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Den «unbekannten» Hotzenplotz kannst du seit 50 Jahren lesen (wir sagen dir auch, wo)

Als «Sensation» wird das neu aufgetauchte Hotzenplotz-Manuskript angekündigt. Wer will, kann es aber bereits seit 50 Jahren lesen.

Anna Kardos / Nordwestschweiz



Er gehörte nicht gerade zu jenen, die kommen wie gerufen: der Räuber Hotzenplotz. Zumindest früher nicht. Davon konnte seinerzeit die Grossmutter ein Liedchen singen, die er wie aus dem Nichts überfiel und dreist ihre musizierende Kaffeemühle raubte. Und davon konnte nicht zuletzt Autor Otfried Preussler ein Lied singen. Er hatte es ursprünglich bei einem singulären Auftritt des bärbeissigen Räubers bewenden lassen wollen.

Hotzenplotz

Der wohl beliebteste Räuber versteckt sich gerne – auch in alten Ausgaben. Bild: zvg

Nachdem Hotzenplotz am Ende des Buches «Der Räuber Hotzenplotz» tatsächlich dingfest gemacht ist und hinter Gittern sitzt, hätte das beinahe auch wunderbar geklappt.

Mehrere Leser meldeten bei Verlag und Medien, dass sie die «neue» Hotzenplotz-Geschichte bereits kennen. Und das seit knapp fünfzig Jahren.

Doch Preussler hatte die Rechnung ohne die Kinder gemacht: Sie wollten partout nicht schon nach einem Buch vom Räuber lassen. Also schrieb Preussler sieben Jahre nach «Der Räuber Hotzenplotz» (1962) «Neues vom Räuber Hotzenplotz» (1969). Aber selbst damit war noch nicht ausgehotzenplotzt.

Tatsächlich hatte der Autor nämlich im zweiten Buch die Figur des Dackels Wasti aus seinem temporären Verzauberungszustand in ein Krokodil nicht in den originalen Dackelzustand zurückversetzt.

Und da eine Kindergeschichte mit Hand und Fuss nicht so enden kann, blieb dem kinderliebenden Preussler nichts anderes übrig, als sich unter dem Titel «Hotzenplotz 3» auf eine dritte Begegnung mit seiner säbelrasselnden Figur einzulassen, obwohl er ansonsten Bücher lieber nur einmal, aber richtig schrieb, etwa die «Kleine Hexe» oder den «Kleinen Wassermann».

Hotzenplotz kommt wie gerufen

Seit Neuestem sieht das mit dem ungerufenen Hotzenplotz fundamental anders aus. Schon Preusslers kleine Hexe und der kleine Wassermann durften nach dem Tod des Autors noch einmal erscheinen: als Bilderbuchbearbeitungen kurzer Episoden.

Riecht dieses Vorgehen nicht nach Vermarktung? «So kann man das nicht sagen», verneint Kinder- und Jugendmedienforscherin Christine Lötscher: «Natürlich haben Medienverbünde, in denen ein Stoff als Hörspiel, Film, Spiel und in Form von Merchandising-Artikeln und Bilderbüchern auftaucht, einen stark kommerziellen Aspekt. Doch darin spiegelt sich die Verwobenheit unserer Medienkulturen ins Kommerzielle».

Solche Medienverbünde machten gemäss der Jugendliteraturforscherin Stoffe für viele Kinder zugänglich, die keine Leserinnen und Leser als Eltern haben, was vom Standpunkt der Leseförderung aus gesehen ein Vorteil sei. «Und wenn viele Kinder den Räuber Hotzenplotz oder das Kleine Gespenst kennen, haben sie die Möglichkeit, daraus eine gemeinsam geteilte Spielwelt zu schaffen», fasst Lötscher die Vorteile zusammen.

Zu diesen geteilten Spielwelten stösst nun ein grosser Wald mitsamt eines wohlbekannten bärtigen Halunken: Der Räuber Hotzenplotz. Über fünf Jahre nach dem Tod seines Erfinders und ganze 45 Jahre nach seinem letzten Erscheinen hat die Tochter des Autors, Susanne Preussler-Bitsch, im Nachlass ihres Vaters ein viertes Manuskript gefunden: «Die Fahrt zum Mond».

Damit tritt der merkwürdige Fall ein: Es gibt ein Manuskript, aber keinen Autor mehr. Was tun: Veröffentlichen oder zurückbehalten? Gibt es eine Art Nachlass-Knigge oder -Kodex für Nachkommen und Verlage? «Man muss von Fall zu Fall entscheiden», meint Christine Lötscher. «Jedenfalls kann man einem Verlag nicht verbieten, Bücher zu publizieren und Geld verdienen zu wollen – auch hier: Kultur und Kommerz lassen sich beim besten Willen nicht auseinanderdröseln.»

Das Cover des «neuen» Hotzenplotzes 

Hotzenplotz

Otfried Preussler und Susanne Preussler-Bitsch: «Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete». Thienemann. 64 Seiten. Bild: zvg

Umgekehrt ist das Zusammendröseln in Medienverbünden gang und gäbe: Darum wird, was Preussler vor 50 Jahren als Theaterstück konzipierte, demnächst als vierter Band der Hotzenplotz-Bücher in Form eines «erzählten Kasperltheaters» erscheinen. Bearbeitet hat den Text Preusslers Tochter Susanne Preussler-Bitsch.

Riesiges Echo mit Überraschung

Die Nachricht von Hotzenplotz’ Rückkehr verbreitete sich derart lauffeuerartig, dass der Thienemann-Verlag ob des gewaltigen Echos den Erscheinungstermin von Mitte Juli auf kommenden Freitag vorzieht.

Das Echo brachte allerdings auch etwas anderes zutage: Mehrere Leser meldeten bei Verlag und Medien, dass sie die «neue» Hotzenplotz-Geschichte bereits kennen. Und das seit knapp fünfzig Jahren.

Damals erschien das Kasperlheater-Manuskript bereits zweimal in Sammelbänden: Einmal in «Thienemanns Theaterstücke. Puppenspiele 9» sowie in «Das grosse Reader’s Digest Jugendbuch 10» unter dem Titel «Die Fahrt zum Mond». Ein kleines Münchner Theater führt das Stück noch immer regelmässig auf.

Vorsicht, Gold!

Jene, die mit Hotzenplotz aufgewachsen sind, mögen sich angesichts des neu-alten Hotzenplotzes seltsam an die berüchtigte Räuberfalle von Seppel und Kasperl erinnert fühlen. Hatten die beiden nicht in grossen Lettern «Vorsicht, Gold» auf eine mit Sand gefüllte Kiste gepinselt? Und ist ihr bärtiger Gegenspieler Hotzenplotz ihnen nicht aufs Schönste auf den Leim gegangen?

Wenn nun der Thienemann- Verlag auf seiner Homepage die Neuerscheinung mit «Sensation» betitelt, fehlt nur noch «Vorsicht» – und schon tappen wir Leser in die Neuigkeiten-Falle.

Doch dass der Inhalt der Kiste nicht neu ist, will man beim Thienemann-Verlag offenbar nicht bemerkt haben, auch Tochter Susanne Preussler-Bitsch sei vom Umstand überrascht.

Im Nachlass sei der Text nicht mit dem Vermerk «erschienen» gekennzeichnet. Und zudem fehlte offenbar im Titel beider Veröffentlichungen der Name Otfried Preusslers, weshalb man nicht früher auf die existierenden Erscheinungen gestossen sei.

Der Neubau der Zentralbibliothek Zuerich, am Dienstag, 13. Dezember 2016, in Zuerich. Die Zentralbibliothek Zuerich feiert mit dieses Jahr mit Konzerten, Ausstellungen und Veranstaltungen ihr hundertjaehriges Bestehen. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Hier gibts den «neuen» Hotzenplotz bereits zu lesen: die Zentralbibliothe Zürich Bild: KEYSTONE

Zwar nicht auf Räuberjagd, aber auf Manuskripte-Jagd hat sich auch die schreibende Journalistin begeben und schon mal für Sie im neu-alten Hotzenplotz geschmökert. Der Inhalt wird hier nicht verraten.

Aber für Neugierige liegt das Ende Mai erscheinende Abenteuer in Bibliotheken mit Archivfunktion zum Lesen bereit – unter anderem in der Zürcher Zentralbibliothek. Wo es unter der Signatur «Jug PS 103» greifbar ist – selbstverständlich seit knapp 50 Jahren.

Zu fragen bleibt: Ist wirklich nur Gold, was neu ist? Oder rostet nebst alter Liebe auch ein alter Hotzenplotz nicht? (aargauerzeitung.ch)

Aber, wie gut kennst du den Hotzenplotz eigentlich? Stell dich dem Quiz

Fragst du dich, warum du überall neuen AGB zustimmen musst?

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