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Review

Wie einfach wird ein Mensch zum Mörder? Netflix liefert mit «The Push» die Antwort

bild: netflix
Das einstündige Psycho-Experiment «The Push» fragt nach dem Bösen im Mensch – und findet es in den Produzenten des Formats. 
28.02.2018, 14:2628.02.2018, 15:32

Hoffen wir mal, dass keine Verschwörungstheoretiker «The Push» schauen werden. Das einstündige Netflix-Spektakel will uns nämlich lehren, dass die selbstverständlichsten Interaktionen unseren Verstand manipulieren können. So weit, dass wir bereit sind, zu morden.

Aber beginnen wir von vorne. Beim allmächtigen Vater dieser Sendung …

… Derren Brown sagt von sich selbst, er sei ein Magier – ein TV-Magier. Doch Karten-Tricks und fliegende Blumensträusse gehören nicht ins Trick-Repertoire des 43-jährigen Briten. Brown betreibt sowas wie philosophische Magie, arbeitet mit Psychotricks und Suggestion. Das interessiere die Leute heutzutage, erklärt er in den ersten 56 Sekunden seiner Sendung: «Ich stelle die uralte Frage danach, was es denn bedeutet, ein Mensch zu sein.»

Sein Erklärungsversuch auf jene Megafrage ist ein einstündiger Zusammenschnitt, wie er mit der Hilfe von 80 Schauspielern vier Menschen zu einem Mord verleiten will.

«I mix Magic, Suggestion, Psychology, Misdirection and Showmanship.»
Darren Brown in seinem Buch «Tricks of the Mind». 
Derren Brown im Jahr 2007, als er sein Buch «Tricks of the Mind» veröffentlichte.
Derren Brown im Jahr 2007, als er sein Buch «Tricks of the Mind» veröffentlichte.bild via wchanel

Wirklich sterben tut bei «The Push» niemand. Die wahren Opfer sind die vier unwissenden Auserwählten, die einen «Job» bei einer renommierten Jugendorganisation erhalten haben. Der Name des Vereins: «Push». Der Slogan: «Um jeden Preis.»

Man sieht: Manipulation findet hier auf allen Ebenen statt.

Die unterste all dieser Ebenen bildet ein Tablett voller Würstchen im Teig. Chris, der die meiste Präsenzzeit aller vier Kandidaten erhält, wird zu einer Benefiz-Gala von «Push» eingeladen. Seine IT-Firma darf für «Push» angeblich einen grossen Auftrag ausführen und deshalb soll er an diesem Event ein bisschen mit den reichen Leuten networken. Bevor die Reichen aber eintrudeln, plaudert Chris mit dem «Push»-Leiter Thomas. Solange, bis das erste Problem von noch ganz vielen auftaucht.

Die vegetarischen Wurstbrote wurden nicht geliefert. Geschäftsführer Thomas meint, das sei doch nicht so schlimm, packt Chris, das Opfer, väterlich an der Schulter und fordert ihn auf, die Hälfte der Häppchen mit einem grünen V-Fähnchen zu markieren. Voilà: da haben wir schon den ersten Moralverstoss.

Alle Würstchen sind aus Fleisch. Chris weiss das und trotzdem fügt er sich der Aufforderung, sie als vegetarisch zu kennzeichnen.
Alle Würstchen sind aus Fleisch. Chris weiss das und trotzdem fügt er sich der Aufforderung, sie als vegetarisch zu kennzeichnen.bild: netflix

Ein bisschen Gott spielen

Für alle die, die nicht gecheckt haben, dass dies Chris' erster Schritt ins Verderben war, meldet sich der TV-Magier Brown immer wieder mal aus seiner Kontrollzentrale und erklärt mit einem Headset auf dem Kopf Dinge wie: «Was hier gerade passiert, ist eine ‹Fuss in der Tür›-Situation.»

Durch Brown erfährt das Publikum, wie die menschliche Psyche angeblich tickt. Die Würstchen-Posse kommentiert er so:

«Machst du jemandem ein kleinen Gefallen, steckst du mit ihm unter einer Decke und tust ihm später immer grössere Gefallen. Das wird noch ganz wichtig.»
Derren Brown in «The Push»

Die «Gefallen» werden tatsächlich immer grösser. Auch absurder, dramatischer, ja manchmal fast komödiantisch(er). «The Push» wirkt zeitweise wie eine äusserst komplexe Folge von «Verstehen sie Spass?»; und im nächsten Moment, wie eine sehr schwache Episode von «Black Mirror». Aber Darren Browns Show ist weder eine Serie, noch ist sie Fiktion. «The Push» sei Reality-TV, konstatiert der Magier an mehreren Stellen. Zu Recht! In der Tat kriegen wir als Zuschauer die volle Ladung dieses Genres.

Fremdscham für Chris, wenn er sich als reicher Auktionär ausgibt und vor Hunderten eine stottrige Rede hält, Ekel als die Kandidaten eine mutmassliche Leiche verprügeln und Betroffenheit bis zur letzten Minute, begleitet von der urklassischen Reality-Frage:

«Sind die wirklich so blöd oder würde ich das auch
machen/sagen/glauben?»
Die befriedigende Leitfrage des Reality-TVs

«Glauben» ist ein super Stichwort. Denn was Derren Brown in «The Push» macht, ist wie ein bisschen Gott spielen. Er kreiert ein kleines Universum, in dem jede einzelne Person – bis auf eine, versteht sich – seine Stimme im Ohr hat. Mit 50 Augen in Form von versteckten HD-Kameras bestückt er sich. Aber Brown erfindet die Welt nicht gänzlich neu. Er bedient sich an machtvollen gesellschaftlichen Narrativen. Zum Beispiel der Norm der Wohltätigkeit. Dass seine Mord-Show an einer Benefiz-Gala spielt, hilft ihm, seine Kandidaten noch perfider zu manipulieren. Im Sinne von: Es ist ja für die Kinder. Für eine gute Sache.

Findet er das geil? Wissen wir nicht. Sagen tut er es auf jeden Fall nicht, er grinst bloss ab und zu in seiner Kontrollzentrale. Wenn etwa was besonders gut funktioniert, zum Beispiel wenn einer der Kandidaten dreiste Lügen erzählt uns sich selbst immer weiter in Browns Netz der Vereinnahmung webt.

Derren Brown freut sich, wenn seine «Opfer» gegen die Moral verstossen. So werden sie immer gefügiger; bis zum Auftragsmord – vielleicht.
Derren Brown freut sich, wenn seine «Opfer» gegen die Moral verstossen. So werden sie immer gefügiger; bis zum Auftragsmord – vielleicht.bild: netflix

Ganz am Schluss der Sendung ist der TV-Magier aber wieder ernst, so wie am Anfang. Er guckt frontal in die Kamera und appelliert an den Zuschauer, sodass jedem Verschwörungstheoretiker das Herz aufgeht:

«Wenn wir verstehen, wie wir manipuliert werden, dann können wir stärker werden – wir können ‹NEIN› sagen.»

Ob Darren Brown damit die grosse Frage vom Anfang, was es denn bedeute, ein Mensch zu sein, beantwortet? Aller höchstens bedingt. Ob wir nach «The Push» wissen, zu welch ekligen Dingen der Mensch fähig ist? Sicher. Aber wissen wir das nicht schon lange?

Über die Produktion von «The Push»
«The Push» lief 2016 mit vier Episoden auf dem britischen «Channel 4». Netflix hat die vier Folgen zu einem einstündigen Film zusammengefasst, der ab jetzt beim Streaming-Dienst zu sehen ist.

Ob jemand einen Mord begeht oder nicht, verraten wir dir natürlich nicht. Aber hier siehst du den Trailer zur Sendung:

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