Leben
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Review

Lügenlernen mit Claas Relotius – das sensationelle Buch zum Medienskandal

Der Reporter Juan Moreno beschreibt, wie es ihm gelang, den Reporter Claas Relotius als Hochstapler zu entlarven. Ein Trip durch das irre System eines erfindungsreichen Perfektionisten.



Machen wir uns nichts vor: Journalistinnen und Journalisten sind Bluthunde. Vampire. Parasiten. Unser Job sind die Geschichten der anderen. Wir graben sie aus, holen sie ans Licht, beleuchten sie mal sanfter mal greller, mal fairer, mal drastischer. Und vor allem anderen sind wir Junkies: Süchtig nach dem Kick des Klicks, nach Anerkennung, egal ob in Form von Liebe oder Hass.

Die grössten Junkies finden sich zuverlässig im Bereich der Reportage. Dort, wo das sogenannte «Storytelling», das Geschichtenerzählen, in die reine Realität der Informationen eingreift. Wo riesige, in ihrer Komplexität nur schwer fassbare Themen zu Menschen, ihren Meinungen und Erfahrungen verdichtet werden. Wo die Leserinnen und Leser erlöst werden. Weil sich zeigt: Gut und Böse sind genau so Gut und Böse, wie ich mir das vorstelle, und für alles, was geschieht, gibt es einen guten Grund.

Der Mensch lechzt nicht nach Erkenntnis. Er lechzt nach Bestätigung.

Es sind Erlösungsszenarien, wie sie in den preisgekrönten Reportagen von Claas Relotius – im «Spiegel», aber auch in der «Weltwoche» oder im «Reportagen»-Magazin – dutzendfach zu lesen waren. So beschreibt es der Reporter Juan Moreno in seinem Buch «Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus».

epa07860640 German journalist Juan Moreno reads from his book 'Tausend Zeilen Luege' (lit. Thousand Lines Lie) during the recording of a TV program in Berlin, Germany, 22 September 2019. German weekly magazine 'Der Spiegel' announced on 19 December 2018 that their writer Claas Relotius faked a number of stories in the past years. This was uncovered by his colleague Juan Moreno after he worked together with Relotius on the story 'Jaegers Grenze'. In his book Moreno explains the circumstances of the uncovering of Relotius.  EPA/ALEXANDER BECHER

Juan Moreno. Bild: EPA

Juan Moreno war der Mann, der Relotius im vergangenen Winter enttarnte. Weil er ihm weder traute noch vertraute. Weil er nach einer gemeinsamen Reportage über Flüchtlinge und ihre Jäger an der mexikanisch-amerikanischen Grenze («Jaegers Grenze») skeptisch wurde und nachforschte.

Und siehe da: Relotius hatte die Miliz-Grenzpatrouille, mit der er angeblich tagelang auf Pirsch war, gar nie besucht. Er hatte mehrere der Männer erfunden. Er hatte ein einziges Mal mit der Frau des Anführers gemailt und nutzte diese Mail später, um weitere zu fälschen. Menschenjagdszenen, wie er sie eindringlich schilderte, gab es nicht. Er brauchte falsche Fotos und fakte den Facebook-Account eines «Informanten». Markige Zitate stammten aus den Interviews, die andere schon früher geführt hatten.

Einer der Porträtierten war zum Rassisten geworden, weil seine mexikanischen Hausangestellten seine junge Tochter mit Drogen versorgt hatten. Der Mann existierte zwar, eine Tochter hatte er keine.

Aber: Relotius hatte geliefert, was seine Vorgesetzten beim «Spiegel» bestellt hatten. Satte Schicksalsgeschichten. Monokausale Erklärungen. Moreno, der seinerseits eine Flüchtlingskarawane begleitet hatte, nicht. Der hatte geschrieben, was wahr war. Und natürlich reichte die Banalität des Realen nicht an das grenzwertige Grenztheater von Relotius heran. Relotius massregelte Moreno für seine schlechte Arbeit.

Claas Relotius

Claas Relotius. Bild: wikipedia/ Von Krd

Moreno informierte seine Vorgesetzten. Die ihm erst einmal klar machten, dass nicht Relotius' Job, sondern seiner auf dem Spiel stände. Denn der erst 32-jährige Relotius, Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin, war der Goldjunge, wurde gerade mit dem nächsten grossen Journalistenpreis behängt und stand vor einer Beförderung zum «Spiegel»-Ressortleiter. Der 46-jährige Moreno, Sohn andalusischer Fabrikarbeiter und selbst vierfacher Vater, war bloss ein freier Mitarbeiter.

Schon früher hatte man Relotius eine Beförderung angeboten, er hatte abgelehnt, er müsse sich um seine krebskranke Schwester kümmern, sagte er. Die Schwester gab es nicht.

Doch welcher Vorgesetzte fragt da schon nach? Wer ist so hartherzig, dies nicht zu glauben? Und war Claas Relotius nicht der netteste Mitarbeiter überhaupt? Freundlich, mitfühlend? In der berühmten Fact-Checking-Abteilung des «Spiegels» erkundigte er sich allerliebst nach Angehörigen. Fragte schon während seiner Recherchen um Rat. Keiner kam dort jemals auf die Idee, seinen Texten zu misstrauen.

Claas galt als guter Mensch und Journalist, in seiner Gegenwart legten sich die härtesten Hunde schlafen. Weil sie ihm blind vertrauten. Vorgesetzte, Fact-Checker, Preisjurys, Leser.

The Talented Mr. Relotius aber war ein schillernder Hochstapler mit System.

Bild

Die Titelseite, auf der sich der «Spiegel» kurz vor Weihnachten 2018 über sich selbst schämte. bild: wikipedia

Schon auf der Journalistenschule hatte er Heldentaten erfunden. Später erfand er Menschen und ihre Schicksale bis ins kleinste Detail, inklusive Kinderliedern und ganzen Gesetzen, die ausserhalb seiner Texte noch nie existiert hatten. Und er erfand auch gleich noch die Entstehungsgeschichten seiner Märchen mit dazu. Wer einen Verdacht an ihn herantrug, erhielt umgehend ganze Materialsammlungen zur Antwort. Gefälschte, selbstverständlich. Aber schliesslich, so folgert Moreno einmal lakonisch, hatte er für sowas im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Reporter auch Zeit.

Juan Moreno hat Claas Relotius nun also 300 Seiten gewidmet. Auch das zeugt von einer enormen Besessenheit. Mit all den Auftritten, die Moreno deswegen schon gehabt hat und noch haben wird, geht seine Existenz jetzt ganz in der Affäre Relotius auf.

Es hätten 300 Seiten Hass werden können. Es sind aber 300 Seiten Annäherung an einen Kranken. Verständnis, etwas Bewunderung, gelegentlich schon fast Symbiose. Denn die beiden sind bloss die zwei entgegengesetzten Seiten des gleichen Systems.

Zwischen ihnen stehen nichts als die Büro- und Konferenztische einer mächtigen Redaktion, an denen entschieden wird, welche Emotionen, Tonalitäten, Spannungskurven und Skandale im irren Reich der Aufmerksamkeitsökonomie gerade nötig sind. Die einen geben alles, um diese Nachfrage zu befriedigen, die anderen noch mehr. Klar, das Letztere als Retter der Zukunft einer Branche gefeiert werden.

Bild

Das Buch gibts in der Buchhandlung oder via amazon.de, cede.ch, books.ch etc. für ca. 26 Fr.

Das Grauen, das in den Köpfen dieser Entscheidungsträger heraufdämmerte, als sie sich endlich eingestehen mussten, dass Relotius viele seiner Reportagen in grossen Teilen erfunden hatte, muss infernalisch gewesen sein. Die Wochen, die Moreno, seine Frau und eine Hand voll verschwiegener Freunde auf eigene Kosten in die Aufdeckung investierten, waren es ebenfalls.

Das Buch ist – seinem Sujet geschuldet – natürlich eine Sensation. Und mit ziemlicher Sicherheit das Beste von Relotius und Moreno. Gewissermassen der zweite Versuch einer gemeinsamen Story. Jetzt unter umgekehrten Vorzeichen. Sie könnte auch «Relotius' Grenzen» heissen.

Wurden diese Fotos gefälscht?

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    Alle Leser-Kommentare
  • Rainbow Pony 10.10.2019 12:52
    Highlight Highlight Der Mann hat offenbar Talent. Nur hat er es, wie viele andere vergleichbare Schicksale zeigen, falsch und dumm angewendet. Er hat offensichtlich Fantasie, kann schreiben, ist begabt und intelligent - da kann man doch bestens auch ohne Hochstapelei durchs Leben gehen und erfolgreich sein. Bei solchen Geschichten frage ich mich echt, wieso?!
  • wintergrün 10.10.2019 07:14
    Highlight Highlight Mitarbeiter wie Relotius wird es immer geben.
    Frage ist ob die interne Fact Checking Abteilung des Spiegels besser zu werden gedenkt oder ob man diese Recherchen weiterhin freien Mitarbeitern auf eigene Kosten überlassen will.
    • Rabbi Jussuf 10.10.2019 11:56
      Highlight Highlight Leider sieht es auch nach Relotius nicht gut aus mit den Fakten und deren Handhabung. Haltung geht vor. Da können Fakten manchmal sehr hinderlich sein und werden darum verfälscht, oder einfach unter den Tisch gewischt. Es ist aber nicht nur der Spiegel. Bei anderen grassiert diese Seuche auch mehr oder weniger stark.
  • Wanni 10.10.2019 06:58
    Highlight Highlight Es ist immer wieder erschreckend, wieviele grundlegende Fehler man in den Medien erkennt (leider auch bei Watson), wenn man einen Beitrag liest oder sieht aus „seinem“ Fachgebiet (Beruf,Hobby).
    Ich möchte gar nicht wissen, welchen Falschinformationen ich schon aufgesessen bin...
  • Statler 10.10.2019 00:41
    Highlight Highlight /2 - War das jetzt eine Lüge? Nein, aber man hat dem Ganzen etwas mehr Dramatik verliehen, einfach, indem man den Bildausschnitt etwas angepasst hat (notabene auch bei der SRG).

    Mein Vertrauen in die Medien ist seitdem eher im niedrigeren Bereich angesiedelt.

    (Nicht das einzige Beispiel, übrigens - ich hab' die Medien schon des Öfteren bei solchen «Enhancements» ertappt).

    • natalie74 10.10.2019 10:49
      Highlight Highlight Sobald man in eine Geschichte involviert ist, die in den Medien thematisiert wird, steht man da und denkt sich «so war's aber doch gar nicht!» – und wann das mir so geht, wird wohl bei den meisten Medienberichten dramatisiert (wenn nicht sogar masslos übertrieben und erfunden).
  • Statler 10.10.2019 00:36
    Highlight Highlight Ich bin fast versucht, «Lügenpresse» zu flüstern.

    Das kommt davon, wenn Klicks und Auflagen zum Wichtigsten werden und das Eigentliche – nämlich Aufklärung und Aufdeckung – zweitrangig wird.

    Ich mag mich erinnern, wie damals im TV gezeigt wurde, wie sie Saddams Statue in Bagdad «gestürzt» haben. In jedem Beitrag sah das so aus, als wäre ganz Bagdad dabei gewesen.
    Zufälligerweise bin ich im Netz über den Satelliten-Feed von diesem Ereignis gestolpert, der den ganzen Platz zeigte und nicht nur den Ausschnitt, den man im TV gesehen hat. Wenn da 100 Leute waren, waren's viel. /1
  • länzu 09.10.2019 23:12
    Highlight Highlight Es liest sich wie ein Krimi. Ich habe es in einem Ruck gelesen. Schon verrückt, wie der Autor gegen all die vorgefassten Meinungen ankämpfen musste und noch die eindeutigsten Beweise nicht akzeptiert wurden.
  • fools garden 09.10.2019 20:39
    Highlight Highlight Wenn es dem Menschen krankhaft wichtig wird geliebt oder beachtet zu werden, baut er sich eine Scheinwelt, welche dann einbricht wenn er es zu Weit treibt.
    • Statler 10.10.2019 00:44
      Highlight Highlight Das Problem hier ist aber nicht Relotius, sondern der Spiegel, der seine Geschichten ohne Fact-Checking abgedruckt hat.
      Relotious hat gelogen - aber der Spiel hat seine Lügen noch so gern verbreitet, weil sie nur die Auflage im Kopf hatten. DAS ist der eigentliche Skandal.
    • Tahmoh 10.10.2019 07:37
      Highlight Highlight Jaein ich würde Ihnen gerne das Interviews des Autors bei Markus Lanz empfehlen. Da erklärt er wie Claas Relotius auch diese Stellen überlisten konnte. Die Spiegel Wtage hätte früher reagieren sollen da gebe ich Ihnen recht. Jedoch war er in Sachen vertuschen halt sehr gut. Der Gute Relotius er lügt sich seine Welt auch nach dem Skandal zusammen. Er gibt zum Beispiel an das er sich jetzt helfen lassen will und in einer Klinik ist in Tat und Wahrheit wird er von Ex Kollegen am gleichen Tag in Hamburg gesichtet.
    • fools garden 10.10.2019 07:39
      Highlight Highlight Statler, da ich immer auf der Jagd nach ❤ bin, hab ich meinen Post veralgemeinert😉und nur indirekt auf den Fall Bezug genommen
    Weitere Antworten anzeigen
  • rundumeli 09.10.2019 20:25
    Highlight Highlight merci, macht lust aufs buch !

    ps: hat da jemand vergessen zu erwähnen, dass juan moreno fesch aussieht ? ;-)
  • dommen 09.10.2019 20:01
    Highlight Highlight @Simone Meier: Warum gerade der Spiegel? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass das kein Zufall ist, dass es gerade den Spiegel getroffen hat...
    • gi_ann 10.10.2019 00:19
      Highlight Highlight Wie meinst du das?
    • Lioness 10.10.2019 00:19
      Highlight Highlight Ja, war da nicht mal.was mit Hitlers Tagebüchern.... immer noch nicht dazugelernt.
    • länzu 10.10.2019 04:36
      Highlight Highlight Das war beim STERN.
    Weitere Antworten anzeigen
  • jjjj 09.10.2019 19:30
    Highlight Highlight „ Das Grauen, das in den Köpfen dieser Entscheidungsträger heraufdämmerte, als sie sich endlich eingestehen mussten, dass Relotius viele seiner Reportagen in grossen Teilen erfunden hatte, muss infernalisch gewesen sein. “

    Etwas melodramatisch...
    • Statler 10.10.2019 00:28
      Highlight Highlight Naja, wenn man bedenkt, dass der Spiegel einst dem Fälscher der Hitlertagebücher aufgesessen ist, dürfte das Grauen tatsächlich ziemlich infernalisch gewesen sein.
      Eigentlich darf sowas einer Zeitung nicht passieren. Wenn's aber sogar zweimal passiert…
    • länzu 10.10.2019 04:38
      Highlight Highlight Es war der STERN.
    • Statler 10.10.2019 07:57
      Highlight Highlight Oooooops!
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