

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Flughund 31.07.2018 20:37
    Highlight Highlight Totart ! 😁😁😁
  • Lucernefan 31.07.2018 16:48
    Highlight Highlight bin gespannt auf den auftritt mit FCL-schal ;))
  • TanookiStormtrooper 31.07.2018 15:44
    Highlight Highlight One-Take Filme sind vom künstlerischen her sicher interessant, aber manchmal für den Zuschauer nicht so spannend. Ich glaube aber nicht so recht, dass hier nicht doch etwas getrickst wurde. Bei alten "One-Take"-Filmen wurde es bestimmt, denn auf so eine Filmrolle passen keine 90min. Auch der angesprochene Birdman ist nicht wirklich in nur einem Take entstanden da muss für einen Schnitt nur mal 1 Sekunde das Licht flackern und schon hat man seinen Schnittpunkt. Ich schau mal rein, normalerweise langweilen mich aber alle Tatorte. Wenn die Bild aber etwas hasst, kann es so schlecht nicht sein. 😜
    • flv 31.07.2018 16:35
      Highlight Highlight Es stimmt, dass bei alten One-Take-Filmen getrickst wurde, auch bei Birdman. Bei diesem Tatort aber wirklich nicht. Ein Arbeitskollege hat als Statist mitgespielt. Da wurde nicht getrickst sondern perfekt getimt und choreografiert.
    • ujay 01.08.2018 06:30
      Highlight Highlight @Eine Tatort Episode dauert genau 88Min 30Sek.
  • miarkei 31.07.2018 13:11
    Highlight Highlight Ich bin gespannt wie der Tatort wird. Ein interessantes Konzept ist es schon mal.
  • teha drey 31.07.2018 11:28
    Highlight Highlight Ich bin sehr sehr gespannt und freue mich wahnsinnig! Aber ein Tipp an Dani Levy und die Schauspieler: Bitte nicht überrascht sein, wenn der Tatort beim Publikum, welches sich jahrelang "normale" Tatorts gewöhnt hat, durchfällt! Ein "One-Take"-Experiment mag ja für Regie, Fans und Kameramann erfüllend sein. Aber TATORT ist dafür eben nicht wirklich geeignet. Trotzdem: Ich drück die Daumen!
    • gupa 31.07.2018 14:24
      Highlight Highlight Tatort ist absolut für sowas geeignet und darum gucke ich auch gerne. Nörgler gibt es immer.

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