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Elternratgeber im Internet und schwarz/weisse Erziehungstipps

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Das Internet rät mir: Sei nett zu deinem Kind und bleib gelassen – oh, supi, danke

Bild: public domain
Big Brother weiss längst, dass ich ein Kind habe. Und erklärt mir jetzt, wie ich es zu erziehen habe, denn: Die Auswertung meiner Bewegungsdaten im Internet führt dazu, dass ich via personalisierte Werbung mit Elternratgeberblogs überhäuft werde. 
10.08.2017, 19:5911.08.2017, 06:40

Big Data ist eine tolle Sache. Dadurch lassen sich viele Abläufe des Alltags individualisieren. Ich muss mir weniger merken und werde effizienter. Doch: Seit ich mal ein Kinderbett gegoogelt habe, begegnen mir überall Artikel und Videos zu positiver Erziehung und wohlwollende Hinweise zur ganzheitlichen Kleinkindernährung. 

Überraschungseffekte, Humor und Gelassenheit!
Die revolutionären Schlüssel zur modernen Kindererziehungsarah zanoni, kreative erziehung

Darin wird dir von lächelnden Frauen «bewiesen», wie einfach es doch ist, einen Superstar grosszuziehen. Und das ganz ohne Tränen, ohne Strafen, ohne sich zu nerven, ohne Zucker und ohne zerbrochenes Geschirr.

Liebe & Logik: Es könnte so einfach sein.Bild: screenshot dynamic counseling services

Also, im Grunde haben diese Frauen ja recht. Ihre Argumentation folgt gesundem Menschenverstand. Dass man ein Kind nicht anschreien sollte, um es dazu zu bringen, nicht mehr zu weinen ... da steckt ja durchaus eine Logik dahinter. Sie erklären dir die Funktionsweise heranreifender Gehirne. Auch hier: tatsächlich interessant.

Aber in keinem Moment wirst du darauf vorbereitet, dass du deine Spezies manchmal hassen wirst. Dass es manchmal hart wird. Dass du versagen wirst. Dass du immer wieder mal weinen wirst. Dass es Tage geben wird, an denen du nicht die Geduld in dir findest, mit unendlichem Wohlwollen, breitem Lächeln im Gesicht und auf Augenhöhe des Kindes kniend, sieben Mal zu wiederholen: 

«Mein geliebtes Goldstück, mein Sternchen, was machen wir nach dem Duschen, damit wir ins Bett gehen können, anstatt wie ein Huhn herumzurennen, deine Geschwister aufzuregen und gegen die Wand zu springen? Jaaaa, genau, der Schlafanzug! Bravo, mein kleines Sternchen. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mir rasch etwas Konfetti aus den Fingern saugen.»
parenting, ratgeber, eltern
Sonnenschein und Zahnpasta-Lächeln: Glück pur.Bild: screenshot personalcreations.com

Des Weiteren unterschlagen die meisten dieser Blogs und Ratgeber anscheinend das wichtige Kapitel mit der Überschrift: «Was jetzt folgt, ist nicht einfach: Probier's einfach und gib dein Bestes.» Auch wird eine grosse Demographie schlicht nicht angesprochen: Familien mit mehr als einem Kind. Sie sind zwar für dich da, wenn es darum geht, den kleinen Karl-Heinz zu beruhigen, der grade einen kleinen Wutanfall schiebt vor seinem Tofu-Gericht ... aber du, du musst dich mit drei kleinen Dämonen rumschlagen. Gleichzeitig.

Einer schreit rum, weil er das Essen ekelhaft findet, der andere erleidet prustend einen Lachanfall, nachdem er sich den Mais in die Nase gesteckt hat und der Grosse spielt Schlagzeug mit dem Besteck ... dieser Lärm ... und dann die Müdigkeit der letzten sechs Jahre, plus deine persönlichen Sorgen: Die liegengebliebene und längst überfällige Büroarbeit, das Loch im Socken, der Partner, der sich mal wieder verspätet, die Waschmaschine, die schon wieder spinnt. Ja, man darf es ruhig zugeben, da wird man schon mal laut. Da sagt man den Monstern schon mal, dass sie lästig seien. Vielleicht schiebt man ja auch noch ein «verdammt» mit rein. 

Kinder erziehen: Ist doch einfach.bild: screenshot family.com

Und jetzt kommt ihr Stepford Wives, verurteilt diese echten Menschen, weil sie nicht «liebevoll» sind. Zeigt ihnen mit eurem gütigen Lächeln, was für schlechte Eltern sie sind. Spammt sie zu mit Facebook-Ads über liebevolle Erziehung und Bildern heulender Kinder, damit sie sich auch richtig schön mies und schuldig fühlen. 

Denn in eurer Ratgeber-Welt ist alles Perfektion und Leichtigkeit. Alles ist schwarz und weiss. Hier bei uns, hier lebt man im Grau.

Aber ein hübsches Grau, in vielen verschiedenen Abstufungen. Mit Höhen und Tiefen. Die ganze vielköpfige Familie. Mit dem Humor der ganzen Truppe und ihren Charakteren. Ihren Geschichten. Da macht man, was man kann, mit dem, was man hat. Und manchmal ist das Wut. Und manchmal Müdigkeit. Aber auch Liebe. Und Worte. Worte wie: «Entschuldige» und «Ich bemühe mich», und «Ich beruhige mich gleich wieder». 

Denn tatsächlich, so ist es. Hier, in unserer Welt, hier probiert man. Man scheitert mal und dann beginnt man von Neuem. Man zweifelt und gesteht die eigenen Fehler den Kindern. Man erklärt ihnen, dass manchmal auch die Erwachsenen nicht alles hinkriegen. Aber dass man dran arbeitet. 

Und man sagt ihnen auch und besonders, dass man sie liebt. So wie sie sind ... in all ihren Grautönen.

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Menel
10.08.2017 20:28registriert Februar 2015
Mein Credo nach 16 Jahren Mama-Dasein "Probiere nicht perfekt zu sein, sei gut genug!"

Ich liebe meine Kinder über alles. Aber auch sie brachten mich oft an meine Grenzen und darüber hinaus.
Meine Reaktionen waren sicher oft nicht die besten, aber ich habe mich immer entschuldigt bei meinen Kindern, wenn ich ihnen damit unrecht tat.

Dass sich meine 3jährige mal vor mir aufgebaut hat, als ich gerade gestresst am rumschreien war, und meinte "Mama, gaaaanz ruuuhig!" zeigte mir, dass mich meine Kinder in den Momenten auch nicht ernst nahmen; zurecht 😅
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Toerpe Zwerg
10.08.2017 23:10registriert Februar 2014
Klingt ziemlich ideal für mich. Vergessen Sie die Ratgeber. Imperfektion, Ehrlichkeit und Authentizität sind das Beste, was einem Kind widerfahren kann, solange ihm bedingunglose Zuneigung gewiss ist.

Dazu gehören selbstverständlich auch Wutausbrüche inklusive Fluchen und kleinere Nervenzusammenbrüche. Kinder können das sehr gut einordnen und sie brauchen menschliche Vorbilder und keine Pädagogen als Eltern.
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frohwanda
10.08.2017 20:53registriert Dezember 2016
trial and error gehören schliesslich zusammen....
schöner, sehr ehrlicher beitrag - danke!
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«Sie sind beleidigt, weil sie die Schweizer Flagge als Nazi-Flagge missbraucht sehen»
«Mad Heidi» ist die wohl ungewöhnlichste Schweizer Produktion in diesem Jahr. Doch wird der Exploitation-Film dem Hype gerecht? Regisseur Johannes Hartmann und Produzent Valentin Greutert erzählen von den Widrigkeiten im Vorfeld – und warum für ihren Film die Streamingdienste tödlich gewesen wären.

Bereits die Prämisse von «Mad Heidi» dürfte bei manch besonnenem Schweizer Kinogänger die Ohren zum Klingen bringen. Hier soll unserem Nationalheiligtum Heidi mit brachialer Gewalt, einer Portion Trash und einem Angriff auf die Lachmuskeln zu Leibe gerückt werden. Die heile helvetische Welt ist in «Mad Heidi» der Diktatur eines Käse-Magnaten (gespielt von B-Movie-Ikone Casper Van Dien) gewichen, der einen enormen Hass auf Menschen mit Laktoseintoleranz hegt.

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