Leben
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Liebe Kopfmenschen, auch euer Bauch hat etwas zu sagen

Bild: unsplash

Das Bauchgefühl ist essenziell für unsere Gesundheit. Ein subjektiver Erfahrungsbericht mit objektiven Bemühungen.



Wieso heiraten Menschen? Wachen sie irgendwann einfach mit dem Gefühl auf, dass sie richtig Bock auf ein Fest haben, für das sie zwei Monatsgehälter aufbringen wollen? Oder denken sie sich: «Ach, komm, Markus/Lara eignet sich schon dazu …» – Wo liegt da der Sinn?

Wahrscheinlich gibt es keinen.

Denn so eine Entscheidung wird oft aus dem Bauch heraus getroffen. Und ist deshalb für Kopfmenschen nicht so leicht nachzuvollziehen. Denn diese Menschen vertrauen ihren Bäuchen oft ein bisschen zu wenig. Ich gehöre auch dazu. Zu oft hat mich mein Bauch schon in dumme Situationen gebracht. Sodass ich irgendwann entschieden habe, dem Körperteil in der höheren Etage mein Vertrauen zu schenken: dem Kopf.

Wenn Gefühle allein die Oberhand haben

Ein Chaos. bild: shutterstock

Schon als Kind war es mein Bauch, der mir einflösste, dass mein Nasenbluten vielleicht, nein ganz sicher, von einer HIV-Infektion kommt. Obwohl ich damals noch Jungfrau war.

Meiner Körpermitte habe ich auch zu verdanken, dass ich jahrelang dachte, ich hasse das Spiel UNO. Weil ich ein Mal darin verlor.

Es mag blöd klingen, aber in vielen Momenten waren Meinungen wie diese meine Wahrheit. Es fühlte sich so an, also ist es auch so. Mein Bauch war mein Gott. Aber ich lernte. Zum Beispiel dass UNO ein reines Glücksspiel ist, dass böse Blicke nicht immer böse gemeint sind, dass Flugzeuge nicht immer abstürzen, und dass sich nicht hinter jedem «Aua» eine schlimme Krankheit versteckt. Ich eignete mir die Fähigkeiten an, zu abstrahieren, zu reflektieren und zu kontextualisieren. Ich begriff die Macht meines Kopfes. 

Und von da an diskreditierte ich meinen Bauch. Als ein gefühlsduseliges, irrationales Gespenst, dem es nicht zu vertrauen gilt und welches nichts als Probleme erbringt. 

Am meisten bereut man die Entscheidungen, die man nicht getroffen hat.

Deutsche Redensart

Was jedoch passiert, wenn Entscheidungen rein aus dem Kopf getroffen werden, illustriert das Beispiel vom sogenannten «Patient Elliot» auf drastische Weise. Elliot war der Patient des portugiesischen Neurowissenschaftlers António Damásio. Aufgrund eines Gehirntumors wurde ihm ein Teil des Stirnlappens entfernt. Die Operation verlief erfolgreich und Elliot war nach seiner Genesung genauso intelligent wie vorher. Dennoch konnte er seinem Job nicht mehr nachgehen. Er verzettelte sich schon bei der kleinsten Entscheidung, grübelte Ewigkeiten herum und endete trotzdem immer bei einem willkürlichen Entscheid. Der Grund: Für Elliot fühlte sich jede Entscheidung gleich an. Nach nichts.

In weiteren Untersuchungen fand man heraus, dass Elliots gesamtes Gefühlszentrum bei der Operation abhanden gekommen war. Der Kommunikationsstrang zwischen «Bauch» und «Kopf» war weg. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, trotz aller Intelligenz, war futsch.

Wenn der Kopf allein die Oberhand hat

Der Fall Elliot zeigt, dass Gefühls- und Verstandsentscheide nicht zwei paar Schuhe sind. Viel mehr stehen die beiden Wahrnehmungswelten in einem Kontinuum zueinander. Das eine oder andere auszublenden, wäre ein fataler Fehler. 

Das habe auch ich in meiner «Mein-Kopf-ist-mein-einziger-Entscheidungsbuddy»-Phase gemerkt. Einseitige Entschlüsse bedingen langfristig gesehen das Unwohlsein der anderen Seite. Denn im Gegensatz zu Patient Eliott ist mein Gefühlszentrum noch vorhanden. Ich habe es bloss über Jahre hinweg radikal ignoriert.

Das ging soweit, dass ich mich mit Menschen traf, weil ich wusste, dass soziale Kontakte wichtig sind. Weil ich es vor mir selbst rechtfertigen konnte, wieso es von Nutzen und Interesse ist, gerade mit dieser bestimmten Person einen Kaffee zu trinken. Weil sie beispielsweise viel von Politik verstand oder weil sie prägnante Sätze formulieren oder gut zuhören konnte. Das war alles sehr logisch.

Unlogisch war für mich nur der Fakt, dass ich das gar nicht wollte, dass meine Argumentation meine Lust nicht überzeugen konnte, dass sich mein Magen reflexartig und immer schmerzhafter zusammenzog.

Gefühle mögen unlogisch sein, trotzdem sind sie von Relevanz.

Wissenschaftler sagen, dass unsere Sinne pro Sekunde ungefähr 11 Millionen Bits (Basiseinheiten für Informationsmengen) wahrnehmen. Unser Bewusstsein kann jedoch bloss 50 Bits pro Sekunde registrieren. Den Rest davon speichert das Unbewusstsein ab. Es kann viel schneller Informationen verarbeiten als das Bewusstsein, ist agiler und entschlossener. In jeder Sekunde nimmt es erneut 11 Millionen Bits auf und gleicht sie mit dem Erfahrungsgedächtnis ab. Die Gefühle, die es ans Bewusstsein sendet, spüren wir schon nach 200 Millisekunden als Bauchgefühl.

Trotzdem führt es uns oft in die Irre. Die Zahnlücke einer neuen Arbeitskollegin erinnert uns vielleicht unbewusst an die gemeine Viertklasslehrerin, die uns immer vor der ganzen Schule schikaniert hat. Es will uns davon überzeugen, dass wir dieser neuen Mitarbeiterin nicht trauen dürfen. Als reflexartiger Selbstschutz etwa. Erst der Kopf vermag es, Vernunft in eine solche Situation zu bringen, indem er dem Bauch klar macht, dass die alte Frau Gautsch nichts mit der neuen Melanie zu tun hat.

Kurz gesagt: Unser Kopf sorgt sich um das Wohl der Zukunft, während unser Bauch sich um das Behagen im Jetzt kümmert.

Manchmal schliesst das eine das andere aus. «Durchbeissen, dann ist's vorbei!» oder «Das ist es dir doch nicht wert!» sind wohl Sätze, die sich jeder schon lautlos durch den Kopf geschrien hat. Sie bedingen aber, dass man seine Gefühle kennt, mit ihnen in Kontakt tritt, sie akzeptiert und einordnet.

Wie wir die beiden Körperteile versöhnen können

Ein halbwegs gemütliches Wohnzimmer. bild: shutterstock

Bis ich das begriff, steckte ich unlängst in einer Krise, die ich – ironischerweise – nicht verstand, weil Gefühle und so. Um meine zweite Seele, mein zweites Ich, mein Bauchgefühl, wieder kennenzulernen, fing ich dann an, Entscheidungen nach folgenden vier Grundregeln zu treffen:

Verstand aufklären

Da sich die meisten Menschen erst dann mit einem Entschluss wohlfühlen, wenn er belegt und gerechtfertigt werden kann, brauchen wir Argumente, Fakten und Sicherheit. Die gute alte Pro-Contra-Liste ist dabei wohl immer noch ein relativ ergiebiges Tool.

Gefühle kennenlernen

Beim Erstellen einer solchen Liste trägt man nicht nur Fakten zusammen, die einen rationalen Entscheid ermöglichen, sondern man lernt auch seine Gefühle kennen. Es erschliessen sich Gedanken wie: «Oh, also rational gesehen sollte ich das silberne Fahrrad kaufen, aber wenn ich das so definitiv höre, fühlt sich der Entscheid irgendwie falsch an.»

Verkopfen via Gespräch

Apropos hören: Viele Dinge, ob gedacht oder gefühlt, die man selbst nicht richtig einordnen kann, klären sich in einem Gespräch. Dabei geht es eigentlich gar nicht darum, dass eine angeregte Diskussion entsteht, sondern viel mehr um das Verbalisieren der eigenen Gedanken und Gefühle. Denn wenn du die Absicht hast, dich jemandem so zu erklären, dass dein Gegenüber versteht, worum es geht, wirst du es auch selbst verstehen. Zumindest ein bisschen besser.

Verdauungszeit der Gefühle

Und die letzte Zutat ist bekanntlich immer die teuerste. Zeit. Obwohl das Unbewusste extrem schnell arbeitetet, braucht es Zeit. Nicht um etwas zu entscheiden, sondern um sich auf eine potenzielle, neue Situation einzustellen. Der fade Ratschlag «Schlaf doch mal eine Nacht drüber» ist eben doch nicht so verkehrt. Denn in einer leistungs- und profitorientierten Welt ist der Hang zur Rationalisierung gross. Einer Entscheidung Zeit zu lassen, hilft zu erahnen, wie sich der Bauch dann fühlen wird, wenn wir sie endgültig treffen. Bei dieser Phase geht es darum, sich vom Zukunftsgedanken zu entfernen und zu spüren, was für einen Einfluss die Entscheidung aufs Jetzt haben wird.

Wer wird jetzt heiraten?

Mittlerweile kann ich diesen Vier-Punkte-Plan innert Sekunden durchführen. Manchmal brauche ich dazu Wochen und in wieder anderen Fällen scheitere ich komplett. Zum Beispiel dominiert bei der Frage, ob ich mal heiraten will, immer noch der Kopf – und somit der Ausruf «Das macht doch keinen Sinn!». Vielleicht liegt das aber auch daran, dass mein Bauch in dieser Sache meinem Kopf zustimmt.

Und vielleicht treibt uns unser Bauchgefühl einmal hierhin: 30 Städte, in denen jeder unter 30 leben will

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    Alle Leser-Kommentare
  • Nuka Cola 05.11.2017 18:30
    Highlight Highlight Ach, ixh bin mehr der Homo Faber Mensch, und zufrieden damit.
  • reamiado 03.11.2017 18:06
    Highlight Highlight Ich bin ähnlich wie du ein Kopfmensch und denke viel über Dinge nach. Doch ich sehe die Kehrseite davon nur begrenzt; vielleicht geht mein Kopfdenken auch nicht ganz so weit, z.B. freue ich mich wirklich Freunde zu treffen (auch wenn ich rational weiss dass es mir gut tut)
    Gibt es noch mehr Situationen, in denen der Kopf im Weg ist?
  • Zeit_Genosse 03.11.2017 11:32
    Highlight Highlight Entscheide werden grösstenteils sehr früh irrational getroffen und dann rational begründet.
    • MoonFox 03.11.2017 12:51
      Highlight Highlight Das wollte ich auch grad sagen! Und zwar auch von Kopfmenschen!

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