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Eine schrecklich brutale Familie auf dem Weg – na, wohin wohl?
Eine schrecklich brutale Familie auf dem Weg – na, wohin wohl? Bild: Sky Vision
Review

Gegen diese Serie ist «Game of Thrones» ein Kindergeburtstag

Dieser Review enthält keine inhaltlichen Spoiler, ist aber ab 18 Jahren. Wie «Gangs of London» – eine der grausigsten Serien, die ich (zu Ende) gesehen habe. Ob sich das auch für dich lohnt, erfährst du im Folgenden.
16.08.2020, 21:2418.08.2020, 09:16

Was haben «Gangs of London» und «GoT» gemeinsam?

«Game of Thrones» («GoT») spielt in alten Zeiten, in einer vom Schriftsteller George R. R. Martin erschaffenen Fantasiewelt. Derweil hat «Gangs of London» keinen literarischen Hintergrund, sondern basiert (ein bisschen) auf einem Videospiel, das Sony 2006 für die PlayStation hervorbrachte, und der Hauptschauplatz ist das London der Neuzeit.

Trotz der absolut unterschiedlichen Kulissen teilen sich die beiden Serien eine Reihe von Schlüsselthemen und haben verblüffende Ähnlichkeiten, so dass sich einige «GoT»-Fans fast wie zu Hause fühlen könnten:

  • Es handelt sich um epische Familien-Dramen, die mit dem Tod des Patriarchen richtig Fahrt aufnehmen. Im Zentrum stehen die kriegsführenden Clans, ihre wechselnden Bündnisse, Intrigen und der oftmals tödliche Verrat. Aber auch Liebe und Leidenschaft spielen eine Rolle.
  • Es sind bildgewaltige Inszenierungen.
  • Starke Frauenrollen sind zentral.
  • Es werden neue Massstäbe gesetzt in Sachen exzessiver Brutalität, Folter und Waffeneinsatz.
  • Die Kämpfe spielten sich ähnlich unterhaltsam und ausgefallen ab, mit einem ironischen Lächeln und hochgezogener Augenbraue, meinte ein britischer Kritiker.
  • Es ist angesichts der vielen Charaktere und Verstrickungen zu Beginn nicht einfach, den Überblick zu behalten.
  • Niemand ist (seiner Gesundheit) sicher, auch nicht die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller.
  • Zwei zentrale Figuren haben in beiden Produktionen mitgespielt: Michelle Fairley (Catelyn Stark in «GoT») und Lucian Msamati (Salladhor Saan in «GoT»).

Sie ist die Frau des Paten – und gnadenlos

Michelle Fairley spielte in «Game of Thrones» Lady Stark, nun ist sie Marian Wallace.
Michelle Fairley spielte in «Game of Thrones» Lady Stark, nun ist sie Marian Wallace.Bild: Sky Vision

Der Anführer der Gypsies, auch ein bekanntes Gesicht

Ob «Star Wars», «The Good Liar» oder «Chernobyl»: Mark Lewis Jones taucht in vielen Erfolgsproduktionen auf. In «Gangs of London» spielt er den Boss eines walisischen Clans von Fahrenden, der auf einem verschlammten Trailerpark haust. «Snatch» lässt grüssen.
Ob «Star Wars», «The Good Liar» oder «Chernobyl»: Mark Lewis Jones taucht in vielen Erfolgsproduktionen auf. In «Gangs of London» spielt er den Boss eines walisischen Clans von Fahrenden, der auf einem verschlammten Trailerpark haust. «Snatch» lässt grüssen.Bild: Sky Vision

Warum lohnt sich «Gangs of London»?

1. Allein schon wegen den knapp 55 Minuten von Folge 5 ...

Das ist der Auftakt zu einer der epischsten Schiessereien aller Zeiten. Die von Gareth Evans inszenierte fünfte Folge ist allein für sich sehenswert und könnte gerade so gut als eigenständiger Actionfilm durchgehen mit starken Anleihen bei «The Raid» (2011), wie moviepilot.de zu Recht konstatierte.
Das ist der Auftakt zu einer der epischsten Schiessereien aller Zeiten. Die von Gareth Evans inszenierte fünfte Folge ist allein für sich sehenswert und könnte gerade so gut als eigenständiger Actionfilm durchgehen mit starken Anleihen bei «The Raid» (2011), wie moviepilot.de zu Recht konstatierte.screenshot: sky

2. Wegen ihm hier

Sope Dirisu, Jahrgang 1991, ist ein britischer Schauspieler und im Norden Londons aufgewachsen. Seine Eltern, ein Historiker und eine Juristin, stammen ursprünglich aus Nigeria. In «Gangs of London» spielt er Elliot Finch, einen äusserst mutigen, aber auch empathischen Helden, der einem ans Herz wächst und meistens genau da auftaucht, wo es richtig zur Sache geht (und weh tut).
Sope Dirisu, Jahrgang 1991, ist ein britischer Schauspieler und im Norden Londons aufgewachsen. Seine Eltern, ein Historiker und eine Juristin, stammen ursprünglich aus Nigeria. In «Gangs of London» spielt er Elliot Finch, einen äusserst mutigen, aber auch empathischen Helden, der einem ans Herz wächst und meistens genau da auftaucht, wo es richtig zur Sache geht (und weh tut).Bild: Sky Vision

Ein typischer «Arbeitstag» von Elliot...

Die Körperhaltungen täuschen nicht. Die genial choreografierten Kampfszenen erscheinen wie aus Martial-Arts-Filmen. Nur um Welten brutaler.
Die Körperhaltungen täuschen nicht. Die genial choreografierten Kampfszenen erscheinen wie aus Martial-Arts-Filmen. Nur um Welten brutaler.Bild: Sky Vision

PS: Aber nicht wegen der Folterszenen.

Wer soll das nicht gucken?

Wichtig: Die Serie ist ab 18 Jahren!

Minderjährige dürfen sie nicht sehen. Und allen Zartbesaiteten ist dringend davon abzuraten. Auch hartgesottene Action-Fans könnten Mühe bekunden, sich bis zum Ende durchzukämpfen. Das Filmblut spritzt und sprudelt. Und die Kamera hält bei Folterszenen unbarmherzig lange drauf.

Bei den endlos erscheinenden Folterszenen haben es die «Gangs of London»-Macher übertrieben. Das geht bereits in der ersten Folge los – und wird im Folgenden nicht harmloser. Im Gegenteil! Deswegen von «Torture Porn» (Folter-Porno) zu sprechen, ist zwar cineastisch nicht zutreffend, man fühlt sich aber manchmal wie in einem bösen Horrorfilm.

Was möchtest du in einer TV-Serie NICHT sehen?

Ist es eine gute Geschichte?

Ja, absolut. Trotz der Folterszenen.

Hat es einen richtigen Bösewicht?

Einen? 😂

Eine der harmloseren Szenen der neuen Brutalo-Kult-Serie aus Grossbritannien. Richard Pepple spielt Mosi, einen gnadenlosen nigerianischen «Business Man».
Eine der harmloseren Szenen der neuen Brutalo-Kult-Serie aus Grossbritannien. Richard Pepple spielt Mosi, einen gnadenlosen nigerianischen «Business Man».screenshot: Sky

Er hier ist der Obermacker

Colm Meaney kennt man hoffentlich von «Layer Cake» (2004). In dem britischen Drogenthriller war er an der Seite von Daniel Craig zu sehen, dem späteren James Bond. Schon damals spielte der irische Charakterkopf einen Gangsterboss, den ein schlimmes Ende ereilt.
Colm Meaney kennt man hoffentlich von «Layer Cake» (2004). In dem britischen Drogenthriller war er an der Seite von Daniel Craig zu sehen, dem späteren James Bond. Schon damals spielte der irische Charakterkopf einen Gangsterboss, den ein schlimmes Ende ereilt. Bild: Sky Vision

Die Albaner mischen auch mit ...

Der britisch-albanische Schauspieler Orli Shuka spielt den Clan-Chef Luan Dushaj.
Der britisch-albanische Schauspieler Orli Shuka spielt den Clan-Chef Luan Dushaj.Bild: Sky Vision

Nicht zu reden von den Pakistani

Der Vater, Asif Raza Mir als Asif Afridi, ist ein skrupelloser Drogenhändler und Sadist, sein Sohn Nasir (Parth Thakerar) will Bürgermeister von London werden.
Der Vater, Asif Raza Mir als Asif Afridi, ist ein skrupelloser Drogenhändler und Sadist, sein Sohn Nasir (Parth Thakerar) will Bürgermeister von London werden. Bild: Sky Vision

Und dann sind da noch diese beiden «Jungspunde»...

Die zweite Gangster-Generation, natürlich fein gewandet: Den Briten Joe Cole als Sean Wallace (rechts) kennen viele aus der Erfolgsserie «Peaky Blinders». Neben ihm steht der Emporkömmling Alexander Dumani, gespielt vom 30-jährigen britischen Schauspieler Paapa Essiedu.
Die zweite Gangster-Generation, natürlich fein gewandet: Den Briten Joe Cole als Sean Wallace (rechts) kennen viele aus der Erfolgsserie «Peaky Blinders». Neben ihm steht der Emporkömmling Alexander Dumani, gespielt vom 30-jährigen britischen Schauspieler Paapa Essiedu.Bild: Sky Vision

«Gangs of London» handelt zwar von toxischer Männlichkeit, doch die weiblichen Clan-Chefs stehen ihnen in nichts nach

Die Iranerin Narges Rashidi spielt die Kurdin Lale, die eigene Ziele verfolgt.
Die Iranerin Narges Rashidi spielt die Kurdin Lale, die eigene Ziele verfolgt.Bild: Sky Vision

Humor?

Für meinen Geschmack viel zu wenig.

Die Akteure gehen nicht nur zum Foltern in den Keller, sondern auch zum Lachen. Abgesehen vom eigentlichen Helden, der auch hier unglaublich hervorsticht, aber mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. 😉

Der mangelnde Humor ist (abgesehen von den Folterszenen) das grosse Manko dieser eigentlich grossartigen Serie. Diesbezüglich kann der walisische Regisseur und Serienvater Gareth Evans noch viel von Quentin Tarantino lernen.

Der Soundtrack

Eine aussergewöhnliche und zur düsteren Stimmung der Serie passende Mischung aus Blues- und Rock-Oldies, klassischer Musik und europäischem Rap und Hip-Hop.

Eine kleine Auswahl:

  • «Born A King» (2018) ist ein Stück des britischen Rap-Duos 5ive 9ine, das perfekt zur Geschichte passt.
  • The Platters steuern «Only You» bei, ein Doo-Wop-Song von 1954. Wer das Stück mag, sollte eventuell auf «Gangs of London» verzichten. Es ist die grausige Hintergrundmelodie zu einer besonders schlimmen Folterszene.
  • «Suzie Q» von Creedence Clearwater Revival, ein Hit der kalifornischen Rockband aus den wilden 1968ern.
  • «Spirit Slips Away», ein Classic-Rock-Stück aus den 1970ern, von der irischen Band Thin Lizzy.
  • Die Chopin-Komposition Nocturne No. 17 In B, Op. 62 No. 1, interpretiert von der Pianistin Maria João Pires (2018).
  • «Ghetto 2» (2019), ein hörenswerter Titel des kosovo-albanischen Sängers, Rappers und Songwriters Mozzik, der nebenbei der Ex-Mann der hierzulande ziemlich bekannten und umstrittenen Rapperin Loredana ist.

Alle Songs, die in den neun Folgen der 1. Staffel (ausschnittsweise) zu hören sind, findet man hier bei what-song.com, mit Links zu YouTube, Spotify, Apple Music und Amazon.

Der (sehenswerte) Trailer

Zur Sprache

«Gangs of London» ist ein Multikulti-Drama. Die kriminellen Londoner Clans haben ihre Wurzeln in Irland, Albanien, Wales, Nigeria, Kurdistan und Pakistan. Für das «Sky Original» wurden extra Darstellerinnen und Darsteller ausgesucht, die aus den besagten Regionen oder Ländern stammen und die jeweiligen Sprachen beherrschen. In der gut gemachten deutschen Synchronfassung ist von den verschiedenen Englisch-Akzenten und den Originalsprachen nichts zu hören. Wer stattdessen die mehrsprachige Originalfassung bevorzugt, müsse ohne englische Untertitel auskommen: Dies sei bei Sky-Original-Produktionen leider üblich, monieren Kritiker.

Korrektur: Auf Sky Show gebe es englische Untertitel, betont Sky Switzerland. Man bemühe sich, immer die englischen oder zumindest deutschen Untertitel anzubieten.

Nicht verwechseln!

Die von Sky Atlantic finanzierte Serienproduktion «Gangs of London» (2020) hat nichts mit dem 2019 veröffentlichten Film «Blue Story – Gangs of London» zu tun.

Noch etwas?

Hatte ich erwähnt, dass es Folterszenen gibt?

Was andere zu «Gangs of London» meinen

«Ein Muss für abgebrühte Actionfans, eine Herausforderung für zarte Gemüter. Wenn ‹Gangs of London› Konsensunterhaltung zum Entspannen ist, dann steht der (Serien-)Mainstream lichterloh in Flammen.»
Christian Fuchs, ORFquelle: fm4.orf.at
«Alle Viertelstunde gibts einen Kugelhagel und knietiefe Blutlachen. Die Folterkeller werden immer voller. Man möchte nach jeder Folge den Tatortreiniger rufen fürs eigene Wohnzimmer. (...)

Keiner kann Prügel- und Ballerorgien gegenwärtig besser und gnadenloser choreografieren als der walisische Martial-Arts-Fan Gareth Evans, der sich ‹Gangs of London› ausgedacht hat.»
Elmar Krekeler, «Welt»quelle: welt.de
«Bestialität ist in der britischen Sky-Serie ‹Gangs of London› zwar allgegenwärtig, aber keineswegs einziges ästhetisches Programm. Im Grunde ist ‹Gangs of London› zuallererst charaktergetriebenes Drama – und in den Hauptrollen grossartig gespielt.»
Heike Hupertz, FAZquelle: faz.net

Die Daten für Serien-Junkies

  • Anzahl Folgen: 9
  • Dauer der Folgen: 53 bis 93 Minuten
  • Staffeln: Bisher 1
  • Genre: Action, Crime, Drama, Gangster
  • Verfügbarkeit: Alle Folgen bei Sky Show. Die Pay-TV-Erstausstrahlung erfolgte am 23. Juli 2020.

Gibts eine Fortsetzung?

Ja. Die zweite Staffel von «Gangs of London» ist bereits in Auftrag gegeben. Die Dreharbeiten sollen laut sky.de nächstes Jahr beginnen und die Ausstrahlung 2022 folgen.

Und jetzt du!

Was ist deine liebste Action-Drama-Serie? Wirst du dir «Gangs of London» mit wohligem Gruseln antun, oder schrecken dich ausufernde Gewaltdarstellungen ab?

Quellen

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