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Wieso die Heten plötzlich die Homo-Kultur abfeiern? Die Antwort heisst «RuPaul»

Bild via rupaul.com/ bearbeitung: watson

2009 startete «RuPaul's Drag Race». Heute Donnerstag läuft das Finale der zehnten Staffel. Eine kleine Geschichte der Geschlechterparodie – und wie ein afroamerikanischer Theaterstudent den Heteros die Homos schmackhaft machte. 

28.06.18, 17:36 29.06.18, 06:16


«Herrschaften, starten Sie Ihre Motoren und möge anschliessend die beste Frau gewinnen.»

RuPaul, vor Beginn jeder Challenge

Das Konzept ist lustvoll und ganz einfach. Eigentlich. Trotzdem verdreht es dem einen und der anderen die normverseuchten Hirnzellen: Die beste Frau gewinnt. Egal ob mit Vulva oder Penis, beidem oder gar nichts. Die beste Frau ist eine Inszenierung. Eine Erfindung der Kultur. Und mit «beste» ist in diesem Fall oft die schrillste, übertriebenste, dramatischste oder bezauberndste Dame gemeint. Und mit Dame meinen wir selbstverständlich «Dragqueen».

Ein Wort, das während der letzten Jahrzehnten entweder unwissende Gleichgültigkeit oder homophobe Aggression im ungeschulten Denken heterosexueller Zeitgenossen hervorrief.

Viele homophile Anhänger der gegengeschlechtlichen Liebe mögen dieser Behauptung nun Unfairness vorwerfen. Denn mittlerweile schnellen beim Wort «Drag» auch die Hetero-Herzen hoch. Schliesslich wurden sie mittlerweile über die queere Kultur aufgeklärt und der Lehrmeister, der diese Bildungsrevolution angezettelt hat, nennt sich Rupaul.  

RuPaul ist eine der berühmtesten Dragqueens der westlichen Popkultur. Sie arbeitet als Popsängerin und moderiert eine Castingshow für Dragqueens.   bild: David Shankbone/ wikimedia

1960 in San Diego geboren, wusste er schon immer, dass die Revolution, für die er einmal verantwortlich sein wird, eine schillernde sein wird. Und dass Kunstlicht, Pailletten und Mascara bei diesem Unterfangen wichtige Rollen spielen werden, war für den flamboyanten Afroamerikaner auch schon von Kindesalter an eine feste Tatsache. Es heisst, seine Mutter hätte ihn nach Geburt in die Arme genommen und vor sich hin gebrummt:

«Dieser Junge wird ein Star. Denn da draussen wird es keinen anderen Motherfucker geben, der so einen abgefreakten Namen wie Rupaul trägt.»

via «rollingstone»

Es dauerte 33 Jahre bis aus Rupaul, einem schwulen Theaterstudenten, RuPaul, die erste Dragqueen mit einem MTV-Musikvideo-Hit wurde. Mit «Supermodel (You Better Work)» landete der Travestie-Künstler 1993 einen Coup.

RuPauls erster Streich: «Supermodel (You Better Work)»

Video: YouTube/Telegenics

In einer Zeit, in der Gangsta-Rap und Grunge die Charts dominierten, war ein schwarzer Typ im Fummel untermauert von – naja, eher unspektakulären – Disco-Dance-Beats eine unerwartete Erfolgsgeschichte.

Auf den Musik-Hit folgte die eigene Talkshow mit über 100 Episoden. Ein kleiner Oprah-Winfrey-Abklatsch: Promis werden interviewt, gegenseitige Liebe wird proklamiert und selbstironische Schwulenwitze im Minutentakt zum Besten gegeben. Dem amerikanischen Trash-TV-Publikum präsentierte sich jemand, der sehr genau wie das aussieht, was die Porno-Industrie heterosexuellen Männern als «exotisches» Sexobjekt verkauft. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Person im TV zwar angezogen war, gleichzeitig jedoch offen und frivol darüber sprach, was gerade mit Gaffa-Tape an ihre inneren Oberschenkel befestigt wurde: ein Penis.

«Du kannst mir ‹er› hinterherrufen, du kannst mir ‹sie› hinterherrufen. Du kannst mir ‹Regis› und ‹Kathie Lee› hinterherrufen; ist mir alles egal! Solange du mir hinterherrufst.»

Mit provokativen Auftritten, nicht nur in der eigenen Talk-Show, sondern auch in zahlreichen Filmen und Serien, schaffte es RuPaul, die engen Geschlechter-Vorstellungen der amerikanischen Mittelschicht herauszufordern. Nachdem die Travestiekunst während des gesamten 20. Jahrhunderts im schwulen Untergrund, an geheimen Lesbenbällen, in unbekannten Szenentreffs schlummerte, war Drag plötzlich ein fester Teil der kommerziellen Unterhaltungsbranche.

via giphy

Zumindest in den USA. Der europäische Mainstream tat sich mit dem theatralischen Geschlechterspiel noch schwer – vorerst. Seit ein paar Jahren flimmern auch hierzulande schillernde Dragqueens über den TV. Das «SRF» zeigte letzen Herbst in ihrem doch sehr bürgerlichen «Bi de Lüt»-Spinoff namens «Fiirabig» eine Dragqueen beim dienstäglichen Chanson-Auftritt.

Tobias Urech als Mona Gamie. screenshot: srf

Auch das Pendlerblatt «20 Minuten» widmete erst kürzlich seine Frontseite zwei jungen Drag-Künstlern.

bild: 20 minuten

Und so hat auch schon watson ein Video mit der Bratsche spielenden Vicky Goldfinger aufgepeppt. 

Video: watson/Gregor Stäheli, Angelina Graf, Emily Engkent, Vicky Goldfinger

Dass die Travestie als Kunstform nun auch hierzulande in aller Munde ist, führen viele wiederum auf RuPaul zurück. Natürlich, da war auch noch Conchita Wurst. Die Kunstfigur, mit der Tomas Neuwirth 2014 den Eurovision Song Contest gewonnen hat.

Tim Neuwirth als Conchita Wurst beim Finale des Eurovision Song Contest im Jahr 2014. Bild: EPA/SCANPIX DENMARK

Doch im Gegensatz zu Neuwirth nahm RuPaul die Hetero-Gesellschaft stets bei der Hand und zeigte ihnen jeden kleinsten Aspekt der Drag-Kunst. Nicht nur, weil er aufklären wollte, sondern weil man damit auch gutes Geld verdienen kann.

Einige negative Schlagzeilen über die Kommerzialisierung der Sendung. screenshots: pd

2009 startete er mit «RuPaul's Drag Race». Momentan läuft die zehnte Staffel der Castingshow, in der RuPaul nach neuen Drag-Superstars sucht. Dieses Jahr krönt er bereits zum zehnten Mal die beste Queen. Nun fragt man sich, was braucht jemand zum Drag-Meister? Ausser einen sexy Fummel und massenhaft Theaterschminke? RuPauls Antwort auf diese Frage würde wohl in etwa so lauten:

«Honey, you better learn ...»

RuPaul, wenn auch immer jemand keine Antwort weiss 

Fangen wir doch einmal bei der Begriffsgeschichte an. Über die Entstehung des Begriffs «Drag» scheiden sich nämlich die Geister. Im Englischen hat das Wort denn auch mehrere Bedeutungen. Im mechanischen Fachjargon bedeutet es Widerstand. Umgangssprachlich wird es oft als Bezeichnung für einen «Fummel» genutzt. Viele sehen im Wort Drag aber auch ein Akronym, das für dressed as girl oder im Falle von Dragkings für dressed as guy stehen soll.

Am besten fasst es wohl ein Zitat von RuPaul herself zusammen. Natürlich hat die Dragqueen aus diesem schlauen Satz eine Hit-Single gemacht:

«You were born naked and the rest is drag!»

Aus der Hit-Single «Born Naked» (2014)

Hier das Musikvideo dazu. Video: YouTube/WOWPresents

So simpel dieser Satz auch klingt, fasst er zusammen, was die Gender-Philosophin Judith Butler in ihrem Werk «Das Unbehagen der Geschlechter» über 236 Seiten zu erklären versucht: Geschlecht ist eine Inszenierung. Eine Ansammlung unnatürlicher, aber kultureller Codes, die wir aufzuführen lernen.

Und die Dragqueens in RuPauls Sendung wollen ihrem Idol zeigen, wie gut sie das können; die Codes aufzuführen, sie zu überspitzen, ihre absurde Künstlichkeit aufzuzeigen. Weiblichkeit als Konstruktion. Sie tun das in übertriebenen Motto-Modeschauen (Unicorn-Realness, Rollerblade-Eleganza-Extravaganza, Princess-Fantasy), in komödiantischen Sketches oder in ausufernden Playback-Shows. Oft tut der Bauch weh, vom Lachen über die Absurdität der klischierten Darstellungen.

Hier ein Beispiel ...

In dieser Challenge mussten die Queens eine legendäre Pop-Ikone nachspielen und einen von RuPauls Hitsongs im Stil der jeweiligen Sängerin performen. Video: YouTube/RPDR fan

Es können aber nicht alle mitlachen. Immer wieder hagelt es harsche Kritik aus feministischen Kreisen. Es wird zum Beispiel festgestellt, dass RuPauls Dragqueens Weiblichkeit auf unreflektierte Weise zelebrieren und sich dabei keine Gedanken darüber machen, auf welche Art und Weise Frauen jenseits der Dragqueen-Bühne strukturell diskriminiert werden.

Des Weiteren wirft man RuPaul selbst vor, er habe das radikale Potential einer queeren Kultur derart perfide vermarktet, dass sie Gefahr läuft, ihre subversive Kraft zu verlieren. Denn ausser für schwule Männer, die sich gerne als Frauen präsentieren, hat RuPaul nicht wirklich viel übrig für all den ganzen Rest der LGBT-Community.

In der neunten Staffel hat sich die Dragqueen Peppermint als Transfrau geoutet. RuPaul meinte später in einem Interview, das sei ja schon okay. Irgendwie dann aber auch nicht. Er meinte, eine Transfrau, die Drag macht, sei wie ein Sportler, der Dopingmittel schluckt.

Ein fataler Denkfehler, der die Dragqueen bei dem ganzen Gerede von der Bildungsrevolution für alle Heteros selbst als schwuler Mann mit queerer Bildungslücke outet.

via giphy

Wer sowas sagt, hat die politische Essenz von Drag nämlich nicht verstanden. Drag ist nicht darauf beschränkt, dass sich Männer temporär in Frauen und Frauen temporär in Männer verwandeln. Drag hat nichts damit zu tun wie sich eine Person identifiziert, sondern wie sie sich in einem bestimmten Setting gibt. 

Drag ist in erster Linie ein Spiel mit geschlechtlichem Ausdruck und nicht mit geschlechtlicher Identität. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Identität sitzt zwischen den Ohren und Expression ist, wie wir uns der Gesellschaft präsentieren. Frauen können Hosen und Hemden tragen und sind deshalb noch keine Männer. Männer können Röcke anziehen und sich eine Tonne Schminke ins Gesicht schmieren – solange sie sich als Männer definieren, sind sie als solches ernst zu nehmen.

Wer Drag macht, eignet sich für kurze Zeit einen Stereotyp an und übertreibt diesen in einem derart hohen Masse, dass uns allen klar wird: Kleider, Schminke, Gangart und vieles mehr – das ist alles fake. Ganz nach dem Motto: Nackt geboren und von da an ist alles Drag –  alles unecht, alles Kultur, alles Show. 

Alle Bedürfnisse bedient

Doch die Show wird platt, wenn man sie darauf beschränkt, dass diese subversive Kunstform ausschliesslich von schwulen Männern praktiziert werden darf. In diesem Fall geht es lediglich um die Sensationslust. Um den Wow-Effekt der bei der Verwandlung vom nicht ganz perfekten Mann zur überaus perfekten Frau. Und da stellt sich schliesslich dann doch die zynische Frage, ob so ein Format, stereotypische Bilder nicht eher reproduziert, als dass es sie auflöst. 

via giphy

Die Mehrheit des Drag Race-Publikums meint immer noch, dass letzteres der Fall ist. Denn trotz aller berechtigter Kritik, darf man RuPauls Sendung nicht völlig verteufeln. Sie geniesst einen unvergleichbaren Erfolg, indem sie grundsätzlich alle Bedürfnisse eines durchschnittlichen Trash-Reality-Casting-Fans bedient: Ein paar Nervenzusammenbrüche, ein paar fiese Beleidigungen, Drama, ein klein wenig Fremdscham.

Und gleichzeitig – und das ist sehr selten – schafft es das Format, seine Teilnehmer nicht autoritär zur Optimierung zu treiben, wie es Heidi Klum etwa schon seit zwölf Jahren bei «Germany's Next Topmodel» tut. Viel mehr erhält man bei RuPaul den Eindruck, Zeuge eines Community-Treffens zu sein, dessen Angehörige zufälligerweise gerade einen Wettbewerb veranstalten.

Von Netflix ins Bergtal

RuPaul hat Drag aus dem Untergrund in den Mainstream gebracht. Und damit der (let's face the fact: mehrheitlich heterosexuellen) Gesellschaft gezeigt, dass es sexuelle Minderheiten noch immer verdammt hart haben und dass das Geschlecht oft nichts weiteres als eine Illusion ist, die man mit Highlighter, Lippenstift und glitzernden Overalls eigentlich auf jeden Körper projizieren kann. 

Und spätestens seit die Sendung auf Netflix läuft, sollten das im besten Fall auch die Heten eines jeden Schweizer Bergtals mitbekommen haben.

  via giphy

Tel Aviv ist das neue Mekka der Drag Queens

Und sowieso: Auch Männer können Make-Up tragen. Ohne Drag.

Video: Angelina Graf

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 01.07.2018 16:43
    Highlight Wow! Schöne Frau!
    0 0 Melden
  • infomann 30.06.2018 13:22
    Highlight Die schönsten Frauen sind Männer....grins
    5 2 Melden
  • dding 29.06.2018 20:37
    Highlight Bitte hört doch mal auf diese peinliche Randszene zu Hypen.
    11 23 Melden
    • Fabio74 30.06.2018 13:49
      Highlight und warum? Wenn es Leute wie dich stört, dass es diese "Szene" gibt, dann lies nichts drüber, schau keine Videos davon und geh nicht in diese Szene
      9 2 Melden
  • Alioth 29.06.2018 16:50
    Highlight Dragshows kann man mögen oder nicht, was mich daran jedoch stört, ist der subtile Sexismus. Es sei ein Spiel mit den Geschlechterrollen, heisst es. Doch komischerweise sind es fast ausnahmslos Männer, die fast ausnahmslos die weibliche Geschlechterrolle parodieren. Wenn ein Weisser sich im Gesicht schwarz schminkt und zur Belustigung anderer Weisser die Karikatur eines Schwarzen spielt, sind wir uns einig, dass dies rassistisch ist. Wenn ein Mann sich einen Fummel anzieht und zur Belustigung anderer Männer die Karikatur einer Frau spielt, wollen jedoch viele den Sexismus dahinter nicht sehen.
    11 27 Melden
    • Tom5562 01.07.2018 01:11
      Highlight Finde ich einen spannenden Gedanken. Aber ich glaube der grosse Unterschied zu so etwas Deplaziertem wie "Blackface" ist, dass es bei Drag nicht darum geht, über das Weibliche zu lachen oder es zu karikieren. Es ist eine Überhöhung und letztendlich eine Ehrerbietung an das Weibliche. Zumindest ist das der "Spirit" der Drag Queens, die ich kenne. Gerade in Deutschland ist Drag viel mehr Varieté denn Klamauk. Drag generell als sexistisch einzustufen, finde ich falsch.
      1 0 Melden
    • Alioth 01.07.2018 17:12
      Highlight Naja, aber warum muss es immer so eine überzeichnete, völlig ins Kitschige abdriftende „Weiblichkeit“ sein, wie sie bei den echten Frauen glücklicherweise spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts völlig passé ist? Es wirkt einfach nur noch wie eine schlechte Parodie.
      2 0 Melden
  • Waedliman 29.06.2018 10:14
    Highlight RuPaul ist als Frau mit Mitte 50 einfach bezaubernd anzusehen. In Interviews ein bescheidener und reflektierter Mann, der was zu sagen hat. Ob die Show reines Kalkül ist oder einfach nur gute Unterhaltung, kann jeder selbst entscheiden. Die hysterischen Kerls am Rande des Nervenzusammenbruchs amüsieren und fesseln mich seit 10 Jahren und ich hoffe, dass es einfach so weitergeht.
    17 7 Melden
  • Matti_St 29.06.2018 08:37
    Highlight War schön irgendwann in den 80er im deutschen Raum sehr erfolgreich.
    Nicht alles ist neu.
    19 2 Melden
  • mrmikech 28.06.2018 22:04
    Highlight Jeder soll machen was er will, macht das leben interessanter.

    PS Bei rupaul und am pride sind die drag queens zwar meist schwule männer, durchschnittlich sind es aber heteromänner die sich gerne in drag zeigen.
    16 3 Melden
    • Dr. B. Servisser 29.06.2018 18:25
      Highlight Ist das so? Ich kenne Drag nur aus der Gay-Szene.
      9 5 Melden
  • Ale Ice 28.06.2018 21:46
    Highlight Kluger, differenzierter und süffiger Artikel.
    7 13 Melden
    • Ale Ice 29.06.2018 09:00
      Highlight Und dank RuPaul bin ich auf Sasha Velour aufmerksam geworden. 😍
      13 4 Melden
  • jjjj 28.06.2018 17:57
    Highlight Millennials die ihre Generation überschätzen, bzw die Vergangenheit ignorieren... 🙈
    Priscilla - Queen of the Desert hat das Thema zB schon 1994 in den Mainstream gebracht... just saying...
    56 5 Melden

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